Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1935-05-03 · Heft 18 (3.5.1935) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 18 (3.5.1935)
Date
1935-05-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3064555-3064572--20185-3085403
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische HU ttUrU In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden44 Erscheint »eden Freitag JEJSIJMJimiU^^ junlji_________mm HimnHniHinil...........--------------------------- ...... ........m.muniiL» Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkasser Konto Wien: A 100.918 Nummer 18 51. Jahrgang Wien, 3. Mai 1935 Entgleisungen? Wir haben in den letzten Jahren bedauerlicherweise schon zu wiederholten Malen Gelegenheit gehabt, auf die greifbaren Widersprüche hinzuweisen, die zwischen den offiziellen Aeußerungen der verantwortlichen Leiter der österreichischen Politik und verschiedentlichen Kundgebungen, Auslassungen und Handlungen „unter"- oder „nachgeordneter" Personen und Stellen bestehen. Wir wollen heute nicht wieder davon sprechen, daß eine Reihe von Maßnahmen auf kulturellem, gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiete kaum mit dem Wortlaute und Geiste unserer neuen Verfassung, deren Kundmachungstag sich gerade in dieser Woche zum ersten Male jährte, in Einklang zu bringen ist. Der Aufruf der „Vereinigung jüdischer Aerzte in Oesterreich", der sich an die Aerzteschaft wegen Schaffung eines „Ausbildungsfonds für Jungärzte" (die „für ihre Zugehörigkeit zum Judentum leiden müssen") wendet, spricht eine beredte und weithin hörbare Sprache und bildet ein Illustrationsfaktum von schwer zu überbietender Deutlichkeit. Wenn wir uns hier mit der Zurücksetzung der jüdischen Staatsbürger hätten beschäftigen wollen, so hätten wir uns zumindest das Fragezeichen bei der Ueberschrift dieses Aufsatzes ersparen können. Ebenso klar und unzweideutig wie die offiziellen Erklärungen über die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze sind die wiederholten Ablehnungen der Rassen-Ideologie des Nationalsozialismus seitens der führenden Männer unseres Staates. Die entschiedene Abkehr vom Blutmythos Hitlerscher Prägung fließt naturnotwendig aus den Grundsätzen, auf denen die Erneuerung Oesterreichs aufgebaut ist. Der Heilige Stuhl benützt jeden Anlaß, um die Unversöhnlichkeit der katholischen Kirche mit der rassistischen Engherzigkeit zu betonen. Erst vor wenigen Tagen hat der päpstliche Legat Kardinal-Staatssekretär P a c e 11 i in einer großen Kundgebung vor hunderttausenden Katholiken mit der „Besessenheit vom Aberglauben der Rasse oder des Blutes" abgerechnet. Wenn nicht «schon vor einem Jahrzehnt, so ist es doch in den letzten Jahren ganz klar geworden, daß sich im Dritten Reiche der Kampf gegen die „jüdische Rasse" auf dem Vorfelde abspielt, daß das eigentliche Kampfziel des nordischen Hakenkreuzes die Niederringung der christlichen Kirchen ist. In der Zeitschrift „Die religiöse Revolution", dem Organ der von Dr. Dinter gegründeten neuen „Deutschen Volkskirche", werden die heftigsten Angriffe gegen den „jüdischen Hohenpriester Faulhaber" gerichtet und der fanatisierten deutschen Jugend'geweissagt, daß „die Uhr des iüdisch-paüiinischen Volksbetruges, der das deutsche Volk tausend Jahre genarrt hatte, abgelaufen ist". Man sollte nun meinen, daß es in Oesterreich keinen wahrhaften Katholiken geben könnte, der sich der Rassen-Terminologie des Hakenkreuzes bediente. Man sollte glauben, daß katholische Korporationen und Verbände, die mit dem lobenswertesten Feuereifer um die Niederhaltung der nationalsozialistischen Bewegung in Oesterreich mit Erfolg bemüht sind, um die Aufrichtung und Erstarkung des neuen christlichen Oesterreich zu erkämpfen, nichts mehr verabscheuen und ablehnen, als jene totalitäre rassisch-völkische Einstellung, die einen Kulturkampf gegen die christlichen Kirchen heraufbeschworen hat und mit brutaler Bedenkenlosigkeit die Verkünder der christlichen Lehren hinter Kerkermauern steckt . . . Doch weit gefehlt. Wir wollen nicht viel Aufhebens davon machen, daß der Verband deutscharischer Rechtsanwälte Oesterreichs den Numerus clausus für nichtarische Anwärter fordert, nicht davon, daß die Kärntner Stadtgemeinde Wolfsberg für die Besetzung eines städtischen Postens den Nachweis der deutsch-arischen Abstammung als erforderlich bezeichnet, selbst nicht davon, daß ein katholisches Zweigroschen-Blatt, das dem Preise nach für die Verbreitung in den katholischen Massen bestimmt istsich das Rassenprinzip