Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1936-02-07 · Heft 6 (7.2.1936) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 6 (7.2.1936)
Date
1936-02-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064606-3064612--20544-3085800
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Nr. 6 — 7. Februar 1936 DIE WAHRHEIT jede Ausschreibung, welche entgegen dem Verlangen der unionistischen Kultusvorsteher unterblieben ist, weil sonst Rath niemals die Stelle hätte bekommen können, wurde zunächst im Vertreterkollegium, das zur Vorberaturig für die Plenarsitzung des'Kultusvorstandes berufen ist, die Besetzung der Stelle mit Herrn Moses Rath mit 4en Stimmen der jüdischnationalen Kultusvorsteher beschlossen, wobei der Präsident durch seine Stimme den Ausschlag gab. Audi in der Plenarsitzung wurde von den Jüdischnationalen die von den unionistischen Kultusvorstehern vorgeschlagene Ausschreibung der Stelle abgelehnt, obwohl diese Ausschreibung eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre. Obwohl sich ferner hervorragende Gelehrte, auch aus dem Deutschen Reich, um diesen Posten beworben hatten, ohne daß eine Ausschreibung vorgenommen worden war, wurde der Kultusvorsteher Moses Rath zum Leiter der Gemeindebibliothek und damit zum Beamten der Kultusgemeinde bestellt Moses Rath, ein Kultusvorsteher, der sich zu Unrecht den Titel eines Professors zu einer Zeit beigelegt hatte, zu der er nicht einmal die Mittelschulstudien absolviert hatte (Moses Rath hat erst vor einigen Jahren die Matura abgelegt, weitere Studienzeugnisse vorzulegen, ist er nicht in der Lage), besitzt wohl keine Eignung, zum Inspektor des gesamten Schulwesens der Wiener Kultusgemeinde oder zum Leiter der weltberühmten Bibliothek der Kultusgemeinde berufen zu werden. Lediglich einige Zeugnisse von orthodoxen Rabbinern Polens über seine Kenntnisse in der hebräischen Sprache mußten genügen, ihn für solche Posten würdig zu finden. Das einzige wissenschaftliche Werk, auf das der neue Bibliotheksdirektor der Wiener Rultusgemeinde hinweisen konnte, war ein Lehrbuch für die hebräische Sprache. Auf den Posten eines Bibliotheksdirektors der Wiener Kultusgemeinde hätte ein Mann berufen werden müssen, der, unabhängig von den Tagessorgen, der jüdischen Wissenschaft leben soll. Gerade die Jüdischnationalen, welche immer wieder von der Notwendigkeit der Förderung der jüdischen Wissenschaft und Kultur sprechen, haben ihren Parteigänger und Klubgenossen Moses Rath, der sicli sicherlich um die jüdischnationale Agitationstätigkeit Verdienste erworben hat, sonst aber nichts im Dienste der jüdischen Oefrentlichkeit geleistet hat, freigebig aus den Taschen der Steuerträger belohnt, indem sie ihn mit Nachsicht der für Stellen an öffentlichen Bibliotheken vorgeschriebenen Prüfungen zum Bibliotheksdirektor bestellten. Damit aber auch der künftige Kultusvorstand nicht mehr in die Lage komme, das Unrecht, das der Kultusgemeinde durch die Bestellung des Herrn Rath geschehen ist, gutzumachen, wird Herr Rath unkündbar und Pension sberechtigt angestellt. Das Dienstverhältnis soll lediglich bei Verstößen gegen die Disziplin lösbar «ein. Der Fall Rath hat die Wiener jüdische Oeifentlichkeit aufgewühlt, aber auch der Magistrat hat als Aufsichtsbehörde der Kultusgemeinde Anfragen wegen dieser merkwürdigen Bestellung an das Kultuspräsidium gerichtet und Aufklärungen verlangt. Das Präsidium hat sich hinter die Autonomie der Kultusgemeinde verschanzt, als ob Autonomie bedeuten würde, daß man innerhalb derselben von jedem moralischen Skrupel befreit wäre und die Majorität eine Parteiwillkürherrschaft etablieren könnte. Autonomie, d. Ii. Selbstverwaltung kann nur jenen juristischen Personen verliehen werden, von denen die strengste Einhaltung der Grundsätze der Gerechtigkeit und Objektivität erwartet werden darf und die sich der Verantwortung, die mit diesem Privilegium verbunden ist. bewußt bleiben. Damals haben die unionistischen Kultus vorsteh er und das Organ der „Union österreichischer Juden". „Die Wahrheit", der jüdischnationalen Ma- Gedenket dar Winterhilfe jorität das Unmoralische und Unzulässige ihres Vorgehens vorgehalten und sie für die von ihr verschuldete schwere Schädigimg des Ansehens der Kultusgemeinde verantwortlich gemacht. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, daß gerade die Kultüsgemeinde, weil sie allein von Juden verwaltet wird, besonders rein und einwandfrei vorgehen muß und allen Anforderungen weitestgehender Objektivität und Gerechtigkeit zu entsprechen hat. Wir predigten tauben Ohren. Obwohl die jüdischnationalen Mandatare nicht nur innerlich die Berechtigung unserer Vorwürfe anerkannten, sondern auch — allerdings nur unter vier Augen — erklärten, daß ein solches Vorgehen, wie die Bestellung des Herrn Moses Rath, für die Gemeinde ruinös sei, wurde doch lediglich a u s Pa rt e i r ü ck si c ht e n, die den H e r r e n h ö h e r s t e h-e n a 1 s R e i n h e i t, S a uberkeit, Moral und öffentliches Ansehen, Herr Moses Rath zum Bibliotheksdirektor der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde