Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 39 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 7 Der Kampf für jüdische Arbeit in Palästina. Sehr großen Eindruck haben in ganz Palästina die letzten Vorkommnisse im Kampfe um die jüdische Arbeit in Haifa hervorgerufen, wo es bereits zur Verhaftung von Dutzenden von jüdischen Arbeitern und zu schweren Gerichtsurteilen gegen sie gekommen ist. Der Kampf wird um den Bau eines reichen Warschauer Juden namens Bo-rovsky geführt, der den Bau seines großen Hauses in Haifa einem arabischen Bauunternehmer übertragen hat, der ausschließlich arabische Arbeiter beschäftigt Die jüdischen Institutionen und Organisationen haben sich bereits wiederholt an Borovsky mit dem Ersuchen gewandt, dem Boykott der jüdischen Arbeit beim Bau seines Hauses ein Ende zu setzen. Alle diese Versuche sind jedoch ergebnislos verlaufen. Auch die telegraphischen Bitten der Haifaer jüdischen Gemeinde bei der Warschauer Gemeinde und der Haifaer Rabbiner an das Warschauer Rabbinat, auf Herrn Borovsky ihren Einfluß auszuüben, sind bisher ohne Wirkung geblieben. Die Haifaer Histadruth beschloß daher, beim genannten Bau jüdische Arbeiter als „Posten" aufzustellen. Die Polizei intervenierte, und als die Posten den Bau nicht verließen, verhaftete sie die Teilnehmer am Postenstehen. An die Stelle der verhafteten Posten traten sofort neue, aber auch sie wurden von der Polizei verhaftet. Da die Arbeiter, die Posten standen, den Platz nicht freiwillig räumen wollten, machte die Polizei von ihren Stöcken Gebrauch, und ein großer Teil der jüdischen Arbeiter wurde verwundet. Das Gericht verurteilte zunächst 46 der verhafteten Arbeiter zu einem Monat Gefängnis und sechs zu drei Monaten Gefängnis. Zwei Tage später wurden weitere 13 Arbeiter zu drei Wochen Gefängnis und sieben zu fünf Wochen Gefängnis verurteilt. - Unter dem starken Druck der jüdischer, öffentlichen Meinung stellten die beiden jüdischen Architekten, die die Arbeit beim Bau des Herrn Borovsky leiten, die Arbeit ein und meldeten dem Bauherrn nach Warschau telegraphisch, da'3 sie gezwungen seien, die Bauarbeit zu unterbrechen, weil sie bereits zur Verhaftung und Verwundung von Dutzenden jüdischer Arbeiter geführt habe. Im Zusammenhang mit diesen Vorkommnissen lud der Haifaer Gouverneur die Leiter der Haifaer Histadruth vor und ersuchte sie, die Posten als gegen das Gesetz verstoßend zu beseitigen. Die Vertreter der Histadruth erklärten, daß ihr Kampf nicht gegen die auf dem Bau arbeitenden Araber, sondern gegen ihren jüdischen Arbeitgeber gerichtet sei, der die jüdische Arbeit boykottiere und dadurch Verrat an seinem Volke begehe. Die jüdischen Arbeiter würden den Kampf für die jüdische Arbeit fortsetzen. Nach diesen Vorkommnissen unterbrach der arabische Bauunternehmer die Arbeit am Bau des Gebäudes. Inzwischen traf ein Telegramm des Herrn Borovsky ein mit der Anordnung, auf dem Bau jüdische Arbeiter zu beschäftigen. Palästina-Nachrichten, Von den sechs jüdischen Kandidaten bei den gegenwärtig stattfindenden Wahlen zum Stadtrat von Jerusalem wurden der Vorsitzende des Waad Leumi Isaak Ben Z w i und der Rechtsanwalt Daniel Auster ohne Abstimmung in den Stadtrat entsandt. Nur über die Besetzung der vier restlichen jüdischen Mandate wird durch Abstimmung entschieden werden. Es gilt als sicher, daß Ben Zwi in dem neugewählten Stadtrat das Amt des Vizebürgermeisters bekleiden wird. * Neun, aus Sowjetrußland geflüchtete Juden, die am 24. Juli in Wadi Hawarith als illegal Eingewanderte verhaftet worden waren, sind vom englischen Polizeirichter in Haifa zu je zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Mit Rücksicht darauf, daß