Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 27 (5.7.1935)
- Date
- 1935-07-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064581--20266-3085493- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Piła 1× ep/1048100
OCR text
Preis dieser Nummer 40 GroscheD 0^ In Deutschland verboten! Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag DMIlNlIliM luiMiifflinmnnnmniii). Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkasser konto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 5. Juli 1935 Nummer 27 Verschärfte deutsehe Judenhetze. Man hat sich daran gewöhnt, der Politik Kitlers seit seinem Machtantritt die Zensur zu erteilen, daß sie bloß in -der Judenfrage das nationalsozialistische Parteiprogramm zum Siege geführt, in allen anderen Punkten aber, besonders in der Außenpolitik, sich sehr weit von den in dem Buche des Führers „Mein Kampf" gesteckten Zielen entfernt habe. Dieses Urteil erweist sich jetzt als durchaus revisionsbedürftig. Einerseits hat Hitler-Deutschland durch das Flottenabkommen mit England, die Entfremdung Italiens mit der Stresa- .Front und die durch beide Fakten bewirkte Isolierung Frankreichs nicht unerhebliche Erfolge iw der nationalsozialistischen Wunschrichtung erzielt, anderseits scheint der so zähe und unerbittlich betriebenen Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben ein arges Fiasko beschJeden zu sein. Nicht etwa, weil diese Hetze, wiä Optimisten anfangs hofften, im Sande zu verlaufen beginnt, sondern im Gegenteil, weil sie immer wieder und gerade in diesen Tagen aufs neue edne planmäßige Verschärfung erfährt. Das ist für die schwergeprüfte deutsche Judenschaft gewiß sehr schlimm, aber im noch höherem Qrade für ihre Verfolger blamabiel. Man bedenke, daß die Hakenkreuzler schon lange,, bevor säe ernstlich auf die Erringung der Macht im Staate hoffen konraten, aufs einprägsamste den Boykott der jüdischen Geschäfte predigten, dann wird man diö Größe ihres Mißerfolges auf diesem Gebiete ermessen, wenn sie noch heute, mehr aTs zwei Jahre, seitdem sie ihre „geistige" Propaganda durch die physischen Machtmittel der zur Staatsexekutive avancierten braunen Terrorgarden aufs wirksamste unterstützen konnten, noch immer über den „Volksverrat" zetern müssen, der angeblich in der Bevorzugung jüdischer Warenbezugsquellen liegt. Dieses Fiasko der Judenboykotthetze wäre schon blamabel genug, wenn es sich auf indifferente Volksschichten beschränken würde, erhält aber eine besonders groteske Note durch die immer wieder, offenbar durch den Augenschein notwendig gewordene Warnung der Parteizentralen an .die eigenen Funktionäre, nicht bei Juden einzukaufen! . Mit einem nassen, einem heiteren Auge erfährt man, daß aus einem jüdischen Eiscremeladen in Berlin ein nationalsozialistischer Funktionär in Zivil herausgeholt und ihm wie anderen Kunden die Bisdüten aus der Hand geschlagen und dafür Nummern des „Stürmer" aufgedrängt wurden. Wenn man vollends hört, daß dieses terroristische Verfahren durch schüchterne Rufe aus dem Publikum als Skandal gebrandmarkt wurde, so ist die Schlußfolgerung wohl, keine allzu kühne., daß die jüdische Eiscreme auch in nationalsozialistischen" Kreisen mehr Anwert findet als das antisemitische!Presse-Erzeugnis des^Herrn Streicher. Es ist dies eben-in höherem Grade Geschmackals Parteisache . . ■ . Iii Schneidemühl (Rheintand) suchte ein nationalsozialistischer Funktionär gegen die Nachrede, daß