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Die Wahrheit · 1934-11-16 · Heft 46 (16.11.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 46 (16.11.1934)
Date
1934-11-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die Wahrheit In Deutachland «erboten I mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Jud FLUGPOST Erscheint jeden Freitag ffliMMiiiinnm Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 50. Jahrgang Wien, 16. November 1934 Nummer 46 Zionismus einst und jetzt. Das jüdische Kattowitzist dieser Tage Zeuge einer großen Feier gewesen, die dem 50jährigen Jubiläum des Bestandes des Chowewe Zion gegolten hat. Im Jahre 1884, also noch lange vor der Entstehung des politischen Zionismus, traten Männer, denen schon damals die Wichtigkeit der Produktivierung und Umschichtung des Judentums zu Bewußtsein kam, in Kattowitz zusammen, um einen Verband zu gründen, dem die Aufgabe der Förderung des Ackerbaues unter den Juden und die Unterstützung jüdischer Siedlungen in Palästina zufallen sollte. Sie legten sich den bescheidenen Namen Chowewe Zion, Zionsfreunde, bei und verzichteten auf hochtrabende Bezeichnungen, wie sie heute vielfach in Mode gekommen sind. Die 50jährige Wiederkehr der Gründung dieses Verbandes macht einen Vergleich zwischen einst und jetzt verlockend, ja zwingend. Seit der Vertreibung der Juden aus dem Heiligen Lande ist die Erinnerung an Palästina und die Sehnsucht nach dem Land unserer Väter niemals erstorben. Dichter und Denker — hier sei nur Jehuda Halevi angeführt — gaben dieser inneren Verbundenheit mit der einstigen Heimat gehaltvollen Ausdruck. In unseren Gebeten sprechen wir es dreimal täglich aus, daß uns Gott nach Zion zurückführe. Aber nicht nur für uns Juden, sondern auch für die gesamte gesittete Welt bedeutet Palästina die ehrwürdige Stätte alter Kultur und das Land, welches der Menschheit drei Religionen gegeben hat, ein Heiligtum, das ehrfurchtsvolle Pflege findet. Wenn nun die Gründer des Chowewe Zion daran gingen, Menschen nach Palästina zu verpflanzen, damit dort neues Leben entstehe, so verdolmetschten sie hiemit ganz gewiß einen allgemeinen jüdischen Wunsch, der überall, wo Juden wohnten, einen großen Widerhall fand. Welchen Lauf aber haben die Dinge seit damals genommen? Aus der Schwärmerei einer kleinen Gruppe wurde eine große politische Bewegung, die insbesondere in der Nachkriegszeit einen starken Auftrieb erhielt. Heute blicken viele Juden auf Palästina nicht als Träumer und Schwärmer, sondern als entwurzelte und existenzsuchende Menschen. Damals war es das Land der Verheißung, heute soll es — nach zionistischer These — das Land der Erfüllung geworden sein. Land der Erfüllung? Hier müssen wir eine starke Einschränkung machen, die, so unpopulär sie heute auch klingen mag, nicht oft genug und nicht laut genug ausgesprochen werden kann. Der Zionismus hat wohl das Interesse des Judentums für Palästina in geschickter Weise dazu benützt, um aus einer pietätvollen Schwärmerei ein praktisches Werk zu schaffen, das nach ursprünglicher zionistischer Konzeption die Lösung der Juntwnn&k. VERWALTUNGEN HYPOTHEKEN - VERKÄUFE "»fr SÄTZE - HYPOTHEKEN ^jj^ KÄUFE SZILÄGYI »X., ROTENLÖWENG. 3 \ BEN. AKT. SEISAL TEL. A 10-5-69 denfrage bringen sollte — er vergaß aber, daß das Objekt, welches hiezu auserkoren wurde, das denkbar ungeeignetste ist: in geographischer, in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Man hat übersehen, daß Palästina in Asien liegt und mit der Undurchsichtigkeit der gesamten asiatischen Geschehnisse und Zukunftsentwicklung belastet ist; man hat ferner die Rechnung ganz ohne Berücksichtigung der wichtigsten Post, nämlich der Araber, gemacht; es ist charakteristisch, daß Theodor Herzl die Araberfrage überhaupt nicht kannte und sie in seinen Schriften auch nie anführte; man ließ es unberücksichtigt, daß Palästina nicht ein freies Land ist, das seüuc Tore den jüdischen Massen zur Ansiedlung öffnen konnte, sondern von einem Volk bewohnt wird, welches dort schon 1400 Jahre lebt, die palästinensische Scholle als sein ureigenes Land ansieht, von einem Volk, das im gewaltigen nationalen Aufstieg begriffen ist und in den unmittelbaren Nachbarstaaten 33 Millionen Kampf- und Bundesgenossen zählt. Die panarabische Frage ist heute das große Gespenst, welches seine Schatten auf den Zionismus wirft. Man wollte ferner nicht sehen, daß Palästina eine Figur auf dem großen Schachbrett der englischen Weltpolitik darstellt, welche Ziele und Ausmaße der Siedlung nicht nach jüdischen, sondern nach englisch imperialistischen Gesichtspunkten regelt. Gerade