Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 47 (22.11.1935)
- Date
- 1935-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064601--20452-3085699- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische Di« tbanrheif mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postspsrkasserkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 22. November 1935 Nummer 47 Wehrlos! Die Optimisten, die der Meinung gewesen sind, daß die Ausführungsbestimm ungen zu den Nürnberger Judengesetzen erst nach der Berliner Olympiade herauskommen werden, sind ad absurdum geführt worden. Denn der deutsche Nationalsozialismus ist das polare Gegenteil des olympischen Gedankens vom fair play im Ringen um die Siegespalme und wichtiger als der sportmännische Ruhm, mit ebenbürtigen Gegnern unter strenger Sicherung der Gleichheit aller Siegeschancen erfolgreich die Kräfte zu messen, ist den Hakenkreuzlern die Wollust, Wehrlose knock out zu schlagen. Dies vorausgeschickt, darf zugegeben werden, daß die neuen Gesetze keine wesentliche Verschlimmerung des schon längst zur höchsten Tragik entarteten Schicksals der deutschen Juden bedeuten. Gewiß, die Nazi-Legislatur verletzt das primitivste Rechtsempfinden und spricht allem Hohn, was eine Jahrtausende lange Kulturentwickhing die. Menschheit als Sittenkodex schätzen gelehrt hat. Und sie wirkt geradezu als groteske Parodie jener Aufgabe, die der Rektor der Wiener Universität, Prof. Dr. Mettghin, den jüngst promovierten Jurisdoktoren ans Herz gelegt hat: „Im Reiche des Sittlichen zu Lösungen vorzudringen, die dem heißen Sehnen der Menschheit nach Gerechtigkeit mehr entsprechen als die bisherigen Gestaltungen der Gesellschaft und ihrer Rechtsordnung." Es ist klar, daß der neuen Rechtsordnung im Dritten Reiche entgegengesetzte Absichten zu Grunde liegen. Aber gemessen an den praktischen Erfahrungei. des jüdischen Lebens seit Hitlers Machtergreifung in Deutschland ist sie doch nur ein schwacher Abklatsch dessen, was die deutschen Juden schon bisher zu erdulden hatte:'.. Wohl verlieren sie jetzt endgültig das Recht, ein öffentliches Amt zu bekleiden; alle noch in öffentlichen Diensten stehende jüdische Beamte treten am 31. Dezember in den Ruhestand. Wenn diese Beamten im Weltkrieg an der Front für das Deutsche Reich oder für seh.e Verbündeten gekämpft haben, erhalten sie bis zur Erreichung der Altersgrenze die vollen zuletzt bezogenen Dienstbezügs: sie steigen jedoch nicht in Dienstaltersstufen auf. Außerdem wird den deutschen Juden jetzt auch noch das Wahlrecht genommen, weil dieses an den Besitz des Reich sbürgerbriefes gebunden ist. d-jn nur Arier erhalten können. Aber ist das Wahlrecht im Hitler-Reiche nach den sehr bösen Erfahrungen, die alle gegen den Nationalsozialismus votierenden Wähler bisher machen mußten, nicht zu einer Farce entartet, die das Abstimmen mehr zu einer Gefalir als zu einer Ehre steriipelte? Man hat sich ohnehin gewundert, daß Hitler, der den Juden ihre "Menschenwürde genommen und ihren sozialen Wirkungskreis immer beängstigender eingeengt hat, ihnen das Votum bei politisch wichtigen Abstimmungen bis jetzt gelassen hat. Das hatte aber seine guten Gründe: Als es . zur Volksbefragung im Saarland kam, hatte Hitler den Katholiken gegenüber, die dort die Mehrheit bilden, aus bekannten Ursachen ein sehr schlechtes Gewissen. In dieser Not baute der Osaf, ä&r öffentlich die Juden als die größten Staatsfeünde zu brandmarken nicht müde wird, innerlich auf den ihm wohlbekannten Patriotismus der Juden und ihre bewährte Treue zum Deutschtum. Wie sich zeigte, mit vollem Rechte. Zum Dank hat er gegen sein besseres Wissen die Juden für die gegen Deutschland abgegebenen Stimmen verantwortlich .gemacht und der Volkswut preisgegeben. Nach solchen Erfahrungen brauchen die Juden, so kränkend sie ihre Entrechtung an sich auch empfinden, dem Wahlrecht keine Tränen nachzuweinen. Ja, es wird vielleicht gar nicht lange dauern, bis die arischen Deutschen ihren Staatsbürgerbrief als ein Danaergeschenk fürchten lernen, das sie durch eine relative Bevorrechtung gegenüber den Juden über ihre absolute Rechtlosigkeit hinwegtäuschen soll. Eine Art politischer Relativitätstheorie, nachdem man die astronomische Einsteins als „jüdischen Schwindel" verächtlich gemacht hat. Wahrscheinlich ist den nationalsozialistischen Rechtsgelehrten das Mißverhältnis zwischen der Mühe, die