er pei Juden einkaufe, Schutz bei Gericht indem er einen Jüdischen .Kaufmann, der. angeblich aus. Reklame, für sein Geschäft dieses Gerücht verbreitet_haben soll, verklagte. Der Jude erhielt einen Monat Gefängnis und rekurrierte. Die Berufungsinstanz ordnete eine neuerliche Verhandlung an, aber nicht etwa zwecks Gutmachung des dem Juden angetanen Unrechts, sondern mit der unglaublichen Begründung, daß der Kläger nur als Parteifunktionär Schutz fand, während die Nachrede. Käufer bei Juden zu sein, für jeden deutschen Volksgenossen eine schwere Beleidigung darstelle ... So der neudeutsche Jurist! Ihm stellt sich würdig an die Seite jener Arzt, der jüngst einen medizinischen Schulungskurs irgendwo im Dritten Reiche mit einer feierlichen Eröffnungsrede krönte, in der er sich den bezeichnenden Vergleich der Juden mit — Tuberkelbazillen leistete . . . Hoffentlich wird der Mann energisch auf das Unrecht aufmerksam gemacht das er.damit den .Tuberkelbaizillen antat, die doch im künftigen Kriege als gleichberechtigte Kombattanten des Dritten Reiches rangieren, während die Juden bekanntlich im deutschen Heere keine Aufnahme finden dürfen ... Als Vertreter der theologischen Fakultät gesellt sich dieser Reihe akademischer Hetzapostel der Reichsbischof Müller zu, indem er vor einer Versammlung von 1500 Pastoren erklärte, die antijüdische Bewegung in Deutschland, die im Abnehmen sei, müsse wieder aufflammen. Es bedeute; einen Angriff in den Rücken des Führers, wenn deutsche Christen bei Juden kaufen. Dem Herrn Reichsbischoi schwebt offenbar das Ziel vor, die von ihm mitverschuldete furchtbare Zerklüftung aller christlichen Kirchen, in Deutschland auf dem Rücken der Juden zu heilen.. Er dürfte aber mit diesem Plan nicht viel Glück haben. Morgen, Samstag abends Gartenfest der „Jugend-Union" auf dem Konstantinhügel. Die katholische Kirche zumindest zeigt eine ganz andere Orientierung, die sich jüngst in eindeutiger Weise offenbarte. Das Oberrabbinat der Prager Israelitischen Kultusgemeinde sandte dem Präsidium des gesamtstaatlichen 'Katholikentages, der in Prag im Beisein des päpstlichen Legaten Kardinal Verdier, Paris, des Wiener Kardinals Innitzer und vieler anderer höchster kirchlicher Würdenträger abgehalten wurde, folgende Zuschriit: „An das löbliche Präsidium des gesamtstaatlichen Katholikentages in Prag: .Friede sei deiner Burg, in deinen, Palästen herrsche Sicherheit, für meine Brüder urid Freunde spreche ich den Frieden über dich aus, für das Haus Gottes, unseres Herrn, werde ich dein Heil erflehen.' Mit diesen Worten des Psalmisten begrüßt das unterfertigte Rabbinat von Prag Ihren Kongreß, dessen Zeugen wir sind. Sorgsame Hirten aller Bekenntnisse sollten Maßnahmen erwägen, welche,die heutige Zeit erfordern. Das Volk von heute ist in seinen moralischen Grundfestenerschüttert und allein die Belebung, Befestigung und Vertiefung des religiösen Fühlens und des Glaubens in Gott können dem Volk und dem Einzelnen aus dem Gewissens- und Moral-Chaos heraushelfen. Nach dem Worte eines alten Lehrers, daß das einer Person leuchtende Licht vielen Personen leuchtet, bin ich überzeugt, daß Ihr Kongreß ein mächtiger Impuls in dieser Richtung sein wird, und daß von ihm wohltätige Anregungen ausgehen werden. Deshalb wünsche ich .ihm vom Herzen das beste Gelingen, denn: im Glauben haben wir alle einen Vater, ein Gott hat uns alle geschaffen. Mit achtungsvollen und ergebenen