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Die Wahrheit · 1935-03-29 · Heft 13 (29.3.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 13 (29.3.1935)
Date
1935-03-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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pfeis diewr Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint feden Freitag ^iHiiimiiBffl^^^^^ Redaktion und Administration: Wie« iL. Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassettkonto Wien; A 100.918 51. Jahrgang Wien, 29. März 1935 Nummer 13 Falsche Aufklärungsarbeit. In der Tagespresse konnte man vor kurzem lesen, daß ein Mann, der als Patient zu einem Zahnarzt kam, im Wartezimmer plötzlich einen Revolver gezogen und die Assistentin niedergeschossen hat. Einen, Grund für diese Entsetzenstat vermochte er nicht anzugeben, dagegen wiederholte er immer wieder: „Jetzt ist mir leichter . . ." Würde es sich nicht um einen amtlich beglaubigten Polizeibericht handeln, wäre man zu der Annahme geneigt, daß es sich um eine symbolische Ausdeutung der weltpolitischen Situation handle. Nicht der Situation von heute, denn noch sind die tödlichen Schüsse nicht losgegangen — aber wer kann sagen, wie bald die Transponierung der geschilderten Untat ins Weltgeschichtliche politische Tatsache sein wird. Schon, fehlt es im Wartezimmer der Weltheilanstalt der Politik, wo Klio den berufenen und unberufenen Volksführern auf den Zahn fühlt, nicht an verdächtigen Gestalten, die beim Eintritt ihre Mordwaffen nur schlecht versteckt hatten und jetzt bereits ganz offen mit ihnen herumfuchteln, die Warnung der Besonnenen verhöhnend und den pathologischen ' Eindruck machend, daß es ihnen, ohne daß sie praktische oder höhere Gründe für das Blutgemetzel, in dem Europas Kultur versänken müßte, angeben könnten, einfach leichter wäre, wenn es losginge. Vorläufig haben sie bloß das Judentum ihres Landes knock out geschlagen — angeblich aus Gründen der RassenausTese. Wie sehr in Wirklichkeit auch da bloß sadistische „Erleichterungs"- triebe im Vordergrund stehen, beweist die groteske Meldung, daß ausgerechnet der blutrünstige Judenhetzer Streicher jüngst ein ihm untergeordnetes Parteiorgan gemaßregelt hat, weil es selbständig einen Judenpogrom propagierte. Herr Streicher stellte entrüstet fest: „In Franken kommandiere ich und sonst niemand!" Vom prinzipiellen Standpunkt seiner „Weltanschauung" müßte es ihm doch recht sein, wenn man die Juden erschlägt, aber »leichter" wird ihm eben doch nur, wenn er dies selbst besorgt. Wäre der Antisemitismus im Dritten Reiche wirklich weltanschaulich zweckbestimmt und nicht bloß Befriedigung pathologischer Triebverirrung, dann könnte es nicht geschehen, daß sich an leitender Stelle der staatlichen Devisenwirtschaft ein jüdischer Beamter „breitmacht", indes man gleichzeitig den jüdischen Frontkämpfern die Niederlegung eines Kranzes am Heldendenkmal ebenso verwehrt, wie man offenbar den deutschen Juden den Eintritt in dasnun auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht zu schaffenden Heer verweigern wird. Während .die .verlegene, nicht zur Veröffentlichung bestimmte Information des Herrn Goebbels an die Zeitungsredaktionen dem offenbar unersetzlichen jüdischen Devisenfachmann patriotische Einstellung zum deutschen Staate nachröhrnt, darf der jüdischen. Kriegsopfer, die ihren Patriotismus mit dein'' Leben besiegelten, nicht einmal gedacht werden. Unter den deutschen Bank leuten findet der jüdische Kopf also auch heute noch Anwert; dagegen verlangt man von den deutschen S e s s e I frauen, entsprechend der höheren Bedeutung der — Seßhaftigkeit, im Dritten Reiche arische Abstammung und verknüpft auf diese sinnreiche Art das Stuhlvermieten mit dem Problem, den Juden den Stuhl vor die Türe zu setzen ... Es ist leider nicht zu: übersehen, daß dieses Problem auch außerhalb Deutschlands weite Kreise mit einer Intensität, die.: einer besseren Sache würdig wäre, beschäftigt.: Wir Assimilanten haben seit jeher dieser bedauerlichen Einstellung Andersgläubiger gegen uns Juden durch Aufklärung und Einblickgewährung in das?, jüdische Denken und Fühlen entgegenzuwirken rgetrachtet. Ist doch erst vor kurzem auch von christlicher Seite, und zwar von niemandem Geringeren t als dem Chef des Bundespresseamtes, Herrn. Minister a. D. Ludwig, zugegeben worden, daß'der Antisemitismus eine Hauptursache in der mangelnden Kenntnis von Juden und Judentum habe;-Diesem Mangel abzuhelfen, Brücken des Venständnisses zwischen hüben und drüben zu schlagen, war daher stets das Bemühen jener jüdischen Apologeten, die auf dem Boden des Vaterlandes und der Religion stehen. Die Zionisten standen dieser Taktik mit verständnislosem Hohn gegenüber, geißelten unser angeblich würdeloses Nachlaufen hinter den anderen und predigten an Stelle dieser „Anbiederungsversuche" die