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Die Wahrheit · 1934-09-09 · Heft 36-37 (9.9.1934) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 36-37 (9.9.1934)
Date
1934-09-09
Page
– (sequence 13)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 13 Literatur und Wtesenscbatt „Kampf um Polna". Was dieses Buch*), im lebendigen Wort des zeitgenössischen Chronisten, schildert, mutet wie Erzeugnis einer hemmungslosen Phantasie an: Und ist doch Satz für Satz der exakte Bericht von Ereignissen, die nur ein Menschenalter hinter uns liegen. Es ist die Darstellung eines seltsamen Kriminalfalles — der Ritualmordaffäre Hilsner —, dessen sich die Politik bemächtigt. Von einem Lustmord führt die Entwicklung zu einem Justizmord. Lüge, Betrug, Verhetzung, Seelenvergiftung, Korruption in allen Formen dienen dem politischen Ziel. Der Mord von Polna wird zu einer hochpolitischen Aktion umgemünzt. Die Falschmünzer sind die radikal-nationalistischen deutschen und tschechischen Parteien in Wien und Prag und die Christlichsozialen hier wie dort. Alle nationalen Gegensätze sind vergessen, weggeblasen; die Losvon-Rom-Ilerolde und der Abt Scheicher, Schönerer und Lueger, alle schließen sich in die Arme. Jetzt aber steht ein Mann auf und spricht. Ein einzelner gegen ein ganzes verhetztes Volk, gegen ein ganzes verdummtes Weltreich. Es ist der Universitätsprofessor Th. G. M a s a r y k. Immer tiefer wird er in den Wirbel der Affäre hineingezogen, immer fester verbeißt er sich in das juristische, kriminalistische und soziologische Problem. Mit dem Erfolg, daß das ganze Volk sich gegen ihn stellt, ihn Verräter und gekauftes Subjekt schilt, daß die Studenten ihn boykottieren und seine Frau insultieren, daß er, kurz gesagt, das Schicksal aller erfährt, die keine Konzessionen zu machen bereit sind. Hier sei der Sachverhalt, dessen sich die meisten unter uns noch erinnern, nicht weiter nacherzählt. Man lese ihn in Bruno Adlers Buch nach, eine der interessantesten Neuerscheinungen dieses Jahres. Bruno Adler hat sich schon in seinem Buch über das Attentat und den Prozeß von Sarajevo als ein Meister der historischen Reportage erwiesen. Auch diesmal gibt er bei äußerster Sparsamkeit der Mittel und unter Verzicht auf alle literarischen Freiheiten einen spannenden, farbigen Bericht, überreich an aktuellen Vergleichsmomenten. Sind wir nicht heute erschütterte Zeugen dafür, daß, wo immer die Diktatur einen Sündenbock für ihre Verbrechen und ihre Unfähigkeit braucht, die Juden mit dem Nimbus des Mördervolkes umgeben werden? Ungleich der Zeit von damals, wo kein Mensch, der auf geistigen Anstand Wert legte, den Wahnwitz mitgemacht hätte, blieb es dem Kulturstaat der Streicher und Genossen vorbehalten, sich offiziell zu diesem Wahnwitz zu bekennen. *) Ein Tatsachenroman von Bruno Adler (Kacha- Verlag, Prag XIX.). „Kampf um Polna" ist kein polemisches Buch. Es stellt wahrheitsgetreu die Entwicklung der vorsätzlichen Tötung eines unschuldigen Mädchens bis zur Verurteilung eines Unschuldigen zum Tode wegen zweifachen Mordes dar. Aus der Fülle von Demagogen, Irren und Feiglingen tritt die Gestalt Th. G. Masaryks bedeutend hervor. „Was die Erinnerung an den Fall Hilsner lohnt, ist seine exemplarische Bedeutung für die Funktion, die dem Verbrechen als einem Instrument der Politik zukommt. Wo Politik nur Eroberung und Ausübung der Macht ist, welche nichts kennt, will und gelten läßt als die Gewalt, kann sie des Verbrechens nicht entraten. Polna mag das Beispiel bieten, was es heißt, die Dämonen von Blut und Scholle zu