Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 11 (6.3.1936)
- Date
- 1936-03-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden Erscheint jeden Freitag MiiMliliyiUUllüllH Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 6. März 1936 Nummer 11 Purim. Die Art, wie wir zu Purim Hamans gedenken, verträgt sich auf den ersten Blick schlecht mit den Weisungen des Judentums über das Verhalten dem Feinde gegenüber. „Das Tier des Feindes sollst du ihm zurückbringen! Siehst Du es auf dem Wege unter seiner Last zusammenbrechen, so sollst Du ihm helfen!" Freilich will das nicht viel besagen, wenn man daran denkt, wie eifrig sich jetzt Tierschutzvereine der armen unschuldigen Kreaturen annehmen, während sie arme unschuldige Menschenleben zu Tausenden liinwürgen sehen, ja aus Judenhaß sogar den Tierschutz zum Vorwande nehmen, um den Juden den FPeischgenuß zu versperren. Schwerer schon wiegt die Weisung: „Wenn Dein Feind hungert oder dürstet, so lasse ihm Nahrung zukommen!" d. h. wohlgemerkt: „Lasse sie ihm zukommen", d. h. ohne daß er erfährt, woher die Wohltat kommt. Und was das jüdische Kriegsgesetz vorschreibt und wie altjüdische Praxis dem kampfunfähigen Gegner gegenüber sich zeigte, das hat dem geistigen Vater des Roten Kreuzes nach seinem eigenen Geständnis die erste Anregung zu seinem Lebenswerk gegeben. Und alles, ohne daß sich das Judentum je gerühmt hätte, die „Feündesliebe" proklamiert zu haben. Es war eben nur etwas Selbstverständliches für Menschen, die es ernst nehmen mit der Humanität. Humanität mit Ausnahmen, Einschränkungen, Vorhalten, Bedingungen ist keine Humanität. Humanität darf keine persönliche Grenze kennen^ weder an einem Bekenntnis, an einer Rasse oder Nationalität oder einer Partei, noch eine zeitweilige Selbstausschaltung wie etwa im Kriegszustande. Der Krieg an sich ist etwas Inhumanes, ein Rückfall in Barbarei, in Kannibalismus und als solcher der Erzfeind aller Humanität. Ist er somit schon nicht zu vermeiden, solange es inhumane Menschen gibt, so hat die Humanität im Kampfe um ihre Selbsterhaltung die Pflicht und das Recht, den Gegner mit seinen eigenen Waffen zu schlagen und gegen den bewaffneten Feind alle Mittel der Notwehr anzuwenden. Aber dem Unbewaffneten oder Entwaffneten gegenüber, der nicht Feind, sondern einfach Mensch ist, gelten die Gesetze der Humanität, man nennt das Ritterlichkeit oder Gentlemanlike. die Feinde Israels nannten es „israelitisch". Umso tragischer ist der Umstand, daß gerade den Nachkommen) dieses Israel und ihnen allein von der ganzen übrigen Welt derlei Recht auf humane Behandlung abgesprochen wird. Von den einen im Fanfarenton, von anderen im Cafe- oder Bierbankgeschwätz, von den drittem, den meisten, mit erlsigem Schweigen, mit entmutigendem Blick, mit steifer Zurückhaltung, wo Einspruch und Einschreiten geboten wäre von der Humanität. Nicht nach Juden oder Nichtjuden fragt die Humanität. ^iHiiuiniMMiimniimiiuiuniiiiiiiiiw 4* VERWALTUNGEN ^C^SÄTZE - HYPOTHEKEN ^tr» KÄUFE - VERKÄUFE ^fr, V Dipl.-Kauf«. r RB SZILAGYI BEH.ABT. SEISAL IX., ROTENLÖWENG. 3 TEL. A 10-5-69 Sie kennt nur Menschen. Sie steht darum auf schlechtem Fuße mit der Politik. Man wird mißtrauisch, wenn Politiker von Humanität sprechen. Es gehört nicht besondere Hellhörigkeit dazu, diese verzuckerten Pillen auf ihren Kern zu prüfen. Ehrlich bekennen die einen: „Right or wrong, my country", und wenn sie unter diesem „country" auch den Erdball verstehen, der nach ihrer Auffassung ihnen allein gebührt. Andere vindizieren sich die herrschende, allein herrschbefugte „Rasse". Für jeden menschlich fühlenden und handelnden Menschen fordert die Humanität volle Anerkennung seiner Menschenrechte. Keine Konfession hat Anspruch auf die Bezeichnung „Religion", die