Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 31 (2.8.1935)
- Date
- 1935-08-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die Wahrheit In Deutschland verboten I mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 2. August 1935 Nummer 31 Ein ernstes Wort in ernster Zeit Von Reichsratsabgeordneten Sandor Pal, Budapest Basiere DUH gut und billig Wegen eines Berichtes über eine in der Generalversammlung der Budapester Kultusgemeinde abgeführte Debatte wurde der Herausgeber des „EsyenlösSg" von den ungarischen Jüdischnationalen heftig angegriffen. Der bekannte ungarische Reichsratsabgeordnete Sandor Päl rechnet in einem Offenen Brief an den angegriffenen Publizisten Dr. Szabolczi mit den Methoden der Jüdischnationalen ab. Es ist in mir, lieber Freund, die Frag! aufgetaucht, kann und darf man mit Gegnern streiten, die mit vergifteten Waffen kämpfen und die ungarischen Juden auf Abwege bringen wollen, um sich Ansehen vor gewissen ausländischen Kreisen zu verschaffen? Kann man nicht auf ehrliche undi anständige Weise zionistische Politik machen? Ich bitte Dich, polemisiere nicht mit ihnen, kümmere Dich nicht um ihre Angriffe, der Schmutz fällt auf sie selbst zurück. Auch im Interesse unserer ganzen Gemeinschaft würde ich es nicht für ratsam halten, wenn wir weiter mit ihnen polemisieren wollten. Du mußt den Fehdehandschuh nicht aufnehmen, denn wenn Du in Deinem weitverbreiteten Blatte der Oeffentlichkeit Kenntnis gibst von den verschiedenen jüdischnationalen Bestrebungen, dann wird die ganze Gemeinschaft von ihnen Notiz nehmen. So aber sind sie auf ihre bescheidene Zahl angewiesen. Solche Verleumdungen dienen ihnen ja nur dazu, um mit ihren Meinungen, Bestrebungen und tausendmal abgedroschenen Phrasen in die Oeffentlichkeit zu dringen. Unser Präsident Hofrat Stern hat in der Generalversammlung eine große Wahrheit gesagt, als er feststellte, daß Theodor Herzl schon längst einen Gedenkstein in Budapest haben würde, wenn die Jüdischnationalen nicht selbst mit ihrer Agitation dies unmöglich gemacht hätten. Eine goldene Wahrheit! Das fortwährende Streiten läßt sie nicht ruhen, mit aller Gewalt wollen sie Märtyrer sein, besonders vor dem Auslande wollen sie als solche gelten. Wir müssen achtgeben und ihnen keine Möglichkeit bieten, daß sie dies erreichen, und ihnen gleichzeitig die Gelegenheit nehmen, daß sie unsere Gemeindesitzungeu als Podium für ihre jüdischnationale Propaganda benützen. Im Gegenteil, unsere Gemeinde ist uns zu wertvoll, als daß wir dies fördern könnten. Eine klare Lage muß mit energischer Hand, so wie dies die Orthodoxie gemacht hat, geschaffen werden, um die ungarischen Juden auch nur vor dem Schein zu bewahren, als ob wir nach Palästina gravitieren wollen. Der Präsident der Jüdischnationalen beruft sich umsonst auf Deutschland. Umsonst droht er uns, daß auch wir auf Palästina angewiesen sein werden. Auch zu uns könnte ein Hitler kommen! Diese Behauptung steht im Gegensatz zu der Wahrheit, denn wahr ist vielmehr, daß meist nur die wohlhabenden deutschen Juden ihre Heimat verlassen konnten,- die Armen aber noch weiter die Schrecknisse erleiden^ müssen. Diese finden keine neue Heimat in Palästina und auch anderswo nicht! Man kann nicht so viele Menschen mit Leichtigkeit expatriieren. Außerdem ist zu bedenken, daß in Ungarn die Juden nicht ein Hundertstel der Bevölkerung ausmachen wie in Deutschland, sondern 6 Prozent. Bei uns sind überdies Juden und Christen zu stark untereinander vermengt, als daß der Antisemitismus Triumphe feiern könnte. In unserem kleinen Lande ist man auf jeden Ungarn angewiesen. Ich spreche gar nicht von dem Freudengeschrei, das bei unseren Feinden und in gewissen Kreisen der Entente ausbrechen würde, wenn bei uns in auffallender Form der politische Antisemitismus auftreten würde. Es ist schon traurig genug, daß wir unsere ganze Kraft gegen eine andere Art des Hasses anspannen müssen, gegen den wirtschaftlichen Antisemitismus. Doch wir haben schon Schwereres ausgehalten, trotzdem sind wir unserem Vaterlande treu geblieben, mindestens so wie jede andere Glaubensgemeinschaft. Jetzt aber beurteilen v/ir einmal die palästinensische Frage kalt und objektiv^ Versuchen wir die Probleme In den Hintergrund zu stellen, die die Schlagworte der Propaganda beinhalten, die Lügen der Irreführer und Parteiführer (lies Stimmenwerber). Was ist die Wahrheit? Nehmen wir an, Palästina würde wirklich ein jüdisches Land werden, die Araber würden sich mit dieser Lösung abfinden