die Verurteilten nach Sowjetrußland nicht zurückkehren können, hat der Richter den Verwaltungsbehörden nahegelegt, diesen Einwanderern, falls sie sich durch ihr Verhalten dessen würdig erweisen, die dauernde Niederlassung zu gestatten. Von den Richtern in Safed und Tiberias wurden 21 Juden und 31 Araber wegen illegaler Einwanderung zu je zwei Monaten Gefängnis und nachfolgender Ausweisung verurteilt. Auf administrativem Wege wurden 100 illegal eingewanderte syrische Araber außer Landes geschafft. * Seitens der Leitung der Palästina-Polizei wird der JTA mitgeteilt, daß gegenwärtig 167 Juden, unter ihnen 56 Frauen, als „i 11 e g a l'e E i n w a n d e r e r" in Palästina-Gefängnissen sitzen. 140 Juden büßen bereits ihre Strafen ab, während 27 Juden noch auf das Urteil "warten. Auch 199 Nichtjuden sind wegen illegaler Einwanderung in Haft. Die meisten illegalen Einwanderer sind im Gefängnis zu Akko untergebracht. 17 mit dem griechischen Dampfer „Union" eingetroffene und wegen illegaler Einwanderung verurteilte junge Juden sind in den Hungerstreik getreten: zum Protest gegen den Beschluß, sie zu deportieren, und gegen schlechte Behandlung im Gefängnis. Da die Verurteilten keine Heimatsdokumente besitzen, sind die Behörden in Verlegenheit; sie. wissen nicht, wohin sie die jungen Juden deportieren sollen. Wie dem „Czernowitzer Morgenblatt" aus Constanza gemeldet wird, haben 300 jüdische Auswanderer aus Polen und anderen Ländern, welche über Rumänien nach Palästina gelangen wollten, sehr unangenehme Erlebnisse gehabt. Diese 300 Palästinaauswanderer besaßen keine Zertifikate. Die englischen Behörden gestatteten ihnen daher nicht die Landung auf palästinensischem Boden. Das Schiff, auf dem sie sich befanden, setzte dann seine Fahrt nach Pyräus fort, wo die 300 Auswanderer ans Land stiegen. In Pyräus traten die Auswanderer mit einem Schiffsbesitzer in Verhandlung, der sich bereit erklärte, sie nach Haifa zu bringen und ihnen zu ermöglichen, ans Land zu kommen. Die englischen Behörden erfuhren aber davon. Als die Auswanderer das Schiff verließen und in Booten das Land zu erreichen versuchten, trafen mehrere englische Polizei boote ein. Es kam zu einer Jagd aufdie Boote, in denen sich die Auswanderer befanden. Ein Boot kippte um unddrei Jünglinge ertranken. 80 junge Leute wurden von den englischen Behörden gefangengenommen. Den restlichen gelang es, das Land zu erreichen und sich in Sicherheit zu bringen. Der geschäftsführende Direktor des Jerusalemer King David-Hotels, Charles Bähler, ein schweizerischer Katholik, hat soeben dreizehn jüdische Angestellte des Hotels entlassen, nachdem er bereits im Verlauf der letzten Jahre zahlreiche jüdische Angestellte abgebaut hatte. Die im Hotel noch beschäftigten Juden erwarten ebenfalls ihre Entlassung. Als man Bähler nach dem Grund der Entlassungen fragte, gab er eine barsche Antwort. Er wandte sich an die Palästinaregierung mit dem Ersuchen um Austolgung von Visen für eineji völlig neuen Stab christlicher Angestellter, der die entlassenen Juden ersetzen soll. Da die Mehrzahl der Aktien des Hotels im Besitze jüdischer Institutionen, wie der New Yorker Palestine Economic Corporation und des Londoner Economic Board for Palestine, ist, wandten sich die entlassenen jüdischen Angestellten an Sir Robert W a I e y - Cohen von der Palestine Economic Corporation in Jerusalem um Wahrnehmung ihrer Interessen. Sir Robert Waley-Cohen erklärte der JTA. die P. E. C. werde ihr Möglichstes tun. um eine Regelung der Beziehungen zwischen der Leitung des King David-Hotel und den lokalen Angestellten, jüdischen wie arabischen, herbeizuführen. Das hohe Ansehen, welches das Hotel bei jüdischen