Grüßen. Das Oberrabbinat der israelitischen Kultusgemeinde in Prag. Gez.: Dr. Deutsch." Darauf antwortete das Präsidium des Katholikentages dem Prager Oberrabbinat mit folgendem Danktelegramm: Häuserverwaltungen Vermittlungen Geldbeschaffungen sensal A 48-9-22 R. TABBMAMM Wien, II. Bezirk, Nordpolstralte 2/3 Reparaturkredite Zinsvorschfisse kulantest Rasiere Dldi öui und Dillig OesferreicMsclies Qualität* fabriKal Ueberau erhältlich An das Ehrwürdige Oberrabbinat der Israelitischen Kultusgemeinde in Prag. Geehrte Herren! Sie waren so liebenswürdig, den ganzstaatlichen Katholikenkongreß mit dem biblischen Friedensgruß zu bewillkommnen, der in zahlreichen Formen in den Büchern des Alten und Neuen Testaments wiederkehrt Aus der Tiefe unserer Seele danken wir Ihnen für diese Botschaft und erwidern Ihren Gruß aui das herzlichste. Fiat pax in virtute tua. Die Worte des Psalms, den Sie zitieren, bilden einen Teil der täglichen Gebete der katholischen Kirche. Wir sind gewiß der gleichen Ansicht wie Sie, werte Herren, daß die Menschheit sich heute nur in zwei Lager gruppiert, in das Lager jener, die den Glauben in Gott verkünden und in das Lager der Gottesgegner: und daß der gemeinsame Wert der Glaubensbekenntnisse und Sitten alle ohne Unterschied schützen soll, die auf der geheiligten Wahrheit der Offenbarung Gottes bauen. Das hohe Gebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten, das schon im Alten Testament enthalten ist, bildet die gemeinsame Grundlage dessen, was den Juden und den Katholiken heilig ist. Die Friedensbotschaft, die der .ganzstaatliche Katholikenkongreß verkündet gilt für alle Welt und alle Menschen ohne Unterschied, denn jede einzelne menschliche Seele hat vor Gott unendlichen Wert. Sie haben den Kongreß mit den Worten des Psalmisten des Herrn begrüßt. Gestatten Sie uns, Ihnen mit den Worten des Hohenpriesterlichen Segens zu antworten, mit den Worten jenen erhabenen Jeverechho Adonaj vejischmerecho, die wir auf die gesamte Menschheit der ganzen Welt ohne Unterschied beziehen: „Möge Euch Gott segnen und beschützen, möge Euch der Herr sein Angesicht leuchten lassen und Euch gnädig sein. Indem der Herr Euch sein Angesicht zuwendet und Euch den Frieden verleiht: Vejosem echo schalom." Msgr. Dr. Leopold Precan, Erzbischof von Olmütz, Metropolit von Mähren. Vorsitzender des Kongresses: Msgr. Dr. Karel Kaspar. Erzbischof von Prag, Primas von Böhmen. Ordinarius loci des Kongresses. Dr. Johann Georg Rückl, wirklicher päpstlicher Kämmerer, Exekutivvorsitzender des Kongresses. Auch der Wiener Erzbischof Kardinal Dr. Innitzer fand in Prag beredte Worte für den religiösen Frieden und betonte besonders den Anspruch jedes Menschen auf die Möglichkeit, sich und seine Familie durch ehrliche Arbeit zu ernähren. Es ist sicher, daß die überwiegende Mehrheit des werktätigen deutschen Volkes derselben Ansicht huldigt und daß sogar im Dritten Reiche der Judenhaß nur in einer esoterischen Schicht weltfremder Akademiker gedeiht, die schon lange vor der nationalsozialistischen Aera auf den Hochschulen den Geist des Rassenantisemitismus eingeimpft erhielten. Wir haben oben bereits die Vertreter dreier Fakultäten in diesem Sinne sich äußern hören und können als Repräsentanten der noch ausständischen vierten — der philosophischen — niemand Geringeren anführen, als den Propagandaminister Dr. Goebbels. Dieser trat jüngst in öffentlicher Rede denen entgegen, die den Juden