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Die Wahrheit · 1933-12-01 · Heft 48 (1.12.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 48 (1.12.1933)
Date
1933-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland wer boten Jüdische Wochenschrift Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kulfusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II.. Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkasserkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 1. Dezember 1933 Nummer 48 Wir nehmen den Kampf auf! Wir veröffentlichen Im folgenden einen Auszug aus der sensationellen Rede, die Oberrabbiner Doktor Dr, Feuchtwang am vergangenen Freitag Im Stadttempel hielt und die ihm die Dankbarkelt der ganzen von böswilligen Judenfeinden so arg bedrohten jüdischen Gemeinschaft sichert D. Red. Die biblischen Erzählungen über das Leben der Patriarchen, welche wir jetzt aus der Heiligen Schrift lesen, sind nicht nur historisch interessant und wichtig, religiös belehrend und erhebend, sondern sie wollen typisch sein für das künftige Leben der Nachkommen dieser Väter und Mütter. Nun beschäftigen wir uns mit Jakobs Schicksal und Leben und begegnen ihm zunächst an dem Orte, der ihm zur Offenbarungsstätte großer Zukunft wird: zum Beth-El, zum Gotteshaus. Es ist charakteristisch für die Wanderungen der Väter, daß sie überall die Verehrungsstätten des von ihnen erkannten und verkündeten einzigen Gottes errichten, woselbst ehedem heidnische Kultstätten gewesen sind. Wir. bereiten also Jakob auf seinem schicksalsreichen Wege, der vorbestimmend für den Weg seiner Nächkommen ist. Das bedeutet die Ansicht der alten Lehrer: „Was die Väter erlebten, werden die Kinder wieder erleben." So gelangt nun Jakob an einen Ort, den er Machanajim, Doppellager, nennt. „Jakob ging auf seinem Wege; .Engelsboten begegneten ihm, bei deren Anblick sagte er, das ist eine Gotteswohnung und nannte den Ort Machanajim." — In durchaus ungezwungener Weise geben älteste Erklärer diesem Ortsnamen eine historische Deutung. Jakob war auf seiner Wanderung von Genossen aus den Ländern begleitet, aus denen er kam, und an der Grenze kamen ihm Boten aus Erez Israel entgegen, um ihn zu begrüßen. Ist es nicht naheliegend, diese wunderbare Wanderung des Patriarchen als typisch für das Volk Israel zu betrachten? Das jetzige Volk, das den Namen des zu Israel gewordenen Patriarchen trägt, ging seinen eigenen, durchaus eigentümlichen Weg seit Urbeginn bis in die Gegenwart. Und wie in der Urzeit, so stellte sich ihm durch Jahrtausende der Dämon Esaus an hundert Grenzen kämpfend und hindernd entgegen. — Allenthalben gründete es gewissermaßen ein „Machanajim", .ein doppeltes Lager. Seit dem Verlust der klassischen Heimat zog es in alle Länder der Welt, überall begleitet von den Schutzengeln des Heiligen Landes, treu und fest und unerschütterlich festhaltend an den Ueberlieferungen und heiß verbunden dem mütterlichen Grunde Erez Israels und doch überall in allen Ländern der Diaspora aller Himmelsrichtungen treuer, opferbereiter, hingebungsvoller Bürger des Staates, in dem es lebte, vaterlandsliebend bis zur Selbstverleugnung. — Es hätte der vielen, gewaltsamen Bekehrungsversuche nicht bedurft, denen es in unglaublicher Ausdauer Widerstand leistete, ob sie in sanften, überredenden Worten, Drohungen, Bedrückungen oder gar mit Feuer und Wasser unternommen worden sind. Niemals kam der Dämon Esaus zur Ruhe; er wanderte mit von Land zu Land. Wie seltsam, daß sich aus der Tatsache des in der ganzen Welt zerstreuten heroischen Volkes, das wie die Urväter in den Tagen der Vorzeit überall dem Einzigen Gott Verehrungsstätten in eben dieser ganzen •Welt errichtete, die törichte Legende vom Ewigen Juden entwickelte. Diese Legende wird uns in dieser grausamen Welt, in der Esaus Dämon auf Gassen und Straßen wandelt, in moderner Form wieder erzählt und aus ihr werden Schlüsse für Rechte und Pflichten der Juden im modernen Staate abgeleitet, nach denen man ein neues, mit Humanität verbrämtes Ghetto schaffen möchte. Es ist eine Schmach, daß so verlogene Mittel zur Verletzung primitivster Menschenrechte verwendet werden: Esaus Hände, Esaus Dämon, der nicht ruhen kann. Ich kenne keinen Ewigen Jaden, kenne nur ein ewiges Judentum, das kein wandernder Bettler und schuldbeladener Sünder ist, der erst der Erlösung