Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 32 (3.8.1934)
- Date
- 1934-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis <fies£r Nummer 30 Groschen Jüdische Die Wahrheit In Deutschland verboten I mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag DIMIIIM^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 3. August 1934 Nummer 32 Seh warze Fahnen. Am 20. Jahrestag nach Ueberreichühg der psterreichisch-urigärischen {Kriegserklärung ari Serbien, und zwar zur selben Stunde; in der im Jahre 1914 die Abreise des österreichischen Gesandten aus Beikrad erfolgte, hat am 25: Juli. 1934 im Wieükr Bälihause der Bundeskanzler Dr. Dollfuß als Opfer nationalsozialistischer Putschisten sein junges Leben ausgehaucht. So wie die Empörung über die Bluttat von Sarajevo alle österreichischen Gemüter über früher unüberbrückbar scheinende hätibnäte und soziale Klüfte hinweg zu einhelliger Abwehrbereitschaft gegenüber der drohenden Balkanisierung der europäischen Politik zusammenschloß, so hat der Abscheu vor der unmenschlichen Roheit, die sich diesmal in einem von besonderer kultureller Tradition höfisch-verfeinerter Regierungsförmen geweihten Gebäude austobte, die Bevölkerung Wiens und Oesterreichs alle Gegensätze der Weltanschauung vergessen lassen in der einmütigen Erkenntnis der Notwendigkeit, die braune Schlammflut der Barbarei abzudämmen, die jetzt nicht von einem zivilisatorisch anrüchigen Südosten her, sondern aus dem vom Rassenmythös besonders verklärten Norden die uralte Kultur unseres Landes aufs schwerste bedroht. Der Weltkrieg, so katastrophal er sich auf Gesittung und Kultur auswirkte, hat doch der Humanität wenigstens in den engen, von der Genfer Konvention gesteckten Grenzen Rechnung getragen: Er hat die Institution des Röten Kreuzes respektiert und so mitten im höllischen Feuer gegenseitiger Völkervernichtung den Verwundeten ärztliche Pflege gesichert, den Gefangenen Briefwechsel mit ihren Angehörigen in der fernen Heimat ermöglicht. Eine Armee von Priestern aller Konfessionen fand noch bis in die vorgeschobensten Schützengräben hinein Gelegenheit, den Kriegern Seelentröst zu bringen. Erst den Nazi-Putschisten, die mitten in den Frieden des sommerlich erschlafften Großstadtlebens mit blutgieriger Bestialität einbrachen, blieb es vorbehalten, einen Staatsmann, den ihre Feindschaft mehr auszeichnete als es die höchsten Orden vermocht hätten, meuchlings hinzumorden und dem Verwundeten ärztliche Hilfe und priesterlichen Beistand grausam zu verweigern. So erschütternd dieses Sterben eines Einsamen, dessen letzte Seufzer nur von gefühllosen entmenschten Feinden vernommen wurden, auf das weiche Gemüt der Wiener wirken mußte — die schwärzen Fahnen, die von allen Häusern der Großstadt herabwehen, gelten nicht ihm allein. Zu dem wehmütigen Gedenken an den zum Märtyrer gewordenen Patrioten Dollfuß gesellt sich die nicht minder aufwühlende Trauer um die Seelen einer Jugend, die solch tierhaftes Gepräge tragen. Selbst wenn der Nationalsozialismus alle Verheißungen, mit denen er vertrauensvolle Gemüter zu ködern sucht, zu erfüllen in der Lage wäre und seinen Anhängern schon im Diesseits eine wahre Walhalla der Seligkeit zu bieten vermöchte, wären doch alle seine Verdienste um Land und Leute nicht imstande, die schwere Versündigung auch nur einigermaßen gut zu machen, die er durch die verbrecherische Vergiftung der jugendlichen Gemüter aiif sich geladen: Die schwarzen Fähnen, die von den Wiener Häusern herabf iätterri und, entgegen sonstigem Gebrauch, noch, hängen, blieben, nachdem der Kanzler schoii iri die Friedhöfserde' versenkt war, sind nicht bloß Ausdruck der Trauer.um den Ermordeten, sondern auch eine einprägsame Absage an die Mörder. Zum Schmerze über die Tat gesellt sich Erbitterung über die Täter. Prüft man unabhängig von allen Sentiments, rein sachlich-nüchtern, was sieb in Oesterreich, am 25. Juli begeben hat, so muß man konstatieren, daß sich hier gerade das Umgekehrte von dem abgespielt hat, was vor kurzem in Deutschland geschehen ist. Hier wie dort scheint der Regierungschef mehr oder weniger Anlaß zum Mißtrauen gegen Funktionäre der eigenen Partei gefunden zu haben. Während aber Hitler mit bestialischer Energie Zugriff und unter seinen besten Freunden ein