Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 51 (21.12.1934)
- Date
- 1934-12-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis «»«er Nummer 40 Groscfeeii «« Deutschland «erboten! Jüdische Die tÜcmrhe! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden Erscheint jeden Freitag dnniniiHuniiiiimiiiNnnniiiHMiiUFHmnHinBiniii.iiinMLHmmmjHiuwi^trunutHMfc Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 21. Dezember 1934 Nummer 5t Wie man um uns wirbt. Wir Juden in Oesterreich werden jetzt heiß umworben. Das ist kein Witz. Bei oberflächlicher Betrachtung sieht es freilich nicht darnach aus. Es hat vielmehr den Anschein, als ob weite Kreise unserer christlichen Landsleute sogar ihrem schönen Fest der Liebe, das sie unter dem Weihnachtsbaum feiern, durch Haßorgien gegen die Juden erst die richtige Würze geben zu müssen glauben. Wie unsere Leser schon wissen, haben katholische Pädagogenzeitungen nebst dem bereits konfiszierten Ritualmordbuch von Loge das noch immer nicht beschlagnahmte Werk des steirischen Pfarrers Qaston Ritter „Die Schatten des Antichrist" als passendstes Weihnachtsgeschenk angepriesen. In diesem Pamphlet wird vordemVölkerbund als einer Schöpfung der Weisen von Zion gewarnt. Es ist sehr pikant, dieser „Erkenntnis" die wehmütigen Worte gegenüberzustellen, mit der die „Reichspost" jüngst (am 12. d. M.) die dem Völkerbund geglückte friedlichschiedliche Bereinigung der jugoslawisch-ungarischen Kriegsgefahr quittierte: „Heute wird die geschichtliche Gerechtigkeit nicht die rehabilitierende Feststellung versagen, daß Oesterrech mit dem Verluste einer Großmachtstellung für einen Mangel büßen mußte, den es nicht verschuldet hat: daß es im Jahre 1914 noch keinen Völkerbund gegeben hat, der ihm das Ultimatum erspart hätte und bei dem es seine Klage über Sarajewo, wie jetzt Jugoslawien die über Marseille, hätte vorbringen können." Während also der genannte steirische Pfarrer den Völkerbund zu den Schatten des Antichrist zählt, von Juden ersonnen, um das Fundament der christlichen Staaten zu unterhöhlen, führt das Wiener klerikale Regierungsorgan den Untergang der österreichischen Großmachtstellung auf die von ihm bedauerte Tatsache zurück, daß der Völkerbund nicht schon im Jahre 1914 existierte . . . Wie sollen sich die österreichischen Christen, die aus Eifer für die katholische Sache sowohl das Buch des Pfarrers Ritter als auch die „Reichspost" lesen, angesichts dieses Widerspruchs auskennen? Ihre geistigen Nöte, deren sich der Staatsanwalt endlich erbarmen sollte, werden noch durch die Groteske gesteigert, daß auch der Mord von Sarajewo als Machination der Weisen von Zion „entlarvt" wird ... Es ist dies ein krasser Beweis, daß das Geschäft der Judenverleumdung mit der doppelten Buchhaltung sehr schlecht fährt ... Ungleich besser funktioniert die Propag a; abteilung dieses Geschäfts. Als solche stellt sich ein arischer Verlag „Arag" vor, der einen „arischen Zeitweiser" mit dem Motto „Arier, kauft nur bei Ariern!" herausgibt, in dem nicht nur Geschäftsleute inserieren, sondern höchst befremdlicher Weise auch Aerzte, Apotheker, Rechtsanwälte und Notare, also Angehörige von Berufen, in denen Reklame sonst als standeswidrig untersagt ist. Während nationalsozialistische Methoden offiziell in Oesterreich verpönt sind, werden sie von der „Arag" und ebenso von einem in der Druckerei „Freiland" erschienenen „Arischen Geschäftsweiser Wiens", mit dem wir uns an anderer Stelle beschäftigen, ungehindert herangezogen, um sonst Unerlaubtes straflos zu praktizieren. Dies gelingt paradoxerweise, weil die in Oesterreich zur Wahrung der Gesetze berufenen Rasiere Dldi gm and billig Stellen die antisemitischen Methoden des Kundenfanges nicht bloß durch Passivität sanktionieren, sondern sogar aktiv unterstützen. So erfahren wir, daß bei der Wiener öffentlichen Küchenbetriebsgesellschaft m. b. H. (Wök), I., Schottengasse 1, welche zu gleichen Teilen der Wiener Gemeinde und dem Bund gehört, von führenden Funktionären mit Duldung des Regierungskommissärs Herrn Dr. Arthur Mebus unter der Beamtenschaft für die „Ako" (Arische Kreditorganisation) Reklame gemacht wird. Die Einkaufsführer der Ako liegen offiziell in der Zentrale auf. Ja, man scheut dort sogar vor direkten Verboten nicht zurück, den Warenbedarf der Wök bei j ü d ischen Lieferanten zu decken, auch solchen, die sich früher als leistungsfähiger erwiesen als die arischen Konkurrenten, denen jetzt ohne Rücksicht auf die kaufmännischen Interessen des offiziell gemeinnützigen Unternehmens insgeheim der Vorzug gegeben wird. Wir glauben, daß die Mahnung „caveant consules!" in diesem Fall um so mehr am Platze ist, als das Vorgehen gegen