ihnen das Ausarbeiten der neuen Judengesetze verursachte, und der geringen Zahl der in Deutschland lebenden Juden bewußt geworden und so haben sie sich entschlossen, den Geltungsbereich ihrer antijüdischen Rechtsnorm — ein Unikum in der ganzen antisemitischen Gesetzgebung aller Zeiten! — auch auf die Halb-. Viertel- und A c h t e I j u d e n auszudehnen. Darunter sind aber nicht etwa die irdischen Uehorreste von in d'en Konzentrationslagern zerstückelten Juden zu verstehen, sondern die christlichen Sprößlinge aus Mischehen. Diese sind als bevorzugte Objekte der neuen Hitler-Gesetze noch übler daran als die Volljuden. Denn während letzteren nur der eheliche und außereheliche Verkehr mit Ariern verboten ist. dürfen die Mischlinge auch untereinander keine Ehe schließen und mit Ariern nur nach Prüfung ihrer körperlichen und geistigen Eigenschaften durch den Stellvertreter des Führers und den Reichsinnenminister. Die Herren Heß und Dr. Frick werden sich also in Hinkunft persönlich bemühen müssen, so oft jüdisch-arische Mischlinge' von Liebesschmerzen gepeinigt um ein sachverständiges Gutachten bitten, ob sie k <"> r pe rl i ch. mehr dem Germanentypus Görings oder unglücklicher Weise dem judenähnlichen Typus Goebbels' angeglichen sind und ob sie geistig am Ende so tief stehen wie die 12.000 für Deutschland im Weltkrieg gefallenen Juden, deren Namen jetzt auf den Heldengedenktafeln des Dritten Reiches entfernt werden. In besonders schwierigen Fällen hat sich Hitler selbst die Entscheidung vorbehalten. „Er kann Befreiungen von den Vorschriften der Ausführungsverordnungen erteilen", was die nationalsozialisti- Häuserverwaltungen ssnsai. A 48-9-22 Reparaturkredite Vermittlungen R. TAUBMAMN Zins vorsenflsse Geldbeschaffungen Wien, II. Bezirk, NerdpolstraBe 2/3 kulantest Rasiere Didi gut and billig Ocslerreldilsclies QuüMäls FiiDrt haf Ueberau erhältlich sehe Variante des Lueger-Ausspruchs darstellt: ..Was ein Jud* ist, bestimme ich." Uebrigens können die Mischlinge, die untereinander oder jüdische Partner heiraten wollen, sich sehr leicht selbst helfen, indem sie sich nämlich zur jüdischen Religion bekennen. Von dem Moment an, da sie das tun, gelten die Bestimmungen für Vollblutjuden auch für sie und die staatlich bevollmächtigten Schützer des deutschen Blutes, die mit der Gewissenhaftigkeit mittelalterlicher Teufelsbeschwörer über die bösartigen Auswirkungen jedes einzelnen Tropfen Judenbluts in den Adern der Mischlinge christlicher Konfession zu wachen haben, verlieren jedes Interesse an ihnen. Diese gesetzliche Bestimmung wird ohne Zweifel eine gesteigerte Rückkehr von Abtrünnigen und deren Kindern zum Judentum bewirken, während gleichzeitig einer der bisher stärksten Impulse zum Abfall vom Judentum: die Verheiratung mit Andersgläubigen, wegfällt. Im allgemeinen ist die Gefahr der jüdischelirisrüchen Mischehen, die die neuen Judengesetze aus dej- Welt schaffen wollen, schon durch den wirtschaftlichen Niedergang der deutschen luden de facto beseitigt. Die große Mitgift, die sogar schon vor Beginn der .ludenemanzipation die Jüdin für Nichtjuden begehrenswert erscheinen ließ, die wirtschaftliche. Position, die sich der lüde im Wilhelminischen Kaiserreich und in der Weimarischen Republik erarbeiten konnte und die seiner Gattin glänzende Versorgungsmöglichkeiten bot. die sich auch Arierinnen gelegentlich nicht entgehen lassen wollten, sind zu Mythen der Vergangenheit geworden, während die Gegenwart von den Mythen Rosenbergs beherrscht wird oder von Grundsätzen, wie sie auf einem T r a n s p a reut für die Winterhilfe, das iiuer über eine Straße der Stadt M ü 1h e i tn;t. d. Ruhr angebracht ist. zum Ausdruck kommen: „Niemand soll hungern, niemand soll frieren. Aber die Juden sollen krepieren." Wenn man Herrn Streicher glauben will, Idstein allerdings die jüdische Verfiiliruugssucht auch ohne das ehrbare Ziel der Heirat weiter. Gegen diese ..Gefahr" wurde in Nürnberg das Verbot für jüdische Haushalte verkündet, arische Hausgehilfinnen unter 45 Jahren weiter zu behalten. Ueberraschenderweise haben die jetzt erschienenen Ausführungsbestrnimungen das Alter der den jüdischen Haushalten gestatteten christlichen Dienstmädchen auf 35 Jahre herabgesetzt. Während sich Herr Schacht vergebens geplagt hat. den Nazi-Bonzen die nicht leicht zu überblickenden Zusammenhänge zwischen Politik und Wirtschaftsleben klar zu