und die jüdische Vorherrschaft annehmen, auch die ausländischen Mächte würden diesen Staat anerkennen. Aber was wird dann mit jenen Juden geschehen, die weiter in den verschiedenen Staaten leben? Werden sie palästinensische Staatsbürger? Oder was wird mit mir und meinesgleichen geschehen, die wir wie die große Majorität der ungarischen Juden nicht palästinensische Staatsbürger und Untertanen sein wollen, weil wir uns mit jeder Faser als Ungarn bekennen? Ich kenne keinen Katholiken-, Protestanten¬ oder Hindustaat auf Grund der Religion. Sogar Tibet ist ein auf verschiedenen Religionsgemeinschaften aufgebauter Staat. Oder können wir uns Deutschland als einen auf die Wotan-Glaubensgemeinschaft allein aufgebauten Staat vorstellen? Aber was für unfruchtbare Grübeleien sind dies. Palästina wird ja kein jüdischer Staat. Palästina ist eine englische Kolonie und Englands Politik steht nicht im Zeichen der Toleranz und der Humanität, sondern dient der Befestigung des Suezkanales, eines' deT stärksten Pfeiler der englischen Weltherrschaft. Um diese Sicherstellung des Suezkanales zu garantieren, scheinen die jüdischen Kolonisten besser geeignet als der wilde arabische Stamm. Palästina wird bestenfalls das Schicksal Aegyptens teilen, es wird eine englische Kolonie sein und kein selbständiger Staat. Ich frage: Kann ein nur eine zweite Rolle spielender Staat, eine solche Kolonie die in allen Teilen der Welt lebenden Juden gegen den Antisemitismus schützen? Und wenn er es versuchen würde, werden nicht jene Juden sich dagegen wehren, die eine ausländische Einmischung nicht dulden wollen, weil eine solche Einmischung wiederum nur eine neue antisemitische Hetzwelle bedeutet und nicht der wahre Schutz wäre? Das sind aber überflüssige Befürchtungen. „Es kommt immer anders . .-. ." Aber nicht überflüssig sind die Besorgnisse, daß die ungarische Allgemeinheit Verdacht schöpfen könnte wegen der Bestrebungen der Jüdischnationalen. Es ist zu furch- 0€$terrelcm$€hes QnaiiiatsrabrtKal Ueberau erhältlich ten, daß die große Sehnsucht nach einem jüdischen Staat auffällt, die Sehnsucht nach einer neuen Heimat. Ich glaube den Jüdischnationalen, daß sie gute Juden sind, aber ich weiß nicht, ob nicht früher oder später die Reaktion ausbricht als Folge ihrer fortwährenden Agitation. Bei meiner letzten Auslandsreise bin ich mit mehreren deutschen Flüchtlingen zusammengekommen. Im Gespräch haben sie sich sehr verwahrt dagegen, daß sie nicht gute Deutsche wären. Sie wollten nicht einmal etwas hören vom Auswandern nach Palästina. „Hitler ist nicht Deutschland. Wir stehen einer Massenpsychose gegenüber. Wir sind deutsche Patrioten und werden es auch bleiben. Wir werden auf die Jetztzeit wie auf einen bösen Traum zurückblicken." Haben wir anders gedacht, als der weiße Terror Orgien bei uns gefeiert hat? Haben wir die Hilfe angenommen von unseren ausländischen Brüdern oder haben wir nicht mit zäher Festigkeit auch in diesen furchtbaren Zeiten gegen die jüdischnationalen Lockungen standgehalten, trotzdem der Kultusminister selbst im ungarischen Parlament von uns verlangte, daß wir die jüdischnationalen Anträge annehmen und uns als politische nationale Minderheit bekennen? Ja, das war eine unvergeßliche Erscheinung im Jahre 1920, damals stand der Kultusminister Istvan Haller auf und hat uns einen großen Vortrag gehalten über die Bedeutung des jüdischen Nationalismus. Aber wir haben nicht nachgegeben. Unter den fürchterlichsten Verhältnissen sind wir treue Ungarn geblieben. Wir wollten nicht einmal in den Verdacht kommen, daß wir nicht mit Leib und Seele uns zum ungarischen Volk bekennen, und wir haben uns mit aller Entschiedenheit dagegen verwahrt, daß man die Juden absondert in eine jüdische Partei und in eine Minderheit umwandelt. Die Jüdischnationalen wollen eine politische Partei aus uns machen, wir aber wollen in der Kultusgemeinde jede Politik meiden. Wir respektieren Herzl und Nordau und ihre Gedanken, welche durch die Hftlerperiode gewisse Realität gewonnen haben. Wir haben die Palästinabewegung und deren ideale Bestrebungen nie verneint. Wir kämpfen nur dagegen, daß man den Gedanken von Pro-Palästina durcheinandermischt mit der jüdischnationalen Politik und Propaganda. Und wenn bis jetzt bei uns die Pro-Palästina-Aktion nicht zum Erfolg kam, so liegt der Grund darin, daß wir so schrecklich verarmt sind. In erster Linie müssen wir unsere eigenen Institutionen erhalten, besonders unseres Präsidenten klassisches Werk, die jüdische Gemeinde. Aber