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Die Wahrheit · 1935-07-12 · Heft 28 (12.7.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 28 (12.7.1935)
Date
1935-07-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis iffeser Nummer 40 Groschen Jüdische Die tBanrheif In Deutschland v»'boten! dirift mit den Veröffentlichungen der „Union österreichisch er Juden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II.. Heintstraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkasser konlo Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 12. Juli 1935 Nummer 28 Wasser auf Hitlers Mühten., Die ,,S timme" vom 3. Juli hat sich, offenbar um die Aufmerksamkeit ihrer Leser von den eigenen Parteiverhältnissen abzulenken, wieder einmal mit der „Union österreichischer Juden" befaßt. Wir würden uns mit diesem Artikel «ar nicht beschäftigen, wenn sich hier nicht wieder mit aller Deutlichkeit zeigen würde, was die „Stimme", das Organ der Allgemeinen Zionisten, ihren Lesern vorsetzen kann, um sie über die Bedeutungslosigkeit ihrer eigenen Partei hinwegzutäuschen. Die „Stimme" behauptet in der Einleitung zu ihrem Artikel, daß der Name „Union österreichischer Juden" eine Irreführung wäre, „da es sich hier, um eine kleine. Gruppe' von einigen hundert Menschen in zumeist sehr vorgerückten Jahren handelt, über welche die große Majorität der österreichischen Juden und die Zeit selbst zur Tagesordnung übergegangen sind." Eine derartige Bemerkung in einer Zeit zu machen, in welcher die österreichischen Zionisten in sechs Parteien gespalten zur Wahl ihrer Vertreter zum 19. Zionistenkongreß in Luzern gegangen .sind, bedeutet eine mehr als starke Spekulation auf die Unwissenheit und Unorientiertheit der Leser. Um sie besser «u orientieren, wollen wir einige Züfern sprechen lassen. In Oesterreich leben rund 200.000 Juden. Von diesen waren 17.500 Wähler zur Wahl der Delegierten für den Zionistenkongreß wahlberechtigt Die Wahlberechtigung ist bekanntlich weder an irgendeine Staatszugehörigkeit noch an irgendeine Heimatszuständigkeit gebunden. Wahlberechtigt ist jeder Jude männlichen oder weiblichen Geschlechtes, wobei Personen über 18 Jahren bereits das Wahlrecht besitzen- Von allen österreichischen Juden im Alter von mehr als 18 Jahren ohne Unterschied des Geschlechtes sind .überhaupt nur rund 12 Prozent Zionisten. so daß nur jeder achte Jude in Oesterreich als Zionlst anzusehen wäre. Daß selbst von diesen Wahlberechtigten ' nur zwei Drittel, nämlich 12.000 ihr Wahlrecht ausgeübt haben, zeigt noch deutlicher, wie viele, trotzdem sie ein Wahlrecht für die Vertretung im Kongresse haben, auf'dieses gar keinen Wert legen und es nicht ausüben. Von diesen 12.000 Wählern, die das Wahlrecht ausgeübt haben, haben nur 33 Prozent nämlich rund 4000 Wähler, die Liste der .Allgemeinen Zionisten" gewählt, so daß die Partei, deren Organ die „Stimme" ist, unter den Zjonisten selbst nur den dritten Teil darstellt Dabei „schleppte Air Apparat Wähler zur Urne, von denen nur Gott weiß, was sie mit dem Zionismus verbindet". („Neue Welt", vom 9. Juli 1935.) ' , Und da wagt es das Organ dieser Partei, welche in ganz Oesterreich alles in allem einschließlich der Jugendlichen trotz der lebhaftesten Agitation und Werbetätigkeit sage und schreibe 4000 Stimmen aufbrachte, so zu sprechen, als ob die Mehrheit der österreichischen Juden Wnter dieser winzigen Partei stehen würde! Das •st keine.„Irreführüng"? Ihre Anhänger sollen offenkundig darüber getäuscht werden, wie klein ihr Häuflein-ist. Darumbehauptet die „Stimme" fälschlich, daß der Name „Union österreichischer Juden" „eine Irreführung" wäre. Die Majorität der .