Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 12 (23.3.1934)
- Date
- 1934-03-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064516--19689-3084853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Seite 3 wie sie seinerzeit dem angeblich jüdischen Pressesumpf des „Abend" zuteil geworden ist. Ist dies für ein antisemitisches Organ schon von Haus aus sehr fatal, so gesellt sich dazu die aus mannigfacher Erfahrung bekannte Hakenkreuz- Psychose gegen das Qefaßtwerden. Nichts bringt den braunen „Heroismus" so sehr in Harnisch wie die Zumutung, seine Handlungen vor Gericht vertreten zu müssen. In dieser Zwangslage gerät er in eine ähnliche Geistesverfassung wie der Deliriker. So wie dieser überall weiße Mäuse sieht, so bietet sich dem Hakenkreuzler der „unerträgliche Anblick heftig gestikulierender Juden" dar. Und diesen gilt sein Appell zur „Mäßigung", weil sie es gewagt haben, ihn zum Erscheinen vor den Richter, noch dazu in die Schiffamtsgasse, zu zwingen. Dabei verschweigt der aufgeregte Redakteur, daß e r der Ankläger ist, der die anderen vor den Kadi zitiert hat, weil sie ihn durch den Vergleich seiner Taktik mit der der „Abend"- Macher in seiner Ehre gekränkt haben. Und jetzt wollen sie noch obendrein den — Wahrheitsbeweis führen. Ist das nicht „jüdische" Frechheit? Die mit diesem Attribut belegten Angeklagten werden sich über das Versagen des „Oesterreichischen Beobachters" just auf dem Gebiet, auf dem er seiner politischen Einstellung nach am besten bewandert sein müßte, nämlich auf dem der Rassenkunde, nicht wenig gewundert haben. Denn zu den „unerträglich gestikulierenden Juden", von denen dem Hakenkreuz-Blättchen eine blamable Bloßstellung im Gerichtssaal droht, gehörten in erster Linie die Schriftleiter des „Sturm über Oesterreich", des Organs der „Ostmärkischen Sturmscharen", die auf dem Arm ihrer Uniform das „Monogramm Christi" tragen. Ob diese Leute die Neigung verspüren werden, einem an die — Juden adressierten Appell zur Mäßigung gegenüber einem Hakenkreuzler, dem sie Korruption vorwerfen und gegen den sie sich wegen dieses Vorwurfs vor Gericht verteidigen müssen, Folge zu leisten, ist sehr fraglich. Aber auch wir Juden kämen in Verlegenheit, wie wir eine solche Mahnung getarnter Nationalsozialisten mit einiger Aussicht auf Erfolg befolget: könnten. In Deutschland, wo die Juden durch die Dieses Siegel bürgt... daß Kunerol streng rituell erzeugt wird und daher auch für Strenggläubige ohne Bedenken für die Zubereitung von Osterspei§en verwendet werden kann. Kunerol ist ein völlig reines Pflanzenfett, nahrhaft, leicht verdaulich und fast unbegrenzt haltbar. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S.Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT Hitler-Gesetzgebung zur allergrößten überhaupt mögliehen „Mäßigung" gezwungen sind, wirkt sich dies bereits unheilvoll für die nationalsozialistische Propaganda aus. Mangels eines geeigneten einheimischen Objekts muß dort schon gegen ausländische — Filme gehetzt werden, die jüdische Künstler zeigen. Das kann zu unangenehmen Repressalien auf dem Wirtschaftsmarkt führen, auf dem Deutschland ohnehin nichts zu lachen hat. Vielleicht erleben wir noch die Groteske, daß den reichsdeutschen Juden von „oben" her weniger Zurückhaltung nahegelegt wird, damit sie wieder ihrer Aufgabe im Dritten Reiche: als Stein des Anstoßes zu dienen, nachkommen können . . . 99 Es gibt nur eine einzige Rasse. SS Der bekannte französische Senator Henri Beranger hat kürzlich einen Aufsatz über das „Rassenproblem" veröffentlicht. Wir bringen aus diesem Aufsatz einige interessante Auszüge. Die Red. Ich las „Mein Kampf" und auch das Buch „Nazi-Sozi" des jetzigen Propagandaministers Goebbels. In letzterem fand ich folgenden Satz: „Die Juden muß man ausrotten." Als der Herr Goebbels in Genf war, wandte ich mich an ihn mit der Bitte, mir das näher zu erklären. Ich fragte ihn, was er den deutschen Juden vorzuwerfen habe. Seine Antwort lautete: „Sie sind keine Arie r." Außerdem, behauptete der Minister, nehmen sie viel zu viel Platz im öffentlichen Leben ein. Das sind Vorwürfe gegen das Blut und gegen die Zahl. Er konnte mir aber keinen einzigen Vorwurf nennen, der irgend welche wesentliche Momente aufwiese, er konnte nicht einmal behaupten, daß die Juden schlechte Sitten hätten oder daß ihre Betätigung staatsfeindlich sei, mit einem Worte nichts, was im geringsten Maße die Judenverfolgungen rechtfertigen würde. Der Herr Goebbels hat mir folgende statistische Daten angegeben: „Vierzig bis siebzig Prozent der freien Berufe sind von Juden besetzt." Vorerst habe ich die Richtigkeit dieser Statistik fraglich gefunden, dann fragte ich, ob dieselben Unterschiede auch in bezug auf die Sachsen, die Württemberger und die Schlesier gemacht werden. Da antwortete mir Herr Goebbels: „Die Württemberger sind Arier und die Juden nicht. Die Juden sind