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Die Wahrheit · 1934-01-05 · Heft 1 (5.1.1934) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 1 (5.1.1934)
Date
1934-01-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Erinnerungen von and an Dr. Josef Bloch, Mit dem neuen bürgerlichen Jahre beginnt „Die Wahrheit" ihren fünfzigsten Jahrgang. Ursprünglich ein Standesorgan der österreichischen Kantoren, hat sie sich allmählich nach dem Vorbilde der von dem unvergeßlichen Dr. Josef Bloch gegründeten und 37 Jahre lang ruhmvoll geführten ..Oesterreichischen Wochenschrift'' zu einem politischen Kampfblatt gegen alle dem Judentum den Rückweg ins Ghetto weisenden Tendenzen, sie mögen von katholisch-klerikaler, deutsch-völkischer oder jüdisch-nationaler Seite ausgehen, entwickelt und sieht nach wie vor ihre publizistische Aufgabe in dem unentwegten Festhalten an diesem von einem Großen in Israel in den schweren Zeiten, da die Reaktion im Zeichen der Judenverleumdung die Bastionen des damals mächtigen Liberalismus zu stürmen sich anschickte. : verfochtenen Programme. In der Academie Frangais herrscht die schöne Sitte vor, daß jedes neu berufene Mitglied seinen feierlichen Eintritt in die Gesellschaft der „Unsterblichen" mit einem Nachruf auf seinen Vorgänger vollzieht. So kann auch unser Jubiläumsjahrsang nicht besser eingeleitet werden als mit einer Würdigung des Unsterblichen, dessen Fahne uns im wilden Kampfgetümmel glorreich die Richtung weist. Als ob der Geist unseres vor zehn Jahren verstorbenen Vorbildes selbst diesen Ausdruck treuer Gefolgschaft billigen und fördern wollte, erschien gerade jetzt der dritte Band von Dr. Josef Blochs „Erinnerungen aus meinem Leben", von dem treuen Freunde des Verewigten C h a j i m Bloch redigiert und vom Bruder des Verfassers Morris Bloch herausgegeben, vom Wiener Appel <k Co.-Verlag publiziert. Es sei gleich vorweggenommen, daß diese reichlich spät erfolgte Veröffentlichung mehr Sorgfalt verdient hätte und namentlich die unzähligen, zum Teil sinnstörenden Druckfehler peinlich empfunden werden — aber was tut's? Hatte einst der lebende Kämpfer tiuf eine freundschaftliche Mahnung, .sich sorgfältiger zu kleiden, erwidert: „Ich will die Achtung, die ich mir verdiene, nicht meinem Schneider verdanken!", so kann der Verewigte dasselbe in bezug auf seinen Verleger sagen. Es war schon immer Blochs Schicksal, seinen Geist über die mannigfaltigsten materiellen und physischen Benachteiligungen hinweg durchsetzen zu müssen — es wird ihm um so eher jetzt gelingen, wo er die Schlacken alles Irdischen längst abgestreift hat.. Rabbiner Dr. Grunwald hat einmal „die leichte Erfaßbarkeit seines Kernes" mit der Kennzeichnung fixiert: „Er war Apologet des Judentums". Eine in jungen Jahren in erstaunlichstem Umfang erworbene Talmudkenntnis befähigte ihn, jede Verleumdung des jüdischen Schrifttums in einer Weise zu entkräften, daß der Verleumder mit Schimpf und Schande die Arena verlassen mußte. Diese Fähigkeit machte ihn über Nacht berühmt, als er den Professor Rohling, der sich erbot, die Wahrheit der Ritualmordbeschuldigung durch einen Eid zu erweisen, einen Meineidigen nannte, dadurch zur Einbringung einer Klage, aber schließlich zu schmählicher Flucht aus dem Gerichtssaal und aus dem öffentlichen Leben zwang. In der Folge hat er die „Oesterreichische Wochenschrift" „als eine scharfe Waffe des Judentums gegen seine Feinde" ausgebaut, <larin „den Kampf ohne Zagen und Verzagen fortgeführt, und jede der gegen uns gesponnenen Lügen und Verleumdungen zerstört. Mittelbar oder unmittelbar hat sie einen großen Einfluß auf die öffentliche Meinung dadurch geübt, daß sie k e i n e Aeußeruns des Antisemitismus unwidersprochen gelassen hat". (Lebenserinnerungen III, Seite 266.) Trotzdem wird