grausiges Blutbad anrichtete, ohne sich um Gesetz und rechtliche Formen zu scheren, hat man in Oesterreich eine Menge scharfer Gesetze gegen Hochverrat geschaffen, aber leider keinen entsprechenden Gebrauch von ihnen gemacht. Man hat die Sprengstoff-Attentäter vor das Standgericht gebracht, aber erlebt, daß dieses Gericht gegen die Nazi mildere Urteile fällte, als es ein gewöhnlicher Gerichtshof gewagt hätte. Man hat daraufhin die Richter mit Amtsenthebung bedroht, ohne daß sich ein wesentlicher Erfolg gezeigt hätte. Zu der Strenge des österreichischen Pressegesetzes kontrastiert seltsam die nachsichtige Duldung,, deren sich schlecht getarnte Naziblätter hier erfreuten. Von den „Wiener Neuesten Nachrichten" sind im Zusammenhang mit dem Putsch der Verleger und der Chefredakteur verhaftet worden. Vorher aber, als diese beiden Herren schon eifrig mit den Verschwörern konspirierten, konnte das Blatt noch seine tägliche Jauche gegen die Juden spritzen und diese als Revoluzzi und schlechte Staatsbürger denunzieren ... Auch der deutsche Turnverein, der schon durch sein Abzeichen, vier zu einem Hakenkreuz verbogenen F, sich als Naziverein aus dem „tfff" offenbarte, blieb ungeschoren. Von seiner Halle ging der Putsch aus ... Sogar im engeren Rahmen der christlichsozialen Partei hat es, wie man jetzt weiß, nicht ganz geklappt. Während aber Hitler die Störenfriede unter seinen geliebten Parteigenossen kuriimiiiii^^ jeder und Freunde der „Union" ^£j££2Z. Sommermonate jeden Mittwoch, ab 8 Uhr abends im reservierten Teil des Restaurant Deutschberger, Prater Äusstellungsstr. (vis-a-vis dem Lustspieltheaf er), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. Basiere Didi ffl und Mint SOestcrrcldüscfees »**«■». Ueberau erttättltcft zerhand ins Jenseits befördert hat, begnügte man sich in Oesterreich, die unbotmäßigen Fraktionsgehossen ins Ausland zu dirigieren, und zwar nicht etwa als arme Verbannte, sondern als gut dotierte Staatswürdenträger. So wurde Herr Rinteien, der in seinem steirischen Machtbereich nicht mehr gut tat, als Gesandter nach Rom entsendet. Merkwürdigerweise war sein Lieblingsaufenthalt seither — Wien und die^ Nazi-Putschisten haben ihn hier als neuen Regierungschef ausgerufen, dem der getaufte Jude Nagelstock als Propagandachef zugedacht war ... Obwohl sich demnach dieses System, einen unbequemen Mann kaltzustellen, nicht sonderlich bewährte, hat es Hitler zur Nachahmung gereizt. Da sich der bisherige deutsche Gesandte in Wien durch sein Eintreten für die Putschisten hier unmöglich gemacht hat, delegiert der deutsche Reichskanzler den Herrn v. Papen, der schon lange eine schwere Verlegenheit für ihn ist, als Gesandten hieher. Und in der Herzensfreude, diesen Mann endlich loszuwerden, hat er ihm einen wunderschönen Brief geschrieben, der ihm die idealsten Richtlinien für sein hiesiges Wirken auf den Weg gibt. Nach diesem Schreiben harrt seiner hier die edle Mission, die Streitaxt zwischen Deutschland und Oesterreich, deren unentwegtes Schwingen den Herren Habicht und Frauenfeld eine materiell und ideell befriedigende Existenz bedeutete, in aller Form einzugraben. Die Botschaft hört man wohl, allein es fehlt überall der Glaube. So kommt Herr v. Papen in schicksalschwerster Stunde als deutscher Gesandter nach Oesterreich. Er findet hier eine Regierung, die unter der neuen Führung des Herrn Dr. Schuschnigg das alte Dollfuß-Programm durchführen will und als seine oberste Richtschnur verkündet hat: „Kein Kompromiß rnitdemNationalsozialismus!" Käme Herr v. Papen als Privatmann in unsere Stadt, dann müßte ihm nach seinen Erfahrungen mit Hitler, dem er ohne Dank zu ernten zur Macht verholfen hat, dieses Programm im tiefsten Herzensgrund willkommen sein. Aber als Hitler- Missionär wird er hier zum Schwarzseher werden. Statt der braunen Fahne muß er jetzt die schwarze Fahne das Wiener Stadtbild beherrschen sehen und er kann sich der Erkenntnis nicht entziehen, daß ein neues „Sommerfest" oder „Preisschießen", ein neues Spielen mit dem Plane einer Braunhemden-Invasion in Oesterreich nur die Schwarzhemden Mussolinis auf den Plan riefe . . . Infolge der Urlaube im Redaktionsstab erscheint „Die Wahrheit" im August vierzehntägig. Die nächste Nummer erscheint somit Freitod. c*4em **3F. Autfusi