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Die Wahrheit · 1935-04-12 · Heft 15 (12.4.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 15 (12.4.1935)
Date
1935-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! \\ ens dirift mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint feden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 12. April 1935 Nummer 15 Zwangsvergleich mit Hitler! Im jüdischen Lager in Deutschland machen sich bedauerlicherweise gerade im jetzigen kritischen Momente Tendenzen der Spaltung und verhängnisvoller Gegensätzlichkeiten geltend. Schuld daran sind die Z i o n i s t e n, die durch die Entdeckung der Nationalsozialisten, daß die Jüdischnationalen die jüdische Auswanderung befürworten und daher den Vorzug vor den anderen verdienen, die sich in! der deutschen Heimat seelisch verwurzelt fühlten, Oberwasser bekamen und statt die beschämende Huld der Judenfeinde als Danaergeschenk milt Vorsicht und weiser Zurückhaltung zu genießen, gejgen die Assdrrrilanten gewaltig auftrumpfen und sich sogar mit der lächerlichen Hoffnung tragen, Herrn Hitler und seine Unterläufel1 zu eirier vernünftigen Judenpolitik mit Verzicht auf die Diffamierung der Juden zu bekehren. Ueber die Ueppigkeit der zionistischen Blütenträume in dieser Richtung gibt ein Aufsatz des Präsidenten der Vereinigten Revisionisten Deutschlands, Direktor Georg Kareski: „Liquidation des deutschen Judentums — Konkurs oder Zwangsvergleich?" charakteristischen Aufschluß. Der Verfasser nimmt an, daß die jüdischen Positionen in Deutschland auf die Daufer nicht zu halten seien. Die Furage sei nur, ob es möglich sein werde, sie in Rühe und im Wege einer organischen Entwicklung zu räumen. Hierzu bedürfe es neben der Bereitwilligkeit der deutschen Juden, sich auf diese Entwicklung einzustellen, auch der Bereitwilligkeit der deutschen Staatsführung, eine solche Entwicklung zu ermöglichen. Sodann wird die rückläufige Bevölkerungsbewegung der deutschen Juden durch wachsenden Sterbeüberschuß und Auswanderung aufgezeigt. Bei einer Auswanderung von nur 20.000 Seelen im Jahre würde innerhalb von 10 Jahren die heute nur wenig über 400.000 betragende Zahl der Juden in Deutschland auf etwa 100.000 sinken. Diese Entwicklung könnte von"" Staats wegen neben der Zuwanderungs&perre durch systematische Förderung der jüdischen Auswanderung beschleunigt werden. Wenn auch angesichts der Devisenlage Erleichterungen in der Devisenzuteilung nicht in Frage kommen, so könnte doch durch Erleichterungen auf dem Gebiete der Reichsfluchtsteuer, die heute auf einem vielfach nicht mehr vorhandenen Vermögensstande basiert, ein Anreiz zur Auswanderung gegeben werden. Ferner würde ein organische Abwanderung durch Sicherung weitgehender Ausbildungs¬ und Umschichtungsmöglichkeiten für die junge Generation wirksam gefördert werden. Es sollte auch die Frage geprüft werden, ob nicht eine geschlossene Berufsausbildung der sich für die Auswanderung vorbereitend^ Juden in akademischen Berufen bis zur Abschlußprüfung innerhalb Deutschlands selbst möglich wäre. Für die mit 'angen Zeiträumen! rechnende Staatsführung könnte es von sekundärer Bedeutung sein, ob dieser Liquidationsprozeß 20, 25 oder gar 30 Jahre dauert. Wenn die Erreichung des Zieles gesichert ist, sollte auch den immer weniger werdenden Juden in Deutschland die Möglichkeit gegeben werden, ohne Diffamierung als Gemeinschaft und als Individuum unbehindert in ihrem Erwerb zum größeren Teil sich planmäßig wirtschaftlich aus Dleutschiand zu lösen, zum kleineren Teil allmählich auszusterben. Es lohne sich, auch vom deutschen Standpunkt aus zu prüfen, ob nicht eine solche Loslösung ohne Groll und Verbitterung angestrebt werden soll. Da müssen zunächst einmal einige Rechenfehler dies Herrn Kareski richtiggestellt werden. Bei einer Auswanderung von 20.000 Seelen im Jahre kann sich die jüdische^ Bevölkerung in Deutschland, die übrigens 5CÄ3.000, nicht nur 400.000 beträgt, in zehn Jahren bloß um 200.000 Seelen! vermindern, also nicht auf 100.000, sondern nur auf 200.000 Seelen, richtig auf 300.000 sinken. Und selbst dieses Resultat hat zur Voraussetzung, daß die deutschen Juden während des ganzen, auf die Dauer eines Menschenalters berechneten Umschichtungsprozesses auf die natürliche Vermehrung, also auf das Glück des jüdischen Familienlebens verzichten. Und das fordert das Mitglied einer Partei, die sonst