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Die Wahrheit · 1936-01-10 · Heft 2 (10.1.1936) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 2 (10.1.1936)
Date
1936-01-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" WlMVMl "wnminmmnamninHB Redaktion und Administration; Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 52. Jahrgang ~_Wien, 10. Jänner 1936_______Nummer 2 OPTIKER M. SCHACHTER II., OlOChcnöasse 25 Genaueste*AusfQhrungvon Rezepten »Große Auswahl anmodernen Fassungen Samstag geschlossen _Bei Berufung auf dieseB Blatt 5 Prozent Rabatt! ___ Hitlers säkulare Blamage. Der Stadt Nürnberg ist großes Heil widerfahren. Ihr Oberbürgermeister konnte seinen Ratsherren stolz mitteilen: „Im Hinblick auf die unlösbare Verbindung der Nürnberger Gesetze mit dem Namen unserer Stadt hat der Reichsminister des Innern, Pg. Dr. Fr ick, meiner Bitte entsprochen und mir die Originalhandschriften der Nürnberger Gesetze durch das Reichsarchiv als Leihgabe für die Stadt Nürnberg übermitteln lassen. Sie werden für die Oeffentlichkeit im großen Rathaussaal zur Schau gestellt werden." Während man dergestalt in der Meistersingerstadt das Ergebnis der unermüdlichen Arbeit eines Julius StreSIcher der Ehre eines Ausstellungsobjekts würdig hält, setzt sich in Berlin allmählich die Erkenntnis durch, daß mit diesen Früchten nationalsozialistischer Regierungsweisheit nicht viel Staat zu machen ist. Es hatte ja schon früher nicht an kritischen; Aeußecungen der KultuTwelt gegen die legislativen Exzesse im Drültten Reiche gefehlt und während Hitler in merkwürdiger Verblendung voll Stolz seine „Lösung der Judenfrage" eine „säkulare" nannte, hat ihn das Ausland entrüstet darüber aufzuklären gesucht, welch längst verflossenem S ä k u 1 u m der Geist seiner Gesetze zu einer für die heutige Welt blamablen Wiedergeburt verhelfe. Aber dies blieb bisher ohne jeden praktischen Eindruck auf die deutsche Staatsführung. Alle Mahnungen der Menschlichkeit und Vernunft wurden entweder glatt ignoriert oder als Folgen üct Leichtgläubigkeit gegenüber jüdischen „Greuelmärchen" kaltschnäuzig verhöhnt. Erst der sensationelle Brief des zurückgetretenen Hochkommissärs für Flüchtlingswesen MacDonald an den Völkerbund scheint das seelische Gleichgewicht der Nazi-Bonzen gestört zu haben. Reichspropagandaminister Dr. G o e bb e 1 s ist nicht nur .persönlich im Rundfunk zu einer Entgegnung ausgerückt, deren Wortschärfe über die Blässe der Argumentik hinwegtäuschen sollte, sondern er hat auch die deutsche Presse, die ja nur ein willenloses Werkzeug in seiner Hand ist, gegen die vernichtende Kritik MacDonalds mobilisiert. Allen voran marschiert der „Völkische Beobachter". Der Kulturreferenit der N. S. D. A. P., Herr Alfred Rosenberg persönlich, wendet sich in einem „Ueberlebte Gouvernanten" überschriebenem Leitartikel gegen James MacDonald, aber so sehr die Nationalsozialisten daran gewöhnt sind, ihre Gegner anzugreifen: dieser irnrnnranrnmiirminfBiaBiitniuiiiininnk. VERWALTUNGEN HYPOTHEKEN VERKAUFE SÄTZE ^Ifr» KÄUFE_ V Dipl.-Kaufm. r R. SZILAGYI \ Leitartikel' ist ein hilfloses und verlegenes Gestammel. Rosenberg zitiert bezeichnenderweise Artikel aus der jüdischnationalen „Morgenzeitung", die seinerzeit in Wien erschienen ist, und aus anderen jüdischnationalenj Organen, ohne natürlich auch nur im geringsten beweisen zu können, daßdie deutsche Reichsregierung im Recht ist, wenn sie jüdische Existenzen in Massen vernichtet. In einem anderen Aufsatz unter der Ueberschrift „Ein durchsichtiges Manöver" „geißelt" es der „Völkische Beobachter", daß sieh der Völkerbund mit den inneren Zuständen in Deutschland zu beschäftigen wagt, und schreibt: „Wenn man schon in Genf angesichts der Mißerfolge des Völkerbundes glaubt, es nötig zu haben, wenigstens in Fällen, d i e nicht gefährlich erscheinen, den Menschheitsbeglücker zu spielen, dann empfiehlt sich dafür