beschwören, die dunklen Mächte zu entfesseln. Der magische Nebel formt sich zu Teufeln und Gespenstern, die Besessenheit wütet, der Aberglaube zieht in den heiligen Krieg, und das Geschäft der Politiker, die die geistige Munition liefern, blüht und trägt blutige Früchte." Hier in diesem Buche haben wir den Ursprung vieler kleiner Quellen gefunden, welche vereint den Strom der Barbarei ergeben, der sich über Europa zu ergießen droht. „Dr. Kriiocr Hehn" gemeinnützige Zentralanstalt für Mädchenerziehung und Fortbildung Wien IL, Malzgasse 7 Telephon A 4A-0-77 Internat Halbinternat Frauenberufsschulen Externat NEU! Kindergärtnerinnenbildungsanstalt mit Staatsprüfung Fortbildungsschule: Kochen, Nähen, Gartenbau, allgemeine Bildung Prospekt auf Wunsch Jerusalem un. Au der deutschen und hebräischen Ausgabe der „Eneyclopaedia Judaica*" hat er ais Fachredakteur geschichtlicher Abteilungen mitgewirkt und gehört dem Redaktionsstab der „Zeitschritt iür die Geschichte der Juden in Deutschland" an. Sein neuestes Werk, die „Germania Judaica", eine Darstellung von tausend Jahren jüdischer Geschichte in Deutschland, wird demnächst von der Gesellschaft zur Förderune des Judentums herausgegeben. Berlin. Die Freie Jüdische Volkshochschule E. V. wird mit dem Beginn ihrer Winterarbeit in ein Jüdisches Lehrhaus umgestaltet. Der Arbeitsplan des Jüdischen Lehrhauses Berlin wird eine große öffentliche Vortragsreihe Uber das Gesamtthema „Jüdische Gegenwart, Tradition und Leben" und etwa 5U Arbeitsgemeinschaften und Lehrgänge umfassen, gegliedert in die Abteilungen Land und Lehre, Natur, Geschichte, Gesellschaft und Kunst. Prof. ismar Eibogen 60 Jahre alt. Sefer Beth Habehirah von Meiri. Am 1. September feierte der bekannte jüdische Geschichtsforscher Professor Dr. Ismar Eibogen seinen 60. Geburtstag. Prof. Eibogen, der seit dem Jahre 1903 an der Lehranstalt (früher Hochschule) für die Wissenschaft des Judentums in Berlin tätig ist, wurde 1874 in Schildberg. Provinz Posen, geboren. 1893 bis 1899 besuchte er das Jüdisch-theologische Seminar und die Universität in Breslau und wurde dann als Dozent an Cafe Pension Cchslein Semmering das Collegio Rabbinico I.taliano in Florenz berufen. 1922 bis 1923 hielt er als Gastprofessor Vorlesungen am Jewish Institute of Religion in New York. Sein Hauptwerk „Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung!', das auch ins Hebräische übersetzt wurde, gibt eine umfassende Darstellung seiner eigenen und früherer Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Geschichte der jüdischen Liturgie. Seine ..Geschichte der Juden seit dem Untergang des jüdischen Staates" ist auch ins Englische und Schwedische übersetzt worden. In jüdischen wissenschaftlichen Vereinigungen und öffentlichen Körperschaften stielt Professor Eibogen eine führende Rolle. An den Arbeiten der Reichsvertretung der deutschen Juden und des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden nimmt er regen Anteil. Er ist Vorstandsmitglied der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, der Gesellschaft für die Förderung der Wissenschaft des Judentums und des Berliner Vereins für jüdische Geschichte und Literatur. Ferner gehört er dem Verwaltungsrat des Judaistischen Instituts der Universität Zu den Traktaten Taanith, Hala. Schekalim. Tamid und Midoth. Herausgegeben und mit Quellennachweisen und Noten versehen von Oberrabbiner Abraham Schreiber, Gorizia (Italia). Mit dem eben erschienenen Bande setzt der Oberrabbiner von Gorizia, Abraham Schreiber, seine Veröffentlichung des bedeutendsten Meiriwerkes