österreichischen Juden. und die Zeit selbst sind er die „Union", die seit nahezu einem halben hrhundert die allgemein geachtete Vereinigung er auf dem Böden Oesterreichs stehenden vaterdstreuen Juden darstellt, nicht zur Tagesdnung übergegangen. Das wird die unit lehren. Die Gegenwart erweist jedenfalls schlagend, wie wenige hinter der „Stimme" stehen. Wenn es nun in dem zitierten Artikel der „Stimme" weiter heißt, daß „die Herren, die schon unter verschiedenen Flaggen gesegelt sind und jetzt nach dem Zusammenbruche ihrer assimilatorischen Weltanschauung nach jedem politischen Strohhalm greifen", so stellt auch diese Bemerkung eine starke Zumutung an .die Unorientiertheit der Leser dar. Welche verschiedene Flaggen, sind es denn, unter welchen die „Union" gesegelt ist? War die »Union österreichischer Juden" nicht immer und restlos die Partei der vaterländisch eingestellten österreichischen Juden ohne jede.Einschränkung? :. Ob man von einem „Zusammenbruch der assimilatorischen Weltanschauung". Sprechen kann, darüber werden wir uns mit dem Artikelschreiber der „Stimme" nicht auseinandersetzen, denn diese Weltanschauung besteht auch derzeit nach wie vor überall dort, wo es den Juden gut geht; sie ist geradezu die Voraussetzung für die Wohlfahrt der Juden geworden. Verwiesen sei hier u. a. auf die Juden Englands, Frankreichs»- Italiens und Amerikas. Die assimilatorische Weltanschauung hat die Juden voll und ganz mit dem Staate, in dem sie leben, verwurzelt. Für die „Union" ist die Hitler-Bewegung in Deutschland eine vorübergehende Erscheinung, über welche die Zeit zur Tagesordnung übergeben wird, auch wenn die „Stimme" anderer Ansicht ist. Die „Union" ändert nicht ihre Grundsätze, ihre Ueberzeugung. Die „Union" kennt nur das Vaterland Oesterreich, wie die französischen Juden nur Frankreich und die englischen nur England kennett. Die „Union" bleibt überzeugungstreu Anhängerin ihrer assimilatorischen Weltanschauung, weil sie mit dem Boden verwurzelt bleiben will, auf dem die Juden leben. Ihre Weltanschauung ist nicht zusammengebrochen, sie besteht Gott sei Dank, in den meisten Staaten. Wir werden uns unsere Weltanschauung nicht von Antisemiten diktieren lassen! Das, was die Jüdischnationalen tun, ist nichts anderes als die Zueigenmachung aller jener Argumente, welche die Antisemiten gegen uns Ins Treffen rühren. Kein vernünftiger Mensch hat sich jemals die Gesetze seines Handelns und Denkens von denjenigen vorschreiben lassen, die seine Todfeinde sind. Wir lehnen es daher ab, uns von den anderen abzusondern, uns als Fremde zu betrachten und bebandeln zu lassen, weil die Antisemiten uns für fremd ansehen möchten. Wir maßen uns daher auch keine Sonderrechte an. Und nun kommen wir zu-dem Anlasse selbst der die „Stimme" zu ihrem Artikel bewogen hat. Es ist dies die Aussprache, welche eine Deputation der „U n i o n ö s t e r r e i c h i S c her J u d e n" mit dem Volksbildungsreferenten der Stadt Wien, Professor Dr. Lugraayer,- hatte. Die „Stimme" spekuliert, wie wir bereits festgestellt haben, stets auf die Vergeßlichkeit ihrer Leser. Denn in ihrer Nummer vom 7. Juni 1935 hat sie sich mit dem Interview, welches Prof. Dr. Lugmayer dem Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur gab, beschäftigt und erklärt, daß die Aeußerung Dr. Lugmayers „als die erste klare und eindeutige Meinung aus dem nebulosen Gerede über die Verständigung Rasiere Dich fiui und iriiiig Oeslerrelchlsclies Qaallfäfe-raftrifcat Ueberau erhältlich von Volk zu