Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 11 (15.3.1935)
- Date
- 1935-03-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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fc$W??r^:*:^y^ ■y^3msstmzi-±i£x SRH IME WAHRHEIT .Nr-' U — 15. März 1935 Seite 5 Samstag, den 23. März 1935, 8 Uhr abends In sämtlichen Festsälen des Handelsmuseums, Wien IX., Berggasse 16 Große Purimfeier dar „Union«» Erstklassige Akademie Erwin Engel und Kurt Karsten (beide auch im Solo) konferieren das folgende Starprogramm: Meiler und Wagner, die Urkomischen, EUy Bauer, D'fseuse, Jakob Feldhaminer, Rezitationen, Hans Horwitz, Klavterhumorist, Dr. Otto Kaperl, Violine. Tanz — Unterhaituns Karten zu S 3.— und S 2.— (Jugend-Union) im Sekretariat der »Union«, Wien IX., Berggasse 4 ben werden. Wir wollen und können nicht glauben, daß man mit dem Schicksal schuldlos verarmter Menschen Schindluder treibt. Wir können nicht stauben, daß die zionistische Exekutive an die Ausgabe der Zertifikate so schwere Bedingungen ■geknüpft hat, daß nur ein kleiner Bruchteil der Bewerber ihnen entsprechen kann. Wir hoffen, daß jeder Einzelne, der diese Denkschrift liest, von sich aus prüfen wird, ob der Vorgang bei der Verteilung der Zertifikate richtig v/ar, ob es keine Möglichkeit gibt, diesem Häufchen unschuldig Vertriebener eine neue Heimat zu geben, und ob nichts unversucht gelassen wurde, dieser verhältnismäßig kleinen Zahl zu helfen. Man bedenke, daß viele mit Frau und Kindern der bittersten Not und Verzweiflung preisgegeben sind, daß es in Wien keine Möglichkeit gibt, auch nur den bescheidensten Verdienst zu finden, daß alle Institutionen, die sich mit Fürsorge befassen, ihre Mittel vollständig erschöpft haben, daß es keinem möglich ist, auch nur die Miete aufzubringen und daß infolgedessen viele unterstandslos sind oder vor der Delogierung stehen. Wir glauben, unter diesen Umständen ein Recht zu haben, genaueste Aufklärung zu verlangen. Wir verlangen in jedem einzelnen Falle die Bekanntgabe von Gründen, aus welchen die Ablehnung erfolgt ist, um die Möglichkeit zu haben, dieselben zu entkräften. Auch glauben wir, falls nicht genügend Zertifikate vorhanden sind, daß die Exekutive nicht anstehen wird, dieselben sofort zur Verfügung zu stellen. Die Frage der Fahrgeldbeschaffung ist bereits restlos gelöst. Die Hicem in Paris hat laut) einer zur Verfügung gestellten amtlichen Liste das Fahrgeld für alle Bewerber zur Verfugung gestellt. Wir lassen zur Erläuterung eine Liste derjenigen folgen, die ein Zertifikat bekommen haben. Wir zitieren mit Absicht nur diejenigen Fälle, von denen whganz genaue Daten geben können, aber wir glauben, daß diese Auslese genügen wird, um darzutun, daß bei der Begutachtung der einzelnen Bewerbungen von Gesichtspunkten ausgegangen wurde, die uns berechtigen, segen diese Art der Geschäftsführung auf das entschiedenste Protest einzulegen. Wir haben bisher nichts unversucht gelassen, um die verantwortlichen Stellen auf uns aufmerksam zu machen. Wir haben in den rührendsten Worten, die uns unsere Notlage diktiert hat, immer wieder auf unsere Situation hingewiesen, mit dem Rrfolg, daß einige Stellen, wie z. B. Palästina-Amt Berlin, es nicht einmal der Mühe wert gefunden hat, uns auch nur einer Antwort zu würdigen. Es wird somit für jeden, der sich einigermaßen in unsere Lage hineindenken kann, verständlich sein, wenn wir uns entschließen, uns an die breiteste Oeffentlichkeit wenden. Wir glauben nicht, und alle gegenteiligen Versicherungen können uns nicht davon überzeugen, daß die Bewerbung von 30 Emigranten in Wien für Palästina, zum Problem gemacht werden kann, im Gegenteil, sind wir davon iiberzeugt, daß ein einziger Federstrich der betreffenden Persönlichkeit genügt, um diese Angelegenheit in dem von uns erhofften Sinne aus der Welt zu schaffen, ganz egal ob die einzelnen Berufe für Palästina geeignet sind oder nicht. In einer derartigen Situation ist es Pflicht des gesamten Judentums, "den notleidenden Glaubensgenossen nach Möglichkeit zu helfen, und das liegt auch sicher in der Richtung des Zionismus und seiner Begründer. :. . Es wurden bestätigt, resp. bereits abgereist: Erwin Ru b i n s t e i n, Kellner, Oesterreicher.: 36 Jahre alt, verheiratet mit Christin,. mußte vor seiner Abreise erst, einer Bruchoperation unterzogen werden. Hat sich nie irgendwie zionistisch: betätigt, es besteht sogar Zweifel, ob er den primitivsten Ansprüchen, die man an einen Durchschnittsjuden stellen kann, entspricht. Außerdem berechtigt sein Verhalten seinen eigenen KoUegen gegenüber zu den stärksten Zweifeln an seinem Charakter. Gerson Zucker, Kaufmann, Pole, 47 Jahre alt, verheiratet, hat sich aus dem Zusammenbruch seine» Berliner Wäscheerzeuguhgunternehmen ein nicht unerhebliches Vermögen gerettet und beabsichtigt in der neuen Heimat nach den alten Prinzipien zum Schaden seiner Umgebung seine Existenz aufzubauen. Seine Situation in Wien war in keiner Beziehung besorgniserregend. Hugo Turn he im, Kaufmann, 44 Jahre alt, Oesterreicher, verheiratet, ist überhaupt nicht als Emigrant zu behandeln, da er nur ganz kurze Zeit in Deutschland gelebt hat. Hat sich nie zionistisch betätigt und hat wie unter 1. vom Judentum nicht die geringste Ahnung. Auch in diesem Falle kann von einer Notlage nicht gesprochen werden, da derselbe ausreichend von seinen Verwandten unterstützt wurde. Hat hier in Wien einen vierwöchentlichen Umschuhmgskurs als Fliesenleger mitgemacht. Hersch Kirchner, Schneider, verheiratet, Pole, ist ebenfalls nicht als Emigrant zu behandeln, da er sich nach seiner Auswanderung aus Deutschland in seine Heimat begeben hat und nur, um dem Militärdienst zu entgehen, nach Oesterreich gekommen ist. Er hat sich, weil zum Zeitpunkt seiner Ankunft in Wien die Auswanderung nach Palästina entriert wurde, auf gut Glück ebenfalls angemeldet. Dr. Karl Lueger im jüdischen Kreise. Das Bild Dr. Luegers wäre nicht vollständig, wollte man nicht erwähnen, daß er in der Jugend ein eifriger Verehrer jüdischer Familientradition und koscherer Küche gewesen ist Ich habe es als gelungene unfreiwillige Humoreske betrachtet, als der gegenwärtige Besitzer der Hirtenberger Patronenfabrik vor einigen Monaten in einer Zuschrift an sämtliche Wiener Zeitungen seinen Katholizismus betonte und diesen damit zu bekräftigen suchte, daß sein Großvater einer der intimsten Freunde Luegers gewesen sei und seine ersten Schritte gefördert hätte. Vollkommen wahr. Nur, daß dieser Großvater, PrimariusDr. Mandl, ein rechtgläubiger Jude war. Der heutige Großindustrielle war damals noch nicht auf der Welt, ich hingegen war es leider, leider schon, und so war es mir gegönnt, auf Purimbällen durch mehrere Jahre im" Hause*;Mandi^mit Dr. Lueger zu tanzen, der sich auf einem dieser Feste dreimal umkostümierte und zuletzt als Purintnarr mit Schellen erschien. Charakteristisch war dabei, daß der junge Advokat meinen aus dem- Ghetto stammenden Vater, seinen Duzfreund, frozzelte, weil dieser die guten rituellen Speisen des Hauses Mandl nicht mehr vertrug und eine Kostümierung ablehnte, weil er das Purimfest in christlicher Umwelt unklug und unzeitgemäß fand, während Lueger diese Tradition sehr schön fand, den Christen ein Vorbild. Ich habe vor 55 Jahren im großen Hofe des Hauses in der Asperngasse, wo Mandls wohnten, zum ersten Male im Leben eine Sukkah gesehen und darin mit Dr. Lueger gespeist. Der blinde, reiche und ungewöhnlich wohltätige Dr. Mandl hat jeden beschenkt, der zu ihm kam, so ist es möglich, daß er dem jungen Advokaten, der ihm und uns allen mit seinen köstlichen Humor so frohe Stunden bereitete, zur Etablierung materiell geholfen hat. Wenn aber der Großindustrielle andeuten wollte, daß sein Großvater Lueger politisch gefördert hat, irrt er sich gewaltig; denn ich war dabei, als Mandl mit dem Feingefühl des Blinden erregt seine mir unvergeßliche Frau Friederike und meine Mutter bat, Lueger ja nicht mehr einzuladen, da er zu ihm merkwürdige Aeußerungen gemacht habe, die Mandl für antisemitisch hielt Nach reiflicher Ueberlegung kann ich heute sagen, diese Aeußerungen waren weit mehr antikapitalistisch als antisemitisch. Armen Juden hat Lueger bis zum Lebensende seine Förderung angedeihen lassen; solchen Juden, die er mitleidig „Nazarenernaturen" nannte, womit er unpraktische Idealisten meinte, wir