man seiner Persönlichkeit nicht ganz gerecht, wenn man ihn bloß als Apologeten wertet. Vielleicht hat er anfangs den Irrtum des weisen Sokrates geteilt, daß man durch Aufklärung bessernd wirken könne. Aber diese ideale Auffassung wurde ihm mit der Zeit geraubt. Er mußte es ja erleben, daß trotz der Abfuhr, die er dem Rohling erteilt hatte, dieser von den Antisemiten immer wieder als Autorität zitiert wurde, als ob von dem, was er geschrieben, niemals auch nur ein Wort widerlegt worden wäre. Die Judenhetzer spekulieren eben darauf, daß die Volksmassen die apologetischen Schriften der Verteidiger des Judentums nicht lesen, ja kaum etwas von ihrer Existenz erfahren, und dies benützen sie, um wider besseres Wissen ihr Verleumdungswerk fortzusetzen. Das Ziel dieses Werkes: den Juden wieder ein Ghetto zu bereiten, haben sie damals noch nicht so offen verkündet wie heute, doch mochte Bloch instinktmäßig derartiges ahnen, denn er fühlte sich innerlich durchaus nicht mit der rein negativen Aufgabe der Lügenbekämpfung befriedigt, sondern suchte auch positive Lösungen der Judenfrage. Dies hat ihn eine Zeitlang sogar mit den Zionisten eine Wegstrecke zusammen gehen lassen. Er ließ Theodor Herzl in seiner „Wochenschrift" zu Wort kommen, der diese Gastfreundschaft so sehr zu schätzen wußte,;daß er zu einer Zeit, da er in der „Welt" bereits ein •eigenes Blatt besaß, Bloch zu überreden suchte, auch seine „Wochenschrift" in ein zionistisches Organ zu verwandeln. Davon wollte aber Bloch nichts wissen. Für ihn war der Zionismus nur e i n Lösungsversuch unter vielen, nicht wie für Herzl d i e Lösung schlechthin. Bloch sah ein. was auch real denkende Zionistenführer, wie Oberrabbiner Dr. Chajes s. A., zugaben: daß nicht alle Juden nach Palästina auswandern können und wollen, sondern daß die Mehrheit materiell und geistig in den Ländern der Zerstreuung verankert bleibe. In diesen Assimilanten das Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Judentum lebendig zu erhalten, betrachtete Bloch als seine wichtigste positive Aufgabe. Aber er war durchaus nicht Assimilant um jeden Preis, vor allem nicht um den Preis des angestammten Glaubens oder der jüdischen Würde. Gegen so weitgehende Assimilation hat er nicht minder harte Worte der Verurteilung gefunden als die Zionisten. Wenn diese aber die Ansicht verfechten, daß schon die Ablehnung des Zionismus als Universalheilmittel und die Anwendung liberaler Aufklärungsmethoden gegen den Antisemitsmus zwangsläufig zum Abfall vom Judentum führen, dann mögen sie das interessante Kapitel „Abiall und Taufseuche" nachlesen, in dem Bloch seinen erfolgreichen Kampf gegen den Versuch, den jüdischen Wählern Abtrünnige als Vertreter im Wiener Gemeinderate aufzudrängen schildert, einen Kampf, den die Zionisten damals seltsamerweise sabotierten! Sie haben es dem unentwegten Verteidiger der jüdischen Religion nie verzeihen können, daß er iür den jüdischen Nationalismus nichts übrig hatte. Bloch verwarf aber jeden Nationalismus, auch den zu Gunsten jeder beliebigen anderen Nation betätigten Chauvinismus. So geißelt er es mit bitteren Worten, dak der deutsch gesinnte Vorstand der Prager Kultusgenieince nicht mit dem Obmann des parlamentarischen Tscheehenklubs, dem späteren Landsmamiminister Doktor Pacak;n Verbindung treten wollte, damit dieser die Verteidigung Hilsners übernehme. Bloch war der Ansicht, daß dieser Advokat nicht bloß durch seine forensische Tüchtigkeit, sondern auch wegen seiner Popularität unter den Tschechen den Freispruch Hilsners erwirkt hätte. Es ist durchaus lächerlich, daß einem Manne, in dessen Gefühlsleben das nationale Moment so durchaus linterbetont war, gelegentlich seiner Wiener Kandidatutim ein Reichsratsmandat daraus ein Vorwurf gemacht wurde, daß er nach seiner