in diesen Tagen hat England einen neuen traurigen Beweis für die Richtigkeit dieser Anschauung geliefert: In den nächsten sechs Monaten werden nur 7500 Zertifikate für jüdische Einwanderer nach Palästina bewilligt werden, wiewohl die Jewish Agency um 18.600 angesucht hatte. Die englische Regierung erklärt, daß das Land im nächsten Halbjahr 9700 Einwanderer aufnehmen könnte, es werden aber der illegalen Einwanderung wegen um 2200 Zertifikate weniger ausgegeben. Es würde viel zu weit führen, wollten wir im Rahmen unserer heutigen Betrachtung alle die Momente aufzählen, die man bei den gewaltigen Anstrengungen, Palästina zu einem Rettungsanker für die Juden zu gestalten, nicht miteingerechnet hat. Wir wollen aber heute nicht von der Aussichtslosigkeit einer durchgreifenden, .dauernden und endgültigen Rettung der Juden durch Palästina sprechen, sondern von der moralisch-religiösen Seite dieses Kolonisationsunternehmens. Der Zionismus des Chowewe Zion bewegte sich ganz auf philanthropischer und religiöser Grundlage. Wir wissen ganz gut, daß Philanthropie kein taugliches Mittel darstellt, um die wirtschaftlich dahinsiechenden jüdischen Massen zu retten. Heute stehen wir vielmehr auf dem Standpunkt produktiver Hilfe. Was uns aber bei der Betrachtung des Geistes und der Seele der Juden zur Zeit der Chowewe Zion-Gründung mit der heutigen Verfassung unserer Brüder hier und in Palästina schmerzt, ist die betrübliche Feststellung, daß der nationalpolitische Zonismus sich so gut wie völlig von der Religion getrennt hat, daß von religiösem Geist in Palästina gar nichts oder doch nur sehr wenig zu merken Es war ein überaus verdienstvolles Werk des Schweizer Israelitischen Gemeindebundes, die Ueberprüfung der „Protokolle der Weisen von Zion" durch das Berner Gericht zu veranlassen. Wenn auch der sensationelle Prozeß infolge der Verschleppungstaktik der angeklagten Nationalsozialisten noch kein formelles Ende gefunden hat, so steht schon heute fest, was aller Welt von jeher klar war: Die „Protokolle" sind eine der gemeinsten Fälschungen des letzten Jahrhunderts. Die ganze zivilisierte Welt hat während der Dauer des Prozesses gespannt nach Bern geblickt, weil dort nicht bloß Uber ein paar Antisemiten, sondern über den Antisemitismus selbst, repräsentiert durch eine seiner bösartigsten Schöpfungen, Gericht gehalten wurde. Für uns Juden im besonderen war die Berner Gerichtsverhandlung von größter Wichtigkeit, sie bedeutete, wie der Zeuge, Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis, Stockholm, richtig sagte, einen Prozeß des gesamten Judentums gegen seine Ehrabschneider. Am Mittwoch, den 21. November, 8 Uhr abends, wird der Vizepräsident der „Union", im Klubsaal des Cafe Excelsior, I., Rotenrurmstraße 24, Uber den Berner „Protokoll"-Prozeß sprechen. Jeder Jude muß wissen, mit welch infamen Mitteln gegen unsere Gemeinschaft gearbeitet wird! ist, daß unsere Jugend dem modernen Nationalish mus in den Rachen geworfen wird, der letzten Endes Geist und Seele aushöhlt; daß wohl im heutigen Palästina Sport und Jazz, viel weniger aber die Thora zur Geltung kommt, daß Tausende und Abertausende nach Palästina nicht wandern, um dort Erfüllung ihrer religiösen Sehnsucht zu finden, sondern um Geschäfte zu machen, daß sich dort ein ungeheuerlicher Wucher breitmacht, kurz, daß die religiöse und geistige Formung des Judentums in und durch Palästina vollkommen versagte, wie dies zum Teil Chaim Nachmann B i a 1 i k vor seinem Tode mit tiefster Betrübnis und gequält von schwerer Sorge für die geistige Zukunft des Judentums öffentlich geißelte. Hier liegt die große Gefahrenquelle für den Zionismus und für das gesamte Judentum. Die Tagung des Chowewe Zion in Kattowitz mögen alle Juden zum Anlaß nehmen, um über Sinn und Zweck jüdischen Daseins nachzudenken. Sie mögen es beherzigen, daß es vorwiegend religiöse Momente waren, welche die Gründer des Chowewe Zion um die Fahne Zions scharten. Zionsfreunde — wer sollte denn das nicht sein? Auch wir sind Freunde eines Zion im Sinne der religiösen Erneuerung des Heiligen Landes, welches nicht zu einem Tummelplatz wilder Bruderkämpfe werden darf, wo sich der Ungeist nationalen Assimilantentums und europäisch-politischer Irren und Wirren breitmachen. Wir werden einem Palästina, das uns Juden eine Stätte religiösen Aufschwunges und ein soziales Hilfswerk bieten will, immer unsere Ehrfurcht entgegenbringen — dagegen werden wir uns immer weiter von dem Palästina entfernen, wie es der moderne nationalpolitische Ungeist z» gestalten sich anschickt.

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