Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 5 (31.1.1936)
- Date
- 1936-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten I ie Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden- Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 31. Jänner 1936 Nummer 5 Drei Jahre Hitler. Am 30: Jänner 1933 hat der von den demokratischen Linksparteien gewählte Reichspräsident von Hindenburg seinem im letzten. terrorfreien Wahlkampf von der Mehrheit des deutschen Volkes deutlich abgelehnten Gegenkandidaten Hitler die Macht über Deutschland ausgeliefert. Obwohl die drei Jahre, die seither verflossen sind, nur einen ganz minimalen Bruchteil jener zehn Jahrtausende ausmachen, die die um das Hakenkreuz gescharten Propheten als Dauer ihrer Parteiherrschaft vorausgesagt haben, wurde der Tag mit dem ganzen Tam-Tam und Reklamegeschrei gefeiert, der für die nationalsozialistische Selbstberäucherung charakteristisch ist. Es gab die üblichen Aufmärsche der S.-A.- und S.-S.-Mannen und eine im offiziellen Programm zwar nicht vorgesehene, aber um so bezeichnendere Verhaftung eines angesehenen Hamburger Zeitungsherausgebers, der sich erkühnt hatte, eine amtliche Auslassung über die Freimaurer, die im Dritten Reiche als Pioniere der „Weisen von Zion" zu gelten haben, abzuschwächen, wodurch er sich einer politisch destruktiven Gesinnung verdächtig machte. Besser als alle Reden kennzeichnet diese Episode die Stellung des deutschen Volkes im Hitler- Staate: Es hat alle Enunziationen von „oben" als Ausgeburten höherer Weisheit schweigend hinzunehmen. Zu reden haben nur die Führer — sogar die Komödie des alljährlichen „Volksentscheids" hat man im dritten Jahre nicht mehr in Szene gesetzt; offenbar fürchtete man für das happy end, das nun einmal zum Wesen einer Komödie gehört. Trotzdem halten die Führer an der Forderung nach Volksentscheiden fest, allerdings bloß als — Exportartikel: In Oesterreich möchten sie gern das Volk zur Abstimmimg über den Anschluß an Deutschland schreiten sehen und es erinnert stark an die Geschichte vom Fuchs und den sauren Trauben, wenn Hitler jetzt einer französischen Journalistin gegenüber betonte, daß man diese Frage in Berlin nicht für aktuell halte . . . Im Dritten Reiche selbst, wo das Volk nun schon drei Jahre lang die Segnungen der nationalsozialistischen Menschheitsbeglückung am eigenen Leibe spürt, wagt man es nicht mehr, das Urteil der Massen herauszufordern. Wohl haben die früheren Abstimmungen bewiesen, daß dem Volk genug Angst vor den Führern eingebläut worden war, jetzt scheint es aber auch den Führern vor dem Volk nicht mehr ganz geheuer zu sein und diese gegenseitige Furcht ist ein recht groteskes Resultat dreijähriger Erziehung zum — Heroismus . . . Mit dieser Erziehung wird aber Ernst gemacht. Hitler hat den Deutschen die allgemeine Wehrpflicht zurückgegeben, er beschränkt . sich aber nicht bloß auf den Drill der Rekruten, sondern auch die nicht Wehrfähigen werden heroisch gedrillt: Sie lernen es schon jetzt im tiefsten Frieden, sich um Butter, Eier und sonstige Nahrungsmittel anzustellen, wozu sie früher nur im Kriege gezwungen waren. Im Weltkrieg wagten sie noch, gegen diesen Zwang zu murren, was von Ludendorff bekanntlich als der „Dolchstoß von hinten" gewertet wird, der den Krieg entschieden haben soll. Jetzt lernen sie rechtzeitig kuschen und je sklavenhafter sie das treffen, desto besser treten die pädagogischen Früchte — „heroischer" Erziehung zutage. Nur bei den Juden stellt man von Haus aus jede Anlage zum Heroismus in Abrede. Je heldenhafter sie die unsäglichen Leiden und Qualen, die ihnen Legislative und Exekutive des Hakenkreuzes auferlegen, in unerschütterlichem Gottvertrauen auf sich nehmen, desto lauter ertönt das Schlagwort von der jüdischen Feigheit und Ehrlosigkeit. Und weil Dr. Goebbels in der Lateinstunde das Wort gelernt hat: „Saxa loquuntur" („Steine reden"), hat er auch die Heldengedenksteine zum Schweigen verdonnert, indem er die Namen der jüdischen Kriegsgefallenen ausmerzen ließ. Widerspruch gegen Nazi-Theorien wird eben nicht geduldet . . . Hitler hat sich in einer seiner letzten Reden offen zu diesem System bekannt: „Wir sehen in diesem geschichtlichen Ergebnis die unbewußte Auftragung des Schicksals, dieses störrische deutsche Volk, wenn notwendig, mit Gewalt zusammenzuschließen." Mit Verlaub: Inwiefern 'St das deutsche Volk „störrisch"? Hat es nicht, so oft es vom Führer zur Urne gerufen wurde, zu allen politischen Entscheidungen Hitlers „Ja und Amen" gesagt?