Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 45 (8.11.1935)
- Date
- 1935-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die Wahrheit In Deutschland verboten •rboten 1 I mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkasser konte Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 8. November 1935 Nummer 45 Häuserverwaltungen sbnsal A 48-9-22 Reparaturkredite Vermittlungen R. TAUBPIANN Zinsvorschfisse Geldbeschaffungen Wien, II. Bezirk, NordpolstraB« 2/3 kulantest Minister a. D. Dr. Czermak über die Juden frage. In unserer letzten Nummer haben wir uns mit einer Rede beschäftigt, die Dr. Czermak kürzlich vor den christlich-deutschen Turnern Wiens ehalten hat, und unsere Stellungnahme zu seinen Yerhandlungswünschen klar gekennzeichnet. Wenn wir heute neuerdings darauf zurückkommen, so geschieht dies, weil Herr Dr. Czermak in einer Unterredung mit einem Mitarbeiter des Wiener Montagsblattes „Der Morgen" ein wenig den Schleier lüftet und in groben Umrissen andeutet, was er unter „Ordnung in der Judenfrage" verstanden haben will. Was er sagt, zeigt den alten Dr. Czermak, jenen Dr. Czermak, .der,, unseren Hochschulen die seither selig ..entschlafene Studentenschaftsordnuhg zu bescheren versucht hat, die noch „betont national-deutsch" und nicht christlich-deutsch tendierte, jenen Dr. Czermak, der vor nun gerade zwei Jahren seine Erkenntnisse alis dem Studium des Judenproblems in einer Broschüre der aufhorchenden Welt kundtat. ' . Der alte Dr. Czermak .: und doch nicht anz der alte! "Denn auch er scheint, wie viele andere der Seinen, in seinen Anschauungen, zumindest aber in seinen Aeußerungen und Formulierungen, ein klein wenig durch die Erfahrungen beeinflußt worden zu sein, die ihm und den Gleichgesinnten die Vorgänge im Deutschen Reich und deren Ausstrahlungen auf Oesterreich vermittelt haben. In seiner Broschüre „Ordnung in der Judenfrage" hantierte er noch mit der Terminologie von Gast-, und Wirtsvolk, sprach er noch von der Unbilligkeit und Unnahbarkeit der „sinnlosen Aufregung, die einen Teil unserer jüdischen Mitbürger erfüllt, die um jeden Preis die Positionen auf dem wirtschaftlichen und geistigen Gebiet halten wollen, die ihnen vormals nahezu kampflos zugefallen sind." Da. meinte er noch, es sei „würdelos, sich an diesen Besitz zu klammern, wenn er einem von Rechts wegen nicht gebührt". Da prägte er noch Sätze, wie die folgenden: „Die Juden werden auf die Doppelrolle verzichten müssen, die sie so gerne spielen und aus der ihnen unberechtigterweise Vorteile erwachsen. Sie werden uns in Hinkunft in einigen Belangen unter uns lassen müssen. In wirtschaftlichen Fragen wird eine wohl überlegte Grenze zu ziehen sein. In unserer nationalen Kultur sollen *sie riierft anders denn als Gäste^, sprechen dürfen . . . Die Zulassung der Juden Zum vaterländischen Bekenntnis bedeutet keinerlei Lösung der Judenfräge . . . Wir verlangen von den Juden nur Loyalität gegen unseren Staat, führen wollen wir ihn schon selber. Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß das Judentum, dessen Nationalbewußtsein wir gestärkt haben wollen, seihe richtige Heimat doch in Palästina hat, daher nur einen Teil seiner Liebe, diese. Liebe nur bis zu gewissen Grenzen, dem Gastland schenken kann und darf. Ohne die volle Hingabe an das Vaterland und ausschließlich an dieses Vaterland, kann das Judentum ihm nicht richtig dienen. Seine Gefühle, seine Einstellung zu unserem Volk, zu unserem Vaterland sind doch anders als die unseren." , Es scheint denn doch, daß man nur durch eigene Erfahrungen klüger zu werden vermag. Ein wenig hat also auch Dr. Czermak umgelernt. Diesmal verzichtet er bereits auf beschämende Aus-; drücke wie Gast- und Wirtsvolk und spricht von dem gemeinsamen „Nenner", unter dem unterschiedslos alle Bürger des Staates zu subsummieren