und nichtjüdischen Gästen genießt, würde natürlich sehr beeinträchtigt werden, wenn man seine Leitung mit Recht verdächtigen könnte, politische oder rassische Vorurteile zu hegen. Tüchtiger Religionslehrer erteilt billigst Piivatunterricht in allen hebräischen Fächern. Zuschriften an die Adm. dieses Blattes. Aus affer Wett. London. Hier ist soeben die Gründung einer jüdischen Kameradschaft auf Weltbasis (World Jewry F e 11 o w s h i p) bekanntgegeben worden, deren Aufgabe es ist, jüdisches Bewußtsein zu stärken und für Einheit der Juden überall zu wirken. Eine Abordnung begibt sich nach Amerika, um dort Förderung für die Fellowship zu erlangen. In einer unter Vorsitz von S. G. Sornan abgehaltenen Sitzung wurden die Ziele der Organisation erläutert; diese sind nicht religiös und nicht politisch, die Fellowship wird Kenntnis über die Rolle der Juden in der Zivilisation verbreiten und auf diese Weise den Antisemitismus bekämpfen. Auch will sie gegenseitiges Verständnis und Freundschaft zwischen Juden und Nichtjuden fördern und ein Bündnis aller demokratischen Kräfte gegen Rassenhaß und Tyrannei schaffen. Amsterdam. Am 3. Oktober wird die Deutsche Kolonie im Wieringermeer-Polder (früher Zuyder-See) offiziell eröffnet werden. Diese Kolonie wurde durch Vermittlung des Komitees für spezielle jüdische Interessen mit Hilfe der holländischen Regierung gebildet. 150 Kolonisten befinden sich bereits in dem Arbeitslager und werden eine dreijährige landwirtschaftliche Ausbildung erhalten. Danach werden sie nach Palästina oder Südamerika auswandern. 300 Personen können in der Kolonie Aufnahme finden; sie wird von dem bekannten Berliner Arzt Dr. H. Lubinski geleitet. Moskau. Im Monat August haben 265 jüdische Familien und 166 Einzelpersonen, insgesamt 865 Juden, Moskau auf dem Wege nach Biro-Bidschan passiert. In den ersten acht Monaten des laufenden Jahres kamen 5000 Juden nach Biro-Bidschan. Da der Gesamtjahresplan die Einwanderung von 9000 Juden vorsieht, ist der Plan bisher zu 55,5 Prozent verwirklicht worden. Die zentralen jüdischen Organisationen sind mit diesem Ergebnis nicht zufrieden, da man nicht glaubt, daß im Verlauf der restlichen vier Monate noch 4000 Juden nach Biro-Bidschan zu bringen seien. Verwirklicht wurde der Plan nur auf dem Gebiete der Kollektivfarmen und der Gewerbe-Kooperation, hingegen wurden der Fabriksbau und eine Reihe anderer Unternehmungen nur zwischen 20 und 60 Prozent verwirklicht. Amsterdam. Dr. B. E. Asscher. eine der prominentesten Persönlichkeiten der holländischen Judenheit, beging m diesen Tagen seinen 75. Geburtstag. Dr. Asscher ist als hervorragender Jurist bekannt, dessen wissenschaftliche Arbeiten einen guten Ruf genießen. Er war Präsident der Aschkenasischen Jüdischen Gemeinde und der Jüdischen Kongregation Amsterdams und viele Jahre Präsklent des holländischen Komitees der Alliance Israelite Universelle. Als liberales Mitglied des Stadtrates spielte er auch eine Rolle im politischen Leben der Hauptstadt. Die Königin verlieh ihm die Ritterschaft des holländischen Löwen-Ordens. Dr. Asscher hat sich wegen seines hohen Alters aus dem politischen Leben zurückgezogen. In der holländischen Presse werden anläßlich seines Geburtstages seine hohen. Verdienste gewürdigt Paris. In Paris findet alljährlich einmal der Concours Lepine statt, eine viel beachtete Ausstellung STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: Hl.. Rennweg 112, Tel. U iS-O-52 GRABSTEINLAGER: Zentraffriedhof. 