Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1934-06-29 · Heft 27 (29.6.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 27 (29.6.1934)
Date
1934-06-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064504-3064530--19815-3084993
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutechland «erboten 1 mit den Veröffentlichungen ^der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 10&918 50. Jahrgang Wien, 29. Juni 1934 Nummer 27 Offener Brief an Herrn Theologieprofessor Dr. P. Severin Grill O. Cist. (Heiligenkreuz). Sehr geehrter Herr Professor! Die Schriftleitung der „Wahrheit" sandte mir soeben die diesjährigen Nummern 35 und 36 der Zeitschrift „Schönere Zukunft" mit dem Ersuchen, zu Ihren darin erschienenen Aufsätzen „Aus Inhalt und Auslegungsgeschichte des Talmud" und „Zur objektiven Beurteilung des Talmud" Stellung zu nehmen, Ich leiste dieser Einladung Folge, weil ich es für die Pflicht eines jeden wahrheitsliebenden Menschen halte, öffentlich ausgesprochene Irrtümer, soweit es in seiner Macht liegt, öffentlich zu berichtigen. Zumal, wenn sie, wie im vorliegenden Falle, geeignet sind, sich in der Praxis unheilvoll auszuwirken. Sie wollten, wie Sie in der Einleitung erklären, in diesen Aufsätzen „den Talmud einer kritischen Untersuchung unterziehen". Nun ist es ein Elementargebot der Wissenschaft, daß man als erste Voraussetzung für ein solches Unternehmen den zu untersuchenden Gegenstand selbständig und gründlich beherrsche. Man muß hierbei mit philologischer Genauigkeit aus zuverlässiger erster Quelle schöpfen. Und zum kritischen Apparat darf man nur ausschließlich sachlich begründete, objektiv eingestellte und als zuständig und urteilsbefugt von Fachleuten anerkannte Literatur heranziehen. Ihren Gegenstand kennzeichnen folgende drei Thesen, die Sie hier vertreten: 1. Talmud und Schulchan aruch enthalten Lehren, die Nichtjuden herab- und zurücksetzen. 2. Der Talmud ist neben dem Alten Testament und dem Schulchan aruch noch heute das Gesetzbuch der Juden. 3. Talmud und Schulchan aruch sind darum staatsgefährlich. „Kein christlich-demokratischer Staat kann es dulden, daß ein Teil seiner Bürger sich aui Grund eines Sonderrechtes gegenüber den anderen bevorzugt fühlt und dadurch den anderen Teil minder bewertet und rechtlich degradiert. Vor dem Gesetz sind alle gleich." Diese Thesen verfechten Sie mit folgenden Waffen: Sie zitieren, aus dem Zusammenhange gelöst, einige Sätze aus der „großen Talmud-Ausgabe von Laz. Goldschmidt", die „zur Genüge" zeigen sollen, „daß die Nichtjuden im Talmud rechtlich an zweite oder dritte Stelle gerückt sind". „Doch," so fahren Sie fort, „ist zu bedenken, daß manche scharfen Ausdrücke als subjektive Meinung dieses oder jenes Lehrers hingestellt werden. Die Ausfälle gegen das Christentum sind nicht im Talmud, sondern im Schulchan aruch enthalten. Daneben VERWALTUNGEN + ^SÄTZE - HYPOTHEKEN^ftl den KAUFE SZILÄGYI »X., ROTENLÖWENG. 3 Himiiiiiiiiiimiiiiiih........in«»! VERKÄUFE -- BEH. AUT. SEIIAL TEL. A 10-5-69 nammmmmmamr erscheinen auch mildere Ansichten, welche Heiden Gerechtigkeit widerfahren lassen." Die hier von Ihnen als Quelle benützte „große Talmud-Ausgabe" ist nicht etwa als Grundlage für wissenschaftliche Talmud-Forschung gedacht. Zu einer „kritischen Untersuchung" und „objektiven Beurteilung" des Talmuds, die Sie ja als Ihr Ziel bezeichnen, ist sie nicht zureichend und schon darum nicht geeignet. Sie will in der Hauptsache nur den Nichttalmudisten eine deutsche Uebersetzung des babylonischen Talmuds, also immerhin nur eines Teiles, wenn auch des größten des talmudischen Schrifttums, bieten. Somit will und kann sie nicht mehr als ein Hilfsmittel zum Eindringen in das Verständnis des hier ohne hinreichenden Kommentar abgedruckten Talmudtextes sein. Zum vollen und richtigen Erfassen seines Sinnes ist aber die Kenntnis seiner Kommentare unerläßlich. Denn der Talmud ist von Haus aus kein Literatirrwerk. Er ist nicht die Niederschrift eines oder mehrerer Autoren, die etwa in ihr ihre Gedanken zusammenhängend dargestellt und für ein Lesepublikum bestimmt hätten. Vielmehr stellt er eine Art phonographisches Archiv dar. Aeußerungen von Menschen aus einem Jahrtausend eines bestimmten Lebenskreises sind hier aufgespeichert, wie etwa phonographische