Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 3 (19.1.1934)
- Date
- 1934-01-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ÜIE WAHRHEIT Seite 7 Uneinigkeit sogar im Wohltun. Der Londoner „Jewish Chronicle" beklagt es. daß die Londoner Konferenz für Hilfe an die deutschen Juden trotz der jüdischen Solidarität, die in ihr zum Ausdruck gekommen ist, keine adäquaten Resultate erbracht hat. Zahlreiche wichtige Beschlüsse der Konferenz konnten im Hinblick auf die Uneinigkeit im amerikanischen Judentum (Nichtübereinstimmung zwischen American Jewish Committee und American Jewish Congress) bisher nicht zur Durchführung g e,l a ngcn. Vielleicht ist es überflüssig, das „Verbindungs- Amt" zur Aufrechterhaltung des Kontaktes zwischen den jüdischen Organisationen zu schaffen: wichtig aber wäre die Durchführung von Beschlüssen betreffend Bildung eines Generalrates und einer Exekutive: dies unterblieb bisher infolge der amerikanischen Unstimmigkeiten. Darunter leidet auch die Hilfsaktion für die deutschen Juden. Obwohl das amerikanische Judentum zwölfmal so groß ist wie das englische Judentum, wurde in England die gleiche Summe für die Hilfsaktion aufgebracht wie in Amerika. ..Jewish Chronicle" fordert die amerikanischen Juden auf, endlich einen Zusammenschluß herbeizuführen, damit an die Lösung der dringenden Probleme der Hilfe an die deut-, sehen Juden endlich herangegangen werden kann. Hans Pfitzner gekränkt. In der Berliner Zeitschrift „Die Musik" findet man ein „Fanfare für Hans Pfitzner!" betiteltes Gespräch mit dem berühmten Dichter-Komponisten, aus dem man erfährt, daß das Dritte Reich Pfitzner bis hex vollkommen übergangen hat. Er wirkt nicht als Lehrer an einer der staatlichen Hochschulen oder Akademien, nicht als Dirigent oder Regisseur an einem der staatlichen Theater, er wurde nicht in. den Staatsrat, nicht in die Musikkammer berufen und seine Werke werden weniger denn je aufgeführt. Pfitzner erzählte dem Interviewer, er habe ein Horst Wessel-Drama entworfen und komponiert, eine nationalsozialistische Hymne geschaffen, ohne daß man von ihm Notiz nahm. Gekränkt berichtete er, er, Pfitzner habe den Kampf gegen das Judentum zu einer Zeit geführt, da er noch gefährlich gewesen sei, und er habe an der nationalsozialistischen Weltanschauung mitgearbeitet. Es ist bekannt, daß der Jude Gustav M a h 1 e r Piitzners erste Oper „Rose vom Liebesgarten" in der Wiener Hofoper und der Jude Bruno Walter seine Oper ^.Palästrina". ein großes Wagnis, in Berlin zur Uraufführung brachte. Auch sonst wurde Pfitzner stark von Juden gefördert. Furcht vor dem knock out. Sensation erregt in New York die Tatsache, daß der für den 16. Februar angesagt gewesene Boxkampf zwischen Max Schme 1 ing und dem Amerikaner L e w i n s k i abgesagt wurde. Eingeweihte versichern, daß der Reichskanzler Hitler es Schineling. der kürzlich in die SA eingetreten ist, verboten hat, mit einem „Juden" zu kämpfen. Bekanntlich wurde der Exweltmeister S c h m e 1 i n g vor einigen Monaten von dem Juden Baer in New York k. o. geschlagen. Zwangssonntagsruhe in Saloniki. Die griechische Regierung scheint immer mehr der antisemitischen Stimmung in Saloniki Rechnung tragen zu wollen. Nachdem sie kürzlich ihr eigenes Dekret, wonach der Jörn Kippur als ein staatlicher Feiertag zu gelten habe, schnell zurückgezogen hat, hat sie nun in Saloniki die Zwangssonntagsruhe eingeführt, was einen schweren Schlag für die jüdische Bevölkerung bedeutet. Die jüdischen Händler und Handwerker konnten ihrem Gewerbe 6 Stunden lang nachgehen. London. Die Tate-Galerie in London hat eine Bronzebüste Professor Einsteins des englischen Bildhauers Jacob Epstein erworben. Die Büste gilt als eines der besten Werke des Bildhauers. Der 1880 in New York geborene Epstein war in Paris Schüler Rodins. Von ihm stammen auch das Grabmal für Oskar Wilde auf dem