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Die Wahrheit · 1936-02-09 · Heft 7 (9.2.1936) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 7 (9.2.1936)
Date
1936-02-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Gratis! In Deutschland verboten! Jüdische Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" nuiuuuiiiiiiiin Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 Erscheint jeden Freitag ■iiQiin^^ 52. Jahrgang Wien, 9. Februar 1936 Nummer 7 Die Wiener Judenschaft wehrt sich! In einer Zeit, in der der Zusammenschluß aller österreichischen Juden oberste Pflicht wäre, hat die derzeitige jüdischnationale Majorität des Wiener Kultusvorstandes eine derartige, jeden ehrlichen Juden aufwühlende Partei-, Protektions- und Freunderlwirtschaft in der Kultusgemeinde, in dem durch das Gesetz vom Jahre 1890 geschaffenen autonomen Selbstverwaltungskörper zur Versorgung der religiösen Angelegenheiten der Wiener Juden, aufgerichtet, daß das Ansehen der Wiener Judenschaft in den Augen der gesamten Oeffentlichkeit auf das schwerste geschädigt wird. Alle Bemühungen der unionistischen Kultusvorsteher, die Reinheit und Sauberkeit der Verwaltung, welche bis dahin mustergültig war und Protektionswirtschaft nicht kannte, zu wahren, Korruption und Freunderlwirtschaft von der Kultusgemeinde fernzuhalten, die objektive und unparteiische Führung der Geschäfte zu sichern und alles zu verhindern, das geeignet ist, die durch Juden allein geführte Verwaltung der Gemeinde zu einem abschreckenden Beispiele werden zu lassen, sind fehlgeschlagen und daraus hat die „U n i o n" die Konsequenzen gezogen. Ihre Mandatare im Kultusvorstand haben am 4. d. M. ihre Mandate niedergelegt. Den ehrlichen Bestrebungen aller anständigen Wiener Juden, die durch mehr als hundert Jahre die Kultusgemeinde rein und lauter bewahren konnten, wird ein Faustschlag versetzt. Der Korruption wird die Krone aufgesetzt. Die Vizepräsidentenstelle des Herrn Dr. Löwen-i herz wurde an Herrn Oberbaurat Stricker verschachert, wogegen dieser und seine kleine Judenstaatspartei die Zustimmung geben, daß der bisherige Vizepräsident Dr. Löwenherz seine ehrenamtliche Stelle mit dem wohldotierten'Posten eines Amtsdirektors vertauscht. Der Beginn der jüdischnationalen Freunderlwirtschaft. Als die jüdischnationale Mehrheit, welche seit drei Jahren die Kultusgemeinde führt, schon am Beginn ihrer Verwaltungstätigkeit Funktionären ihrer Partei Beamtenstellen einräumte, haben die unionistischen Mitglieder des Kulfusvorstandes auf dieses ungehörige und unzulässige Vorgehen In eindringlichen Worten hingewiesen und immer wieder betont, daß es einfach nicht verantwortet werden kann, wenn angesichts der großen Not der jüdischen Bevölkerung gerade bei Vergebung von Beamtenstellen, statt mit größter Rigorosität und Unparteilichkeit vorzugehen, um hiedurch jeder Kritik standhalten zu können, nur Leute berücksichtigt werden, die nichts anderes für sich ins Treffen führen können.als ihre bisherige Agitationstätigkeit im Dienste der jüdischnationalen Partei oder ihre Verwandtschaft, bzw. Schwägerschaft zu einem jüdischnationalen Kultusvorsteher. Besonders aufreizend müsse auf die Wiener jüdische Bevölkerung wirken, daß die Kandidaten der Jüdischnationalen durchwegs eine erst verhältnismäßig kurze Zeit in Oesterreich lebten und sich eine noch kürzere Zeit der Aufnahme in den österreichischen Staatsverband erfreuten. Wir haben diesen Kampf, mit welchem wii nicht in die Oeffentlichkeit traten, in zäher Weise, aber angesichts dieser skrupellosen Majorität, welche rücksichtslos nur ihr Parteiinteresse verfolgt, leider erfolglos geführt. Sämtliche. Personen, welche durch die jüdischnationale Majorität auf freigewordene oder freigemachte Stellen der Kultusgemeinde berufen wurden, konnten weder auf eine bisherige Verwendung im jüdischen Verwaltungsdienste, noch auf irgend welche öffentliche Verdienste — wenn von ihrer jüdischnationalen Parteitätigkeit abgesehen wird — noch auf irgend welche sie für die Stelle besonders empfehlende Qualiiikationen hinweisen. Solange es sich nur darum handelte, einen geringfügigeren Posten, sei es als Rechercheur, sei es als Sekretär der Kreditkasse, sei es als Beamter des Steueramtes, sei es als Leiter von mit der Kultusgemeinde engverbundenen Ausspeisevereinen und ähnlichen zu besetzen, haben sich die unionistischen Kultusvorsteher, um eine Schädigung des jüdischen Ansehens zu vermeiden, damit begnügen müssen, dieses Vorgehen als Protektions-, Partei- und Freunderlwirtschaft pro foro interno zu brandmarken und der Majorität, den jüdischnationalen Kultusvorstehern, die Unsauberkeit einer solchen Verwaltung vorzuhalten, für die eine Verantwortung nicht übernommen ' werden kann. Der Fall Moses Rath. Die jüdischnationale Majorität schlug alle Vorstellungen in