Volk hervortritt". Sie hat Ihn als einen echten Patrioten bezeichnet, der dem Standpunkt der jüdischen Minderheit Verständnis entgegenbringe usw. Alles nur deshab, weil von „Verständigung von Volk zu Volk" gesprochen wurde. Und nun auf einmal diese Schwenkung! Es ist sehr merkwürdig, daß die ..Stimme" vom 3. Juli 1935 nicht weiß, wie die „Stimme" vom 7. Juni 1935 geurteilt hat Am 3. Juli schreibt sie: „Wir haben nicht die Absicht uns mit den Ansichten des Prof. Dr. Lugmayer auseinanderzusetzen." Sie schreibt ferner, sie habe ihm nur zur Kenntnis bringen wollen, daß lange vor der Errichtung eines Referates für iüdische Volksbildung und seither in immer steigendem Maße die Wiener Kultusgemeinde für die Volksbildung der jüdischen Bevölkerung Vorsorge treffe, was die iüdische Gemeinde durch die großen Subventionen an das Chajes-Realgymnasium und an die» Talmud-Thora-Schule beweist Vor allem wird hier verschwiegen, daß die Unterstützung des Chaies-Realgymnasiums und der Talmud- Thora-Schule von der Kultusgemeinde nicht erst seit dem Jahre 1932, sondern schon seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgt daß es gerade die damals durch die „Union" gebildete Mehrheit war, welche diese Subventionen in ausreichendem Maße gewährte, und zwar auch dem Chajes-Realgymnasium, obwohl dieses nicht als religiöse Anstalt sondern als nationale Anstalt angesehen wird. Daß aber die derzeitige Mehrheit des Kultusvorstandes seit dem Jahre 1932 die Talmud-Thora-Schule, welche mit großen materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat nicht ausreichend unterstützt ist eine viel zu bekannte Tatsache, als daß sie hier besonders registriert werden müßte. Der Geist, der in der Tahnud-Thora-Schule herrscht ist allerdings von dem Geiste der derzeitigen Majorität weit entfernt. Während die neue jüdische Volksschule so geführt werden soll, wie es der Mehrheit passen wird — dies hat der jüdischnationale Präsklent der Kultusgemeinde selbst erklärt —. ist die Talmud-Thora-Schule unbedingt und restlos eine streng religiöse Schule, in welcher die Kinder streng religiös erzogen werden. Und gerade diese Schule wird von den jetzigen Machthabern der Gemeinde nicht ausreichend subventioniert obwohl alle religiös eingestellten Eltern, welcher Partei sie auch immer angehören, ihre Kinder dort unterrichten lassen können.' Die derzeitige Mehrheit hat obwohl die Talmud- Thora-Schule mit schweren materiellen Sorgen zu kämpfen hat, es für gut befunden, ihre neue jüdische Volksschule in unmittelbarer Nähe der Talmud-Thora-Schule zu errichten, was gewiß nicht zu dem Zwecke geschah, um die Talmud-Thora-Schule zu fördern. Wenn daher in dem Artikel die Sache so dargestellt wird, als ob die Kultusgemeinde durch eine große Subvention der Talmud-Thora-Schule ein so eminentes Interesse an deren Bestand darlegen würde, so widerlegt sich diese Bemerkung mit dem Hinweise darauf, daß allgemein der Eindruck besteht daß dieser eine Konkurrenzschule entstehen soll. Obwohl die unionistische Minderheit der Mehrheit vorhielt, daß im Prater. in der Brigittenau sehr viele jüdische Eltern vorhanden sind, die dort die Errichtung einer jüdischen Schule gerne zu dem Zwecke haben würden, um ihre Kinder religiös zu erziehen, wurde ein Standort für die Schule gewählt, der sich in unmittelbarer Nähe der Talmud-Thora-Schule befindet! Und damit kommen wir noch zur Abwehr eines weiteren, ebenso haltlosen Angriffes der „Stimme". Sie versucht die Stellungnahme der „Union" in der Frage der Gründung von jüdischen

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