Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 45 (8.11.1935)
- Date
- 1935-11-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 45 — 8. November 1935 Seite 7 j^yWainnLe^J Professor Sylvain Levi, der hervorragende Gelehrte, Präsident der Alliance Israelite Universelle, ist in Paris am 31. Oktober plötzlich verstorben. Sylvain Levi wurde am 28. März 1863 in Paris geboren. Er zeigte frühzeitig eine ausgesprochene Hinneigung zur Antike und hatte ursprünglich beabsfchtigt, die französische Hochschule in Athen zu besuchen. Als er dann aber seine Studien an der Sorbonne begann, wurde ihm — eigentlich durch den bloßen Hinweis von Renan auf das Kolleg des Abel Bergaigne — bald eine ganz andere Laufbahn bestimmt. Die Vortragsweise des großen Sanskrit-Forschers, eines der wenigen Europas, beeindruckte den Studenten so stark, daß er sofort für die Materie eingefangen wurde. Als der Orientalist Darmesteter den jungen Sylvain Levi, der durch seine große Begabung frühzeitig die Aufmerksamkeit bedeutender Männer auf sich zog, für seine Avesta- Studien zu gewinnen suchte, spürte dieser bereits, daß nicht der Iran, sondern Indien lebenslänglich seine Domäne bleiben würde. Ungewöhnlich schnell absolvierte Sylvain Levi die Universität. Mit 20 Jahren bestand er das Staatsexamen — von dem Zweiundzwanzigjährigen veröffentlichte bereits Frankreichs größte Zeitschrift für Orientwissenschaft einen Aufsatz —, mit 23 Jahren wird er zum „Professeur pour l'lndianisme" an der „Ecole des Hautes Etudes" ernannt — an Stelle des Hauvette Besnault, der sich von seinem Posten zurückzog — und unter seinen Hörern befanden sich Männer wie der Kunsthistoriker und Archäologe F o u c h e r und M e i 11 e t, der später Levis bester Mitarbeiter wurde (namentlich bei der Rekonstruktion verschiedener Dialekte zentralasiatischer Sprachen). Mit 31 Jahren hat er bereits einen Lehrstuhl. für Sanskritförschung am College de France inne. 1890 erwarb er den-Doktortitel mit zwei Thesen: in französischer Sprache über „Das indische Theater" und in lateinischer Sprache über das Thema: „Quid de Graecis Veterum Indorum Monumenta Tradiderint", und in demselben Jahre erschien in der „Revue Bleue" seine Arbeit über „Bergaigne et l'lndianisme". Es war für Sylvain Levi ein sehr schwerer Schlag, als der von ihm hochverehrte Lehrer im Jahr vorher als Hochtourist den Tod in den Schweizer Bergen fand. Man machte übrigens Sylvain Levi, der nun mit ganzer Energie versuchte, das Werk von Bergaigne fortzusetzen, auch zu dessen Nachfolger als „President de la Societe Asiatique". 1897 bis 1898 hat Sylvain Levi dann selbst in einer Mission für die Sorbonne seine erste Reise nach dem Nepal, Indien, Japan und Indo-China unternommen und mit Hilfe des Generalgouverneurs von Kotschinchina seine Lieblingsidee, eine französische Hochschule für Ostasienkunde zu gründen, in Saigon verwirklichen können.' 1898, nach seiner Rückkehr nach Frankreich, erschien seine „Doctrine du Sacrifice dans les Brahmanes" und die „Ecole des Hautes Etudes" ernannte ihn zu ihrem Direktor — später zu ihrem President de Section. Sylvain Levi las über Vedanta Sara und Uttara- Charita, hielt ein Seminar über die Piyadasi-Inschriften ab, organisierte außerdem eine Seminarklasse für das systematische Studium des Chinesischen und Tibetanischen an Sanskrit- und Pali-Texten unter der Leitung von Specht. Seiner gemeinsamen Arbeit mit dem Sinologen Edouard Chavannes entspringt ein Aufsatz über sino-indische Kuitur, und somit