die jüdischen Aerzte in den staatlichen und städtischen Krankenanstalten im Ausland bereits sehr böses Blut gegen Oesterreich gemacht hat. Man verkennt dort eben noch mehr als im Inland die tiefere Bedeutung der den Juden gegenüber eingeschlagenen Taktik: Sie hat, wie wir schon eingangs bemerkten, im Grunde keine abstoßende, sondern eine werbende Tendenz. Die Angst und Sorge, mit der die jüdische Seele der politischen Entwicklung unserer Tage gegenübersteht, wird zu einem ganz bestimmten Zwecke erzeugt. Wir lesen hierüber in einem „Friedensgruß" der Schwedischen Gesellschaft für Israel (IX., Seegasse 16): „In der Welt habt ihr Angst. Das ist ein Wort, das einst zu Juden gesprochen wurde. Spricht es nicht auch heute direkt, unmittelbar zum jüdischen Herzen? Wir wissen alle, daß das einst zu Juden gesprochene Wort: ,ln der Welt habt ihr Angst* für Juden von heute so aktuell ist wie je. Gibt es keinen Weg aus dieser Angst heraus? Jesus zeigt den Weg: .Solches habe ich mit euch geredet, daß ihr in mir Frieden habet'. Stammt nicht all das Unglück, das über die Juden gekommen ist, und die ständige Angst, in der sie leben müssen, von der Tatsache; her, daß sie ihren Messias, den Friedensfürsten Jesus, verworfen haben?" Jetzt erkennen wir, worauf es in Oesterreich bei der Judenhetze ankommt. Es handelt sich nicht wie in Hitler-Deutschland um einen Abstoßungsprozeß, sondern um eine Werbeaktion. Unsere äußeren und inneren Nöte sollen uns — den christlichen Kirchen zuführen ... Ueber die von katholischer Seite zu Missionszwecken gegründete Zeitschrift „Erfüllung" sind unsere Leser bereits informiert. Jetzt machen auch die anderen christlichen Kirchen und Sekten ihre Ansprüche an uns geltend. Es ist ein regelrechter Wettkampf um uns ausgebrochen, in dem es so heiß hergeht wie im Kampfe zwischen Engeln und Teufeln um Fausts Seele. Man wird uns am Ende noch zerreißen, aber nicht aus Judenhaß, sondern im Gegenteil aus zärtlichster Fürsorge um Israels Seelenheil . . . Das wird allerdings nicht immer so unverhohlen zugegeben. Mit diplomatischem Takt nahm jüngst der Wiener Franziskanerpater Zyrill Fi- Oesferrelchisclies 0 uamms raDr mal Ueberau erhältlich scher als Vortragender vor einem zionistischen Auditorium zu dieser Frage Stellung: „Das Endziel der Kirche", erklärte der Redner, „ist die Einbeziehung der Juden, die Bekehrung. Gegenwärtig ist allerdings die Bekehrung unaktuell. Man hat mit dem Taufen schlechte Erfahrungen gemacht und nur wenn jemand aus wirklich religiöser Ueberzeugung zum Christentum gefunden hat, ist diese Bekehrung von Wert. Um so wichtiger sind daher die Verständigungsbestrebungen ganz unabhängig von der Bekehrung . . . Wir leben gemeinsam in einem Staat, in Oesterreich und die Juden können nicht einfach aus diesem Staat übersiedeln. Es ist daher notwendig, daß sich Katholiken und Juden vertragen. Es gibt auf beiden Seiten Heißsporne, die sicherlich zum größten Teil von guten Vorsätzen ausgehen, die aber diese sehr schwierigen Verständigungsbemühungen stören. Diese Störungen müssen von beiden Seiten in ihrem eigenen Kreis überwunden werden." Das klingt sehr schön, wenn auch, was die nebulose „Verständigung" anbelangt, wenig einleuchtend. Was trägt nun aber der Redner in seinem eigenen Kreise zu der von ihm so . warm empfohlenen Befriedungsaktion bei? Pater Zyrill Fischer ist Hauptschrift- Ieiter des Kirchenblattes „Katholisches Leben". In der letzten Nummer dieser Zeitschrift finden wir folgenden Appell: „Christen, macht Eure Welhnachtseinkäufe bei Christen! Christliche Solidarität kauft bloß in Geschäften, die als wirklich christlich bekannt sind oder die wenigstens in christlichen Zeitungen annoncieren." Dieser letzte Passus zeigt allerdings eine erfreuliche Differenzierung von rassischer, ja sogar von konfessioneller Unduldsamkeit. Wir brauchen uns nicht einmal taufen zu lassen, sondern bloß in einem klerikalen Blatte zu inserieren, um alle Vorteile christlich-deutscher Bodenständigkeit genießen zu können. Und zum Schluß werden wir sogar wirklich und wahrhaftig mit den — Hakenkreuzlern gleichgeschaltet: „Kauft also nicht bei Juden und nicht bei Nazi!" So wirbt man um uns). . . Wie letzthin können wir der bedauerlichen Betrachtung der uns Juden berührenden österreichischen Verhältnisse wieder nur eine Schweizer Stimme entgegenhalten, und zwar die des Bundesrates Etter, der bei einer katholischen Gedenkfeier folgendes sagte: „Ihr wollt ein neues Haus Euch bauen, bauet es, aber tut es im Geiste des Friedens und der Verständigung. Keiner suche den anderen in der berechtigten Sphäre seiner Freiheit und Eigenart zu vergewaltigen. Keiner werde verfolgt um seines Glaubens willen."