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Die Wahrheit · 1933-12-22 · Heft 51 (22.12.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 51 (22.12.1933)
Date
1933-12-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis <Beaer Nummer 40 GroKfeea i|; Im Deutschland verboten Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden*4 und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kttlttisgenieinde Wien Redaktion und Administration; Wien 11.. Heinestraße 131- Telephon R 46-2-16 -> Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 Wien, 22. Dezember 1933 49. Jahrgang Nummer 51 Christentum und Judentum. Rasiere DIA gut and billig Als der Gotenapostel Wutfita die Bibel in die Sprache seiner Stammesgenossen übersetzte, ließ er die Bücher der Könige weg. Sie waren ihm zu kriegerisch und er fürchtete, daß sich an ihnen jener heroische Gotengeist neu entflammen würde, von dem seiner Meinung nach das Christentum sein streitbares Volk befreien, ja den es in sein polares Gegenteil: den Geist der Demut, der Feindesliebe und Milde verwandeln sollte. Diese Auffassimg, die einer der ersten und bedeutendsten christlichen Bischöfe unter den Germanen von der Erziehungsaufgabe des Christentums hatte, steh* in groteskem Gegensatz zu der Tendenz, die jetzt im Zeichen des Nationalsozialismus zu der Bewegung der „Deutschen Christen" geführt hat,, deren Reihen Hitler den evangelischen Reichsbischof und die sonstigen _ repräsentativen Persönlichkeiten der protestantischen Kirche entnommen und die in dem Erzbischof von Freiburg auch schon einen Pionier im katholischen Lager gefunden haben. Diese „Deutschen Christen" von heute verlangen von ihrer Religion gerade das Gegenteil dessen, was einst Wulfila in ihr gesucht hat: Abkehr vom pazifistischen Geiste der Demut und Milde durch Erziehung zum Heroismus. Folgerichtig müßten diese Leute ihr christliches Ideal in den von dem Gotenapostel abgelehnten Partien des Alten Testaments suchen. Aber diese Konsequenz findet in der merkwürdigen Abart von Heroismus, die im Zeichen des Hakenkreuzes kultiviert wird, ein unübersteigliches Hindernis. Denn der nationalsozialistische „Heroismus" tobt sich, wodurch er sich höchst bezeichnend vom altgotischen unterscheidet, nur an Wehrlosen aus. Seine Lieblingsobjekte sind daher Juden und Judentum. Dieses wenig ritterliche Selektionsprinzip bei der Wahl des Gegners sucht der Nationalsozialismus moralisch zu drapieren, indem er das Judentum als Ausbund rassisch bedingter sittlicher Minderwertigkeit verleumdet. Aus solch paradoxer Wertung der Blutgemeinschaft, der der Gründer des Christentums genealogisch angehörte, und der Moral, in der seine Lehre geistig verwurzelt ist, erwuchsen den „Deutschen Christen" logischerweise eine Menge Verlegenheiten, denen sie radikal ein Ende bereiten zu können glaubten, indem sie den „gordischen Knoten", der das Alte und das Neue Testament verbindet, einfach zu zerhauen und jede geistige Beziehung zwischen dem christlichen Schrifttum und dem jüdischen zu leugnen versuchten. Rein physisch hat schon der Begründer des germanischen Rassenmythus, Huston Stewart Chamberlain, die Emanzipation Christi von der jüdischen Blutsgemeinschaft angebahnt; er hat als erster die arische Abstammung des Nazareners verfochten. Aber was half das in moralischer Beziehung? Sogar der genannte Begründer des Rassenantisemitismus mußte ausdrücklich zugeben, daß die Lehre Christi nur aus dem jüdischem Milieu des Stifters heraus zu erklären und daß sie von jüdischer Mentalität durchtränkt sei. Jeder Versuch, die jüdische Religion moralisch zu diffamieren, muß also logischerweise auch der christlichen Lehre Abbruch tun. Diese Erkenntnis beginnt sich allmählich auch im Lager der „Deutschen Christen'" durchzusetzen. Zwar werden dort immer noch vereinzelte radikale Stimmen laut, die den Ersatz des Alten Testaments durch die altgermanische Mythologie fordern und mit der „Edda" dem Christentum sozusagen zu der arischen Großmutter verhelfen wollen, deren Besitz das Bürgerrecht im Dritten Reiche verbürgt, aber bezeichnenderweise