fort. Ebenso wie beim ersten Werke hat der Herausgeber sich ganz besondere Mühe gegeben, einen völlig einwandfreien, richtigen Text zu bieten. In aufreibender, mühevoller Teilarbeit hat er nach der einzigen vollständigen Handschrift, der von Parma, einen wortgetreuen unveränderten Abdruck vorbereitet und den Gesamttext mit geistreichen Anmerkungen versehen. Diese besondere Mühe aalt aber auch einem Werke, das ,ganz seltene Vorzüge in sich vereinigt. Meiri — sein vollständiger Name lautet: Don Vidal Menachem ben Salomo Meiri — ist durch seine Systematik und Klarheit ausgezeichnet und immer und überall ist sein Streben auf Ganzheit und Vollkommenheit gerichtet. Sein Stil wird ganz besonders gepriesen. Bei all diesen Vorzügen muß man erstaunt sein, wie es denn möglich war, daß bisher noch nicht einmal die Hälfte von Meiris Werken veröffentlicht wurde. Der berühmte Gelehrte Dr. M. Guttmann schreibt daher auch bei Besprechung des ersten Bandes der Meiriausgabe, daß es eine Ehrenrettung nicht nur iür den Verfasser, sondern auch iür die Wissenschaft des Judentums darstellt, wenn ein Meiri-Band erscheint. Das vorliegende Buch wird aber noch durch die Veröffentlichung eines bisher ungedruckten Teiles der Einleitung Meiris zum Beth Habehirah ergänzt, der durch genaue Hinweise auf die gaonitische Talmudeinteilung — an die sich Meiri selbst hält — der Wissenschaft einen unschätzbaren Dienst leistet. Außerdem enthält der neue Band Erklärungen zu dem Traktat Tamid aus der Feder des berühmten Gaon Chathain Soier. Feuilleton Der „König von Labrador". Amerika hat seine Sensation . . . Seit einigen Wochen herrscht Hochstimmung in den Räumen des Geheimen Staatsrates in London. Der fesselndste und sensationellste Erbprozeß der. Welt wird hier zur Verhandlung kommen . . . Die amerikanisch-jüdischen Tageszeitungen haben Sonderberichterstatter entsandt, um über alle Einzelheiten dieses Falles ausführlich berichten zu können. Das Büro des bekanntesten Bostoner Rechtsanwaltes, Mr. Lee Friedmann, wird von Journalisten und Reportern buchstäblich gestürmtf e r ist der Mann, der es gewagt hat, sich in den Streit zwischen den beiden nordamerikanischen Staaten, 'Kanada und Neufundland, zu mischen. Er hat es auf sich genommen, die Interessen eines Mannes zu vertreten, der vor wenigen Jahren als ein Phantast und aussichtsloser Träumer verlacht worden ist. Der Mann, der von seinen Bemühungen erzählte, Herrscher von Labrador zu werden. — Und in den ■ Händen Mr. Friedmanns laufen die Fäden dieses aufsehenerregenden Falles zusammen. Der Prozeß um Labrador . . . Mr. Friedmann ist eine der Persönlichkeiten, die wir hier unter der Bezeichnung Selfmademan zusammenfassen; als Sr. De La Penha — so lautet der Name dieses zukünftigen „Königs von Labrador" — eines Tages zu ihm ins Büro kam, ihm einige Familiendokumente, oder Kopien davon vorlegte, erkannte Mr. Friedmann die Möglichkeiten eines Vorgehens gegen die obengenannten Staaten und entwarf einen „Feldzugs- Plan", nach dem er arbeiten wird. In seinem Büro in Boston sind die Sekretäre Lee Friedmanns im Augenblick damit beschäftigt, den Stammbaum De La Penhas auf das genaueste auszuforschen und zu untersuchen. Hiervon hängt das Gelingen dieses „Prozesses der Prozesse" ab. Dokumente. Dokumente . . . Im Mittelpunkt der Verhandlungen vor dem Geheimen Staatsrat in London wird eine Schenkungsurkunde stehen, die von William III., König von England, gezeichnet und auf den Namen Joseph De La Penha, Vasall des Königs, ausgestellt ist. Dieser Joseph De La Penha, ein Vorfahre des