Nichtarier, daher haben wir ihnen gegenüber Ausnahmsgesetze erlassen." Ich habe diesen Satz bei einer großen Versammlung in Paris dann einmal wiederholt. Die Antwort des Publikums war — ein schallendes Gelächter. Schön, Juden sind also keine Arier! Was ist das aber: ein Arier? Ist das ein blonder, schlanker Mensch, mit blauen Augen und hellem Teint? Ist ein Nichtarier klein, schwarzhaarig, dunkeläugig und bräunlich? Ist Herr Goebbels ein Arier? Wer ist überhaupt ein Arier? Die Deutschen sagen mir darauf: „Leset euren Landsmann, den Grafen G o b i n e a u!" Einem Franzosen fällt es schwer, Gobineau zu lesen, denn seine französische Sprache ist uns manchmal schwerer verständlich als irgend eine fremde. Aber ich habe doch den Gobineau gelesen, den Propheten in einem fremden Lande, denn im eigenen ist er es nicht. Und von Gobineau habe ich erfahren, daß die Menschenrassen nicht gleichwertig sind. Die erste Stelle, sagt er, gebührt den Ariern. Und die reinsten unter den Ariern sind die Germanen. Bald aber erfuhr ich vom selben Gobineau, daß die Deutschen keine Germanen sind, denn die germanischen Ureinwohner des heutigen Deutschland wurden von den Hunnen, Teutonen und Kelten vertrieben. Reine Germanen, lehrt Gobineau, kann man nur noch in Schottland und in Skandinavien linden. Und was die Deutschen anbelangt, sind sie ein typisches Mestizenvolk. Meine Lektüre des Werkes von Gobineau wurde besonders interessant, als ich erfuhr, daß das arische Blut in reinster Art bei den — Semiten erhalten blieb, denn die Semiten sind eine Rasse, die sich am wenigstens mit den anderen mischte. In Frankreich — schließt Senator Henri Beranger — hat man das Rasseproblem nie in den Vordergrund gehoben. Als die Nationalversammlung im Jahre 1791 die Emanzipation der Juden proklamierte, vertrat sie den Standpunkt, daß der Wert eines Menschen von seinen moralischen und intellektuellen Verdiensten ab h ä n g t. Ernest Renan schrieb: „Das größte Werk des neunzehnten Jahrhunderts ist die Zerstörung des Ghetto. Die jüdische Rasse hat die größten Verdienste um die Welt. Durch ihre Mitarbeit mit allen freiheitsliebenden Elementen Europas wird sie im großen Maße den Fortschritt der Menschheit fördern." Seien wir bescheiden und bauen wir nicht unser Vaterland auf dem Rassebegriff auf. Ich für meine Person kenne nur eine einzige Rasse: Die Rasse der Menschen, die ihrer Geburt nach gleich sind und die sich voneinander uur durch ihre Verdienste und Fähigkeiten unterscheiden. In Nr. 27. vom 8. März bringt ..D i e Gerechtigkeit", das Blatt der mutigen christlichen Vor kämpferin gegen den Rassenhaß Irene Ha rand, einen wichtigen Artikel unseres langjährigen Mitarbeiters Herrn Ing. Joseph L azar n s aus Fiume über die „Arie r", in welchem der auf die Encyclopaedia Britannica gestützte Beweis erbracht wird, daß die Deutschen unter den „A r i e r - P a r a g r a p h e n" fallen. da sie selbst keine Arier sind. Da der „Hieb die beste Parade" ist, begegnet der Verfasser der Anschuldigung einer Minderwertigkeit der Juden mit dem Hinweis darauf, daß die Juden immer das „auserwählte Volk" waren, daß Völker zu Zeiten, in denen sie keinen jüdischen Einschlag duldeten, in die Barbarei zttrückverfallen sind. Der Autor beweist dies an einer Reihe kulturhistorischer Begebenheiten vom Sinai bis Berlin. Ein Brief aus der Hölle. Das Warschauer Hilfskomitee für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland hat folgenden alarmierenden Brief bekommen: Schmerz- und angsterfüllt schreiben wir diesen Brief. Wir wissen nicht, ob ihn die deutsche Post, die alle Briefe kontrolliert, durchlassen wird. Schon ein Jahr sind wir in der Gefangenschaft Hitlers und wir können von hier nicht weg, denn man verlangt von uns, daß wir unser Vermögen, die Früchte einer jahrelangen schweren und ehrlichen Arbeit, in Deutschland zurücklassen. Unsere Lage ist fürchterlich, das Elend unter uns so groß, daß bei bestem Willen keiner dem anderen helfen kann. Eine Möglichkeit, Brot zu verdienen, gibt es nicht. Wir werden permanent und systematisch boykottiert, denn auch jene einzelnen edlen Arier, die sich mit dem barbarischen Regime der Nationalsozialisten nicht solidarisch erklären und auch jetzt gerne mit uns in normalen geschäftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen stehen würden, werden von der SA. und SS. terrorisiert und gezwungen, sich von uns fernzuhalten. Die Mehrzahl von uns, die wir noch bis vor kurzem wohlhabend waren, hat kein Geld, um den Zins, die Gasrechnung und das elektrische Licht zu bezahlen. Wir sind gezwungen, um einen Pappenstiel die Möbel zu verkaufen, wenn diese inzwischen von Behörden nicht gepfändet und versteigert wurden, gewöhnlich ohne jede rechtliche Begründung. Unsere Kinder können die Schulen nicht besuchen, unsere Jugend hat keine Möglichkeit, irgendwo Arbeit zu bekommen. Die Behörden des Dritten Reiches be-