Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 12 (23.3.1934)
- Date
- 1934-03-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland «erboten! Jüdisch e tßshrh mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien liniii||i|iiiiiillll)pipiimiiiiiiiiiiiii[iiiM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 Nummer 12 Erscheint jeden Freitag 50. Jahrgang Wien, 23. März 1934 Einheit des Judentums. Rasiere Dich gnt and billig Die österreichische Judenschaft befindet sich in sichtlicher Aufregung und Unruhe. Sie hat mit jener Zuversicht, die bei ihrer patriotischen Grundeinstellung nur selbstverständlich ist, den vor aller Welt gesprochenen Worten unseres Bundeskanzlers vertraut, daß in Oesterreich alle Staatsbürger ohne Unterschied, die vaterlandstreu und gut gesinnt sind, gleich behandelt werden sollen. Und nun muß sie in letzter Zeit Dinge bemerken, die diese Zuversicht zwar nicht erschüttern können, aber so manchen wankend in dem Glauben daran werden lassen, daß wirklich unser Land jetzt eine autoritäre Führung genießt. Wäre dies der Fall, dann könnten nicht untergeordnete Organe und Institutionen Maßnahmen treffen, die dem so feierlich bekräftigt ten Grundsatze des ersten Mannes in unserem Staate in krasser Weise Hohn sprechen. Fast täglich müssen wir in diesen Tagen solch traurige Beobachtungen machen. Man ist von der Zeitungshetze, die nicht nur in den sogenannten „getarnten Blättern" betrieben wird, sondern auch in den offiziellen Organen einen breiten Raum einnimmt, zur Tat übergegangen. Die Zeitungshetze war wüst genug — die Beschuldigung des „Oesterreichischen Beobachters", daß die jüdischen Schulärzte ihre Freude daran hatten„jinter den fadenscheinigsten hygienischen Vorwänden ganze Mädchenklassen nackt ausziehen zu' lassen, läßt sich wohl selbst von einem Blatte des Dritten Reiches nicht übertreffen —, die antisemitische Tat soll noch härter treffen. Vornehmlich sind es zwei Berufskategorien, gegen die in heftigster Weise vorgegangen wird, diejüdischenAerzte und die jüdischen Rechtsanwälte. Ihre christlichen Kollegen werden in Berufsverbänden zusammengefaßt, in denen die Juden keine Aufnahme finden können. Denn welcher jüdische Arzt könnte in die „Vereinigung christlich-deutscher Aerzte Oesterreichs", welcher jüdische Rechtsanwalt in den „Verband deutscharischer Rechtsanwälte Oesterreichs" eintreten? Dabei geben sich diese Verbände offiziellen Charakter, ja bei der Gründung des genannten Aerzteverbandes hieß es in den Wiener Tageszeitungen ausdrücklich, daß dieser Zusammenschluß „im Sinne des ständischen Umbaues des Staates" erfolgt sei und daß Bundeskanzler Dr. D o 11 f u ß selbst die Herren der Leitung dieser Vereinigung berufen hätte. Diese Meldung erfordert Beachtung und wohl auch Aufklärung. Bleiben die jüdischen Aerzte beim „ständischen Umbau des Staates" unberücksichtigt, ausgeschlossen, so wie sie heute schon, nachdem die Neuerlangung von Spitalsposten ihnen ganz unmöglich gemacht wird, auch von jenen amtlichen Posten ausgeschlossen werden, die sie mit dem bei VE RWALTUNGEN _y SÄTZE - HYPOTHEKENfSfr jfr KÄUFE - VERKÄUFE*^ jüdischen Aerzten bekannten Pflichteifer seit Jahren bekleideten? Dies ist der Fall in L i n z, wo der Regierungskommissär Dr. N u s k o alle in städtischen Diensten stehenden jüdischen Aerzte und die einzige jüdische Krankenpflegerin entlassen und ihnen mit sofortiger Geltung die weitere Ausübung ihres Dienstes verboten hat, ohne daß in den meisten Fällen eine Begründung in dem kategorisch gehaltenen Entlassungsschreiben angegeben wurde. Bei der Neuausschreibung der von den Juden freigemachten Stellen wurde der Nachweis der „Zugehörigkeit zur deutschen Nationalität" gefordert. Die Art der Entlassung und der Ausschreibung spricht die gleiche deutliche Sprache wie die Maßnahmen, die auch an anderer Stelle gegen jene jüdische Aerzte getroffen werden, die in Spitalsdienst stehen oder bei Krankenkassen beschäftigt sind. Bei den Angestellten und Aerzten der Arbeiter-Krankenversicherungskassa in Wien (I. Wipplingerstraße 28) kursiert z. B. ein Rundschreiben, welches „anläßlich der Abrechnung der Lohnabzugsteuern für 1933" die Personal- oder Familiendaten des Empfängers einfordert, zu welchem Zwecke dem Rundschreiben ein Fragebogen beigeschlossen ist, der vollständig SZILAGYI IX., ROTENLÖWENG. 