verkörpert auch Sylvain Levi jenen Zweig-der Wissenschaft, den die Franzosen uliein repräsentieren: das vergleichende Studium der beiden ältesten noch erhaltenen Kulturen Asiens. Wenn man Sylvain Levis Bibliographie zur Hand nimmt, so sieht man mit Staunen, daß es überhaupt kaum ein Spezialgebiet der Indologie gibt, auf dem er nicht Spuren seiner Forschung hinterlassen hätte: sei es das Ritual der Veden, seien es die Dharmapadatexte, in denen sich der indische Geist außerhalb Indiens dokumentiert, oder das Studium der Ergebnisse der Pelliot- Mission, für das er 1910 ein besonderes kleines Seminar gründete. Nachdem er zwischendurch auch einmal in das „Land seiner Väter" gegangen war (Sylvain Levi stammt von elsässischen Eltern ab) und eineinhalb Semester am orientalischen Seminar in Straßburg gelesen hatte, folgte er 1921 einem Rufe des Rabindranath Tagore an seine Siedlung Santinikethan-Visvhabarati. wo er während eineinhalb Jahren Kurse hielt und bei seinem großen indischen Freund selbst die bengalische Sprache erlernte. 1926 begibt sich Sylvain Levi wieder auf eine lange Reise nach Japan, wo er das frankojapanische Institut gründet, nach Java. Bali und dem Nepal, wo er allein vier Monate bleibt und unter größten physischen und geistigen Anstrengungen seine Forschungen fortsetzt. In diesem Lande, das sonst den Fremden völlig verschlossen bleibt, genießt Sylvain Levi großzügigste Gastfreundschaft, sogar die Protektion des Maharadscha und erwirbt sich die Zuneigung vieler Einwohner. 1905 bis 1908 erscheinen drei große Bände über den Nepal (Annafes du Musee Guimet). Die phänomenale Schaffenskraft und Produktivität, welche Sylvain Levi sein ganzes Leben :Iang eigen waren, sind auch dem Siebzigjährigen noch. geblieben. Auch dem letzten Jahrzehnt entstammen bedeutsame Arbeiten, wie L'Inde et le Monde (1928). L'Indochina (1931), Le Systeme de la Philosophie Bouddaique (1932), Aux Indes Sanctuaires (1934). Fragments de Textes Koutcheens "(1934). Noch Anfang Oktober nahm Professor Levi am Internationalen Orientalistenkongreß in Rom teil, wo er in der feierlichen Eröffnungssitzung im Namen sämtlicher ausländischer Delegierten eine Ansprache, hielt. Bei .dieser Gelegenheit wurde, er neben den anderen jüdischen Kongreßdelegierten vom Papst Pius XI. in Privataudienz empfangen. Sylvain Levi hat sich von jeher sehr für die Judentrage eingesetzt. Seit 1898 war er Mitglied des Comite de l'Alliance Israelite Universelle, seit 1920 ihr Präsident. Er leitete diese interterritoriale jüdische Hilfsorganisation tatkräftig und schritt immer ein, wo Juden Unrecht geschah. Bei der Friedenskonferenz von Versailles war er als Vertreter der französischen Juden vorgeladen, um über deren Verhältnis zu Palästina Auskunft zu geben. Nach Sokolow, Weizmann und Ussischkin, die den zionistischen Standpunkt vertraten, wuFde Silvain Levi einvernommen. Er erklärte, daß die französischen Juden und die weitaus überwiegende Majorität der Welt-Judenheit den politischen Zionismus ablehnen. Ohne also im entferntesten Zionist zu sein, ging er doch im Jahre 1918 auf je fünf Monate mit der zionistischen Mission nach Palästina und nach den Vereinigten Staaten, um das Judenproblem zu studieren. Ein Mann von Herz und Hingabe hat er unzähligen jungen Menschen dazu verholfen, ihr Studium zu ermöglichen. Und ihm ist auch hauptsächlich die Begründung des Hilfskomitees der jüdischen Wissenschaftler im Jahre 1933 zu verdanken. Vielen deutschen Universitätsprofessoren, die ihr Amt verloren hatten, verschaffte er einen Platz an ausländischen Universitäten. Größte Freundschaft verband Sylvain Levi seit Jahrzehnten mit dem Großrabbiner von Frankreich Israel Levi. Zum 70. Geburtstag widmet er ihm eine Arbeit „Les Problemes indohebreiques". (Revue des Etudes juives 1926). 