doch ein anderes Objekt als die deutsche Gesetzgebung zum Schutze des deutschen Blutes." Indes hat das Hitler-Blatt mit seiner Abwehr des Nazi-Mißerfolgs auf dem einzigen politischen Gebfete, auf dem die Führer ihre volle Energie zu entfalten gewagt hatten, weil sie es für ungefährlich gehalten hatten, nicht viel Glück. Das beweist das ganz anders lautende Echo des MacDonsBd-Briefes in der Weltpresse, vornehmlich der englischen und amerikanischen. Das stärkste Argument, dessen sich Goebbels bediente, war der Vorwurf, daß der gewesene KommSssär für Flüchtlingswesen für Leute eintrete, die sich als — zersetzende Elemente im Deutschen Reiche erwiesen hätten. Großbritannien, das am frischen Grabe seines verdienstvollen jüdischen Vizekönigs von Indien, des Lord R e a d i n g, trauert, weiß die patriotischen Leistungen der Juden besser zu würdigen als die Glücksritter vom Hakenkreuz, für die nach Hitlers bekanntem Worte die objektive Wahrheit zu schweigen hat, wenn sie der Parteiagitation abträglich ist. Am allerwenigsten aber begreift die Welt, wieso die 12.000 jüdischen Soldaten, die im Weltkrieg für Deutschland gefallen sind und gegen deren Andenken der Rropagandaminister Hitlers einen speziellen Krieg führt, zersetzend gewirkt haben sollen. Weit eher erscheint ihr der Künder eines solchen Mythos als eim kulturzersetzendes Element. Auch in Berlin scheint man den glorreichen Sieg über das wehrlose Judentum nicht mehr mit ungetrübter Freude zu genießen. Während Doktor Goebbels im Rundfunk gegenüber MacDonald den wilden Mann spielte, arbeiteten ein Ministerialrat Rasiere Dich gut und billig Oestcrreichlsclics ünalllätsTaDrlhat Ueberau erhältlich und ein Regierungsrat im Innenministerium einen Kommentar zu den Nürnberger Gesetzen aus, der ein artiges — Rückzugsgefecht darstellt. Es erhellt daraus das Fiasko des bisher übHchen Arier begriff s, der im Nürnberger Gesetz keine Rolle mehr spielt. Als Ziel dieses Gesetzes wird die „Dissimilation" der Juden hingestellt, von der alleäh die Beseitigung des Rassenhasses zu erwarten sei. Die Beseitigung des Rassenhasses ist bekanntlich das wichtigste Postulat der Hakenkreuzler . . . Für die Juden in Deutschland bedeute die gesetzliche Absonderung zugleich den gesetzlichen Schutz. Allerdtags könnten die Juden nicht zu einer „nationalen Minderheit" im Sinne des Völkerrechts werden, denn dazu fehle ihnen das Erfordernis eines eigenen Staates; sie würden vielmehr in Deutschland in Zukunft eine „völkische Minderheit" bilden. Für den Augenblick sei in diesem Belange eine legale Lösung 'nicht gefunden. Während atso die Juden in Deutschland bisher unter legaler Schutzlos igkeit schmachteten, werden sie fortan einen illegalen Schutz genießen. Der Unterschied ist genau so groß wie der zwischen einer „nationalen" und einer „völkischen" Minderheit. (Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Hinweis des scheidenden Flüchtlingskommissars, daß die Juden in Deutschland nicht einmal die Rechte einer Minderheit genießen, daß aber eigentlich doch jede Klasse in der Bevölkerung, die wegen Rasse, Sprache oder Religion diffamiert werde, den Schutz einer Minderheit beanspruchen dürfe, auch wenn die deutschen Juden selbst nicht als Minderheit im üblichen Sinne zu gelten wünschten.) Das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes, sagt der famose Kommentar weiter, verweise das jüdische Volk in seine eigenen. Lebensbezirke. Eine etwas euphemistische Umschreibung der von MacDonald festgestellten Tatsache, daß den Juden in Deutschland nur der Selbstmord übrig bleibe. Unter dem „eigenen Lebensbezirk" der Juden scheint der Gesetzgeber eben — Abrahams Schoß zu verstehen . . . Aber man Beste Qui^lliaien IX... ROTENLÖWENQ. 3 ^&9nN8B8HBS81lliSBHISBHWB8nMnni BEB. ABT. SEH«. TEL. A 10-5-69 ANTHRAZIT KOHlE*KOKS BÄSCH ■v-1""w« II 4?-5-4»

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