B a u r a t Wilhelm Stiaßny, Gemeinderat Mittler, meinem Vater, hat er bis zum Tode seine warmen Sympathien bewahrt, wie auch dem gewiß guten Juden, Dr. Josef Bloch. Clotilde Benedikt. New York. Am 10. Mai veranstalten neun Stationen des. amerikanischen Rundfunksystems unter der Bezeichnung „Jiddisches Theater des Aethers" zum ersten Male in der Geschichte des Rundfunks eine Sendung jiddischdramatischer Kunst unter der Leitung Joseph Buloffs, des berühmten jiddischen Schauspielers und Direktors des jiddischen Kunsttheaters in New York. Das Programm „ enthält Bruchstücke aus den Werken der besten, jiddischen Dramatiker, Pinsky, Schalom Atechem, Leiwik u. a. le kamen Ihren ¥erwan*len. Bekannten and freunden m Cef darch I0RGSIN" ff (Warenhäuser in allen Städten der UdSSR) alle gewünschten Lebensmittel, Bekl«Mung*gefleitstSiMle und Bedarfsartikel spesenfrei ausfolgen lassen. Bestellungen, Auskünfte und Preislisten in der Handelsvertretung der UdSSR, Wien I., Wallncrstraße 9. Tel. U 21-5-55 Einige Preise (umgerechnet in österr- Schillingen zum gegenwärtigen Kurs): Mehl. 1 kg von S 0.19 bis 1.19; Reis 1 kg von S 0.47 bis 0.85; Würfelzucker, 1 kg S 1.32; Honig in Dosen, 1 kg S 1.66; Teebutter in Dosen, 1 kg von S 2.13 bis 3-56; Herrensocken. 1 Paar S 0.47 bis 4.75: Damenschuhe. 1 Paar S 17.75 bis 26.10; Herrenschuhe. 1 Paar S 19.70 bis 2430. Die neue Judenverfolgung in Deutschland. Der Berliner Korrespondent der Londoner „T im e s" sendet seinem Blatte einen Bericht über die Lage der Juden in Deutschland, der in England sensationell wirkt und vielfach gehegte Illusionen zerstört. Die wirtschaftliche Gleichheit der Juden in Deutschland, stellt der „Times'-Korrespondent fest, wird zwar in der Theorie seitens gewisser zentraler Staatsorgane anerkannt, keineswegs aber in der Praxis geübt, insbesondere gegenwärtig machen sich deutlich Zeichen eines neuen Wirtschaftsdruckes auf die Juden bemerkbar. Es scheint, daß die Geheime Staatspolizei und die mit ihr zusammenarbeitenden SS-Kreise die direkte Aufgabe übernommen haben, eine neue Welle Emigration in Bewegung zu setzen, — dies zu einer Zeit, wo die Absorptionsverhaltnisse in anderen Ländern gar nicht ungünstiger sein können, als sie es schon sind. In den letzten Wochen sei eine vertrauliche Order der Geheimen Staatspolizei in Umlauf gebracht worden, wonach Propaganda für ein Verbleiben der Juden in Deutschlandaufs schärfste unterbunden werden sollte. Jüdische Versammlungen, in denen für ein Verbleiben in Deutschland Propaganda gemacht werden sollten, wurden verboten oder nach Eröffnung aufgelöst, wobei sogar eine Reihe Verhaftungen vorgenommen wurde. In einer Stadt Süddeutschlands wurde eine Versammlung nur deshalb aufgelöst, weil einer der Redner davon sprach, daß doch nicht alle deutschen Juden nach Palästina auswandern können, sondern daß ein Rest in Deutschland werde bleiben müssen. Eine zweite Order der Geheimen Staatspolizei zielt -darauf hinaus, daß gegen jene Jugend- und andere Organisationen, die von der jüdischen Gemeinschaft die Aufgabe der Führung der Berufsumschichtung, der Ausbildung junger Juden zu Landwirten und Handwerkern, übernommen haben, vorgegangen werde. Gemäß diesen neuen Anweisungen der Behörden soll die Vorbereitung geeigneter Emigranten für Palästina nicht gestört, jedoch jede Ausbildung, die dieses Ziel nicht zweifellos klar erkennen läßt, gestört werden. Der „Times'-Berichterstatter kommt auf die Massenverhaftung nach Deutschland zurückgekehrter jüdischer Auswanderer zu sprechen und teilt mit, es scheine festzustehen, daß diese Re-Emigranten eine Zeitlang der „Erziehung" in einem Konzentrationslager unterzogen werden würden, bevor sie ihre Positionen als Einwohner Deutschlands werden einnehmen können. Dabei muß angenommen werden, daß man die Erwartung hegt, die Nachricht einer solchen „Bewilligung" werde die Wirkung haben, daß nicht nur deutsche Juden im Auslande ihre Rückreisepläne aufgeben werden, sondern daß womöglich eine neue Welle panikartiger Auswanderung sich in Bewegung setzen wird. Dies dürfte, so schließt der „Times"-Korresppndent, den an Deutschland grenzenden Ländern kaum willkommen sein.