Pere-Lachaise-Friedhof in Paris und zahlreiche Figuren und Bronzebildnisse in Londoner öffentlichen Gebäuden. Wichtig für Wanderer! Aus Grund einer Mitteilung aus Belgrad wird nachdrücklichst davor gewarnt, über Jugoslawien zu reisen, ohne vorher die nötigen Visa für die Weiterfahrt besorgt zu haben. Auch die persische Gesandtschaft in Belgrad hat die Erteilung sowohl von Touristenals auch Einreisevisen an durchreisende Juden eingestellt. * In der letzten Zeit wurden hauptsächlich Wanderer aus Polen, die nach Palästina oder Frankreich gereist sind, an der Grenze des Ziellandes angehalten, da die Einreisevisa gefälscht waren. Es wird ausdrücklich davor gewarnt, sich durch Vermittler Visa beschaffen zu lassen, da diese häufig die gesetzlichen Schwierigkeiten durch betrügerische Manipulationen zu umgehen suchen. Die Wanderer mit gefälschten Visa haben dadurch nicht nur materiellen Verlust und die Rückreise in die Heimat sondern auch gerichtlfche Bestrafung zu gewärtigere_ Erwin Engel, der unerreichte jüdische Conferencier, und seine Tochter Flora, die famose Humoristin in ihrem Original-Repertoire, sind für Veranstaltungen jüdischer Vereine Schlager ersten Ranges und können Anfragen an die Redaktion der »Wahrheit" oder direkt an die Künstler, Wien IV., Wiedner Hauptstraße 23/22, Tel. U 42-9-19, gerichtet werden. Gemeinde - 'Chronik Berlin. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat nach eingehender Aussprache über die gesamten Fragen der Lehrerbildung die Errichtung einer jüdischen Volksschullehrerbildungsanstalt liberaler Richtung in Berlin beschlossen. Er hat ferner beschlossen, eine gleiche Anstalt konservativer Richtung in Preußen zu begründen, falls sich diese Neugründung neben der in Würzburg bereits bestehenden konservativen Lehrerbildungsanstalt als notwendig erweisen sollte. Der „Hauigun-Chor" hat vor seiner Abreise in Wien noch eine Reihe von Tempelkonzerten gegeben, auf die wir Raummangels wegen erst in unserer nächsten Nummer zurückkommen. Einen besonderen Erfolg erzielte das Konzert im bis auf das letzte Plätzchen gefüllten Pazmanitentempel, das durch die hervorragende künstlerische Mitwirkung des Herrn Oberkantor J. L. Mül- 1 e r gewaltige Anziehungskraft auslöste^ Das Publikum, unter dem sich viele prominente Männer der Wiener Judenschait, wie Oberrabbiner Dr. Feuchtwang, Prof. W o 1 i s o h n, Sandor Wolf, Dr. Leo Landau und Dr. R o t h b l u m befanden, war begeistert von dem hervorragenden künstlerischen Genuß, den W i n a w e r s Chor wieder bot, und von der Meisterleistung des in herrlichen Solis mitwirkenden Oberkantors. Der Verein zur Unterstützung jüdischer Kleingewerbetreibender beging Samstag, den 6 d. M. das 50jährige Jubiläum seines Bestehens. Im schön geschmückten Vereinstempel fand aus diesem Anlasse ein feierlicher Gottesdienst statt. Unter den zahlreich erschienenen Gästen bemerkte man die Kultusvorsteher Dr. Leo Landau, Dr. I. Kl aber und Waltuch sowie Vertreter verschiedener Bethäuser und Vereine. Die Gäste wurden vom Obmanne des Vereines Herrn Josef Stapler begrüßt, die Festpredigt, die der Rabbiner des Vereines Herr Dr. Gerstel hielt, hinterließ bei den Anwesenden einen tiefen Eindruck. Herr W a 1t u c Ii würdigte im Namen der Kultusgemeinde die segensreiche Tätigkeit des Vereines, Herr Oberkantor Kr entstein samt Chor verstand es, durch sein schönes inniges Vorbeten alle Anwesenden zu begeistern. Am Nachmittag fand ein schönes Schalosch Seuä:i für alle Mitglieder und Gäste statt. Abends wurde ein Festbankett beim Ehrenpräsidenten des Vereines Herrn BarsciJiak veranstaltet Unter den vielen Gästen sah man den Begründer des Vereines, der vor 50 Jahren als erster Präsident gewählt wurde, Herrn Dr. Fink ler. Kultusvorstehcr Herrn Dr. Rosenber g. Generalkonsul R a d o y und viele andere. Der Zimmermaler Kohlt empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rotenkreuzgasse 