im Jahre 1883 in einem galizischen Wahlkreis erfolgten Wahl aus rein formellen Gründen dem Polenklub beigetreten war. Man darf es ihm glauben, daß er diesen Beitritt nicht aus Sympathie zum Polenklub vollzog, der sich ja auch alle Mühe gab, dieses unbequeme Mitglied, das für die Menschenrechte der galizischen Juden einzutreten wagte, rasch wieder los zu werden. Die erwähnte Wiener Kandidatur richtete sich gegen Dr. Orner, dem Bloch vorwarf, daß er das katholische Gefühl durch Angrifi auf das katholische Eherecht und das katholische Schulwesen beleidige. Dieser Vorwurf ist ein schöner Beweis dafür, daß Bloch die jüdische Religion nicht nur nach außen hin verteidigte, sondern auch innerlich von ihrem ethischen Geiste erfüllt war, jenem Geiste, der sich in dem Leitsatz ausspricht: „Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg' auch keinem andern zu." Niemals dachte Bloch daran, die Bitternis, die er über die Angriffe auf seinen heißgeliebten Glauben empfand, mit Gleichem zu vergelten. Er bezeigte vielmehr den Andersgläubigen so viel Toleranz, wie er selbst für das Judentum verlangte. Auch sonst ließ er sich durch seinen Kampffanatismus niemals sein gerechtes Urteil über jüdische und nichtjüdische Persönlichkeiten trüben. Einem Arier wie Masaryk, dessen Aufstieg von tiefster Demütigung anläßlich seines mutigen Eintretens für Hilsner bis zum triumphalen Einzug in Prag als Präsident der tschechoslowakischen Republik er schildert, gilt eines seiner begeistertsten Buchkapitel, wohingegen er bei der Porträtierung jüdischer Größen durchaus nicht mit Schatten spart. Aus der Fülle dieses Materials wollen wir hier nur eine Episode herausgreifen: Bloch hatte den Gouverneur der Bodenkreditanstalt, Theodor Ritter von Taussig heftig angegriffen, weil er dem Pogrom-Zaren von Ruß land eine Anleihe verschafft hatte. Der Finanzmann mußte sein Mandat im Wiener Kultusvorstand niederlegen*). Eineinhalb Jahre später begegnete er Bloch, ließ seinen Wagen halten und rechtfertigte sein Verhalten in der Anleihefrage, das ihm von der österreichischen Regierung nahegelegt worden war. Dabei machte er die Aeußerung. „Die Tragik der Juden bildet der Dualismus der Pflichten gegen ihr Vaterland und ihre Stammesgenossen. Diese Pflichten sind in jenem Falle in Kollision geraten. Wenn der Jude in solchen Fällen die Staaispflichten hintansetzen soll, dann macht er sich unfähig irgend einer Vertrauensstellung im Staate. Also eigenstes jüdisches Interesse gebietet, das Wohl des Staates stets voranzustellen und alle jüdischen Empfindungen zurückzudrängen". Diese Ansicht ist gerade jetzt sehr interessant, angesichts eines drolligen Konflikts der „Reichspost" mit den „Wiener Neuesten Nachrichten" über die Frage, ob die Nation über dem Staate stehe, wie Dr. Seipel einmal behauptet hatte, oder ob der Staat über der Nation rangiere, wie der Weihnachtshirtenbrief der österreichischen Bischöfe verkündet. Im Vorstehenden liegt die Stellungnahme einer repräsentativen jüdischen Persönlichkeit zu dieser Frage vor, und zwar in dem patriotischen Sinne, daß das Wohl des Staates, in dem das Wohl aller eingeschlossen ist. über das Stammesinteresse zu setzen ist. Aber auch noch in einer anderen Hinsicht ist dieser vor: Bloch erzählte Vorfall interessant: Er zeigt das große Ansehen, das der jüdische Journalist genoß, wenn sogar ein so mächtiger und hochgestellter Finanzgewaltiger sich bewogen fühlte, sich ihm gegenüber zu rechtfertigen. Manche Größe von der stolzen Tagespresse mochte den „kleinen Außenseiter"-Kollegen um solchen Erfolg beneiden. Es kommt eben nie so sehr auf den Wirkungskreis an sich an, als auf die Gaben, die der einzelne zu seiner Ausfüllung mitbringt. Einem Dr. Bloch nachzueifern, ist ehrenvoll. Mit Stolz nehmen wir diese Ehre für unser Blatt in Anspruch. GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM. KORNMEHl UMHMHMHBMiMHMMa WIEN IX., BERQOASSS. NR. 1» FILIALE ■ XVIII., wAhrinoirstrasu n Telephon Nr. A 17-3-99ans« A 184-34 Lieferant für Hallanstatta* AbteliungenffirKoscherfleisch untar Aufsieht ahn*« Rabhhuria» atea>!ar. Kultasaei*(eiaif« Vitra. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen *) Diese Episode wird in der letzten Nummer der „Neuen Welt" verfälscht wiedergegeben, als ob der Rücktritt des Finanzgewaltigen aus dem Wiener Kultusvorstand ein Verdienst der damals verschwindend schwachen zionistischen Opposition gewesen wäre. Stadtrat Dr. Oskar Hein macht uns darauf aufmerksam, daß im Gegenteil die „U n i o n" in einer von ihrem Präsidenten Sigmund Mayer einberufenen und geleiteten Versammlung diesen Rücktritt kategorisch forderte. D. Red. Rabbiner Dr. Dienemann aus der Haft entlassen. Rabbiner Or. Max Dienemann (Ottenbach a. AI.), der kürzlich aus Anlaß eines Vortrages, den er im Rahmen der Jüdischen Gemeinde gehalten hat, verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht wurde, ist aus der Haft entlassen worden. Niederträchtig. Unter dem Titel ..Ein Rabbi über das W e i Ii n a c h t s f e s t" war in den verschiedenen Blättern, die — wenn auch „getarnt" — doch nur Nazipropaganda betreiben, vor Weihnachten folgendes zu lesen: „Der New Yorker Rabbiner Wise (Vater des jetzigen Überrabbiners von New York) schrieb in der jüdischen Familienzeitung „Deborah" folgendes: „Es ist ein Massel (Glück), daß der Talmi, der Gekreuzigte, in die Welt gekomme» ist. Die alte Sage, daß der Talmi von den Juden kommt, hat noch heute ihre Gültigkeit. Aber kehren wir die Ordnung der Dinge für den Augenblick um und sagen wir, dali die Juden die größten Profite des ganzen Jahres dem Sohne der Maria zu verdanken haben. Es ist übrigens weit besser, den Christtag zu haben, als die Pocken; und wenn sich die Jungfrau nur dazu verstanden hätte, uns noch einen Buben (!!) im Sommer zu bescheren, so daß wir zwei Christtage (!!) hätten, so hätte ich ihr dafür gerne unsere Chinesen überlassen." Diese Aeußerung des Rabbi Wise ist von AbisZ ein ganz gemeinerSchwindel, Lug und Trug. Wer sich davon überzeugen will, der lese den „Antisemitenspiegel", der im Jahre 1900, also vor 34 Jahren, erschienen ist. Dort schon wird auf Seite 88 die Lüge mit dem Rabbi Wise und der „Deborah" widerlegt. Also schon vor 34 Jahren hat irgendein Schuft dieses Märchen verbreitet und heute — nach 34 Jahren — wird diese Gemeinheit wiederholt. Die „Wacht" in Elberfeld hat am 28. November 1891 dieselbe Lüge gebracht, worauf die „Deborah" in ihrer Nummer vom 31. Dezember 1891 folgendes schrieb: „Die „Wacht" (Elberfeld) hat am 28. November nochmals die oft gebrandmarkte Lüge aufgewärmt, daß ein gewisser, das Weihnachsfest verspottender Passus vor Jahren in der „Deborah" erschienen sei. Nochmals sei es gesagt, daß nie in der „Deborah" ein solcher Passus erschienen ist. Und Isaak M. Wise schrieb in der „Hannover Post" am 5. November 1894: „Da ich der einzige schriftstellerisch bekannte Rabbi Wise bin, müßte ich als Schreiber dieses Passuses gemeint sein. Ich fühle mich also veranlaßt, auf Mannes wo rt zu erklären, daß ich nie diesen oder einen ähnlichen Passus geschrieben habe. Die 39 Jahrgänge der „Debora h" enthalten weder diesen noch einen ähnlichen Passus. Da die „Deborah" auch in Deutschland gelesen wird, kann sich jeder selbst davon überzeugen, daß nichts dem Aehnliches darin erschienen." Diese gemeine „Deborah"-Lüge wird seit langem Jahr für Jahr vor Weihnachten von den Antisemiten in geschickter Weise wieder aufgewärmt. Für jeden redlich denkenden Mensche» ist die Fälschung erwiesen. i^-jWtffeäaJjf

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