Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 7 (17.2.1934)
- Date
- 1934-02-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis töeser Nummer 40 Groschen In Deutachland verboten! it Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden'* und den Amtlidien Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration; Wien H.. Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang _ Erscheint jeden Freitag Wien, 17. Februar 1934 Nummer 7 Ernste Tage. Rasiere DIA gm* and billig Schicksalsschwere Tage liegen hinter uns. In den Straßen Wiens und an vielen Orten der Republik Oesterreich ist Blut geflossen. Todesopfer sind zu beklagen, Opfer sowohl auf der Seite der Exekutive, die mit aller Energie vorging, Opfer auch auf Seite jener, die sich mit Waffengewalt den Verfügungen der gesetzmäßigen Regierung widersetzten. Die österreichische Judenschatt steht erschüttert an der Bahre all dieser Opfer eines mörderischen Bruderkampfes und trauert mit ihren christlichen Mitbürgern um diese Menschen, die auf der Walstatt geblieben sind. Die österreichische Judenschaft hat mit ehrlichster Anteilnahme das Bemühen der Regierung verfolgt, die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Diese Anteilnahme lag in jener Linie, die die österreichische Judenschaft ohne Rücksicht auf ihre innerjüdische Einstellung verfolgt, seitdem in Oesterreich Kräfte am Werk sind, um dieses Land aus dem Chaos der Nachkriegsjahre in eine bessere Zukunft zu führen. Die Regierung Dollfuß, die sich dieses hehre Ziel gesteckt hat, genoß, das wird sicherlich von niemandem bestritten werden, die Sympathien der staatstreuen österreichischen Judenschaft und trotz mancher Zurücksetzungen, die wir in letzter Zeit erfahren haben, und mancher Vorstöße, die von maßgebender Seite unternommen wurden und auf eine Verschlechterung der konstitutionellen Rechte der österreichischen Judenschatt hinzielten, hat dieselbe den Kampf der Regierung um die Unabhängigkeit Oesterreichs nach besten Kräften unterstützt. Sie tat dies als loyales Element dieses Landes, mit dessen Wohl und Wehe unsere Gemeinschaft seit Jahrhunderten innig verbunden ist, sie tat dies nicht zuletzt deshalb, weil der heroische Kampf unseres Bundeskanzlers gegen den braunen Terror die österreichische Judenschaft auch von einer Gefahr zu befreien schien, deren Größe wir aus dem furchtbaren Schicksal unserer deutschen Brüder nur zu genau kannten. Bedauerlicherweise hat die Leitung der sozialdemokratischen Partei die Zeichen der Zeit nicht voll erkannt oder nicht erkennen wollen, sie hat den Notwendigkeiten der Entwicklung nur allzu zögernd Rechnung getragen, sie hielt noch immer fest an einer Ideologie, die schon bisher so viel Unheil angerichtet hatte. So mußte es zu jener gewaltsamen Auseinandersetzung kommen, auf die die sozialdemokratische Partei sich schon seit langem vorbereitet hatte und von der allein sie sich die Rettung erhoffte. Sie hat sich — wie nicht anders zu erwarten — getäuscht. Statt Seitz sitzt der uns Juden nur zu gut bekannte Minister Schmitz auf dem kurulischen Stuhl im Rathause. Die Partei ist aufgelöst. Insbesondere die letzte Maßnahme zwingt uns zu einem offenen Wort. Es ist zur Genüge bekannt, daß es unter den österreichischen Juden sehr viele gab, die in der Nachkriegszeit dieser Partei anhingen. Die Gründe hiefür sind ebenfalls so bekannt und einleuchtend, daß wir über sie nicht viel Worte verlieren müssen. Es genügt darauf hinzuweisen, daß es seit dem Umsturz — abgesehen von den immer schwächer gewordenen freiheitlichen Gruppen — in Oesterreich keine Partei außer der sozialdemokratischen gab, die frei von programmatischem Antisemitismus gewesen ist. Aber ebenso bekannt und durch unzählige Aeußerungen von jüdischer Seite, die auch wiederholt in diesen Blättern Eingang gefunden haben, zu erhärten ist die Tatsache, daß die österreichische Judenschaft in ihrer überwiegenden Mehrheit den Radikalismus, den Klassenkampfstandpunkt und insbesondere die gegen die Kirche gerichteten Bestrebungen von Teilen der Sozialdemokrade entschieden ablehnte. Mit diesem Elementen wollte die .ludenschaft nie etwas