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Die Wahrheit · 1935-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 16-17 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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preis dieser Festnummer 50 Groschen y*) In Deutschland verboten! Jüdische IDochens chrift Die tDakrheif mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" firseh^mt »eden Freitag iiiinniiiiininiimiiiiiinm Redaktion und Administration: Wien II., Heinestrafie 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 17. April 1935 Nummer 16/17 Der Rambam-Pessach. J135! Eine Atempause zwischen dem ersten und dem zweiten Kreuzzug. So stand es um das christliche Abendland und seine Juden, die damals von Staats und Kirche wegen zu Wucherern degradiert werden sollten. „Die Christen im Morgen lande", schreibt Fr. Kohlrausch, „machen ihrer Religion im Ganzen wenig Ehre; Habgier, Neid, Ränkesucht, Grausamkeit und ein ausschweifendes Leben entstellen häufig den christlichen Namen." Noch gab es weder ein Berlin noch ein Moskau, noch auch ein Amsterdam. Eine einzige Stimme der Menschlichkeit erhebt sich in der Christenheit: Abälard nimmt sich 1135 öffentlich der verfolgten Juden an. Der Islam erreicht um jene Zeit einen Gipfel adliger Gesinnung in Sa 1 adin. Dem Judentum wird 4896 — an der Schwelle seines Gründungsfestes — Mose ben Maimon, der „Ramba m", geboren. Keine siebzig Jahre umfaßt seine Lebens zeit, keine fünfzig sein Lebens werk. Doch es genügte, um ihm eine Lebens d a u e r zu sichern, die nicht nur noch heute in unverminderter Frische fortbesteht, sondern erst heute sich nach Gebühr auszuwirken beginnen soll. Unser diesjähriges Friihh'ngsfest soll seinem Ruhme einen neuen Frühling bringen, soll ein „Rambam-Pessach" werden! * * Pessach-Mazzah-Maror, dieser Dreiklang der Pessachsymbolik ermahnt uns diesmal, des großen Gefeierten würdig zu gedenken, das heißt, ihn nicht nur mit Worten abzufinden. Ein mächtiger Redestrom zu seinen Ehren hat ja Iber alle Redestätten der Judenheit sich ergossen, ein begeisterter Huldigungshymnus durch den jüdischen Blätterwald geklungen. Aber zum überwiegenden Teile in einer unverhehlbaren Verlegenheit, die bekennen muß: „Ich preise dich, den ich nie gesehen; ich lobsinge dir, den ich nie gekannt." Von allen den Unzähligen, die jetzt, von Berufs wegen des Rambam voll, die Saiten rühren und die Federn geschäftig laufen lassen, wie viele — wie wenige! — kennen von ihm mehr als das, was sie in Eile aus gefälligen Wälzern ad hoc zusammenstoppeln? Im besten Falle „die 13 Glaubensartikel" und das auf ihnen aufgebaute, jedem Siduurlamdan geläufige „Jigdal". Und dies von einem Geiste, mit dem man noch heut, wie in allen diesen acht Jahrhunderten, wie mit einem Lebenden rechnet und sich auseinandersetzt, wenn man irgend eine jüdisch-religiöse Frage zu erörtern hat! Von einem Genius, der nicht nur unter allen, die nach Mose lebten, allein mit ihm verglichen wird, sondern sogar bei einer der jüdischesten unter allen jüdischen Gruppen, den Jemeniten, die Verehrung eines Heiligen genießt! Hier klafft im Judentum der Gegenwart eine beschämende Wunde. Die geistige Kontinuität, die einst uns Juden allein eigen war, diese tätige Pietät, die den spätgeborenen Enkel in der Urväter Denken und Fühlen heimisch machte und die längst Toten in ihren Worten und Taten ewig lebendig erhielt, sie ist im Schwinden. Wie selten bei unserer Jugend der Stolz, mit dem wir beim Sederabend uns fühlen, als wären wir, wir selbst, wir persönlich und leibhaft, mit den Vätern aus Mizrajim gezogen! Wie jüdisch-bewußt hielt doch noch ein Rathenau aller Bekehrungssucht, die sich an ihn drängte, „die alte Formel geistiger Freiheit" entgegen: „Auch meine Seele ist vor dem Sinai gestanden!" Traurig genug, daß dieser seelische Kontakt zwischen dem Jetzt und dem Einst so weiten Kreisen unserer Jugend fehlt, daß dieser jüdische Ahnenstolz, der die Worte der Voreltern auf den Lippen und ihr Fühlen im Herzen, ihr Vorbild in der Seele trug, zum förmlichen Totenkult verblaßt und verkümmert ist! Was kann einem Volke Schlimmeres widerfahren, als daß es die Sprache der Väter nicht mehr versteht, daß es das geistige Erbe der Vergangenheit verleugnet oder bei bestem Willen anzutreten nicht mehr fähig ist, daß ihm die originalen eigenen Ideale abhanden gekommen sind und es sich