1918 erschien sein Aufsatz „La Renaissance Juive ä Judee". Eine bezaubernde Bescheidenheit zeichnete diesen kleinen und doch so großen Mann aus. Koryphäe europäischer Wissenschaft, in Indien wie ein Gott verehrt, von allen Schülern dankbar gelütt SelAMti-lUiit m WIEN II.. Pralerslraße 33 \Wbß Teiepnon n 47-4-49 | ^Hja Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten. Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. liebt und in den verschiedensten Pariser Kreisen — bis zum hohen Militär hinauf — eine große Rolle spielend, hat er nie seinen fast rührenden Habitus abgelegt, weder in der Kleidung, in der äußeren Lebensführung, noch in seiner menschlichen Haltung. Niemals hätte er eines seiner vielen Abzeichen, nicht einmal das Bändchen der Ehrenlegion getragen, keiner vermochte ihn je zu beeinflussen, für die Academie zu kandidieren, weil er die dazu notwendigen Schritte verabscheute. Und aus Geselligkeit und Großstadtgetriebe zog sich Sylvain Levi nur allzu gern in •seine behagliche Häuslichkeit nahe des Jardin des Prantes zurück, die trotz des sehr pariserischen Rahmens, durch die von seinen Reisen mit heimgebrachten wunderschönen Bronze- und Steinplastiken, die Wandteppiche, die langen Reihen östlicher Literatur, vor allem aber durch die Atmosphäre friedlicher Stille und geistiger Versunkenheit förmlich wie eine Ostasien-Enklave anmutete. Hier ist er auch gestorben. Ehrung gefallener jüdischer Helden. Sonntag vormittags wurde im Tempel in der Seitenstettengasse eine Votrvtafel für die im Weltkrieg gefallenen jüdischen Otfiziere und Soldaten des ersten Bezirkes enthüllt. Die Tafel ist von der Bezirksgruppe I des Bundes jüdischer Frontsoldaten gewidmet worden. Zu der Feier waren neben den führenden Persönlichkeiten der Wiener Judenschaft Vertreter militärischer und ziviler Behörden, der Vaterländischen Front, des Heimatschutzes, der christlichdeutschen Turner, des Freiheitsbundes, der Ostmärkischen Sturmscharen und des Ringes österreichischer Soldaten erschienen. Nach einer Begrüßungsansprache des Regimentsarztes d. R. Dr. E h r e n t e i 1 und dem von Oberkantor M. Matyas und Chor herrlich vorgetragenen „Ma tauWu'" ergriff Oberrabbiner Dr. Feuchtwang das Wort. Er wies auf die Opfer hin. die von Juden, für ihr Vaterland gebracht worden sind, und sagte in diesem Zusammenhang: „Wer heldenmütigen Soldaten, die ihr Wien lM Seitenstettengasse 2 XI., Zantralfrledhof neben dem L Tor _ _ Samstag yPMcfalonson [ Leben für das Vaterland hingegeben haben, die Erinnerung und die Gerechtigkeit versagt und deren Namen aus den Ehrentafeln streicht, begeht ein Verbrechen am Vaterland, an der Religion und an der menschlichen Gesittung. Nicht ungeahndet kann solch ein Frevel, begangen von wahnwitziget! Kulturschändern, bleiben. Die Gedenktafel und die daraui eingegrabenen Namen sind Zeugen für uns Juden und gegen alle Verleumder und Ankläger." Nach der Verrichtung der Trauergebete iührte der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, Staatsrat Dr. Desider Friedmann, u. a. aus: „Wer unsere jüdische Lehre, unsere Gebräuche, die innige Anhänglichkeit an unsere Toten kennt, der weiß, daß wir nicht genug Dank denen bezeugen können, die ihre Seelen