3. Tor, Tel. U10-4-53 von Erfindungen, neuen Maschinen usw.. deren beste mit einem Preis gekrönt wird. Besondere Beachtung findet diesmal die Erfindung eines 13jährigen jüdischen Schülers, Silvain Adolphe, der eine, neuartige Hebemaschine für schwere Lasten erfunden, konstruiert und ein präzis ausgeführtes Modell ausgestellt hat In Fachkreisen, die das Modell geprüit haben, wird die geistreiche Erfindung sehr gelobt. ____ Budapest. Der ungarische Kultus- und Unterrichtsminister Dr. Valentin Homan hat den leitenden Oberrabbiner der israelitischen Kultusgemeinde in Buda (Ofen) Dr. Arnold Kiss, der sich unter anderem auch durch seine klassischen Dichtungen und Gebetübersetzungen in ungarischer Sprache einen Namen gemacht hat, zum Professor an der hiesigen Franz Josef-Landesrabbinerschule ernannt. Dr. Kiss wird über das Gebiet der Midrasch-Literatur Vorlesungen halten. Mährisch-Ostrau. Am 18. September bot das Mähr.- Ostrauor Radio bereits zum zweiten Male innerhalb kurzer Frist eine „Jüdische D r e i v i e rt e 1 s t u n d e", in der der palästinensische Sänger J. Segal-Rosenbach ostjüdische Lieder sang. Es sind Bestrebungen im Gange, um in allen tschechoslowakischen Radio-Sendem regelmäßige ..Jüdische Stunden" einzuführen. Z. T. A. Der schwache Richard Strauß. Im Leitartikel des „Prager Tagblatt" spricht der bekannte Musikschriftsteller Max Graf das Bedauern darüber aus, daß ein Künstler von der Bedeutung Richard Strauß' der Verlockung nicht widerstehen konnte, an die Spitze der deutschen Musikorganisation zu treten und einem deutschen Regime, das in der ganzen Welt als kulturfeindlich verhaßt ist, als Aushängeschild zu dienen. Richard Strauß, schreibt er, mußte sich viel kleiner machen, als er in Wirklichkeit ist, als er sich herabließ, musikalischer Funktionär des deutschen Nationalistenstaates zu werden. Dabei teilt Graf mit: „Bei seinem Aufenthalt in Salzburg erzählte mir Richard Strauß, er habe fünf Eingaben gemacht, um die Schädlichkeit des Judenboykotts für das deutsche Musikleben klarzulegen." Wer „vergütet" wirklich? Abgeordneter Zoltan M e s k o. einer der Führer der ungarländischen Nazi-Partei, hatte sich vor einem Budapester Gericht wegen konfessioneller Aufreizung zu verantworten: er hatte im Wochenblatt „Nemzet szava" (Pfeilkreuz) unter dem Titel „Man vergiftet" ausgeführt, daß die jüdische Moral die ungarische Familie vergüte und daß der jüdische Geist den sittlichen Sumpf von Mutter- und Kindesmördern bedeute. Mesko erklärte vor Gericht er habe den Artikel nicht geschrieben, doch übernehme er als Redakteur die volle Verantwortung für denselben; er würde auch heute dasselbe schreibea Bei diesen Worten spendeten ihm seine zahlreich anwesenden Anhänger lauten Beifall — Der Richter verurteilte Meskö wegen konfessioneller Aufreizung zu 14 Tagen Gefängnis. In seinem Schlußwort erklärte Mesko: „Wenn wir zur Macht gelangen, werden wir jenen Geist beseitigen, der die Familie besudelt und aus der Nacktheit Geld macht" Beim Verlassen des Gerichtssaales riefen Meskos Getreue ihm im Chor nach: „Mut, Führer!" Filmkünstlerboykott aui deutsches Geheiß. Dieser Tage wurde den Lizenzinhabern von etwa 14 Prager Kinos die einstweilige Beschlagnahmeverfügung auf die allfälligen Einnahmen der Filmerzeugung Meißner & Co. zugestellt. Es handelt sich um eine Maßnahme als Folge jener Klagen, welche vom Wiener Regisseur Neufeld und von der bekannten Schauspielerin Konstantin, verehelichte Herczeg, auf Gagenersatz in der Höhe von 240.000 Kc und 98.000 Kc eingebracht wurden. Beide Künstler verlangen diese Summe, weil sie von der Firma Meißner & Co. zur Mitwirkung an dem Film „Die Frau, die weiß, was sie MODERNE LEIHBIBLIOTHEK MI. RAI! Wien, 3. Bez., Taborstraße 20 A Telephon R 43~1~.S& Reichhaltige Auswahl. — ALLE NEU¬ ERSCHEINUNGEN. Judaica u. Hebraica. 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