zu eigen macht. Das alles mögen nur Entgleisungen minderbedeutender Stellen und Organe sein. Was soll man aber dazu sagen, daß dieser Tage in den Straßen der Leopoldstadt an den Anschlagwänden Plakate der unter der Führung unseres Bundeskanzlers stehenden Ostmärkischen Sturmscharen prangen, die sich wohl an die „Leopoldstädter", an die „O e s t e r r e i c h e r" richten, um aber ganz deutlich zu sein, den auffallenden Vermerk tragen: „Arier, erscheinet in Massen!" Als Redner werden Reichsführer Bundeskanzler Dr. Kurt von Schuschnigg und sein Stellvertreter Staatsrat Gendarmerie-Major Dr. Josef Kimmel angekündigt. Beide — politische Persönlichkeiten, die in ihren bisherigen Kundgebungen in unzweideutiger Weise von ihrem katholischen Standpunkte aus aufs entschiedenste den Rassen-Wahnsinn verurteilten. Ist hier dem für den Inhalt der Plakate und der gleichzeitig in Massen verteilten Flugzettel verantwortlich zeichnenden Herrn Josef Bien eine Entgleisung passiert? Wir möchten es gerne annehmen. Oder wollten auch in diesem Falle „nachgeordnete" Stellen im Gegensatz zu den Erklärungen ihrer Führer den für den Rassenantisemitismus empfänglichen Massen ein kleines Zugeständnis machen? Die Herren Bien und Gesinnungsgenossen besorgten wohl nicht, daß die jüdischen Leopoldstädter etwa sich zum angesagten Bezirks- Appell drängen würden? Das taten sie allerdings vor wenigen Wochen, als unser Bundeskanzler im Rahmen einer großen Kundgebung der Vaterländischen Front in der Nordwestbahnhalle sprach. Da kamen wir Juden aus innerem Antrieb, aus ehrlicher Sympathie und es hätte gar nicht der damals erfolgten nachdrücklichen besonderen Einladung der LeopoWstädter Juden seitens der Vaterländischen Front bedurft Da waren sie willkommen und sie fühlten, daß sie willkommen seien. Für das nächste Plakat möchten wir den verant- Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbtiro, Sensal R.Taubm»nn, Wien II., Nordpolstraße 2/3. Tel. A 48-9-22 Rasiere Didi gut und »tlllg Ocsterreichlsdics Quaiitätsrataiiraf Ueberau erhältlich wortlichen Herren empfehlen, das Wort „Arier," korrekterweise durch da« Wort „Katholiken" zu ersetzen. Sie werden, wir sind dessen sicher, damit auch den Anschauungen ihres Reichsführers Rechnung tragen. Es ist in diesem Zusammenhang recht erfreulich, auf eine Erklärung unseres Vizekanzlers und Führers der Vaterländischen Front, FürstenStarh e m b e r g, hinweisen zu können, die er am letzten Sonntag bei der Landeskundgebung in Mödling abgegeben) hat. Er sagte: „Es darf in Oesterreich nur sine politische Organisation geben, die das Recht hat, Politik zu machen, und das ist die Vaterländische Front, keine andere neben ihr und auch keine Untergruppe) innerhalb der Vaterländischen Front." Das sind deutliche Worte, die von keiner Organisation überhört werden können. Die Vaterländische Front kennt, als unparteiliche und überparteiliche Organisation, als alleinige Trägerin der politischen Willensbildung, programmatisch keinen Antisemitismus, keinen Rassismus. Wir wollen uns gerne der Hoffnung hingeben, daß sie ihre Politik auch gegenüber den untergeordneten Stellen im Staate zur Geltung bringen werde. Nachgerade könnten alle staatsbewußten und auibau willigen Kreise in Oesterreich die Ueberzeugung erlangt haben, daß das Schlagwort des Antisemitismus und die Betätigung antisemitischer Tendenzen ein vollkommen ungeeignetes Mittel dafür darstellen, den Hakenkreuzlern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Diese Methode würde nur in der Hand desjenigen zum Ziele führen können, der bereit und imstande wäre, die Barbarei des preußischen Hakenkreuzes gegen die Juden noch zu übertreffen. Sie ist nicht zu überbiete«: ein wahrhaft christliches Oesterreich ist dazu weder bereit, noch dazu imstande. Nichts wäre mehr im Interesse des Aufbaues unseres Vaterlandes, nichts mehr geeignet, unser glänzendes Renommee in der Kulturwelt zu erhalten und zu mehren, als die gründliche Abkehr vom Rassenwahn, als der Verzicht auf antisemitische Extratouren. Noch ein sehr richtiges und schönes Wort sprach Fürst S t a r h e m b e r g auf der Mödlinger Tagung: „Die unzerstörbare Einigkeit aller Vaterlandstreuen ist die Voraussetzung zur Erneuerung Oesterreichs, an der alle positiven Kräfte in Stadt und Land mitzuwirken haben". Wir vaterlandstreuen Juden sind zu dieser Einigkeit, zu dieser Mitwirkung entschlossen, heute wie immer. Aber man möge uns dies nicht allzu schwermachen... Dr. Lenk-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.