harrt, sondern ein: starkes Volk, das im Kampfe mit finstersten Mächten der Unkultur und des Heidentums steht Dieser Ahasver, der Ewige Jude, ist eine ebenso böswillige, wie lächerliche Erfindung des 13. Jahrhunderts, durch die man das jüdische Volk zum Popanz der dummen Massen machen wollte. Und was ist dümmer und schlechter und absurd genug, das man nicht zum Aufreizmittel der sonst unschuldigen Massen machen könnte. ENOQFIE AUSWAHL 0ILUOS1E PBC15Z E PPIP #5 V fp> & vonnüNOt nOnnsrorrc, dccwn MVR l.,DA0EBNnARIfTlZ-l4 Ein solches, aus dem Geiste des Esau-Dämons entsprungenes Mittel, das jüdische Volk in der ganzen Welt zu vernichten, sind zum Beispiel die berüchtigten .Protokolle der Weisen von Zion". Seitdem dieses wahnsinnige, niederträchtige Lügenbuch entstanden ist, sind viele Jahre vergangen. Seine Urgestalt wurde längst als erbärmliche Fälschung nachgewiesen. Die Quelle ist eine gegen Napoleon III. gerichtete Schrift in Form eines Dialogs zwischen Machiavelli und Montesquieu, die im Jahre 1864 anonym und 1868 unter dem Namen des Verfassers Maurice Joly erschienen war. Aus dieser Schrift haben giftige, entartete Judenfeinde aller Welt eine hirnrissige Schmähschrift gegen das jüdische Volk gemacht, die in alle Kultursprachen übersetzt, zu einer Gefahr für das Judentum geworden ist. Milliarden wurden von nicht unbekannter Seite zur Verbreitung dieses verbrecherischen Giftes gestiftet. Sie hat ihren Mordplan entworfen und ausgeführt. Ja, was völlig unglaublich klingt, jüngst ist in Oesterreich ein Buch erschienen, das den Titel trägt: „Das Judentum und die Schatten des Antichrist", von Pfarrer Gaston Ritter, gedruckt in Graz und versehen mit der Imprimatur des Fürstbischofs von Graz. Ich erkläre im Bewußtsein voller Verantwortung den Inhalt dieses gefährlichen Machwerkes, das nichts anderes ist. als ein Auszug aus den be- Rasiere Dtth am and miHH SOcsfemtcllschcs Qaomatsraftiikaf Ueberau erhältlich rüchtigten „Protokollen der Weisen von Zion" — soweit es von Juden und Judentum spricht — als Lug und Trüg und Verleumdung. Ich schwöre feierlich, daß der Inhalt der Protokolle Lug und Trug ist und erkläre, daß jeder, der zur Verbreitung dieser Lüge und dieses Betrugs beiträgt, ein Mithelfer an Verbrechen ist, begangen anWahrheit, Gerechtigkeitundjener Liebe, die das Christentum mit Recht für sich in Anspruch nimmt, deren erster Verkünder unbestritten Moses und die Propheten gewesen sind. Fast schämt man sich heute, von Freiheit und Menschheit zu sprechen, als ob Freiheit gleichbedeutend wäre mit Zügellosigkeit und Gesetzlosigkeit und Menschheit mit Vaterlandslosigkeit. Dem ist nicht so. Wir suchen die Vereinigung dieser Begriffe und die Verwirklichung dieser Ideale nach wie vor. Judentum und echtes Christentum müssen in gleicher Weise dieses höchste Ziel anstreben. Verabscheuenswert ist deshalb dieser dämonische Geist, der aus den .Protokollen" stammt, der ganze Völker und Regierungen vergiftet und als einziges Rettungsmittel aus der Not und Verzweiflung der Gegenwart Judenhaß, Judenverfolgung, Judenausrottung betrachtet und verkündet. Um wieviel freundlicher mutet uns da die Gestalt einer jungen, wahrhaft religiösen, christlichen Frau an, die den Kampf gegen diese Dämonen aufgenommen hat und unerschrocken gegen diese Volksvergiftung und Volksverhetzung mit den Waffen der Gerechtigkeit auftritt. Ich nenne den Namen dieser edlen Frau: Irene H a r a n d, ein wahrhaft tröstendes Gegenbild gegenüber den von dem Dämonen Esaus und des Hasses gehetzten Verbreitern der „Protokolle", gegenüber dem aus katholischem Priesterkreise kommenden Pfarrer Gaston Ritter. Diese edle Frau verdient unsere Verehrung, Anerkennung, Förderung, die in ihrer Zeitung „Gerechtigkeit" den Kampf gegen Rassenhaß und Menschennot aufgenommen hat und hoffentlich siegreich zu Ende führen wird. Wir sind, scheint es, in unserer Zeit wieder an eine Grenzscheide gelangt, an der Esau kampfbereit Jakob-Israel gegenübersteht. Alle Schleusen der Niedertracht sind geöffnet. Ich nehme den Kampf auf und erwarte, daß die jüdische Gemeinschaft kampfbereit ist. Das verbrecherische Gerede von Judenherrschaft in der Welt muß zum Verstummen gebracht werden. Es ist eine bewußte, systematisch organisierte Hetzjagd auf das Freiwild „Jüdisches Volk". Es scheint

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