3 BEH. AUT. 3EISAL TEL. A 10-5-69 Juwelier Oesterreicher Wien l., Graben 7, Tel. R 20-4-71 Große Auswahl von Silberwaren zu Fabrikspreisen Eigene Erzeugung von Schüsseln, Leuchtern, Servicen sowie Tafeisilber und rituellen Geräten Großes Lager von okkasionellen Waren und wahrheitsgetreu zu beantworten ist. Dieser Fragebogen unterscheidet sich von dem gesetzlichen Zählungsblatt dadurch, daß er die Frage nach dem Datum der Zuständigkeit und Staatsangehörigkeit enthält und außerdem auch wissen will, „seit wann" der betreffende Angestellte oder Arzt der von ihm angegebenen Konfession angehört. Da müssen wir wohl fragen, was die Abrechnung der Lohnabzugsteuern mit der Beantwortung dieser Fragen, die „laut Taufschein" erfolgen soll, zu tun hat. Und auch der „Verband deutscharischer Rechtsanwälte" schickt Fragebogen aus, u. zw. interessiert es ihn lebhaft, jene Fälle kennenzulernen, in denen sich arische Firmen und sonstige Parteien des In- und Auslandes eines nichtarischen Vertreters bedienen, wobei die geschätzten Herren Kollegen gebeten werden, „krasse Vertretungsfälle dieser Art besonders hervorzuheben". Genug für heute. Die Liste ließe sich noch stark vermehren, aber wir wollen nicht diejenigen sein, die Oel ins Feuer gießen, dieses traurige Geschäft überlassen wir den Unruhestiftern, die jetzt am Werke sind. Sie müssen es mit ihrem Gewissen abmachen, daß Juden, die sich in geachteten Berufskategorien vermöge ihrer hervorragenden Fä- Oeslerrclchlschcs Qualitäts Tabrifcat Ueberau erhältlich higkeiten größter Achtung erfreuen, nun in Schrecken versetzt werden, ob der Stand, dem sie in Treue gedient haben, ihnen diese Treue nicht mit schnödem Undank lohnen wird. Aber diesen Herrschaften ist es anscheinend zu wenig, wenn nur einzelne jüdische Berufsmenschen in Sorge geraten, die ganze Judenheit soll getroffen werden. Wir wiederholen: die ganze. Denn es gibt kein Prinzip, nach dem unsere ihrer Religion treue Gemeinschaft geteilt werden könnte. Ganz abwegig ist in diesem Sinne jener Vorschlag, den nach einer Budapester Zeitungsmeldung die Heimwehr dem von seinem großen römischen Erfolg heimkehrenden Bundeskanzler Dr. Dollfuß „in Angelegenheit der systematischen und endgültigen Lösung der österreichischen Judenfrage" überreichen will. In dieser Zeitungsmeldung heißt es: Nach dem von der Heimwehr ausgearbeiteten Projekt sollen die Oesterreicher jüdischer Konfession in drei Kategorien eingereiht werden. In die erste sollen diejenigen Juden gehören, die vor dem Weltkrieg bereits in Oesterreich das Bürgerrecht hatten. Diese anerkennt die Heimwehr als vollberechtigte österreichische Staatsbürger. Es soll erklärt werden, daß sie dieselben Pflichten haben wie die österreichischen Staatsbürger anderer Konfessionen. In die zweite Kategorie sollen die seit 31. Dezember 1914 eingewanderten und zu österreichischen Treffpunkt der Feinschmecker Cafe-Restaurant FETZER bei der Schwedenbrücke Staatsbürgern gewordenen Juden gehören. In die dritte Kategorie endlich sollen die Juden eingereiht werden, die sich während des austromarxistischen Regimes niedergelassen haben. Die beiden letzteren Gruppen sollen nicht die vollen Staatsbürger, liehen Rechte haben und bei höherer Ausbildung, bei bestimmter finanzieller und künstlerischer Tätigkeit und auch in anderen Bescbäftigungszwelgen sollen für sie Verbote aufgestellt werden. Von dieser bedingten Staatsbürgerschaft würden aber Ausnahmen gemacht werden können. Staatsbeamte und staatliche Konzessionäre sollen nur Juden der ersten Kategorie werden können. Der Zweck dieses Projektes wäre einerseits die Liquidierung der Einwanderung aus Galizlen. anderseits die Eindämmung der zügellosen antisemitischen Agitation der österreichischen Hakenkreuzler.