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Die Wahrheit · 1933-12-01 · Heft 48 (1.12.1933) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 48 (1.12.1933)
Date
1933-12-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seh l 8 DIE WAHRHEIT Glessen. Kürzlich bc'_*aimten sich, achtundachtzig ^deutsche Schriftsteller in einem pathetischen Schreiben zu Hitler, dem sie mit viel Schwulst, Lüge und Heuchelei das Gelöbnis treuester Gefolgschaft ablegten. Es ist interessant, sich einige dieser traurigen Ritter des Geistes anzusehen, die sich als deutsche Kulturträger mit der deutschen Schande von heute zynisch identifizieren. Da ist Rudolf G. Bin ding, der früher als deutscher Aesthet für die Menschheit eintrat, der berüchtigte Arnold Bronnen, der eigentlich Bronner heißt, Otto Flake, der vor gar nicht langer Zeit ein sehr links gerichtetes Buch über die französische Revolution schrieb und sich wiederholt zur Freiheit des Geistes bekannte, der Herr Gleichen-Rußwurm, der in manchen Kreisen deshalb als Schriftsteller Beachtung fand, weil er angeblich ein Nachkomme Schillers ist, Gustav Frenssen, der berühmte Verfasser des „Jörn Uhl", auch Max Halbe, der Dichter der *Jugend", die Romanfabrikariten Rudolf Herzog und Paul Oskar Höcker, Heinrich L e r s c h, der einstens als Arbeiterdichter aus einem anderen Loch pfiff, Walter v. Molo, der aus Mähren stammt und sich allmählich vom Dichter eines idealistischen Schiller-Romanes zum Verfasser preußisch-patriotischer Legendenliteratur entwickelte, Johannes Schlaf, der an der Wiege der naturalistischen Literaturrichtung stand, der alte Eduard Stucken, der sich mit mittelalterlichen, romantischen, religions-wissenschaftlichen Motiven beschäftigte und nun bei der Kultur des neuen Deutschland landete. Die Juden, die viel lesen und viele Bücher kaufen, werden sich diese traurigen Konjunkturhelden, die sehr gut wissen, was sie tun, hoffentlich gut merken. * Es wäre töricht zu glauben, daß sich nur in Deutschland die angeblichen Kulturträger des Geistes zur neudeutschen Barbarei bekennen. Auch in Oesterreich gibt es eine Anzahl solcher Herrschaften, die dem jüdischen Lesepublikum nicht unbekannt bleiben dürfen. Da hat sich kürzlich in einer Wiener Tageszeitung ein heute in Paris lebender bekannter deutscher Kritiker Herrn Gerhart Hauptmann, der eine immer eindeutiger werdende Rolle als Hitler- Apostel spielt, gehörig ausgeborgt Daraufhin erhoben in den noch immer erscheinenden, hakenkreuzlerisch - antisemitischen „Wiener Neuesten Nachrichten", die bei der Waldheim-Eberle-A. G. in der Seidengasse gedruckt werden, einige „deutsche Dichter und Schriftsteller aus Oesterreich" ein Geschrei, das mit etwas unklaren Wendungen drohte und protestierte. Auch diese Gesellschaft ist interessant Da ist der Herr Bruno Brehm, der vor Installierung des dritten Reiches Mitarbeiter der — „Arbeiter-Zeitung" war, der Herr Dr. h. c. F. K. G i n z k e y, der trotz seiner Vorliebe für das antisemitische Hitler-Deutschland noch immer Honorare von eben nicht arischen Redaktionen nimmt (siehe z. B. „N. Wr. Tagblatt" vom 19. November), ebenso wie Robert Höh Iba um und* Karl Hans Strobl, der Kärntner Perkonig,* der Name deutet auf slowenische Abstammung hin, der Kroate Mirco J e I u s i c h, der neben großangelegten Romanen mitunter auch