Genannten, lebte in Amsterdam und hat die dortige berühmte portugiesische Synagoge gestiftet. Joseph De La Penha starb 1731 und hinterließ einen Sohn, David, der im Jahre 1732 das Land Labrador erhielt. Da er kinderlos starb, wurde das Land später seinem Bruder Daniel De La Penha vermacht. Die Urkunden, die sich so von Generation zu Generation vererbten, waren jedoch keineswegs Originaldokumente; diese waren und blieben unauffindbar. Als nun im Jahre 1926 der Prozeß zwischen Kanada und Neufundland begann, wurden Nachforschungen in allen Museen und Archiven abgehalten — erfolglos! Vor kurzem wurde — durch die kräftige Mithilfe der englischen Presse und zahlreicher Gelehrter, unter denen auch der Wiener Dr. Wallach war, der selbst ein Nachkomme der De la Penahs ist, — das Original des Dokumentes in einem Londoner Archiv gefunden. Dieses Dokument, eines der wichtigsten und wertvollsten, eines der aufschlußreichsten Dokumente zur Geschichte der Juden Europas, sei um seiner Originalität und Seltenheit willen, hier veröffentlicht: „William, von Gottes Gnaden König von England, Schottland, Frankreich und den Niederlanden. Prinz von Oranien, erblicher Gouverneur und Statthalter von Gelderland und den Provinzen Zutphen, Holland, Zeeland, Westfriesland. Utrecht, Overyssel und dem Distrikt Drenthe. erblicher Oberbefehlshaber und Admiral der Vereinigten Niederlande. Es sei erkannt: Im Jahre 1677 sind durch Wracks, die sich an der Küste fanden, gewisse, von Niemandem bewohnte Teile im nördlichen Amerika entdeckt worden und von Uns in Besitz genommen worden: und zwar unter dem Namen „Labrador Cort Real und Stotiland". Seit dem Tage der Besitzergreifung durch Uns wurden dort unsere Wappen gehißt, auf daß Wir in der Lage seien, für diejenigen darüber zu verfügen, die dorthin' kommen, zu dem Zwecke, unter Unserer Autorität und Schutzherrschaft. Und so geschieht es, daß Wir dem Willen und der Bitte des Joseph De La Penha williahren, eines Bürgers und Bewohners der Stadt Rotterdam, daß er duren Unser Einverständnis und Unsere Gnade von dem vorgenannten Territorium einschließlich aller Vorrechte Besitz ergreifen darf. Mit dieser Gnade verleihen wir dem genannten Joseph De la Penha das Dominial und Territorialrecht, die Hohe, Mittlere und Niedere Rechtsprechung für die vorgenannten Territorien, soweit sich diese in der Strecke von 54. bis 60. Grad nördlicher Breite ausdehnen. Einschließlich aller dazugehöriger Ländereien, Wälder, Jagdgehege, Flüsse. Früchte, Fischereien im Binnenland und an der Küste, mit allen Rechten als erbliches Lehnsgut für ihn und seine rechtlichen Erben. für seine Nachkommen. Männer und Frauen. Dies geschieht in Uebereinstimmung mit dem holländischen Lehnsrecht und besonders auch mit dem Recht, Teile des genannten Landes zu verpachten, falls dieses wünschenswert erscheinen sollte. Nach Ablauf von zehn Jahren nach der Ausstellung dieses Vertrages sind in ununterbrochener Fortdauer erblich zu Unseren Gunsten, Unseren Erben oder Unseren erblichen Nachkommen an deren Beamten zu zahlen: Eins vom Hundert von allen Waren, welche ausgeführt werden von dort nach anderen Ländern. Wenn die vorgenannte Pacht infolge von Tod oder irgend welchen Dispositionen in andere Hände gelangt, soll sie belastet sein mit einem nördlichen Adler (eine Goldmünze. D. Verf.) oder mit zehn Golddukaten und Lehnprlicht, Gehorsam und Treueid sollen Uns, Unseren Erben oder Bevollmächtigten geschworen werden, daß er sich in Allem nach diesen. Unseren Dokumenten richten wird.

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