Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 14 (5.4.1935)
- Date
- 1935-04-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland «erboten! luetische (Dockens dirift ie UUrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden* Erscheint leden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 51. Jahrgang Wien, 5. April 1935 Nummer 14 Hitlers innere Stimmen. Der Außenminister Großbritanniens, Simon, hat auf Anfragen im englischen Parlament, wie ihm Hitler gefallen habe und was er zu dessen Vorschlägen sage, geantwortet, daß er keinen Anlaß habe, sich darüber zu äußern, was" aus der höflichen Diplomatensprache ins Wienerische übertragen soviel heißt wie: „Nicht einmal ignorieren!" Vergebens hat Hitler seine ganze Beredsamkeit aufgeboten, mit der er in Münchner Bräukellern und im Berliner Sportpalast die Hörer hinreißt. Kr hat die Kleinigkeit übersehen, daß die beiden englischen Minister weder Bierbankpolitiker sind, die sich von blendenden Phrasen betören lassen, noch bezahlte und gut gedrillte S.-A.-Leute, die den Beifall nach markanten Hitlerworten mit preußischer Exaktheit einexerziert haben und bei Lässigkeit im Applaudieren Posten und Freiheit riskieren. So hat er sich umsonst angestrengt, indem er während der ganzen zweitägigen Konferenz fast ganz allein das Wort führte. Mit angelsächsischem Phlegma und diplomatischer Ruhe ließen die beiden distinguierten Gäste den unerwarteten Redeschwall über sich ergehen und nur bei einer einzigen Gelegenheit hätten ihre Nerven beinahe versagt. Das war, als Hitler einmal pathetisch versicherte: „Meine innere Stimme sagt mir . . ." In diesem Moment flüsterte der zu Tode erschrockene Eden dem gleichfalls entsetzten Simon ins.'Ohr: „Barmherziger Gott, eine innere Stimme hat er auch noch!" Wir Juden können diesen Schreck nachempfinden. Uns ist die Zweiteilung des Hitlerschen Sprechorganismus längst kein Geheimnis mehr. Während er nach außen seine Friedensliebe hetont und die erhabene Moral von dem Anspruch aller Menschen auf Gleichberechtigung verkündet, spricht seine innere Stimme, d. h. seine innerpolitische Ordre, das gerade Gegenteil. Allerdings läßt er sich nicht gern auf diesem Widerspruch ertappen. Darum wurde die Judenfrage, sonst Hitlers Steckenpferd, bei der Unterredung mit den englischen Ministern, wie Eden dem Warschauer JTA-Vertreter versicherte, nur ganz nebensächlich gestreift. Der deutsche Reichskanzler und Führer weicht eben einer Erörterung der Frage aus, wie es mit seiner prinzipiellen Forderung nach der Gleichberechtigung der Deutschen mit den übrigen Völkern in Einklang zu bringen sei, einen zahlenmäßig bedeutungslosen und doch verdienstvollen Teil der deutschen Staatsbürger zu Parias zu erniedrigen. Um sein Doppelspiel ungestört weiter agieren zu können, hat er sogar seine „innere Stimme" von seiner Leiblichkeit losgelöst und in selbständigen Organismen von Menschengestalt materialisiert und vervielfältigt. Die amtliche Inkarnation' von Hitlers innerer Stimme ist der Propagandaminister Goebbels. Er erteilt der deutschen Presse Gelieiminstruktionen wie die folgende, in den letzten Tagen herausgekommene: „Zur Information: Das Deutsche Apothekenwesen soll innerhalb zweier Jahre e n t j u d e t werden. Jüdische Apothekenbesitzer, die bis zu diesem Termin ihr Geschäft nicht verkauft haben, sollen zugunsten arischer Bewerber enteignet werden." Selbstverständlich werden die jüdischen Apotheker keine Käufer finden. Denn wer kauft etwas, das er in absehbarer Zeit geschenkt bekommen muß? Gleichzeitig treibt man Propaganda für die deutsche Gleichberechtigung mit den Kulturvölkern . . . Diese Diskrepanz zwischen der Innen- und Außenpropaganda des Dritten Reiches wird auch in führenden Nazi-Kreisen oft peinlich empfunden. So fuhr jüngst der bayrische Statthalter General E p p zu H i 11 e r, um sich über eine besonders exzessive Streicher-Rede zu beschweren. Er erhielt den Bescheid: „Ihr 'müßt Streicher als das nehmen, w a s e r i s t." Was ist nun Streicher anderes als ebenfalls eine Inkarnation von Hitlers „innerer SümitleK? Während dem Reichspropagandaminister Goebbels die schwierige Detailarbeit obliegt, die: einzelnen Berufe wie jetzt die Apotheker, die Schriftsteller und die Musiker zu entjuden, geht der Nürnberger Gausaf resolut aufs Ganze, auf „die'Erlösung der Menschheit durch die Lösung der Jüdenfrage." Diese Aufgabe