Bierpropagandabücheln für Brauereien schreibt, schließlich Herr Waggerl, von dem ein Beitrag in dem dieser Tage erschienenen sozialdemokratischen Parteikalender, der von der Tageszeitung „Das Kleine Blatt" herausgegeben wird, enthalten ist. Als der Kalender redigiert wurde, galt dieser Waggerl nämlich noch als rot, inzwischen wurde er braun. Von links nach rechts ist es eben für einen deutschen Mann nicht weit--- _ Spectator. Auszeichnung des britischen Oberrabbiners. Das Alumnat des New Yorker City College hat dem Londoner Chief Rabbi Dr. J. H. Hertz, der an dem College graduiert wurde, die T o w nsend-Harris-Medaille verliehen. Warburg-Bibliothek nach London eingeladen. Auf Einladung der Londoner Universität wird die bekannte von dem verstorbenen Professor Aby Warburg geschaffene Kulturwissenschaftliche Bibliothek Anfang Dezember — vorläufig für drei Jahre — von Hamburg »ach London verlegt wenden. Interterritoriale jüdische Wanderfürsorge- Konferenz in Wien. Einen befriedigenden Verlauf nahm die am 26. November d. J. im Sitzungssaale der Israelitischen Kultusgemeinde Wien abgehaltene Wanderfürsorge-Konferenj», die von der „Zentralkommission für soziale Fürsorge der Wiener Kultusgemeinde" zwecks Ausgestaltung des Fürsorgewesens zugunsten jüdischer Emigranten einberufen worden war. Der Tagung, die unter dem Vorsitz des Obmannes der Zentralkommission, Dr. Isidor K1 a b e r, stattfand, wohnten der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Dr. Desider Friedmann, die beiden Vizepräsidenten, Dr. Jakob O r n s t e i n und Doktor Josef Löwenherz, sowie der Amtsdirektor Reg.-Rat Guido Fuchsgelb bei. Das österreichische Hilfskomitee für deutsche Juden war durch den Präsidenten Wilhelm Kux vertreten und neben Delegierten der jüdischen Gemeinden Oesterreichs waren solche aus dei Tschechoslowakei (Fürsorgezentrale in Prag, Brünn und Lundenburg). aus Ungarn, der Israelitischen Allianz in Wien, des Wiener Palästina-Amtes, des Weltverbandes jüdischer Studenten und der Hechaluz- Organisation für Oesterreich erschienen. Eine Reihe voi. Großgemeinden und Organisationen, wie Warschau, Krakau, Lwow, Sofia, Saloniki, Triest und Zürich und die zentrale Auswanderungs-Hilfsgesellschaft „Hicem" in Paris hatten Begrüßungs- und Zustimmungserklärungen gesandt. Die von der Konferenz, über die wir noch berichten werden, einhellig gefaßten Beschlüsse im Sinne der Aufrechterhaltung der Wanderfürsorgeorganisation in Oesterreich und der Schaffung einer erweiterten interterritorialen Arbeitsgemeinschaft lösten allgemeine Befriedigung aus und berechtigen zu der Hoffnung, daß — ungeachtet der damit verbundenen großen Opfer — die seit langem erstrebte Kooperation zugunsten der gehetzten unglücklichen jüdischen Emigranten, der unabweislichen Notwendigkeit entsprechend, erfolgreich sein wird. Schließlich wurde auch eine Resolution einmütig angenommen, in der gegen die Einwanderungsbeschränkungen in Palästina protestiert und an die britische Regierung appelliert wird, im Hinblicke auf das Schicksal der deutschen Juden und anderer breiter jüdischer Massen die Einwanderung von Juden nach Palästina im Sinne des Palästina-Mandates in ausgedehntestem Maße zuzulassen. Das deutsche Judentum in schwerer Notzeit. Eine der bekanntesten Wohlfahrtseinrichtungen der Berliner Jüdischen Gemeinde, das von