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Die Wahrheit · 1935-11-01 · Heft 44 (1.11.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 44 (1.11.1935)
Date
1935-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dfeser^Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag „JlBIMifln«^ 1111,111111111111,1111111111111 1 muummammmummummmmummumam Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon B 46-2-16 — Postsparhasser honte Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 1. November 1935 Nummer 44 OE»TIKJ£R M. SCHACHTER II., GlOffiengasse 25 Genaueste Ausführung von Rezepten «Große Auswahl an modernen Fassungen* Samstag geschlossen Bei BTufune auf dieses Blati 7, Prozent Rabatt!__' £ei€hen$€händuni> als Weltans&auung. Auf dem alten Judenfriedhoi von Währ inj? sind Grabsteine umgeworfen und beschädigt worden. Die Täter haben an Ort und Stelle ihre Visitkarte hinterlassen: Man fand dort verstreute Hakenkreuze. Das war überflüssig. Die Schändung jüdischer Friedhöfe ist längst als der prägnanteste Ausdruck jener Geistes- und Gemütsverfassung sprichwörtlich, die für das Herrentum nationalsozialistischer Prägung bezeichnend ist. Der Judenhaß ist keine neue Erfindung. Er hat in allen Jahrhunderten beklagenswerte Opfer gefordert. Aber diese Opfer unter den Toten zu suchen, ist eine Eingebung des Hakenkreuz-Ingeniums, seine charakteristischeste Offenbarung und die treffendste Selbstdeklarierung seiner Moral und der von dieser entfesselten psychischen Dynamik. Ueber 200 Schändungen jüdischer Friedhöfe kennzeichneten den Siegeslauf der nationalsozialistischen Volks- und Jugenderziehung, als Hitler zur Macht kam. Seither ist diese Art „heroischer'" Betätigung im Dritten Reiche etwas abgeflaut. Seitdem der Kampf gegen lebende Juden dank Hitlers drakonischen Verboten, sich gegen Angriffe von Braunhemden zur Wehre zu setzen, ebenso ungefährlich geworden ist wie der gegen tote, hat dieser letztere an Anziehungskraft auf die jugendlichen Gemüter viel verloren. Statt im schützenden, aber immerhin unheimlichen Dunkel der Nacht auf Friedhöfen Unfug zu treiben, ist es entschieden amüsanter, am hellichten Tage Kunden vom Betreten jüdischer Geschäfte abzuhalten und das Gaudium, Männer und Frauen mit inngehängten Tafeln, die sie als Rassenschänder brandmarken, johlend durch die Straßen zu begleiten, ist überhaupt nicht mehr zu überbieten. Die Rätsel des Lebens siegen über die Romantik der Gräberstätten. Die reichsdeutsche nationalsozialistische Frauenzeitschrift „Deutsche Kämpferin" erhebt folgende Klage: „Es wäre ernsthaft darüber nachzudenken, ob die jugendliche Seele nicht tiefgehenden Schädigung ausgesetzt wird durch allzu brutale auf allen Straßen dargebotene Bild- und Wortdarstellungen von Sexualverbrechen und aller Art von untermenschlichen Scheußlichkeiten. Man kann solche Aushänge fast ständig von Kindern jeden Alters umlagert sehen und sie dazu «sich äußern hören: „Ich möchte bloß wissen, was ein Lustmord ist", oder: „Weißt du, was Rassenschänder tun?", oder: „Wie machen sie das, wenn sie Mädchen ausbeuten?", oder: „Was ist eigentlich Notzucht?" Herr Streicher wird sich beeilen, diese versuchte Störung seines Geschäfts durch die ^iiraimiiiM^ VERWALTUNGEN SÄTZE - HYPOTHEKEN^! . . . . ..—,— WC 1^ a'i ii—r— JfA Rasiere Didi gut und Dillig > KAUFE - VE KÄUFE Vfr, 1? SZILAGYI BEB. AQT. SEISAL IX., ROTENLÖWENG. 3 TEL. A 10-5-69 '"IBuail'Bim'imSWB^ „Deutsche Kämpferin'* als „reaktionären Mangel an Einiüblungisfähigkeit in die kulturellen Bedürfnisse des Dritten Reiches" mit gewohnter Energie zurückzuweisen. Der ..Wissensdurst" der Kinder, der die Mitarbeiterinnen der nationalsozialistischen Frauenzeitung erschreckt, ist für den Herausgeber des „Stürmer" ein rechter Seelentrost. Er ist nicht umsonst Lehrer gewesen: Er kennt die Kinderseelc und weiß, daß er es der Weckung und Befriedigung gerade jenes Wissensdurstes, der der „Deutschen Kämpferin" ernste Besorgnisse einflößt, zu verdanken hat, daß sein Blatt nunmehr eine Auflage von 4S6.000 Exemplaren erreicht hat. Ist es angesichts solcher Erfolge ein Wunder, daß Herrn Streicher mächtig der Kamm schwillt und er in seiner letzten „Stürmer"-Nummer an die Nationalsozialisten den Appell richtet, sich mit den Nürnberger Judengesetzen nicht zufrieden zu geben, sondern ihm bei der Organisierung einer neuen antijüdischen Offensive zu helfen? Der Appell wird sicherlich nicht ungehört verhallen, denn man erinnert sich in den Parteikreisen dankbar