Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 11 (15.3.1935)
- Date
- 1935-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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*T IT freii #c«er Nummer 40 Groschen In Deutschland verbot rr l üdisdie IDodicns dirift Se UJahrhei mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint »eden Freitag Hedaktion und Administration; Wien »1., Heinegtraße 13 - Telephon P 46-2-16 — Postsparkasserkonto Wien; A 100.918 51. Jahrgang__Wien, 15. März 1935 _Nummer 11 Ree-Rat Dr. Oppenheim — Präsident der „Union". BüSlCfCDldl$01 ODdMUIH - Mittwoch, den 13. d. M., abends, trat der in der letzten Delegierten-Versammlung neugewählte Zentral vorstand zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Vorsitzender Dr. Josef T i c h o leitete die- Wahlhandlung. Die Abstimmung erfolgte geheim durch Abgabe von Stimmzetteln. Regterungsrat Dr. Hermann Oppenheim wurde einstimmig zum Präsidenten der „Union" gewählt. Dieses Wahlergebnis wurde mit anhaltendem stürmischen Beifall und Händeklatschen aufgenommen. Es wurden weiters gewählt: zu Vizepräsidenten Dr. Josef Ticho und Dr. Karl Steiner, zum Schriftführer Reg.-Rat Dr. Max Lenk und zum' Kassier Eduard Wid rieh. Der Vorsitzende lud. den neugewählten Präsidenten ein, den" Vorsitz zu übernehmen. Von lebhaftem Beifall begrüßt, hielt Regierungsrat Dr. Oppenheim eine längere Ansprache, in der er zunächst mit Worten wärmster Anerkennung der unverbrüchlichen, unentwegten Liebe und Verehrung der Mitglieder der „Union" für die Person des bisherigen Präsidenten und jetzigen Ehrenpräsidenten Dr. Jakob 0 r n s t e i n Ausdruck verlieh und. dem Vizepräsidenten Dr. Ticho für die mustergültige Führung der Geschäfte den herzlichsten Dank aussprach. Der Redner warf einen Rückblick auf die Geschichte der „Union" und fuhr sodann fort: ,,Eine weitverbreitete Meinung, die in den letzten Tagen, nach den Zeitungsnachrichten auch im Bund Katholischer Akademiker ausgesprochen wurde, ist die, daß die Juden überhaupt, insbesondere aber auch die Juden Oesterreichs, von einer radikalen umstürzlerischen Gesinnung erfüllt seien, daß sie wie die Römer das ausdrückten, rerüm novarum cupidi sunt. Diese Meinung ist, soweit die österreichischen Juden in Betracht kommen, eine unrichtige. Aus der bald fünfzigjährigen Geschichte der „Union", der einzigen österreichischen. Vereinigung, die sich bis zum Aufkommen der jüdischnationalen zionistischen Partei in Oesterreich ausschließlich mit jüdischpolitischen Fragen befaßte', ist nachweisbar, daß die große Masse der jüdischen Bevölkerung im alten Oesterreich bürgerlich gesinnt war und daß die scheinbar für das Gegenteil sprechende Erscheinung/, daß eine .verhältnismäßig große: Zahl von Führern der linksgerichteten sozialdemokratischen Partei jüdischer Abstammung waren, auf die bedauernswerte Tatsache zurückzuführen ist, daß nach dem Niedergang der liberalen Partei alle pofirischen Parteien in Oesterreich ausnahmslos den Antisemitismus ausgesprochen oder unausgesprochen zu einem Bestandteil ihres Programmes semacht haben. Ehrgeizige jüdische Intellektuelle konnten also ein Feld für ihre politische Betätigung und für ihren Ehrgeiz nirgends anderswo finden als in jener Partei, deren Programm die allgemeine Gleichheit predigte und bei Auswahl ihrer Mandatare prinzipiell keinen Unterschied in den Konfessionen machte. Etwas ähnliches gilt von dem Vorwurf, daß die linksgerichtete sozialdemokratische Partei so viele Anhänger in den Kreiseiii der jüdischen Bevölkerung gefunden hatte. Es konnte wohl den Juden nicht zugemutet werden, Vertreter von Parteien zu wählen, die die Bekämpfung des „zersetzenden jüdischen Einflusses" in ihr Programm aufgenommen hatten, oder die gar, wie die deutschnationale Partei, die Juden, als angeblich zu einer fremden minderwertigen Rasse zugehörig, ächten wollten. Die Juden standen also immer vor dem Dilemma, bei den Wahlen entweder überhaupt ihre Stimme nicht abzugeben oder wenigstens eine Partei zu wäKen, durch welche die verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung im Falle eines Angriffes voraussichtlich. verteidigt würde. Das primäre wirtschaftliche Progjraram: der sozialdemokratischen oder gar der kommunistischen Partei wurde von der Majorität , der österreichischen Juden immer perhorresziert. Traditionsgemäß stehen und standen die österreichischen Juden