bestellt. Parteiwirtschaff In den Institutionen der Kultusgemeinde. Wir führen einen Kampf um der Sache willen gegen die systematische Politisierung und Nationalisierung der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, deren einzige gesetzliche Aufgabe darin besteht, für die religiösen Bedürfnisse der Wiener Cafe Pension Eckstein Semmering israelitischen Bevölkerung Vorsorge zu treffen und die großen sozialen Institutionen, welche unsere Vorgänger, nicht die derzeitige jüdischnationale Majorität, für die Juden Wiens geschaffen haben, objektiv und ohne jedes, Parteiinteresse gerecht zum Wohle der Allgemeinheit zu verwalten. Diesem Programm haben die unionistischen Kultusvorsteher seit vielen Jahrzehnten entsprochen und es war ein unumstößliches Axiom ihrer Tätigkeit, daß alle Einrichtungen der Gemeinde allen Juden Wiens ohne jeden Unterschied zugute kommen sollen. Das ist nun, wie im folgenden erwiesen werden soll. Unter der Herrschaft der Jüdischnationalen ganz anders geworden. Bs ist eine bekannte und auch von den jüdischnationalen Mitgliedern des Kultusvorstandes zugegebene Tatsache, daß die nach Wien zuständigen Juden, für die doch das Altersheim (Vereorgungshaus) von seinen unionistischen Gründern in erster Linie geschaffen wurde, wenn sie um Aufnahme in das Altersheim der Kultusgemeinde ansuchen, sich gegenüber den in Wien nicht Heimat berechtigten im wesentlichen Nachteile befinden. Dies ist darauf zurückzuführen, daß die nach Wien zuständigen Bewerber viel länger warten müssen, bis sie in das Altersheim der Israelitischen Kultüsgemeinde einberufen werden. Der Antrag der Unionisten, diese schwere Schädigung der in Wien heimatberechtigten Juden, an die die Gründer des Altersheimes nie denken konnten, dadurch abzuwehren, daß denjenigen, welche einen längeren Aufenthalt in Wien nachweisen können, der Vorzug gebühre, wurde von der stets bei der Wiener Juden! dar Bundesregierung! In einem ernsten, vielleicht für die Zukunft der österreichischen Juden entscheidenden Augenblicke, wenden wir uns an Euch mit dem dringenden Aufruf, die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der jüdisch-religiös und vaterländischösterreichjsc h.jüjilenden Juden zu erkennen und daher unserer um die Wahrung der G I e i c hberechtigung der:Juden durch nun fünf Jahrzehnte bewährten Vereinigung als Mitglieder beizutreten. 1: '■ Gerade jetzt hat unser langjähriger Kampf gegen die jüdisch - nationale Absonderungspolitik, die im Endefiekt mit dem unserer antisemitischen Gegner übereinstimmt, seinen Höhepunkt erreicht: die rücksichts- und hemmungslose Nationalisierungspolitik und Parteiherrschaft der jüdischen Nationalisten haben unsere Mandatare in der Kultusstube im Interesse der Erhaltung des Ansehens und der Reinheit derselben zur Niederlegung ihrer Ehrenämter gezwungen. Wiener, österreichische Juden, helft uns in diesem-schweren, entscheidungsvoilen Kampfe, den wir ja für Euch führen, in unserem Kampfe um die Bewahrung und Festigung unserer politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellung im neuen österreichischen Staate; : in unserem Kampfe gegen den verstärkten antisemitischen Ansturm; in unserem Kamp f e gegen die jüdisch -na ti o n a 1 e Minderheitspolitik, die uns Juden zu einem geduldeten, stets bedroh ten G u s t v c i k stempelt, die, wie der eben veröffentlichte Kunschak's'che Gesetzentwurf zeigt, zu Entrechtung und Proletarisierung führen muß; in unserem Kampfe gegen die Entfremdung und Entwurzelung unserer jüdischen Jugend durch die gewissenlose Propagierung eines souveränen Judenstaates, dieses politischen Phantoms, das nur geeignet ist, den — auch von uns lange vor den jüdisch - nationalen Zionisten geförderten — fr iedlichenAufbau Palästinas als Heimstätte für heimat- oder von der Gefahr der Heimatlosigkeit bedrohte Glaubensgenossen oder für jene, deren religiöse Sehnsucht sie hinführt, zu beeinträchtigen und die Lage der Juden in ihren Heimatländern zu schädigen. Wiener, österreichische Juden 1 Heute, angesichts der schweren Nachteile im wirtschaftlichen Leben, welche die jüdisch - nationale Absonderungspolitik bereits bisher verschuldet hat; angesichts der Korrumpierung und Besudelung unser altehrwürdigen, von Freund und Feind hochgeachteten Kultusgemeinde, könnt Ihr nicht mehr im Zweifel darüber sein, wohin Ihr gehört, wo Euer Platz ist, dürft Ihr nicht weiter in Indolenz beiseite stehen, müßt Ihr begreifen, daß die Union österreichischer Juden Eure Organisation ist, der Ihr beitreten, die Ihr moralisch und materiell fördern müßt, wenn Ihr für Euch, Eure Kinder und Kindeskinder nicht alles aufs Spiel setzen, verHeren wollt, was Eure Väter und Großväter aufgebaut, unter unsäglichen Opfern errungen, erkämpft haben! Ihr dürft nicht zaudern, nicht zögern! Erfüllet Eure Pflicht! Für den Zentral-Vorstand der Union österreichischer Juden: Reg.-Rat Dr. Max Lenk, Schriftführer. Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim, Präsident. Mitgliedsanmeldungen an das Sekretariat der Union, IX., Berggasse 4 (Tel. A19-2-77) erbeten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.