der Hilfe, die Streicher seinerseits den alten antijüdischen Offensiven geleistet hat, auch als diese sich noch mit Vorliebe gegen die jüdischen Gräber austobten, weil sich die lebenden Juden damals noch wehren durften. Als die überhandnehmenden Schändungen jüdischer Friedhöfe den nationalsozialistischen Führern auch in solchen Kreisen, die sich ihrer Agitation sonst zugänglich zeigten, übelgenommen wurde, hat Streicher zur Entlastung der Partei verkündet, daß es die Juden selbst sind, die die Gräber ihrer Glaubensgenossen schänden, um die Hakenkreuzler in üblen Verdacht zu bringen. Gierig bemächtigten sich die Nazi- Führer dieser genialen Rettungsparole und setzten ihrerseits Prämien zur Ergreifung der Täter aus, eine Praxis, die sie auch jetzt noch beibehalten haben, weil sie dabei nichts riskieren, denn die Prämien sind noch niemals fällig geworden. Aber naive Gemüter werden sich dadurch vielleicht den Glauben suggerieren lassen, daß die Nazi-Partei als solche und besonders die Führer geistig und physisch den Leichenschändungen fernstehen. Dieser Glaube ist jetzt durch den Erlaß des Propagandaministers Dr. Goebbels, die Namen der jüdischen Kriegsgefallenen aus den Heldengedenktafeln auszumerzen, bös. erschüttert worden. Dieser Erlaß hat in der ganzen Welt den peinlichsten Eindruck gemacht; dies um so mehr, als der Minister, der den Erlaß herausgab (Dr. Goebbels) und der Minister, dem die Durchführung anvertraut ist (Dr. Frick), beide nicht im Kriege gewesen sind. Im „Neuen Wiener Tagblatt" gab Feldmars c h a 11 e u t n a n t Franz Ritter Weihs- T i h a n y i von M a i n p r u, g g. im Weltkrieg Kommandant der 47. Infanterie-Truppendivision, der Empörung Ausdruck, die der Nazi-Krieg gegen tote Helden in einem österreichischen Offizier auslösen muß: „Ich muß gestehen, schon lange hat mein Soldatenherz nichts so tief aufgewühlt, wie die Nachricht, daß die Namen deutscher Soldaten, OesterrelcMsclic* Quamais f aöriKai Ueberau erhältlich die für ihr Vaterland den Heldentod erlitten haben, aus den Erinnerungstafeln gestrichen werden, wenn sie jüdischen Glaubens waren. Als wahrer Katholik jeder Unduldsamkeit fremd, als österreichischer Oiiizier, einer alten katholischen österreichischen Soldateniamilie entstammend und erfüllt von altösterreichischem ritterlichem Soldatengeiste, stehe ich entrüstet vor einer derartigen unfaßbaren ethischen Entgleisung. Wie kann man sich so weit verirren, daß man sogar die Pietät gegenüber Soldaten, die ihr Leben für das eigene Vaterland hingaben, schändet! Ich kann es nicht glauben, daß der Vater dieses schmachvollen Gedankens an der Seite dieser verstoßenen Kriegskameraden gekämpft und miterlebt habe, was diese toten Helden gelitten und geleistet haben. Sie haben den Soldatentod erlitten in Treue iür ihr Vaterland. Sie haben alles geopfert, was der Mensch geben kann. Es ist unfaßlich, daß man das Andenken an solche edle Märtyrer einfach löscht. So bin ich als österreichischer Offizier, in solidarischer Verbundenheit mit allen Soldaten, die bis zum Tode ihre Pflicht erfüllen, insbesondere iür die, die im Weltkriege gemeinsam mit uns kämpften, voll Abscheu Uber eine derartige Maßnahme, welche die Toten nochmals tötet, den Hinterbliebenen aber den letzten Trost, das dankbare Gedenken des geliebten Vaterlandes, nimmt und neuen Schmerz jäh aufwühlt. Unser alter österreichischer Soidatengeist muß fragen, wo ist da Moral, Gerechtigkeit, Treue, Dankbarkeit, Kameradschaft? Die Deutsche Reichswehr, die Erbin des alten, schönen, ritterlichen deutschen Heeres, hat das Wort!" In den Londoner „T i m e s" schrieb Lord C e c i I: „Solange die deutsche Regierung auf Taten solcher Art beharrt, ist es für Deutschland unmöglich, die Sympathien und den Respekt eines durchschnittlichen Briten wiederzugewinnen." Eine offizielle Stellungnahme der deutschen Reichswehr liegt bisher noch nicht vor. Bloß private Meldungen wollen wissen, daß das Kriegsministerium den Goebbels-Erlaß unwirksam gemacht hat. In Berliner Regierungskreisen herrscht — wie von dort gemeldet wird — Bestürzung darüber, daß der als geheim herausgegebene Erlaß so schnell in der Welt bekannt geworden ist. Anfangs versuchte man gegenüber den ausländischen Pressevertretern das Bestehen eines solchen Erlasses zu leugnen. \N aber bekannt wurde, daß infolge Indiskretion eines Beamten der genaue Wortlaut des Erlasses bereits in die Welt hinausging, gab man das Leugnen auf.

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