auf dem Boden des Privatl.apitals und lehnen jede Art der Vergesellschaftung des Eigentums an den Produktionsmitteln ab. Seit dem Niederbruch der liberalen Partei haben sich aber auch die Juden in wirtschaftlicher Hinsicht von den orthodoxen Lehren des Individualismus und Liberalismus abgewendet. Die große Mehrheit hat eim wirtschaftliches Programm vertreten, das dem der christlichsozialen Partei am nächsten steht. Durch die Auflösung der politischen Parteien und durch die V e r a n k e r u n g der politischen Rechte der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich in der neuen Verfassung sind die Hemmungen beseitigt worden, die einer "freien Aeußerung der wahren politischen und wirtschaftlichen Gesinnung der österreichischen Juden bis dahin im Wege standen. Soweit die Mitglieder der „Union österreichischer Juden" und die ihnen nahestehenden Kreise in Betracht kommen, so anerkennen sie als die wesentlichste Voraussetzung für die Gewährung der Gleichberechtigung das uneingeschränkte und unbedingte Bekenntnis zürn Vaterlande Oesterreich. Wir treten der Auffassung jener unserer Glaubensgenossen' entgegen, die neben dem Vaterlande Oesterreich zumindest noch ein zweites Vaterland Palästina und ein politisches Ziel, das wir nicht mit uniseren christlichen Mitbürgern teilen können, den Judenstaat Palästina, anerkennen. Die Beziehung zu unserem Vaterlande schließt jedes gleichartige Verhältnis zu einem anderen Lande aus. Die menschliche Seele ist zu eng, um mit gleicher, echter, wahrer Liebe und Hingabe zwe? Vaterländer — die Mehrzahl ist auch eine grammatikalische und phonetische Unmöglichkeit — zu umfassen. Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite, kulantest nur durch, das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbüro, Sensal ■ R. Taubmann, Wien 11., Nordpolstraße 2/3. Tel. A 48-9-22 Oesterrelclilsclies QnaJitäts ramihaf Ueberau erhältlich Wir Angehörige der „Union" wollen mit ganzer Kraft und Stärke unsere Hingebung auf unser einziges Vaterland Oesterreich vereinigen. Deshalb müssen wir Palästina nicht vergessen. Palästina ist und bleibt für uns die geweihte und heilige Stätte unserer religiösen Erinnerung. Aber auch darüber hinaus wollen wir Palästina fördern und unterstützen für diejenigen, deren religiöse Sehnsucht sie hinführt, aber auch für diejenigen unserer Glaubensgenossen, die sich nicht assimilieren wollen oder assimilieren können, oder die sich, wie wir jetzt leider hinzufügen müssen, nicht assimilieren dürfen. Aber wir verbinden mit Palästina keine politischen Aspirationen, wir halten es für die Ruhe und für den Frieden unserer Glaubensgenossen dort und auf der ganzen Welt für erstrebenswerter, daß die politische Ruhe des Landes Israel durch jüdisch-politische Wünsche und Bestrebungen nicht gestört werde. Eine neue Aufgabe ist der „Union" entstanden durch die furchtbare Wirtschaftskrise, die insbesondere jene Erwerbszweige hart getroffen hat. denen sich unsere Glaubensgenossen mit Vorliebe gewidmet haben. Das sind Handel, Gewerbe, Industrie und die freien Berufe. Durch die Mitwirkung der „Union" bei den Umschichtungen und Umschulungen insbesondere der jüdischen Jugend, erwächst uns ein großes Betätigungsfeld. Aber auch die jüdischen Handwerker und Händler müssen wir durch die Mitwirkung bei der Schaffung von Organisationen des Kredites, des Einkaufes und der Produktion zu unterstützen und zu fördern trachten. Zusammenfassend wollen wir unsere Ziele dahin präzisieren, daß wir uns und unseren Nachkommen in Oesterreich eine friedliche und gesicherte Heimat erhalten wollen, verbunden mit. unseren christlichen Mitbürgern durch die unerschütterliche Liebe zu unserem Vateriande, gestärkt durch unseren Glauben, den wir treu bewahren wollen. In diesem Geiste wollen wir für unsere Mitglieder und für die österreichischen Juden an die Arbeit gehen, mit Gott für unseren Glauben und für unser Vaterland Oesterreich." - Die Ausführungen des Präsidenten Reg.-Rat Dr. Oppenheim wurden mit lebhaftem Interesse angehört und mit großem Beifall aufgenommen. Hierauf wurde die weitere Konstituierung vorgenommen und eine Reihe von Kommissionen, darunter eine politische, eine wirtschaftliche Kommission eingesetzt und ein Organisationskomitee gewählt. Nach Erledigung von laufenden Angelegenheiten wurde die erste Sitzung unter der Leitung des neuen Präsidenten geschlossen.