ausgehaucht haben, die ihr Leben in höchstem und edelstem Patriotismus geopfert haben." Der Bezirksführer des ersten Bezirkes, Hauptmann d. R. Dr. H o r o w i t z, verlas hierauf die 120 Namen der gefallenen Soldaten und Offiziere, die auf der Gedenktafel verzeichnet sind. Dann sprach Bundesführer Hauptmann Friedmann der unter anderem ausführte: „Die Namen unserer toten Helden sollen der Mit- und Nachwelt erhalten werden. Sie haben getreu ihrem Eid gekämpit, sie sind getreu ihrem Eid gefallen. Ich erfülle eine heilige Pflicht im Sinne und im Andenken an unsere Gefallenen, wenn ich gegen alles flammenden Protest erhebe, was uns Juden diffamiert, was Juden ungerechterweise angelastet wird und was Juden zu Menschen minderer Rasse und minderen Rechtes machen will." Sprengstoffanschlag auf eine Synagoge in Lemberg. Unbekannte Täter haben in der alten Synagoge in der Szajnachygasse in Lemberg eine Bombe zur Explosion gebracht. Die Synagoge wurde vollständig demoliert. Da sich zufälligerweise niemand in der Synagoge befand, sind die Folgen des Anschlags glücklicherweise auf den Sachschaden beschränkt geblieben. Die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet. Gegen den Weltkongreß. Wie wenig Anklang der Gedanke eines Weltkongresses beim westlichen Judentum findet, beweist folgende Amsterdamer JTA.-Meklung: Die Jahresversammlung des Amsterdamer Zweiges der Alliance Israelite Universelle ließ nach eingehender Diskussion den Antrag auf Einberufung eines Weltkongresses zur Bekämpfung des Antisemitismus durch die Alliance fallen, beschloß aber, sich an das Zentralkomitee der Alliance in Paris mit der Frage zu wenden, ob dieses es als wünschenswert erachtet, eine Beratung von Vertretern aller Zweige der Alliance in den verschiedenen Ländern über Maßnahmen zur Bekämpfung des Antisemitismus einzuberufen. Schließlich wurde ein Antrag angenommen, den Plan einer W e 11 p e t i t i on gegen den Antisemitismus auszuarbeiten. Semeindedkwomk. 500 Delegierte der Knessio Gedaulo. Zvi dem dritten Weltkongreß der Agudas Jisroel (Knessio Gedaulo), der wahrscheinlich im Jerusalem und spätestens Anfang Frühjahr 1936 stattfinden wird, werden 500 Delegierte und etwa 1000 Gäste erwartet. Frankfurt a. M. Dr. Salomon Ehr mann in Frankfurt a. M., einer der Führer der Agudali Orthodoxie, ist in diesen Tagen 50 Jahre alt geworden. Der Jubilar spielt im deutschen gesetzestreuen Judentum und weit darüber hinaus eine hervorragende Rolle. Er betreut die freie Vereinigung iür die Interessen des orthodoxen Judentums und arbeitet an erster Stelle in den zentralen Instanzen der Agudas Jisroel mit. Im besonderen Maße widmet er sich der Palästina-Arbeit, für die er als Instrument des orthodoxen Judentums den K e r e n Hajischuw (Palästinazentrale) geschaffen und mehrere Jahre geleitet hat. Im Centraiverein der Juden in Deutschland und im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten spielt er eine beachtenswerte Rolle. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur leitete am 28. v. M. sein heuriges Vortragsjahr mit einer Würdigung des kürzlich verstorbenen Oberrabbiners der aschkenasischen Gemeinden Palästinas, Rabbi Abraham Jizschak Kuk, durch den Wiener Oberrabbiner Dr. David Feucht wang, Ehrenpräsidenten des genannten Vereines, ein. Das den Saal bis aufs letzte Plätzchen füllende Publikum vernahm zunächst aus dem durch den Vizepräsidenten des in Wien noch viel zu wenig bekannten Vereines, Herrn Rabbiner Dr. M. Rosen mann, eingeleiteten anregenden