seien. Denn „an so etwas wie die Scheidung von Staatsbürgern und Staatsangehörigen denken wir nicht". Dr. Czermak schwingt sich sogar, was die wirtschaftliche-Betätigung der Juden und den Berufsumschichtungsprozeß anfängt, zu folgender Formulierung auf: „Wenn die Juden Plätze zu räumen haben, Müssen sie natürlich Plätze bekommen." Ja, er bringt sogar erfreulicherweise Verständnis auf für die Gründe der seelischen Verbundenheit der Juden der ganzen Welt und des engeren Zusammengehörigkeitsgefühls der Juden im Staate, eine Verbundenheit, für die er eine Parallele in seiner eigenen engsten Verbundenheit mit der katholischen Weltreligion erblickt. Rasiere Dich gut und 01111a Oeslerreiciilsdics OuailtatsraDrlkal Ueberau erhältlich Diese Feststellungen dürfen aber darüber nicht hinwegtäuschen, daß sich an der w e s e n 11 i c h e n Grundeinstellung des Dr. Czermak seit den letzten zwei Jahren nichts geändert hat. Nach wie vor huldigt er der nationaljüdischen Volkstnmsideologie, begeistert er sich im besonderen für die „einzig befähigte" Partei der Revisionisten, die, wie er in seiner Broschüre erklärte, „kein anderes Vaterland als Palästina, keine andere Zukunft als den Judenstaät kennt", verwirft er die „den Juden liebgewordene, aber nur scheinbar kostbare Errungenschaften der Emanzipation" und im besonderen die Assimilation, fordert er ein Minderheitsrecht sui «eneris, ein von dem allgemeinen, völkerrechtlich anerkannten Mmderhertenrecht unterschiedliches Sonderrecht, „das der spezifischen Situation der Juden gerecht wird und das insbesondere die wirtschaftliche und soziale Eingliederung der Juden in das Gastvolk (soll heißen: Wirtsvolk) so regelt. Oesterreicher! Angesichts des nahenden Winters rufe ich euch neuerdings zum Kampfe gegen Hunger und Kälte auf. Der Winter erhöht die Arbeitslosigkeit und vermehrt die Not und die Leiden der Arbeitslosen. Für sie und ihre Familen zu sorgen» ist unsere heiligste Pflicht. Darum richte ich an alle Männer und Frauen, an jung und alt, die dringende Bitte: Gedenket der Winterhilfe! Helft den Bedürftigen, wo immer ihr könnt und soviel ihr könnt. Jede Gabe ist willkommen. Nehmt euch vor allem der armen Kinder anl Erweckt und nährt m ihren zarten Herzen den Glauben an die Hilfsbereitschaft der Mitmenschen. Den unausgesetzten Bemühungen der Bundesregierung ist es in den vergangenen Monaten gelungen, für viele Arbeit und Verdienst zu schaffen. Gleichwohl warten noch viele arbeitslose Familienväter und Jugendliche daraui, daß sich auch ihnen das Tor zur Arbeitsstätte öffnet Ihnen wollen wir helfen und im Sinne der Volksgemeinschaft jedem beistehen, der unserer Hilfe bedarf. Die Bundesregierung hat sich bereits mit 3X- M i11ionen Schi11ing an die Spitze der Widmungen für die WinterhilSe gestellt und sie erwartet, daß auch die breitesten Schichten der Bevölkerung wieder namhafte Opfer bringen und freiwillig reichliche Gaben an Geld, Lebensmitteln, ' Bekleidungsgegenständen und Heizmaterialien spenden werden. :;i Allen, die im vergangenen Winter'meinem Rufe Folge geleistet und zu dem schönen Ergebnis 'der Winterhilfe beigetragen haben, sage ich h e r zIi ch en. D a n k. Mit ihren Gaben konnte viel Not und Elend gemildert werden.^ Manche 'sind noch abseits geblieben, sie haben den Hilierut bisher unbeachtet gelassen. Diesen ' Säumigen rufe ich zu: Besinnt auch ihr euch! Erfüllet endlich eure Pflichten gegen Volk und Vaterland! Soll das große Werk der Winterhilfe gelingen und wieder der so Ott bewährten Hilfsbereitschaft der Bevölkerung Oesterreichs würdig sein; müssen alle nach besten Kräften beitragen. Wien, »m Oktober 19(35. Der Bundeskanzler: . i Schuschnigg m. p. Die »Union österreichischer Juden" fordert alle ihre Mitglieder und Freunde aui, sich an dem großen Werk der Winterhilfe nach besten Kräften zu beteiligen.