stellen sich jetzt gerade die offiziellen Würdenträger der evangelischen Kirche, also eben jene Persönlichkeiten, die durch das Schlagwort „Los vom Judentum!" zu Amt und Führerschaft gekommen sind, mit Entschiedenheit der Bewegung entgegen, von der sie selbst vor kurzem in die Höhe getragen worden sind. Und wir Juden erleben jetzt täglich das groteske Schauspiel, daß gerade von solchen Stellen aus, die als Bastionen im Kampf gegen das Judentum gedacht waren, die beredteste Apologetik der Judenbibel und ihrer Unentbehrlichkeit als Fundament der christlichen Glaubenslehre ver- ENOIME AUSWAHL DILLIGSTE PBCISE E pPP i#8 l* %. TEPPICHE VORHÄNGE nöBEiSTorrr. decken MVR I., BAUERNMARKT 12-14 kündet wird. Ja, der Schreck über die verheerende Wirkung des antisemitischen „Reinigungswerkes" im Schöße der Kirche ist den Sachwaltern des Protestantismus so sehr in die Glieder gefahren, daß sie bei der schleunigst durchgeführten Revision des kaum erst geschaffenen Kirchenstatuts sogar den Arierparagraph für kirchliche Würdenträger ausgemerzt haben . . . Die katholische Kirche, in Deutschland von Haus aus oppositionell gegen den Nationalsozialismus eingestellt und schon durch diese äußere Konstellation vor dem Schicksal bewahrt, in die Blamage der protestantischen „Deutschen Christen" mithirieinverflochten zu werden, benützt diese günstige Situation, um auch innerlich von den Voraussetzungen des Mißgeschicks, das jetzt die ganze evangelische Kirche in ihren tiefsten Fundamenten erschüttert, recht kräftig abzurücken. Während katholische Priester in Oesterreich, wo der Kampf gegen das Hakenkreuz nach dem Geständnis der „Reichspost" nicht sittlich-religiöse, sondern bloß staatspolitische Abwehr ist, gerade den jetzigen Zeitpunkt für geeignet halten, eine ins Ghetto weisende Judenpolitik zu propagieren. OestcrreldUsdies QnaUtäis-falifllfaf Ueberau erhältlich wird der Erzbischof von München, Kardinal Faulhaber, nicht müde, allwöchentlich in Tönen höchster Emphase die Verdienste des Judentums um die sittliche Hebung des Menschengeschlechts zu preisen. Er hat das von Hitler gewaltsam in den Vordergrund des öffentlichen Interesses gerückte Thema „Christentum und Judentum" aufgegriffen und zum Gegenstand eines Vortragszyklus gemacht, in dem er zu wesentlich anderen Resultaten gelangt, als Hitler lieb ist. Dieser hat für die Anziehungskraft des Themas gesorgt und muß jetzt, durch sein mit dem Papst abgeschlossenes Konkordat zur Ohnmacht gegenüber dem bayrischen Kirchenfürsten verurteilt, zähneknirschend beobachten, wie groß diese Anziehungskraft auch dann ist, wenn sie nicht von der Geistlosigkeit triebhafter Haßinstinkte, sondern vom Geiste verständnisvoller Wertschätzung alles Guten, wo immer es zu finden ist, geltend gemacht wird. Es ist ein erfreuliches Symbol für die Wandlung der Volkspsyche, daß sich in dieselbe Münchener Kirche, in der zu Beginn der Hitler-Bewegung eine geistliche Predigt durch den skeptischen Zwischenruf gestört worden ist: „Was kann Christus uns helfen, da er doch Jude war!", jetzt ungeheure Massen Gläubiger drängen, um den sachkundigen Ausführungen ihres religiösen Oberhirten zu lauschen, daß kein anderes Volk der Welt jemals eine sittliche Offenbarung von solcher Kraft und Größe hervorgebracht hat wie die Juden in ihren Zehn Geboten. Besonders das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, stehe ganz allein da in der Literatur aller antiken Völker! Um so grotesker, daß sich gerade an diesem Gebot der antisemitische Trieb, das Erhabene in den Staub zu ziehen, versuchte: Die Verheißung „auf daß es dir wohlergehe auf Erden" soll die jü- Palesnne & Orient lload Vertretung für Österreich: Reisebüro City Dr. I. H. Körner Wien l„ Kohhnarusjel. D 264-29 MmkarfeB / SdiiuspMHze Gesellschaftsfahrten nach Palästina u. Ägypten Gedenket der Winternotttandfaktion der Kultusgemeinde! Geld- und Naturalspenden erbeten an die Fürsorge-Zentrale der israel. Kultusgemeinde Wien I., Seitenstettengasse 2, Telephon U 25-5-85 Serie» Postsparkassenkonto B-29.659

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