3 Tel. A 45-5-37 Obmann des Vereines, Herr Josef Stapler, begrüßte die Gäste und schilderte die segensreiche Tätigkeit des Vereines. Dank der Aufopferung des Ausschusses, der sehr viel Zeit, Mühe und Geld dem Vereine widmet, kann der Verein den an ihn gestellten großen Anforderungen entsprechen. Es sprachen noch Kultusvorsteher Herr Dr. Rosenberg im Namen der Kultusgemeinde. Herr Dr. Finkler, der Ehrenpräsident Herr Barsch a k und andere. Mit den besonders schönen kunstvollen Gesängen des Oberkantors K r e_u t s t e i n samt Chor schloß die schöne Feier in gehobener Stimmung. Leo Valberg. dem Wiener Publikum als glänzender Künstler bekannt, von seinem großen Freundeskreis auch als braverMensch hoch geschätzt, hat bekanntlich vor einiger Zeit infolge Glatteises einen schweren Unfall erlitten, der ihn an der Ausübung seiner, namentlich von jüdischen Vereinen stark begehrten Berufstätigkeit hinderte. Zu seinen Ehren ianci am vergangenen Samstag abends im Festsaal des Hotel de France eine Akademie statt, an deren Vorbereitung sich mehrere Herren des Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs beteiligt hatten, in welcher Organisation Leo Valberg als treuer Kamerad große Beliebtheit genießt. Diese kam in dem erfreulich starken Besuch der Veranstaltung zum Ausdruck, der unter anderem die gesamte Bundesführung mit Generalmajor E. Sommer an der Spitze beiwohnte. In der Akademie, die von Fräulein L ti z z a t o ganz ausgezeichnet konferiert wurde, wirkten prominente Wiener Künstler mit. Besonders gefielen die reizende Else Kaufmann, der lustige Kurt Karsten und der hervorragende Solist des „Hanigun"- Ghcrs M a g i d o. Oberkantor J. L. Müller ist. wie wir erfahren, zu einem am 29. d. M. in Budapest stattfindenden großen Konzert eingeladen worden, das von der ungarischen Organisation der Karttoren und Kultusangestellten zu Gunsten der Errichtung eines Kantorenheimes veranstaltet wird. Der weit über die Grenzen seines Wirkungskreises hinaus beliebte Oberkantor wird dem ehrenvollen Rufe Folge leisten. Barmizwabfeier. Samstag, den 30. v. M. fand im Simmeringer Tempel die Barmizwah des Knaben Max Bodek, Sohn des Herrn Hirsch Bodek und seiner Gattin Eugenie. geb. Kernberg, statt Nachdem der Knabe die Haftorah sehr verständnisvoll zum Vortrage gebracht hatte, rezitierte Herr Oberkantor Max Schidlo mit seiner klangvollen Stimme das Mischeberach in vorzüglicher Weise. Eltern und Sohn wurden von den zahlreich erschienenen Vorstandsmitgliedern und Bekannten herzlichst beglückwünscht „Ein langjähriger Abonnent". Der angefragte Herr aus dem III. Bezirk ist nach unseren Feststellungen aus dem Judenrum nicht ausgetreten. Für Hochzeiten u. Vereine schöner Saal oder Klubräume mit Klavierbenützung zu vergeben. Restaurant Herllnger II.» TabontraOe IS Gute Küche, billige Preise, große Auswahl in ESittag- und Abendmentts Salzburg. Kürzlich ieierte der langjährige Tempelvorsteher. Herr Daniel Bonyhadi. seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß fand am 23. v. M, ein Festgottesdieust statt. Der Kultusrat mit dem Präsidium war fast vollzählig erschienen, von dcT Chewra Kadiseha fand sich eine Deputation mit dem Obmann Artur F ü r s t ein. Nachdem der talmudisch gebildete und strenggläubige Jubilar zur Thora aufgerufen war. richtete an ihn der hochbetagte Knltuspräsident Herr Rudolf L ö w y eine Ansprache, in welcher er die Verdienste des Tempelvorstehers um Kultusgemeinde und Chewra treffend würdigte. Dabei teilte der Kultusvorsteher seinem bewährten Mitarbeiter und Mitstreiter für die religiösen Interessen den einstimmigen Beschluß des Kultusrates mit. wonach der Jubilar zum Ehrenmitglied der K u 11 u s g e m e i n d e ernannt worden ist. Gleichzeitig überreichte der Kultuspräsident dem Jubilar die künstlerisch ausgestattete Urkunde über die Ehrenmitgliedschaft. Hierauf