nicht in diesem einzig wahren Sinne eine Religion der Humanität ist. Wir Juden sind durch unser hartes Schicksal so welraig an humane Behandlung gewöhnt, daß schon der bloße Klang eines nichtgehässigen oder gar „toleranten" Wortes von hoher Stelle uns optimistisch stimmt. Und schon eine Gesite der Judenfreundlichkeit läßt uns Taten der Humanität erhoffen. Bitter Ist dann freilich die Enttäuschung, wenn man erkennt, daß „die Stimme Jakobs" nur auf Seelenfang unter den Söhnen Jakobs gerichtet, die freundliche Geste nur ein politischer Schachzug war. Die Humanität ist eine Pflanze, die nur alle hundert Jahre einmal blüht. Vielleicht ist auch diese Zeitspanne zu eng gefaßt. Und die Reaktion die sie ablöst, ist dann umso grausamer und umso wütender beflissen, jede ihrer Spuren, ja jede Regung der Humanität selbst im Kindesherzen auszurotten. Daß trotz affl dem der Glaube an die Humanität und die Hoffnung auf ihren Endsieg einen Pfeiler unseresjüdischen Glaubens bildet, Rasiere Didi gut und billig Oesterrelcliisclics QualKöts f üDrik<rt Ueberau erhältlich ist bewundernswert und eines der Zeichen seines göttlichen Ursprungs. Inhumanität ist aber ebensowenig eine Anklage, die wir gegen die nichtjüdische Welt in Bausch und Bogen erheben, als wir etwa Humanität, wenn auch ein Grmnidgebot der jüdischen Lehre, als ausschließliche und totale Eigenschaft des jüdischen Stammes, wie er sich in der Diaspora gestaltet hat, für uns in Anspruch nehmen. Der Kampf gegen die Inhumanität, gleich viel wo sie herrscht, ist aber für uns Juden ein Gebot der Selbsterhaltung. Denn unser geschichtliches Dasein beruht einzig und allein auf der Magna Charta der Humanität. Daraus allein erklärt sich die Haltung des Judentums gegen Haman. Haman ist der Nachkomme Amaleks. Der Sieg der Humanität über die Humanitär, von der ein Keim in den bösen Instinkten eines jeden Menschen steckt, ist die Lösung des wichtigsten und schwierigsten Menschheitsproblems. das aus Bestien Menschen machen will, sie wird der Triumph jüdischen Geistes über das Andenken Amaleks.. —d. Aufruf an die österreichischen Juden! Ein schon langgehegter Wunsch geht in Erfüllung: Am 15. März wird das neue Klubheim der „Union" im Jahre des Jubiläums des 50jährigen Bestandes derselben in ieierlicher Weise eröffnet und seiner Benützung Ubergeben werden. Die vornehm ausgestatteten und zweckentsprechenden Räume des neuen Heimes beiinden sicli im Goldschmidf-Sfiftungshause I., Schottenring 25, also in einer zentralen, für unsere Mitglieder und Freunde in allen Bezirken Wiens bequem erreichbaren Lage. Eine besondere Feststiege führt in die im ersten Stock gelegenen ausgedehnten Räumlichkeiten. Durch eine schöne Vorhalle gelangt man in einen neuadaptierten prächtigen Saal, der zur Veranstaltung von großen Versammlungen, Festlichkeiten und geselligen Zusammenkünften dienen wird. Kleinere Räume stehen als Beratungs-, Spiel- und Lesezimmer zur Verfügung. Wiener Juden! Tretet bei dem „Union-Klub", der neugegründeten Vereinigung der Mitglieder und Freunde der „Union"! Alle Einrichtungen des Klubheimes werden seinen Mitgliedern gegen einen monatlichen Beitrag von S 5.— zur freien Verfügung stehen; die Familienangehörigen der Klubmitglieder haben nur einen kleinen Anschlußbeitrag zu entrichten. Werbet, bitte, im Kreise Eurer Freunde für den „Union-Klub" und iördert dessen Ausgestaltung durch Unterstützung unserer Baustein-Aktion I Für das Klubheim-Komitee: Für den Zentral vorstand der „Union": Dir. Jacques Weiger, Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim, Obmann. Präsident. Friedrich Feuer, Reg.-Rat Dr. Max Lenk, Obmann-Stellvertreter. _ Schriftführer._ Anmeldungen sind zu richten an das Sekretariat der „Union", IX., Bergsasse -1, Tel. A 19-2-77.