jeden Verlust jüdischer Substanz als ein „nationales" Unglück betrauert! Zum Glück zeigen die deutschen Juden wenig Neigung zur Befolgung zionistischer Parolen. In der „Centralvereinszeitung" polemisiert Dr. Eva Reichmann-Jungmann recht kräftig gegen jüdischnationale Versammlungsredner, die die Bekundung jüdischer Heimattreue als „Irrwege jüdischer Politik", die 130 Jahre der Emanzipation als „Urlaub von der Geschichte" und das deutsche Judentum als das „unreligiöseste und zynischste aller Judentümer der Welt" verdonnern, obwohl es im gepriesenen Palästina ganze jüdische Kolonien gibt, die nicht einmal eine Synagoge besitzen. Die tapfere Frau schreibt: „Keiner von denen, denen es ernst ist um die deutsch-jüdische Erneuerung, verharrt bei apologetisch-blinder Verherrlichung des Emanzipationsalters, das viel' von der Kritik verdient hat, die ihm Berufene und Unberufene zuteil werden lassen. Aber eine noch folgenschwerere Mißdeutung der Wirklichkeit liegt darin, diejenige jüdische Geisteswelt auf dem blutigen Altar der Parteipolitik zu opfern, die im Liberalismus ein Bollwerk gegen den Abfall errichtete, in der Neu- Orthodoxie das jüdische Gesetz für die moderne Zeit rettete, im deutsch-jüdischen C. V.-Gedanken eine Synthese zwischen dem Willen zur Umwelt und jüdischer Würde fand und die schließlich den Zionismus selbst mitformte, der ja doch ohne seine deutschjüdischen Wurzeln gar nicht gedacht werden kann." Es gereicht den deutschen Juden nur zur Ehre, wenn sie trotz der tragischen Gestaltung ihres Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturicredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaitungsbfiro, Sensal R. Taub mann, Wien iL, Nordpolstraße 2/3, Tel. A 48-9-22 Rasiere Didi gel und billig Ocsterreichlsclies Quäliläls f aDrihat Ueberau erhältlich Schicksals in der Heimat sich nicht entwurzeln lassen wollen. Bs beweist dies nicht nur ihre echt deutsche Treue, sondern auch wahrhaft jüdisches Vertrauen in die göttliche Hilfe, die in der ganzen jüdischen Geschichte stets den Momenten größter Verzweiflung die Wendung zum Besseren folgen läßt. Schon fehlt es nicht an Symptomen, daß auch die nationalsozialistischen Bäume nicht in den Himmel wachsen. Nach dem erfolgreichen Widerstand Oesterreichs gegen alle Angleichungsbestrebungen des Dritten Reiches hat nunmehr auch D a n z i g die Hoffnungen Hitlers, dort eine Zweidrittelmehrheit und damit die Möglichkeit zu Verfassungsänderungen zu erreichen, zu Schanden gemacht. Anderseits zeigt sich der Zionismus unfähig, eine mit seiner gewaltigen Propaganda auch nur im allerbescheidensten Verhältnis stehende Erfüllung geweckter Hoffnungen zu bieten. Es ist höchst bezeichnend, daß Kareski in seinem oben zitierten Propaganda-Artikel für die Auswanderung der deutschen Juden die Frage vollständig offen läßt, wohin sie auswandern sollen. Palästina erwähnt er nicht einmal — und er hat seine guten Gründe dafür. Welche Chancen die jüdische Immigration ins „jüdische Nationalheim" hat und mit welchem Tempo sie rechnen muß, das illustriert recht eigenartig die groteske Tatsache, daß das Wiener Palästina-Amt jüngst 10 — sage und schreibe zehn Zertifikate zugewiesen erhielt, von denen zwei der Aguda zukommen und nicht ein einziges für Chaluzim, d. h. für die eigens zu landwirtschaftlichen Arbeiten im Heiligen Lande geschulten Jugendlichen bestimmt ist. Die Erbitterung in Wiener Zionistenkreisen über diese lächerliche Beteilung war so groß, daß man beinahe aus Protest gegen solche Brüskierung von einer Verteilung der Zertifikate überhaupt Abstand genommen hätte. Trotzdem propagiert man hier und anderswo immer wieder in den höchsten Tönen, daß die Rettung der Juden aus allen politischen Nöten nur in Palästina zu suchen sei. Das einzige, was man dabei den Zionistenführern — allgemeine, radikale, Judenstaatsparteiler und Revisionisten zeigen hierin eine sonst seltene Uebereinstimmung — zugute halten muß, ist die Zurückhaltung ihrer eigenen Sehnsucht nach Verwurzelung im gelobten Lande, das sie nur als Touristen gelegentlich besuchen, um dann zu Hause von den dort geschauten Wundern schwärmen zu können. Mit ihrer endgültigen „Alija" drängen sie sich nicht vor, sondern lassen höflich den anderen den Vortritt. Je intransigenter sein jüdischer Nationalismus ist, desto mehr weiß jeder seinen Drang nach Zion zu zügeln.

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