Aufnahmen parlamentarischer Verhandlungen, die aber zum großen Teil durcheinander geraten sind, und wie verstreute Bruchstücke von Keilschriftlirkunden, sich nur durch Scharfsinn, Gedächtnis und Kombinationsgabe gewiegter Sachkenner zu einem sinnvollen Text wieder zusammensetzen lassen. Ohne Heranziehung der auf uralter Tradition fußenden Kommentare des Talmuds mutet deshalb der Text dieses Riesenwerkes selbst den Sprachkundigen ungefähr so an, wie durcheinander gewirbelte Papierschnitzel von Plarlamentsberichten aus vielen Jahrzehnten. Zu Worte kommt hier, wie in jedem Parlament, natürlich auch die Opposition. Sogar ausgesprochene Gottesleugner, wie Elischa ben Abuja, und Judenfeinde, wie römische Machthaber. Auch Weltbild sowie Lebensgestaltung und Geistesrichtung jener entlegenen Zeiten vor eineinhalb bis zweieinhalb Jahrtausenden mit ihren uns auch räumlich so weit entrückten Verhältnissen spiegeln sich im Talmud getreulich wieder. Daß Sie, sehr geehrter Herr Professor, diese Kommentare nicht benützt haben, läßt schon die Auswahl Ihrer Talmud-Zitate vermuten. Selbst wenn diese wirklich aussagen würden, was Sie aus ihnen herausleben, selbst dann wären sie praktisch, d.h. für Ihren Gegenstand, belanglos. Ist doch weder der Talmud in seiner Gesamtheit, noch geschweige eine Talmud-Uebersetzung jemals kanonisiert oder von einer jüdischen Kirchenbehörde approbiert worden. Wie darf man somit das Judentum als solches für inoffizielle Auffassungen einzelner Juden verantwortlich machen? Liegen doch, wie Sie selbst einräumen, vielfach in solchen Talmud-Sätzen unmaßgebliche Kundgebungen privater Meinungen vor. In Wahrheit geben aber diese von Ihnen herangezogenen Sätze gar nicht den in ihnen hier ge- Rasiere Dich gut und Dillig Oesterrelchlscbcs Qualität* FaDrikal Ueberau erhältlich suchten Sinn wieder. Den Beweis dafür können Sie unter anderem den Gutachten entnehmen, die die beiden Sachverständigen in dem von Ihnen gestreiften Prozeß Rohling-Bloch, die Professoren Nöldeke und Wünsche, verlaßt haben. Das Original dieser Gutachten befindet sich in meinem Besitze und ich bin bereit, Sie in diese Dokumente auf Wunsch in meiner Wohnung Einsicht nehmen zu lassen. Das Meritorische nebst vielen gerade für Ihre Einstellung aufschlußreichen Bemerkungen finden Sie übrigens gedruckt in Dr. J. S. Bloch, Israel und die Völker, verbesserte Auflage in englischer Uebersetzung. Wenn Sie dieses Buch und vielleicht noch andere, die ich Ihnen empfehlen könnte, lesen werden, dann werden Sie, wie ich b e s t i m m t e r w a r t e, Ihr Urteil über den Talmud von Grund aus berichtigen. Es hier im einzelnen widerlegen zu wollen, würde diese Entgegnung zu einem Buche anwachsen lassen. Vor allem erübrigt es sich, dank der bereits vorhandenen Literatur. Wozu längst Gedrucktes nochmals wiederholen? Zur Illustration einige Beispiele anzuführen, halte ich aber schon deshalb für angezeigt, weil Sie diese bei Bloch und sonst nicht finden werden. Sie sind der erste, der diese Talmud-Zitate veröffentlicht hat. Sie schreiben: „Es wird aber gelehrt, daß die Wohnung eines Nichtjuden als Viehstiall zu betrachten sei. (Erubin V, 8.)" Dort findet sich nichts davon. Gemeint ist wohl eine Stelle in Erubin V, 9. Auch dort ist aber nicht von einer solchen Wohnung die Rede. Sie zitieren aus „Kiduschim IV. 12" (gemeint ist Kidduschin IV, 13): „Nichtjuden sind der Bestialität und Päderastie verdächtig, Israeliten aber nicht." Dort steht aber von Nichtjuden keine Silbe. Sie heben hervor, daß „Jamuth" (so schreiben Sie mit Goklschmidt statt des allgemein üblichen „Jebamoth") I. 2 Mittel angegeben werden, um die Empfängnis zu verhüten. Das stimmt (s. fol. 12b). Nur unterlassen Sie zu bemerken, daß es sich dort um die medizinische Maßnahme handelt, bei Todesgefahr einer Konzeption vorzubeugen. Hingegen begegnet uns bei Ihnen auch ein ganz alter Bekannter. Auch Sie zitieren aus „Jamuth" (lies: Jebamoth): „Die weltlichen Völker (lies: Völker der Welt) heißen nicht Menschen". Dort handelt es sich um einen Fall, der zeitweise Ausschließung vom Besuche des Tempels nach sich zieht, um eine kasuistische Auslegung des Numeri 19, 14 gebrauchten Terminus „adam", die, wie auch Nöldeke und Wünsche an der Hand von Bei- \

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.