erschwert er sich, inderrbrer alle Leute, die ihm unsympathisch sind, eiritachJzul-Juden ernennt. Anderseits nimmt er Christus vor dem Verdacht, Jude zu sein, in Schutz. Der Gründer des Christentums hat sich sein Wohlwollen durch den angeblichen Ausspruch erworben, daß die Juden Söhne des Teufels seien. Das Christus-Wort: „Das Heil kommt von den Juden" (Ev. Joh. IV, 22) ist ihm bisher entgangen. Er hat es entweder über- oder unterschlagen. Wenn er eines Tages daraufstößt, wird er sich vermutlich der neuheidnischen Religion anschließen. Von Wotan sind ähnliche unliebsame Ueberraschungen ausgeschlossen . . . Die Beliebtheit, deren sich Streicher beim obersten Führer erfreut, hat zahlreiche Nachahmer auf den Plan gerufen. Der Begabteste unter ihnen scheint der rheinländische Gauleiter Qrohe zu sein, der sich die Streichersche Argumentik ganz zu eigen gemacht hat. In einem Geleitwort zu einer Sondernummer des „Westdeutschen Beobachters", die unter dem Titel „Der Jude in Staat, Wirtschaft und Kultur" vorJkurzem erschienen ist, verzapft Grohe Weisheiten'-'wie die, daß die Boykottbewegung der Juden gegen das Dritte Reich als Bestätigung des immerwährenden Kampfes des Judentums gegen die deutsche Nation zu werten sei. Das Judentum habe dem Ehrbegriff des „königlichen Kaufmanns" zuwider die deutsche Wirtschaft mit dem materialistischen Geist der Raffgier, der Habsucht und Uebertölpelung durchsetzt. Nun, die oben charakterisierte Goebbelssche Taktik, die jetzt zur Enteignung der jüdischen Apotheker führt, wie sie schon früher zur Enteignung anderer jüdischer Erwerbstätiger angewendet wurde, wird dem Ehrbegriff des könig- Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbüro, Sensal R. Taubmann, Wien II , Nordpolstraße 2 3, Tel. A 48-9-22 Rasiere DHU aot und Dillig Ocstcireldilsdies Qnamafsrabrlkaf Ueberau erhältlich liehen Kaufmanns in höherem Grade Geltung verschaffen! Was Grohe über die Gefährdung der deutschen Religiosität in den Jahren der „Judenherrschaft" schreibt, wird in den Kreisen der katholischen Kirche und der protestantischen Bekenntnissynode zu recht wehmütigen Vergleichen der heutigen Zustände mit denen in der „Weimarer Zeit Anlaß geben. Die Anklage, daß die — Juden es auf die Entsittlichung der deutschen Jugend abgesehen hatten, wirkt wie ein guter Wftz angesichts der bekannten sexuellen Entartungen im braunen Lager. Die größte Unverfrorenheit aber leistet sich Grohe mit dem Vorwurf, die deutschen Juden hätten sich „angemaßt" — man denke! — in einem — „fremden" Staate Staatsstellen zu bekleiden! Das schreibt ein Tintenkuli des Dritten Reiches, an dessen höchster Stelle ein Oesterreicher thront und unter dessen leitenden Matadoren ein Balte, ein Aegypter und ein Brasilianer tonangebend sind, alles Hitlers „innere Stimmen". Der Taufschein — Befähigungsnachweis Die „Union österreichischer Juden" hat an das B u n d e s m i n i s t e r i u m für soziale Verwaltung folgende Eingabe gerichtet: Die „Union österreichischer Juden", weiche statutenmäßig berufen ist. die verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung der Juden zu wahren, sieht sich genötigt, folgendes zur Kenntnis eines hohen Ministeriums zu bringen: In der Beobachtungsstation für innere Krankheiten der Arbeiter-Krankenversichertiiigskasse. Wien (XVIII., Gersthoferstraße 120) sind per 1. Mai zwei Sekundararztstellen zu besetzen. In der bezüglichen Ausschreibung, erschienen in den Mitteilungen der wirtschaftlichen Organisation der Aerzte Wiens, wird von den Bewerbern die Vorlage des Taufscheines begehrt. Das gleiche. Erfordernis der Vorlage des Taufscheines findet sich in der seitens der gleichen Anstalt erfolgten Ausschreibung von zwei Sprengelarztstellen für den 1. und 2. Wiener Bezirk. Da nach der Verfassung alle öffentlichen Aemter allen vaterlandstreuen Bundesbürgern ohne Unterschied des Glaubens zugänglich sind (Art. 16 und 27) und es im vorliegenden Falle zweifellos um die Vergebung einer öffentlichen Stelle sich handelt, liegt eine Verletzung der Verfassung vor. wenn von den Bewerbern die Vorlage des Taufscheines, demnach der Nachweis der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession begehrt wird. Wir sind überzeugt, daß eine derartig verfassungswidrige Ausschreibung von öffentlichen Stellen gewiß nicht die Billigung dieses hohen Ministeriums findet, und bitten, eine neuerliche, den Ver-