Moritz Mannheimer gestiftete Altersheim, feierte sein 50jähriges Bestehen. In den Reden auf der Erinnerungsfeier wurde ein Ueberblick über die der Anstalt zuteil gewordenen Stiftungen gegeben und damit ein wesentlicher Abschnitt der Geschichte der Berliner Jüdischen Gemeinde und ihrer "Wbhlfahrtseinrichtungen in den letzten 50 Jahren aufgerollt. Der Gemeinde ist in den letzten Wochen wieder ein großes Leeat an Grundstücken und Werten zugefallen, das zur Errichtung einer neuen AltersVersorgungsanstalt benutzt werden soIL Charakteristisch ist die Tatsache, daß über 3000 Voranmeldungen auf Plätze in einem Berliner Altersheim vorliegen. * Der Führerrat des Reichsausschusses der jüdischen Jitgendverbände Deutschlands hat Dr. Friedrich Brodnitz zum Vorsitzenden des Reichsausschusses gewählt Dr. Friedrich Brodnitz ist damit Nachfolger des verstorbenen Dr. Ludwig Tietz in der Leitung des Reichsausschusses geworden. Sheman Palästina Olivenöl und Teile« leselfen sind in jedem Haushalt unentbehrlich! Verlangt sie in euren Einkaufsquellen! Zu beziehen durch: Gen.-Repr. S. RabinowHsch, Wien II., Zirkusgasse 10, Tel. R 48-7-38. i HQglenisdies KOnldsiicht Seit vielen Jahren das anerkannt beste lizeilt E^TTDtW Man achte auf die ges. gesch. Marke „tiysicn. Könlgsllcht" und Name Schulz Fabrik und Büro: i Wien XIV., Braunhfrschengassse 3 Telephon R J3-I-87 Der fadenstaat in der Sowjetunion. Auf einem Empfang amerikanischer Journalisten machte Präsident Kalinin Angaben über den von den Sowjets gegründeten Judenstaat von Biro-Bidjaul Kalinin gab zu, daß von den 30.000 bisher dort'an-: gesiedelten Juden, wegen der ungünstigen Lebensbedingungen nur 9000 geblieben sind. Die Lage habe sich aber in der letzten Zeit derart gebessert, daß bis Ende des Jahres weitere 3000 Juden in Biro-Bidjan untergebracht sein werden. ..Es ist dies ein wichtiger Vesuch," erklärte Kalinin, „denn Biro-Bidjan ist der erste Judenstaat, der je geschaffen wurde. Ich kann Ihnen versichen, daß diese jüdische Republik zur gegebenen Zeit ihre Vertretung im Zentralexekutiv-Ausschuß. der U. S. S. R. erhalten wird." „Hanigun", die 30 jüdischen Sänger. Dienstag, den 21. November, abends, fand im großen Konzerthaussaal das erste Konzert dieser jüngsten Chorvereinigung unter der Leitung des Dirigenten Ch. W i n a w e r mit sensationellem Erfolg statt Diese 30 Sänger, d e die Not zusammenführte, haben sich in wenigen Monaten durch emsige Arbeit zu einem Instrument herangebildet, das von seinem tüchtigen Dirigenten Winawer ausgezeichnet gemeistert wird. Selten hat man eine solche Klangfülle und Sauberkeit der Intonation von einem Männerchor gehört. Alle Vortragszeichen wie: pianissimo. mezzoforte* forte, fortissimo, sforzando. crescendo, decrescendo» diminuendo, staccato und' legato wurden im vollsten Sinne des Begriffes gebracht und wirkten durch ihre Präzision geradezu sensationell. Das Programm» das sowohl Synagogengesänge wie auch jüdische Volksr lieder enthielt, wutde glänzend, ja virtuos ausgeführt und fand stürmischen Beifall. Die Solisten: L: Magido; W. Kathammer, B. Salno, W. Philipp. E. Gottheit, H. Händel, L. Schwarz und H. Eisenstädt durchwegs geschulte Sänger mit schönen Stimmen, wurden mit reichem Beifall belohnt, besonders der erstgenannte Solist L. Magido, der von seinem hiesigen Wirken noch im besten