hielt Rabbiner Dr. M a r g u I c s eine mit talmudischen Zitaten reich geschmückte Rede, in welcher er den Lebenslauf des Jubilars prägnant umriß. Er ging dabei von dem bekannten Lehrsatz aus. wonach der religiöse Jude seine Welt auf drei Grundmauern aufbaut: auf dem Thorar Studium, auf dem Gottesdienst und auf der Karitas. Zum Schluß entwarf noch der Rabbiner ein Bild von dem schönen jüdischen Familienheim, in welchem dieser wahrhaft aufopfernde Vater ven sieben braven Söhnen und deren Angehörigen liebevoll umgeben wird. Auf diese ieierlichen Reden erwiderte der Jubilar mit einer von Herzen kommenden und daher zu Herzen gehenden Ansprache, in welcher er seinem tiefgefühlten Dank Ausdruck verlieh. Die Feier ward von dem klangvollen. Vortrag des langjährigen Kantors Hermann Kohn schön umrahmt. Todesfälle. Jüngst verschied in ihrem Heimatort Neustadt an der Waag Frau Julie Grün, geboren« Horn, die Mutter des Hern Oskar Grün. Heraus-, geber der „Jüdischen Prcßzentrale Zürich'*. Wenige Tage vor ihrem Ableben konnte, sie noch die Vollendung WliflCaiB^.jeili1 ihres 77. Lebensjahres feiern. Die Verstorbene entstammte einer Familie angesehener Gelehrter. Mütterlicherseits war sie eine Urenkelin des berühmten Samuel Halevi-Kell aus Kolin in Böhmen, der jüdischen Gelehrtenwelt bekannt als Verfasser des „Machazit-Hascheke 1". des dem Schulchan Aruch beigefügten unentbehrlichen Kommentars. Von frühester Jugend an in ein arbeitsreiches Leben eingespannt, vermochte sie sich doch neben umfangreichen jüdischen Kenntnissen ein großes allgemeines Wissen anzueignen. Anspruchlose, natürliche Einfachheit, zähe Energie, ein unversiegbarer, goldener Humor und Gottvertrauen halfen ihr über vieles Schwere im Leben hinweg. Nachdem sie sich im Jahre 1880 mit Herrn Emanuel Grün, einem angesehenen, religiös gesinnten Kaufmann und führenden Mitglied der dortigen Gemeinde verheiratet hatte, führte die regsame wohltätige Frau ein offenes gastfreundliches Haus. Auch als sie im Jahre 1917 ihren, Gatten verlor, blieb sie dieser Tradition treu. Der konservativen Gemeinde stellte sie für ein Betlokal. Beth Hamidrasch und Wohnung des Rabbiners durch Jahre hindurch ihre Räumlichkeiten in uneigennütziger Weise zur Verfügung. — Am Dienstag, den 16. Jänner, iand das Leichenbegängnis des nach kurzem Leiden verschiedenen großen Wohltäters Dawid Pfeffer statt. Zahlreiche Freunde und Bekannte gaben ihm das letzte Geleite. Die Vereine „Treue Brüder", „Mathilde", „Hachnusas Kalu*" „Chesed Schel Emes", die Bethausvereine „Mikdosch m'at", „Jüd. Kleingewerbetreibender", „Polnische Schul", Wirtschaftsverband jüd. Hausierer und der Invalidenverein entsandten Delegierte. Rabbiner Blech und Vizepräsident des Vereines „Treue Brüder" Herr S. Buchsbaum hielten Trauerreden, die des Verblichenen große Verdienste um die Linderung der Not der Hilflosen und seine Tugenden hervorhoben. Wieder ist ein großer Wohltäter, der viel Gutes für Arme leistete und bestrebt war, in größter Stille und Bescheidenheit Bedürftigen und Notleidenden zu helfen, ans unserer Mitte geschieden. Bunter Abend jüdischer Künstler am 25. d. M., präzise 8 Uhr abends, im Theatersaal des Cafe Edison. VIII.. AlserstraBe 9, Es wirken mit: Walter Landauer, Klavier: Nelly Spiel mann. Tanz: Hieronymus L a n g h. drastischer Typenkomiker: die Kinderjazz „Bremer Stadtmusikanten": Beata Inaya, russisch-deutsche Diseuse, sowie weitere erste Kunstkräfte. — Conference des Abends und Arrangement: Georg Neville. Karten zum Preise von S 1.50 bei Gronner's Konzertdirektion. Wien I.. Graben 28. Der Vorstand der Vereinigung spricht dem Mitgliede unseres Vorstandes *L :»liHerm Dir- FRIEDRICH GRÜBEL anläßlich des Ablebens seines Bruders t Herrn Orb Joachln» Josaff OrfllMl tiefstes Beileid aus. i V&S&Sij» **ä*3£& ■ Für den „Familienschutz":? Dr. Leo LANDAU Dr. Paul RAUMANN Dir. Gerson.WfTTLIN