zu tun haben, sie hat sich immer wieder mit aller Vehemenz dagegen aufgelehnt, daß ihr diese Leute, unter denen sich auch Menschen befanden, die dem Judentum längst den Rücken gekehrt haben, irgendwie angekreidet werden. Und wenn dies in den nächsten Tagen wieder versucht werden sollte, dann wird sie dies mit gleicher Empörung zurückweisen, die sie immer wieder bei solchen Versuchen bekundete. Oesterrelchiscbes Qoaiuafs-riiMkti Ueberau erhältlich Die österreichische Judenschait hat in diese» schicksalsschweren Tagen Ruhe und Ordnung bewahrt. Ruhe und Ordnung ist auch Parole der nächsten Zukunft, ausgegeben von unserer Regierung, die hoffentlich die Säuberung nach allen terroristischen Seiten hin vornehmen wird. Denn nicht nur links steht der Feind, sondern auch rechts und die gleiche Energie, die die Regierung bei der Abwehr des roten Aufstandes bekundete, muß sie bei der Unterdrückung der braunen Gesellen zeigen, die jetzt in Oesterreich so auffallend still geworden sind, während sie sich im Dritten Reich in Haßorgien gegen unsere Regierung ergehen. Die Judenschaft aber hat die Pflicht, in diesen Tagen zusammenzustehen, ihre Führer müssen in diesen Tagen jene Verantwortung bekunden, die sie zu dem Ehrentitel ..Führer" erst berechtigt. o. h. Freie Bahn allen Tüchtigen! Das Gralswächteramt der deutschen Kultur ist im Dritten Reiche dem Propagandaminister Dr. Goebbels anvertraut. Seine Befähigung hiezu hat er sich als Hörer des jüdischen Germanisten Gundolf erworben. Aber er weiß seinem verstorbenen Lehrmeister wenig Dank, denn er hat erst jüngst seine Ueberzeugung proklamiert, daß er Juden nicht für die geeigneten Träger der deutschen Kultur halte. Das hat ihn zwar nicht gehindert, als Student die Vorlesungen jüdischer Gelehrter zu besuchen, aber es verbietet ihm in seiner heutigen Stellung, jüdische Zuhörer mit den Emanationen seines Geistes zu beglücken. Sein Auditorium ist stets ein streng gesiebt arisches, nur garantiert „nordische" Menschen werden der Erleuchtung gewürdigt, von Dr. Goebbels zu erfahren, was eigentlich deutsche Kultur ist. Bedenkt man, daß unter den Adepten dieser Wissenschaft auch so bejahrte Knaben zu finden sind wie Gerhart Hauptmann, Max Halbe und Richard Strauß, dann muß man zugeben, daß die Aufklärung nicht um eine Minute zu früh erfolgt, sondern daß es für manchen schon die höchste Zeit ist, endlich über das Wesen von Kunst und Literatur authentische Informationen zu bekommen. Juden sind, wie gesagt, von diesem Unterricht, der in den Versammlungen des deutschen Kulturrats erteilt wird, ausgeschlossen und da sie von selbst niemals auf die Geheimnisse richtiger Kulturbetätigung kommen können, ist endlich die Entfaltung einer rein arischen Geistesblüte in Deutschland gewährleistet. Ist sie gewährleistet? In einer Versammlung von Darstellern, Regisseuren und Autoren der Filmbranche hat Doktor Goebbels dieser Tage auf die Einführung des Arierparagraphen in dieser Branche hingewiesen und erklärt: „Damit war den jungen deutschen Talenten wenigstens der Weg freigemacht, sich zu bewegen. Daß sie noch nicht überall durchgedrungen sind, das liegt zum Großteil an ihnen se 1 bs t." Eine böse Dusche für die Zuhörer! Denn wer einem antisemitischen Redner lauscht, der hofft, die beglückende Kunde zu vernehmen, daß an allem Uebel nur der Jud schuld ist. Um zu hören, daß man Mißerfolge sich selbst zuzuschreiben hat, braucht man keine Hakenkreuzler. Das hätte man auch in „liberalistischen" und marxistischen Versammlungen haben können, deren Redner ja immer wieder die demokratische Forderung erhoben: „Freie Bahn allen Tüchtigen!" Die nationalsozialistische Variante: „Freie Bahn allen Deutschblütigen!" klang vielen angenehmer und verheißungsvoller in den Ohren. Jetzt wird es unangenehm empfunden, daß die Verheißung unerfüllt geblieben ist und man noch obendrein um den Sündenbock gekommen ist, an dem man seinen Gedenket der Winternotitandfaktlon der Kultus gemeinde! Geld- und Naturalspenden erbeten an die Fürsorge-Zentrale der israel. Kultusgemeinde Wien I., Seiten Stettengasse 2, Telephon II 25-5-85 Serie, Postsparkassenkonto B-29.659