_jpie paar Neinisager wurden doch stets hinterdrein als Juden entlarvt, die nach der Nazi- Theorie nicht als Deutsche gelten! Da stimmt etwas nicht — am Ende gar das offizielle Resultat der Volksentscheidungen? Jedenfalls hat man dem Volke den Verzicht auf seine Befragung im dritten Jahre leicht gemacht . . . Hitler gibt zu, daß er weiß, wieviel er den Deutschen genommen hat, doch tröstet er sie mit reichlicher Entschädigung: „Ihr verliert die Vergangenheit, aber Ihr gewinnt die deutsche Zukunft." Das ist ein etwas mysteriöser Tausch, der dadurch keineswegs verständlicher wird, daß der Redner im selben Atem hinzufügte: „Deutsch sein heißt klar sein." Der Ausspruch Stimmt aber auch sachlich nicht. Denn Hitler hat die deutsche Vergangenheit durchaus nicht eliminiert — wer könnte das auch? — sondern im Gegenteil das unheimliche Gesetz, nach dem die deutsche Geschichte KOHLE* KOKS ANTHRAZIT Three Stars BÄSCH D 47-5-40 Alleinige Lieferantin der „Asca" Bund jüd. Frontsoldaten Indische Kultur stelle Keren Kajemeth Rasiere Dich gut und Dillig 0€8t€rrelcliiS€he$ Quaiitäfs-raMKat Ueberau erhältlich bisher verlaufen ist, mir neuerlich zur Geltung gebracht. Nämlich jenes Gesetz, das der Literarhistoriker Wilhelm Scherer bei der Entwicklung der deutschen Kultur wirksam sah. Er konstatierte, daß sich diese Entwicklung in einer großen Wellenlinie vollziehe. Im Abstand von je 600 Jahren erreiche die deutsche Kultur stolze Höhepunkte, um aber bald darauf katastrophale Stürze in die Tiefe zu erleiden. Die Höhen, die Zeit der Minnesänger um 1200 und die der Klassiker, seien gekennzeichnet durch religiöse und nationale Toleranz, dagegen bewirke das Auftreten der Fanatiker, die Haß und Unduldsamkeit zwischen den Glaubensbekenntnissen und den Völkern predigen, den Abstieg. Man hat diese Scherersche Theorie einigermaßen skeptisch beurteilt und hielt es für ausgeschlossen, .daß selbst ein noch so heftiger Ausbruch religiöser und völkischer Intoleranz kurz nach dem Jahrhundert Goethes und Schillers einen ähnlichen Tiefstand der Geisteskultur herbeiführen könne, wie er als Folge des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland eintrat. Nunmehr hat Hitler das unmöglich Scheinende möglich gemacht, offenbar wirklich in „unbewußter Auftragung des Schicksals", wie er sagte. Diese Erfüllung des pessimistischen Teiles der Schererschen Prophezeiung gewährleistet aber auch die Richtigkeit des optimistischen Teiles. Nicht losgelöst von der deutschen Vergangenheit, sondern in erfreulicher Analogie zu ihr wird eine neue Welle geistiger Erhebung den kulturellen Aufstieg der Deutschen anbahnen und vielleicht wird sie so stark und verheerend über die Fanatiker der Volksverhetzung hereinbrechen, daß sie der deutschen Kultur ein neuerliches Debakel erspart und es dem Deutschtum endlich vergönnt sein wird, sich auf der stolzen Höhe seiner zivilisatorischen Kraft dauernd zu behaupten. Drei Juden im neuen französischen Kabinett. Dem neuen, vom radikalen Senator Albert S a r r a u t gebildeten französischen Kabinett gehört der unabhängige Deputierte Georges Mandel, der Jude ist, als Post min ist er an. Mandel war auch im Kabinett Laval Postminister. Er sollte bei einem Mißlingen der Mission Sarrauts mit der Bildung der Regierung betraut werden. Dem Kabinett Sarraut gehören ferner der unabhängige Deputierte Jacques Stern als Minister für die Kolonien und Pierre M a z e r als Unterstaatssekretär für öffentliche Arbeiten an.