Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 30 (20.7.1934)
- Date
- 1934-07-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Grosoben Jüdische Die Wahrheit In Deutschland verboten I mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden** .Erscheint jeden Freitag fflIMlIlllIMm...........______________ Redaktion und Administration: Wien H.t Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 20. Juli 1934 Nummer 30 Das jüdische Buch. Ein Tischob'ow-Gespräch. Sie: Raten Sie mir! Was soll ich tun? Wir werden uns noch recht und schlecht durchschlagen. Aber was tut man mit den Kindern? Die haben doch hier gar keine Zukunft! Und diese politischen Rippenstöße und Nackenschläge! Er: Meine Liebe! Sie sind eben das Geschlecht von heute. Aber ein alter Jud\ wfe unsereins, der wird nicht so Mcht kribbelig und zappelig. Glauben Sie mir: Wät Juden haben noch ganz andere Dinge und Zeiten erlebt und noch ganz andere Judenfeinde überlebt. Wir werden auch diese Krise übertauchen. Sie: Ja, sehr, schön, für einen Hagestolz wie Sie, aber ich als Mutter muß doch daran denken, wie ich einmal die Kinder unterbringe. Jetzt kommen sie bald aus der Schule heraus. Wie denken Sie über Palästina? Er: Die Frage habe ich erwartet. Palästina ist ja jetzt das Aktuellste. Wenn nicht vom kommenden Bakterienkrieg, spricht man von Palästina. Sie: Meinen Sie, daß meine Buben dort Chancen hätten? Er: Lassen Sie sich eines gesagt sein: ob man drüben Chancen hat, das läßt sich erst sehen, wenn man im Lande selbst sich umschaut, und das nicht ein paar Tage oder Wochen, sondern Monate, vielleicht auch Jahre. Solange muß man süfh selbst über Wasser halten, muß man unter Umständen sich durchhungern, außer man bringt Kapital mit, und zwar kein allzu kleines, und Hoffnungen, aber ja keine allzu großen. Um aber dort wirklch steh einzuheimen, braucht man ein Kapital, das einzig und allein! für dauernde Verwurzelung mit diesem Boden in Frage kommt, das ist der Schweiß schwerer körperlicher Arbeit. Sie: Und dazu muß man höhere Schulen besuchen, um Zement zu mischen oder Mist aufs Feld zu führen? Er: Ja, dazu! Als ich heut am Tischobeow-die Klagelieder Jeremias las und besonders das letzte Kapitel, da fand ich die Antwort auf Ihre Frage: „Und dazu?" Wie viel hat sich in diesen letzten Jahren in diesem Lande ereignet! Und mit welchen Gefühlen Best man heut das alte Klagelied. Es ist, wie wenn man die Klagemauer und daneben das neue Jerusalem sieht. Da heißt es: „Unser Wasser trinken wir für Geld, unser Holz müssen wir uns kaufen." Und da bekommt jetzt Jerusalem seine Hochquellenleitung und der Karstboden wird wieder Waldland. „Nach Aegypten reichen wir die Hand, nach Aschur, um Brot zu finden." Und nun sehen Sie sich den Export Palästinas nach Aegypten an, während man den Rest der Assyrer nach Brasilien verpflanzen will... Sie: Merkwürdig, wie Sie das zusammenreimen. Das muß man eben alles mit Ihren Augen sehen. Oder ist Ihre Brille nicht doch ein bißchen zu rosa gefärbt? Er: Nein, meine Teure. Ich lese in demselben Kapitel auch die Worte: „Mit unserem Leben gewinnen wir unser Brot vor dem Schwert der Wüste".... Sie: Nun, da sagen Sie ja selbst mit den Worten des Propheten, was sich unsereins von selbst doch nüchtern sagen muß: Wie, wenn eines Tages ein Ibn Saud für seinen Appetit auf ein Großarabien die richtige Küche findet? Er: Sie irren, dieser Gedanke stimmt mich nicht furchtsam, nur ernst. Wer am Grabe eines Trumpeldor gestanden hat, der fühlt: Dieser Boden muß und wird unser bleiben. Von hier weichen wir nicht mehr! Kelle und Schwert war von jeher das Wahrzeichen der Arbeiter am Aufbau des Landes. Nur ein anderes stört mich und stimmt mich bedenklich. Sie: Bedenklich? Sie mit Ihrem Optimismus? Er: Ja, da steht zum Schlüsse noch so ein Wort, das mir im Herzen wiederklingt. Aber dieses Echo ist nicht so freudig. „Führe uns, Herr, zurück zu Dir und wir wollen zurückkehren; verjünge unsere Tage wie ehemals." Sie: Nun und? Hat sich das Judentum in Palästina nicht verjüngt? Haben Sie uns nicht selbst erzählt, wie jetzt die alten Feste, mit denen man uns in der Religionsstunde geplagt hat, dort als wahre Volksfeste imponierend gefeiert werden? Er: Mit fehlt nur eines dabei. Wie soll ich es Ihnen nur erklären? Ich möchte sagen: die jüdische Perspektive. Es ist mir altem Grübler zu viel Gegenwart, zu viel Flächenkultur. Ich denke daran, wie ich von Athen und Rom enttäuscht war, nachdem ich Jerusalem gesehen. Der Weg ins Freie fehlt mir dort. Neben Kelle und Schwert führte das alte Judenrum noch eines im Wappen und nicht an letzter Stelle: das Buch! Sie: Aber Sie selbst schwärmten doch für die Bücher, die jetzt in Palästina hergestellt werden und schon jetzt einen Hauptexportartikel bilden! Er: So meine ich das nicht Sehen Sie: Jedes große Volk hat sein Buch, das Buch, mit dem es in Blutsverbundenheit lebt, das sein Leben, seine Größe, sein Spiegel, sein Selbst ist. Dieses Buch ist unsere Bibel ... Sie: Nun, die ist doch dort zu Hause, wo alles die Sprache der Bibel spricht. Er: Das ist es eben, was mir Sorge macht. Sie kennen doch Kompert, der so hübsche Ghettogeschichten geschrieben hat? Mitglieder und Freunde der „Union" äSSS Sommermonate jeden Mittwoch, ab 7 Uhr abends, im reservierten Teil des 2. Kaffeehauses, Prater-Hauptallee (Straßenbahn Haltestelle Hauptallee), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. Rasiere Didi gut nnd billig SARS Oestcrrelclilstiics Quai lfäls f ubrikat Ueberau erhältlich Sie: Gewiß, aber wie kommen Sie jetzt auf den? Ich erinnere mich nicht, daß der etwas über Palästina sagt Er: Nein, das nicht. Aber dieser Kompert hat vor zirka 60 Jahren in der Wiener Kultusstube dafür plädiert, daß das Hebräische nicht in den Religionsunterricht hineingehöre. Und jetzt quält mich die Frage, ob in der neuen hebräischen Kultur Platz für die Religion bleibt. Sie: Ich bitte Sie, was wollen Sie denn von diesen jungen Menschen, die, wie die Jugend in aller Welt, sich nicht mehr von verstaubten Autoritäten gängeln lassen will? Ich sage Ihnen ganz ehrlich: auch mir kommen diese armen Religionslehrer wie Wächter in einem Naturhistorischen Museum vor. Sie sind glücklich, wenn sich einmal ein Besucher zu ihren ausgestopften vorsintflutlichen Monstren verirrt und sich von ihnen über all däese Kuriosa belehren läßt, die man künstlich vor dem Verfall bewahren muß. Oder wie die Schildwache in Petersburg, die eine seltene Pflanze zu behüten hatte. Die Blume war längst verschwunden, der Soldat bezog aber noch täglich seinen alten Posten. Er: Schöne Vergleiche haben Sie da für Ihre Jugendbildner! Das ist nur eine Vergehung dafür, daß Ihre Erziehung Ihnen kein lebendiges Verhältnis zur Bibel gegeben hat, zur Bibel und zur Bibelsprache. Sie: Nun, kann ich das nicht jetzt bei meinen Kindern, oder vielleicht gar noch mit meinen Buben zusammen nachholen? Er: Bravo! Ja, das können Sie und das sollen Sie! Wahrhaftig! Da geben Sie sich selbst ja die Antwort auf Ihre Frage: Was fange ich nrit meinen Buben an? Wir können nicht alle nach Palästina. Aber — bereit sein ist alles für die, die jetzt noch nicht hinüber können. Und dazu gehört: Hebräisch kennen, je mehr, desto besser. Mir kommen die jungen Leute, die dorthin ziehen, so vor, wie die Erstgeborenen in einer Primogenitur. Nur einer kann das Erbe antreten. Aber die andern müssen deshalb nicht verkommen. Auch ein Prinz Eugen und andere Minorenne haben Rollen gespielt die nicht zu verachten sind. Daraus aber einem einen Strick drehen zu wollen, weil er seine geistige Heimat jenseits der Pfähle seines Vaterlandes sucht? Wenn in einer Ehe ein Teil — oder beide — außerhalb des Hauses Zerstreuung sucht, so ist das nur ein Zeichen, daß es im Hause nicht gemütlich zugeht. Sie: Also: ubi bene, ibi patria? Er: Das nicht aber, wo man zuviel ist, da heißt es: Willst du gelten, mach dich selten. Doch lassen wir die Politik! Ich halte, wie Sie wissen,