den Wind und ging daran, d i c Konjunktur ihrer Majorität, von der man weiß, daß sie die F u n k t i o n speriode des gegenwärtigen Kultusvorstandes nicht überdauern wird, dazu auszubeuten, um ihren „e h r e namtlichen" Funktionären aus dem Steuersäckel der Gemeinde wohldotierte, pe nsionsbe r ech t igend c Posten zu beschaffen. So hatte die jüdischnationale Majorität ihrem K1 u b m i t g 1 i e d e, dem K u 11 u s v o r s t e h c r Moses Rath, aus Horodenka in Polen, seit 1920 in Wien, der zu einer Zeit, da er noch über größeres Vermögen verfügte, insbesondere in den Inflationsjahren, angeblich große finanzielle Opfer bei den Wahlen für die Jüdischnationalen gebracht hatte, nun, da er in wirtschaftliche Not geraten sei, versprochen, ihm eine beamtete Lebensstellung aus den Mitteln der Kultusgemeinde coute que coute zu beschaffen. Die jüdischnationale Majorität versuchte zuerst, den derzeitigen Inspektor des Schulwesens der Kultusgemeinde, Herrn Studienrat Prof. Dr. Heinrich R e d i s c h, eine weit über die Grenzen der Gemeinde, in aller Oeffentlichkeit, vor allem aber im Stadtschulrat als hervorragender Schulmann bekannte Persönlichkeit, nur deshalb in Pension zu schicken, weil sie seine Stelle mit Kultusvorsteher Moses Rath besetzen wollte. Von diesem Vorhaben mußte die jüdischnationale Majorität jedoch absehen, weil gemäß dem mit Studienrat Prof. Dr. Redisch abgeschlossenen Dienstvertrag eine Pensionierung gegen seinen Willen ohne ein Verschulden seinerseits nicht möglich war. Aus Groll darüber wurde von diesem Zeitpunkt an Herr Studienrat Dr. Redisch in jeder Weise schlecht behandelt, gedemütigt und gepeinigt, damit er doch von selbst um seine Pensionierung einreiche. Aber der Versuch, diesen hervorragenden Schulmann hinauszuekeln, blieb erfolglos. E s mußte d a Ii e r f ü r M o s e s R a t h ein anderer Rat geschaffen w erde n. Da starb der verdienstvolle Direktor der Gcmeindebibliothek, Herr Reg.-Rat Dr. Bernhard W a c h s t e i n. In den vom Führer der jüdischnationalen Majorität, dem derzeitigen Präsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Dr. Desider Fried mann, dem Verblichenen gewidmeten Nachrufe wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, daß. wenn irgendwann von der Unersetzlichkeit eines Verlustes gesprochen werden könne, dies im vorliegenden Falle zutreife. weil Reg.-Rat Dr. Wachstein, ein Gelehrter von Weltruf, seinen Posten so ausgefüllt habe, daß es unmöglich ist, eine wissenschaftlich so bedeutende Persönlichkeit zu ersetzen. Daher wurde gar kein Versuch gemacht, einen vollwertigen Frsatz zu finden. Wer wurde vielmehr an diese Stelle von der jüdischnationalen Majorität berufen? Ohne jede A u s s c h r e i b u n g, welche entgegen dem Verlangen der unionistischen Kultusvorsteher unterblieben ist, weil sonst Rath niemals die Stelle hätte bekommen können, wurde zunächst im Vertreterkollegiuttt, das zur Vorberatung für die Plenarsitzung des Kultusvorstandcs berufen ist, die Besetzung der Stelle mit Herrn Moses Rath mit den Stimmen der jüdischnationalen Kultusvorsteher beschlossen, wobei der Präsident durch seine Stimme den A u s s c h 1 a g gab. Auch in der Plenarsitzung wurde von den Jüdischnationalen die von den unionistischen Kultusvorstehern vorgeschlagene Ausschreibung der Stelle abgelehnt, obwohl diese Ausschreibung eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre. Obwohl sich ferner hervorragende Gelehrte, auch aus dem Deutschen Reich, um diesen Posten beworben hatten, ohne daß eine Ausschreibung vorgenommen worden war, wurde der Kultusvorsteher Moses Rath zum Leiter der Gemeindebibliothek und damit zum Beamten der Kultusgemeinde bestellt. Moses Rath, ein Kultusvorsteher, der sich zu Unrecht den Titel eines Professors zu einer Zeit beigelegt hatte, zu der er nicht einmal die Mittelschulstudien absolviert hatte (Moses Rath hat erst vor einigen Jahren die Matura abgelegt, weitere Studienzeugnisse vorzulegen, ist er nicht in der Lage), besitzt wohl keine Eignung, zum Inspektor des gesamten Schulwesens der Wiener Kultusgemeinde oder zum Leiter der weltberühmten Bibliothek der Kultusgemeinde berufen zu werden. Lediglich einige Zeugnisse von orthodoxen Rabbinern Polens über seine Kenntnisse in der hebräischen Sprache mußten genügen, ihn für solche Posten würdig zu finden. Das einzige wissenschaftliche Werk, auf das der neue Bibliotheksdirektor der Wiener Kultusgemeinde hinweisen konnte, war ein Lehrbuch für die hebräische Sprache. Auf den Posten eines Bibliotheksdirektors der Wiener Kultusgemeinde hätte ein Mann berufen werden müssen, der, unabhängig von den Tagessorgen, der jüdischen Wissenschaft leben soll. Gerade die Jüdischnationalen, welche immer wieder von der Notwendigkeit der Förderung der jüdischen Wis-

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