splendid isolation des jüdischen Nationalismus, der in stolzer Absonderung von den anderen die einzig: richtige Wahrung der jüdischen Würde erblickte. Plötzlich hat sich auf dieser Seite eine gründliche Wandlung vollzogen und es ist drollig zu sehen* mit welchem Eifer jetzt zionistische Organe wie die „Neue Welt" des Herrn Stricker darauf hinweisen, „daß Aufklärung und sachliche, auch nur einigermaßen gedeihliche Behandlung der Juderiftage nicht anders vorbereitet werden könne als durch direkte Aussprache zwischen Juden und,Nichtjuden". Da feiern wir alten Verständigungstäktiker einen großen Triumph, aber leider können wir seiner nicht recht froh werden. Denn die Zionisten machen auf dem Gebiet, auf dem sie ja noch Anfänger sind, so haarsträubende Fehler, daß sich der Segen der Methode in Fluch zu wandeln droht. So erfreulich z. B. die Tatsache an sich ist, daß jüngst in der Katholischen Akademikerschaft Wiens ein Jude ein Referat über die Judenfrage halten konnte, so wenig erbaut kann man über die Art sein, in der der betreffende Redner, der Herausgeber des „Wiener jüdischen Familienblatts", Hans KandJ, dieser heiklen Aufgabe gerecht zu werden versuchte. Er führte u. a. nach dem Berichte der „Reichspost" aus: Die Juden haben den großen Fehler besangen, daß sie aus verschiedenen Gründen sich k 1 a s s e nkämpierischen Ricn£$trgen an geschlossen haben, wobei sie übersahen, daß eine politische Gruppe, die den Klassenkampf predigt die Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite, kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbüro, Sensal R. Taubmann, Wien!!., Nordpolstraße 2/3,Tel. A48-9-22 Rasiert Dich gut und billig Oesfcrrelcfilsclics Ouaillätsfabilhftl Ueberau erhältlich Haßinstinkte steigert und so gewissermaßen dem Boden auch für den Antisemitismus vorbereitet. Durch die Emanzipation wurde der bis dahin eigenständige jüdische Volkskörper atomisiert. In der liberalen Aera erhielten die Juden die staatsbürgerliche Freizügigkeif, was bei ihnen ein Dankbarkeitsgefühl für den Liberalismus bewirkte. Auch noch in der Gegenwart hängen die Juden jeder liberalen Tendenz an, wo sich eine solche zeigt. Von dem aus dem liberalen Mutterschoß gekommenen österreichischen Sozialismus befürchteten die Juden keine Gefahr. Gegenüber konservativen Mächten besteht bei den Juden, dem konservativsten Volk der Erde, eine gewisse Scheu. Aus dem Erlebnis der Emanzipationszeit und der früheren Religionskämpfe her erklärt es sich, daß sich diese Scheu ganz besonders gegen die katholische Kirche und gegen eine katholisch orientierte Politik richtet. Die Juden iürchten im Zuge dieser Entwicklung ein neues Ghetto und treiben daher Abstinenzpolitik. Der Vortragende gedachte der bekannten, zum Teil seither verwirklichten Pläne Theodor Herzls und gab der Zuversicht Ausdruck, daß die Umorientierung der Judenschaft vom liberalen zum konservativen Denken zuerst im konservativen Oesterreich gelingen werde, in der geistigen Großmacht, von der aus so oit gewisse Linien der Entwicklung ihren Ausgang genommen haben. Gegen die Vorstellung einer geheimen jüdischen Weltmacht empfiehlt der Vortragende den Juden, aus ihrer politischen Tarnung herauszutreten und auf der politischen Ebene im öffentlichen Leben als Juden aufzutreten. Er besprach dann noch verschiedene aktuelle Fragen, wie die Berufsschichtung der Juden, die „Judenpresse", der gegenüber eine wirklich jüdische Presse geschaffen werden müsse, u. a. m. Während assimilatorische Diskussionsredner in gegnerischen Kreisen selbstverständlich jede Gelegenheit benützen, um Irrtümer richtig zu stellen und Falschgeschautes in das wahre Licht zu rücken, sehen wir, Herrn Kandl am Werke, sein katholisches Auditorium in falschen generalisierenden Vorstellungen zu befestigen. Statt den Anschluß jüdischer Wähler an die Sozialdemokratie der Wahrheit entsprechend mit der Tatsache zu erklären, daß sämtliche anderen) Parteien offiziell antisemitisch gewesen sind, faselt Herr Kandl von Scheu gegen die katholische Kirche und vom Anschluß der Juden, die er im selben Atem mit größerer Berechtigung das konservativste Volk der Welt nennt, an klassenkämpferische Richtungen, wodurch der Haßinstinkt gesteigert und der Boden für den Antisemitismus vorbereitet worden sei, was den „Wiener Neuesten Nachrichten" willkommenen Anlaß zu der Feststellung gibt, daß also die Juden am Antisemitismus selbst schuld sind... Wenn das das Resultat jüdischnationaler Aufklärungsarbeit ist, vermögen wir den Optimismus, der „Neuen Welt" über den Nutzen solcher Aussprachen nicht zu teilen. Bezeichnenderweise urteilt auch die „R e i c h s p o s t" pessimistisch: „Erschwerend und hemmend wirkt der Umstand, daß nicht feststellbar ist, wie groß die Zahl der Volks- und Glaubensgenossen des Vortragenden

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