Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 42 (18.10.1935)
- Date
- 1935-10-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064596--20412-3085654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Nr. 42 — 18. Oktober 1935 DIE WAHRHEIT ,<*^ K * Del der Badier Sdwedenbrüdte! BDCnilANDUNG SCDNCIDEB&CO. Wien i., rranz Josels-Wal f Reichste Auswahl neuer Bücher bester Autoren von 20 g, 30 g und 50 g aufwärts Katalog gratis! ihre Zahl 52.235, im Jahre 1930 bloß 42.231 ausgemacht. In zehn Jahren hat also die Zahl der jüdischen Kinder in Budapest um rund 10.000 abgenommen. Sven Hedin und der jüdische Arzt. Zu Hedins bevorstehendem Wiener Vortrag. In diesem Sommer waren gerade fünfzig Jahre vergangen, seit Sven Hedin, der bekanntlich vor kurzem seinen siebzigsten Geburtstag feierte, zum ersten Maie in die Welt zog. Heiter hat er erzählt, wie das kam. Er hatte sein Abiturexamen bestanden, da fragte ihn der Rektor seiner Schule, ob er für sieben Monate mit einem jüngeren Mitschüler nach Baku am Kaspischen Meer gehen wolle, um den Knaben zu unterrichten. Sven Hedin nahm an. Aber weit wichtiger als das Lehren, das Ueberhören der Aufgaben, war ihm das Kennenlernen der fremden Welt, die ihn umgab. In dem Studenten erwachte der Wunsch, eine große Reise nach Persien zu unternehmen. Der Gedanke ließ ihn nicht los. Er bereitete sich durch Sparen, durch Lernen von Sprachen darauf vor: er eignete sich das Persische und in Gesprächen mit den Dorfbewohnern auch das Tatarische an. Da packte ihn eine schwere Krankheit, die alle Pläne zu vereiteln und das Leben Sven Hedins in ganz andere Bahnen zu lenken drohte. In dem gefährlichen Klima mit der unerträglichen Sommerhitze und der eisigen Winterkälte ward er von einem bösen Gelenksrheumatismus befallen. Mit geschwollenen Knien und furchtbaren Schmerzen lag er wochenlang im Bett Sein Zustand war so ernst, daß seine Mutter aus Schweden zu ihm kommen wollte. Da wurde ein Jude der Helfer, der dem Kranken die Gesundheit wiedergab. Schön hat Sven Hedin dies für seine Zukunft so bedeutungsvolle Erlebnis und die Gestalt seines Retters festgehalten: „Tag und Nacht wachte ein Arzt an meinem Bett und tat alles, um meine Schmerzen zu lindern. Dieser Arzt war ein alter polnischer Jude. Durch meine nächtlichen Fieberträume hindurch sali ich ihn im Zimmer umhergehen, still und schweigend, armselig gekleidet, ein Bild der Treue und Ergebenheit Und als er seine Aufgabe beendet hatte, weigerte er sich, eine Entschädigung für seine Mühe anzunehmen. Ich solle das Geld lieber den Armen geben, meinte er. Noch heute steht der Alte deutlich vor mir mit seinem gefurchten Antlitz, seiner großen krummen Nase und den lang herabbaumelnden Schraubenzieherlocken an den Ohren; ich sehe noch seinen langen Rock, der einst schwarz gewesen, nun aber an den Nähten grün geworden und voller Mottenlöcher war. Jetzt ist er, glaube ich, tot, mein alter Jude, aber er gehört zu denen, die ich nie vergessen werde." So berichtet Sven Hedin im Asienband seines Werkes „Von Pol zu Pol". In der Neubearbeitung des ausgezeichneten Jugendbuches, die der Verlag F. A. Brock haais kürzlich herausgab und die nicht von Sven Hedin selbst ausgeführt ist.hat das Bild des ärztlichen Helfers viel von der Deutlichkeit eingebüßt, mit der es der große Forscher gezeichnet hat. Statt: „dieser Arzt war ein alter polnischer Jude" steht in der neuen Bearbeitung: „dieser Arzt war ein alter Pole". Und die herzlichen Schlußworte Sven Hedins: „Jetzt ist er, glaube ich, tot mein alter Jude" sind gekürzt in: „Jetzt ist er, glaube ich, tot, der Alte." Was der Verleger im Dritten Reich noch nicht sagt, das ist, daß Sven Hedin durch seine Mutter jüdischer Abstammung, also ein „Nichtarier" ist. Einer seiner Ahnen war ein Jude namens Abraham Brody, der aus Deutschland nach Schweden auswanderte. Brauner Familiensinn. Vom Familienleben, dem der Nationalsozialismus nach der Aera liberalistisch-marxistischer Zersetzung bekanntlich zu neuer Ehre verholfen hat, zeugt ein Gerichtsurteil, Ende September von einem deutschen Gericht gefällt und in der deutschen Presse wiedergegeben. Das Amtsgericht Lörrach verurteiilte zu fünf Monaten Gefängnis einen Friseurmeister, der mit seinem Bruder und Konkurrenten verfeindet war und der, um dem brüderlichen Konkurrenten das Handwerk zu legen — was hier wörtlich