fremde sucht, die ihm mehr zu sagen haben? Diese trübe Quelle des Minderwertigkeitsgefühls, das ist der Fluch, der unser Geschlecht getroffen hat. Nur e i n Mittel kann uns retten, kann uns aus dieser beschämenden Not befreien. Es lautet: „Rückkehr zum Rambam", oder in der Sprache unseres Festes: Pessach-Mazzah-Maror. „Pessach-Mazzah-Maror, wer diese drei Worte am Pessach nicht gesprochen, sie nicht in ihrem tiefsten Sinne begriffen hat, der weiß nicht, was das Pessachfest von ihm fordert und weiß darum auch nicht, es sinngemäß zu feiern." So lesen wir in der Pessachhaggada. Doch begnügen wir am Seder uns nicht mit dem Lesen, mit Worten der Erinnerung. Wir sollen nicht unsere Geschichte lesen, wir sollen sie mit denen, die sie erlebt und gemacht haben, miterleben, miterleiden, um weiter, wie sie, Geschichte zu machen, die Geschichte unseres Volkes in ihrem Geiste fortzusetzen. Wir sollen uns der „goldenen Kette" der Geschlechter vor uns angliedern und so Bindeglied "für jene bilden, die nach uns kommen. Wir lesen nicht nur Pessach, Mazzah und Maror am Seder. Wir essen sie, essen sie, wie wenn wir selbst mit an einem Tische säßen mit denen, die aus Aegypten zogen, und mit all den späteren Geschlechtern, die seitdem immer von neuem Pharaonendruck am eigenen Leibe erfahren, jüdische Geschichte erleben mußten. Pessach-Mazzah-Maror, das muß auch das Zeichen sein, in dem wir an diesem Pessach unseren Rambam feiern. Ja unser Rambam muß wieder unser Rambam, aus einem — für so viele unter uns — Toten muß ein in uns allen Lebendiger werden. Sonst „lo jaza jede chovato", ist und bleibt dieses ganze Rambamjubiläum ein leeres Wortgepränge. ihn, Hausbesitzer! Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbüro, Sensal R. Taubraann, Wien II., Nordpolstraße 2/3, Tel. A 48-9-22 Kasicre DHU gut und billig Ocsterrelchisches Qualität* raDiiifaf Ueberau erhältlich „Pessach-al schum mah?" Was lehrt uns und will von uns „Pessach"? Gott bewahrte Israel vor dem Verderben, das die anderen traf; denn Israel hatte sich seine Sonderart bewahrt, es sprach die Sprache seiner Väter. Das war das starke Band des Lebens, das es festhielt an dem Felsen des Väterglaubens, der die Zeiten überdauert. Die Sprache unserer Väter hat, wie diese selbst, manchen Wandel an sich erfahren. Ihr Strom hat auf der weiten Wanderung durch die verschiedensten Länder und Zeiten, Völker und Kulturen manchen fremden Bestandteil aufgenommen, wie jeder Fluß manches von den Mineralien des Bodens aufweist, durch den ihn sein Weg führt. Aber wie der Jordan auch im Lauf durch den Tiberiassee an seiner Spur dem Auge kenntlich bleibt, ist die Sprache unserer Väter im Kern sich gleich geblieben. Und das reinste Hebräisch, leicht verständlich wie die Sprache der Mutter, aber auch nur an der reinen Quelle vollverständlich und in ihrer ganzen Kraft und Pracht voll wirksam, das ist das Hebräisch des „Mischne Tora", der „starken Hand", wie man dieses Meisterwerk unseres Rambam genannt hat, der „Jad hachasaka". Eine starke Hand soll diese Sprache werden unserem Geschlecht, um zu heben die Geistesschätze unserer jüdischen Vergangenheit! Heut, am Gedenktage des Rambam, der ein Auferstehungstag nicht nur für ihn, sondern auch für die Sprache seines „Mischne Tora" werden soll, heut gelobe sich jeder jüdische Vater, jede jüdische Mutter, in ihrem Hause wieder lebendig zu machen Maimunis herrliches Hebräisch! Gewiß beklagenswert ist es, daß die Bekenner der Tora Moses den Schlüssel zu ihrer Heiligen Schritt verloren haben, sie, „das Volk der Schriit", während der Islam, der uns Juden so nennt, die Sprache seines Korans lebendig hält unter Völkern verschiedenster Muttersprache. Aber, wenn man von einem Buche späterer, uns näherer Zeiten sagen darf, zu seinem Verständnis lohne es sich, seine Sprache, lohne es sich, Hebräisch zu erlernen, dann ist dieses Buch — Maimunis Mischne Tora. Auch er hat Werke in der Sprache seines Landes verfaßt. Aber die Umstände, unter denen er sie schrieb, erklären und entschuldigen es. Er selbst hat es aber später bereut, daß er seinem geliebten Hebräisch nicht aller Wege treugeblieben. „Pessach" ermahnt uns, daß diese Rambamfeier werde die Geburtsstunde begeisterten Lerneifers für die Sprache des Rambam. * * „Mazzah — al schum mah?" Was sagt uns die Mazzah ain Rambampessach?

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