Rufe steht Diese Künstlerschar wurde allgemein mit dem Donkosakenchor verglichen. An und für sich schon ein bedeutendes Lob. Wir können aber ohne Uebertreibung mit ruhigem Gewissen sagen, diese 30 jüdischen Sänger haben manches noch voraus, und zwar die Stimmfülle und die begeisterte Wärme und verständnisvolle Wiedergabe der schwierigsten einzigartigen jüdischen Synagogen- und Volksmusik. Eine besondere Wirkung erzielte der jeweilige Brummchor, mit dem die Solis gleich einer Orgel klingend begleitet wurden. Die Seele dieses Chores ist der ausgezeichnete Dirigent Ch. Winawer, dem wir die Anerkennung für seine mustergültige Schulung, verständnisvolle Bearr beitung der Gesänge und bis ins kleinste Detail beherrschende präzise Leitung besonders aussprechen müssen. Wir freuen uns auf das am 7. Dezember im gleichen Saale stattfindende Konzert, das hoffentlich durch Massenbesuch die Künstler entschädigen wird. Isidor Löwit (t ff Bet ha Midrasch. Eine Betrachtung von Rudolf Kraus. (Schluß.) Im Jahre 1863 am Schabbos ..Chukkas" hielt Dr. J e 11 i n e k im Stadttempel eine Predigt über „Rabban Jochanan ben Sakkai". Es dürfte manchen Leser interessieren, was dieser Meister der Rede mit seinem prophetischen Blick in dieser Ansprache, das „Bet ha Midrasch" betreffend, ausführt; deshalb will ich auszugsweise einige Teile dieser Rede hier anführen: ...... denn das Judentum in seiner gegenwärtigen Erscheinung ruht nicht mehr ausschließi'ch. auf biblischem Boden, sondern wurde von den Weisen des Altertums entwickelt und gestaltet unter dem E'nfluß zwingender Zeitverhältnisse, der Zerstörung des Tempels, der Zerstreuung Israels, der religiösen Kämpfe und der namenlosen Leiden, denen das Volk der Schrift preisgegeben war. Es wäre daher längst die Pflicht der Prediger in Israel gewesen, nicht bloß die Helden der Bibel, sondern auch die Träger des mündlichen, lebendigen, in die Zeit eingehenden und sie beherrschenden Gotteswortes den israelitischen Gemeinden vorzuführen und sie mit den Geistestaten der ehrwürdigen Tannaim oder Mischnalehrer bekannt zu machen, welche es verstanden haben, ..mital haschomaim. se mikro", dem belebenden Hmmelstau der Schrift „umischmane hoorez, su mischne", einen fruchtbaren Boden auch außerhalb Palästinas zu gewinnen. Besser wir verz'chten auf jede Erklärung eines biblischen Gebotes, als daß wir etwas lehren sollten, was zum Geiste des Judentums den schroffsten Gegensatz bildet — so spricht Rabbi Jochanan. der als eine Leuchte Israels durch seine Auffassuns des Judentums glänzte, als eine feste Säule zur Erhaltung des Judentums sich erhob und einen gewaltigen Hammer zur Verteidigung des Judentums schwang. Durch seine Auslegung der Bücher der Propheten beherrscht Rabbi Jochanan, wie der Prediger ausführte, immer größere Kreise", dringt immer t'efer in das Bewußtsein der Menschen ein, tritt immer siegreicher in der Geschichte einher. Verdient d'eser Mann nicht, daß wir ihn heute noch -.die Leuchte Israels" nennen? In unserer Zeit ist man sehr verschwenderisch m't der Beilegung des Titels „Ein großes Licht". Auf. dem ersten Blatte der Tora habe ich gelesen, daß das große Lxht am Tage herrscht, unsere großen Lichter aber regieren gewöhnlich des Nachts, wollen Finsternis and Verwirrung in Israel.

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