zu nehmen ist —. auf folgendes zeitgemäße Mittel verfallen war:, er fett MvnHstm WIEN li.. Praferstraße SS Telepüra B 47-4-49 Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners uod andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. hatte behauptet, daß sein Bruder „Nicht¬ Arie r" sei — infolge eines rassenschänderischen Fehltritts der Mutter. Zu seinem Unglück konnte der biedere Friseur den Fehltritt, dessen Erfindung er wohl Arnolt Bronnen verdankt, nicht beweisen und wurde wegen Verletzung der Ehre seiner Mutter und seines Bruders bestraft. Handelsregister und Sabbathheiligung. Die Firma „Bücherstube M. Rath" ist — so schreibt die „Jüdische Presse" in ihrer letzten Nummer unter obigem Titel — im Handelsregister unter A 21/222 a mit den Gesellschaftern Abraham Moses Rath, dessen Gattin Amalie Rath und Regine Finkelstein eingetragen. Gelegentlich der Bestellung des Herrn Rath zum Direktor der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Wien haben die nichtzionistischen Kultusvorsteher neben anderen Gründen auch deshalb gegen die Bestellung opponiert, weil es nicht angehe, daß ein im Zentrum Wiens öffentlich den Sabbath entweihender Herr ein so gut besoldeter Funktionär der Gemeinde werde. Statt daß nun, wie der zionistische Vizepräsident der Kultusgemeinde seinerzeit versicherte, der Bewerber um die Stelle das Geschäft am Sabbath geschlossen oder es aufgegeben hätte, wurde von Herrn Rath der Versuch gemacht, den Chilul Schabbos durch das Handelsregister decken zu lassen. Im Mai 1935 hat er um Aenderung des Firmenwortlautes in „Bücherstube L ii 16 r a r i a" angesucht. Dieses A nsuchen wurde — da ja dem Handelsgericht die faktischen Beweggründe nicht bekannt und plausibel sein konnten — abgewiesen, weil die Bezeichnung „Literaria" für dieses Unternehmen sprachlich unrichtig ist und weil das Gesetz die Anführung zumindest eines Gesellschafters im Firmenwortlaut verlangt. Um doch den Herrn Abraham Moses Rath aus dem Firmenwordaut verl Oddeü Wien II./ Praterstraße 30 das Haus für elegante Wohnungseinrichtungen schwinden zu lassen, wurde die Firma nunmehr in „Bücherstube Rath! & Co." umgewandelt und die erfolgte Umwandlung in der „Wiener Zeitung" verlautbart. Wir sind sicher — so schließt die „Jüdische Presse" —, daß der zionistische Vizepräsident bei der nächsten Gelegenheit die Erklärung abgeben wird, daß der Bibliotheksdirektor sein Geschäft am Sabbath nicht mehr unter seinem Namen, sondern unter dem Namen „Rath" — ohne „M." — führen läßt, worunter seine Gattin verstanden ist. In der Thora ist nämlich ein Verbot, die Frau am Sabbath arbeiten zu lassen, nicht stipuliert. Die „Stimme" aus dem Grab. Die „S timm e" spricht wie „D er jüdische Weg" feststellt, in einem Nachruf auf einen dieser Tage verstorbenen alten, verdienstvollen Zionisten fortgesetzt von einem Jubilar. „Jubilar" ist nicht gleichbedeutend mit „Verblichenem"! Doch über die Leute, die in der „Stimme" ihren Beruf verfehlt haben, soll man sich nicht wundern. Bringen sie es doch zustande, TotealsRosch-Haschanah-Gratulant e n bei „Verwandten, Freunden und Bekannten" einzuführen. Unter genauer Adressenangabe des Verstorbenen, damit keine Verwechslung möglich ist Die Leser der „Stimme" sind eben treu bis über das Grab, auch als Neuiahrsgratulanten... Oesterreichische Anti-Nazi-Romane. Vizebürgermeister Ernst Karl Winter publiziert in der letzten Nummer der von ihm' herausgegebenen „W iener Politischen Blätter" folgende Voranzeige für zwei in den nächsten Wochen im Verlag dieser Zeitschrift, Gs u r & Co. (XVIII., Ladenburggasse 58) erscheinenden Romane, auf die wir schon heute die Aufmerksamkeit unserer Leser lenken wollen: Die beiden Romane, Hermynia Zur Mühlen, „Unsere Töchter, die Nazinen", und Walther Mehring, „Müller, Die Geschichte einer deutschen Sippe", liegen auf der antinationalsozialistischen Linie, für die IA\ AL'tmi Das sorgenlose Eink o mm en : j. die ALLG. RENTEN ANSTALT. WIEN;I.'GRABEN'20,':'!.t||;EKHON Ü-2K f. YO-,: wir immer das „Bündnis von rechts bis links gegen den' Nationalsozialismus" gefordert haben. Die Publikationenvon Thomas Murner gegen den Nationalsozialismus, die im Verlag Gsu r <£ Co. erschienen sind, haben schon vor der „Machtergreifung" Hitlers die politische Einheitsfront der Katholiken, Sozialisten und Konservativen gegen den Nationalsozialismus betätigt. Das Erscheinen der beiden erwähnten Romane im Verlag Gsur & Co. istneuerdings ein Ausdruck dieser Einheitsfront. Der Verlag Gsur <£ Co. hat bisher eine katholischkonservative Linie festgehalten. Die Verfasser der beiden Romane kommen aus dem sozialistischen Lager; sie sind überdies deutsche Emigranten. Diese Zusammenarbeit wird auf beiden Seiten, soweit sie die Notwendigkeit der Einheitsfront noch immer nicht begreifen, Anstoß erregen. Hermynia Zur Mühlen stammt aus einer alten österreichischen Adelsfamilie (ihr Großvater, Franz Graf Folliot de Crenneville war Generaladjutant des Kaisers Franz Joseph, Feldzeugmeister und Oberstkämmerer) und ist aus persönlichem Erlebnis zur sozialistischen Arbeiterbewegung gestoßen. Frau Zur Mühlen schrieb ihre früheren Romane in Deutschland, aber immer schon mit dem österreichischen- Einschlag, den sie nicht verleugnen kann. Nach Ausbruch des Nationalsozialismus ist sie nach Oesterreich heimgekehrt. Auch ihre Romane seither lassen diese Heimkehr erkennen. Der neue Roman ist ein antinationalsozialistisches und kein österreichisches Buch. Vielleicht wird Frau Zur Mühlen uns noch den österreichischen Roman schenken, der die notwendige Einheit konservativer und sozialistischer Denkweise darstellt, die sie selbst verkörpert. — Walther Mehring ist kein Oesterreicher; er ist ein aus Deutschland emigrierter sozialistischer Schriftsteller (aus der Familie des bekannten Marx- und Engels-Forschers Franz Mehring). Sein Roman ist noch weniger ein österreichisches und noch mehr ein ausschließlich antinationalsozialistisches Buch: eine Satire auf den Rassismus. In diesem Buch steht manches, das vielleicht etwas fremd klingt, das in Paris, wo Mehring mehr als ein Jahrzehnt gelebt hat, stärker beheimatet ist als in Wien. Wir werden dadurch auch manches Mißverständnis hervorrufen. Wir publizeren diesen satirischen Roman nicht, weil wir diese Waffe für die einzig richtige und mögliche halten, die gegen den Nationalsozialismus angewendet werden muß; noch viel wichtiger ist zweifellos die intellektuelle Auseinandersetzung, die allerdings bisher in Oesterreich noch nicht sehr weit fortgeschritten ist, der jedenfalls die bereits angekündigte neue Schrift von Thomas M u r n e r dienen wird. Daneben aber ist die satirische Auseinandersetzung, selbst wo sie vielleicht, was übrigens in ihrem Wesen liegt, das Maß verliert, nicht zu entbehren. Das neue Buch von Mehring ist ein köstlicher Beitrag zum Kampf gegen den Nationalsozialismus mit den Waffen des Witzes und des Spottes, den wir dem österreichischen Leserpublikum gerne vorlegen. Stammt er auch aus einer Denkweise, die der sozialistischen Leserschaft näher stehen dürfte als der katholischen oder konservativen, so schien es uns dennoch notwendig, diesem Roman eines geistvollen Hassers des Nationalsozialismus das Heimatrecht in Oesterreich zu gewähren: nicht nur weil es die Aufgabe Oesterreichs ist, eine Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus zustandezubringen, sondern auch, weil nur auf diesem Weg aus einem, dem das Heimatrecht gewährt wird, auch wenn er dem österreichischen Boden noch nicht ganz zugehörig ist, ein Oesterreicher und vielleicht selbst ein österreichischer Dichter werden kann. Wir wissen nicht, ob Mehring einmal einen österreichischen Roman schreiben wird, von der Kritik zum Aufbau sich wendend, — sicher ist, daß nur das Heimatrecht, das Oesterreich den deutschen Emigranten gewährt, ihren Haß gegen Deutschland in eine fruchtbare Kraft des europäischen Aufbaues verwandeln kann. Schaukel-Politik. In der „Wahrheit" wurde vor einiger Zeit von der mutigen Bemerkung berichtet, die Annette K o'l b in ihren jüngsit bei S. Fischer erschienenen Roman „Die S c h a u ke 1" hineingeschmuggelt hatte. Für „eine kleine Schar von Christen, die sich ihrer Dankesschuld dem Judentum gegenüber bewußt bleibt," hatte dfe Dichterin ini einer Fußnote den Tag gepriesen, an dem die Juden im geistigen Leben Deutschlands zu Einfluß gellangten. Herr Beermann, Samuel Fischers Schwiegersohn und Erbe, hatte die kühne Fußnote in Kauf nehmen müssen, weil die Dichterin auf dem unveränderten Abdruck bestand. Nachträglich erfahren wir, daß die Fußnote, die in der ersten Auflage der „Schaukel" auf Seite 176 veröffentlicht war, in der zweiten Auflage spurlos verschwunden ist. Herr Beer-