Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 44 (3.11.1933)
- Date
- 1933-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland wer boten! ie Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 3. November 1933 Nummer 44 HHaassBHaassHssaHapaHasHHHHicaHHHHHHsaHaHi Rasiere Dich gof Mld DUlig Der Vorstand der Wiener isr. Knltusgemeinde und das österreichische Hilfskomitee für deutsche Juden richten an die Mitglieder der Knltusgemeinde folgenden Aufruf! An der Schwelle des Winters, der die Leiden der Armen vervielfacht, rufen wir wieder alle zur Hilfeleistung auf, die das Schicksal vor Kälte, Hunger und Obdachlosigkeit bewahrt hat. Doppelt schwer ist unsere Aufgabe für den kommenden Winter. Denn nicht nur unseren, durch die Wirtschaftskrise zur Arbeit- und Erwerblosigkeit verurteilten Wiener Armen und deren Kindern, unseren einheimischen Alten und Kranken, sondern auch denen soll geholfen werden, welchen blindwütige Gewalt haßerfüllter Menschen alles: Ehre, Menschenwürde und Existenz geraubt hat, den Opfern der deutschen Judenverfolgung, Hunderte von diesen stehen seit Monaten in unserer Fürsorge, aber die Mittel hierfür sind erschöpft, die Einstellung dieser Hilfstätigkeit wäre für die Betreffenden katastrophal. Nicht minder unheilvoll wäre es, wenn wir nicht in der Lage wären, unseren Wiener Armen zur Seite zu stehen, die angsterfüllt den Schrecknissen des Winters entgegensehen. In den vergangenen Jahren konnten dank dem Opfermute unserer Gemeindemitglieder, die neben den allgemeinen Winterhilfsaktionen auch unser Hilfswerk förderten, viele Tausende von armen Juden, die von keiner anderen. Seite Hilfe zu erwarten hatten, vor dem Aergsten bewahrt werden. Mehr als 200.000 kg Brennmaterial wurden verteilt, über 100.000 Portionen' warmer Mahlzeiten wurden verabreicht, fast 8000 Lebensmittelpakete zur Verfügung gestellt; viele der Aermsten wurden mit Kleidern und Wäsche versehen, vor Obdachlosigkeit bewahrt, die Errichtung von Tagesheimstätten für notleidende Jugendliche wurde gefördert und manches andere. Jede Gabe ist notwendig und willkommen; wer nicht imstande ist, auf einmal ausgiebig zu helfen, den bitten wir um regelmäßige kleinere Zuwendungen während der Wintermonate. Jeder, der hilft, erfüllt nicht nur ein Gebot der Menschlichkeit, nicht bloß seine Pflicht als Jude, er leistet damit auch den Zoll der Dankbarkeit dafür, daß ihn das Schicksal vor Not und Heimatlosigkeit bewahrt hat. Spenden wollen an die Fürsorge-Zentrale der isr. Kultusgemeinde Wien I., Seitenstettengasse 2, Tel. U 25-5-85 Serie, Postsparkassenkonto B 29.659, überwiesen werden. ssasBHHs^sssssaHassaH^sHsaisaGsaassaiHsi Flammenzeichen. Seit dem Ende des Weltkrieges haben die .luden eine „eigene Heimstätte in Palästina". So steht es in der vom englischen Parlament sanktionierten, vom Völkerbund zur Ausführung übernommenen Balfour-Deklaration. Es ist aber eine Heimstätte eigener Art: die Juden, die draußen sind, dürfen nicht hinein und die Juden, die drinnen sind, werden von Zeit zu Zeit von den Arabern attackiert. Seit Ende der vorigen Woche wird die Judenheit der ganzen Welt aufs heftigste erschüttert durch täglich wiederkehrende Nachrichten über einen blutigen Aufstand der Araber gegen die jüdische Einwanderung. Allerdings scheint ihre Absicht diesmal nach den bisher vorliegenden Meldungen am Widerstand der Engländer zu scheitern. Das Verhalten der Briten gegenüber den mordlustigen Arabern war bei den drei seit der Uebernahme des Mandats durch die Engländer ausgebrochenen Pogromen ein ganz verschiedenes: Beim ersten Pogrom gingen sie energisch vor und entwaffneten — die Juden, die sich>selbst verteidigen wollten. Die Vorwürfe, die die Engländer wegen dieser sonderbaren Taktik erhielten, nahmen sie sich so zu Herzen, daß sie sich beim zweiten Pogrom untätig in den Schmollwinkel stellten und sich um das Blutbad, das unter den wehrlosen Juden mit heimtückischer Ueberraschung angerichtet wurde, überhaupt nicht kümmerten. Erst jetzt, bei der dritten arabischen Erhebung gegen die jüdische Einwanderung, treten sie den Exzedenten selbst entgegen, die, an solche Einmischung seitens der Mandatarmacht nicht gewohnt, eine große Menge Toter und Verwundeter aufzuweisen haben. Auch die britische Schutzmannschaft beklagt blutige Verluste. Am glimpflichsten scheinen bisher noch die Juden davongekommen zu sein, von denen bloß gemeldet wird, daß sie aus den Randsiedlungen in die in Verteidigungszustand gesetzten jüdischen Zentren flüchten. Aber wenn auch weiter zu hoffen ist, daß sie physisch nicht zu Schaden kommen werden, ihre Seelenstimmung läßt sich leicht nachempfinden und bildet den Hauptgrund für die Erschütterung der Weltjudenheit. Besonders tragisch ist das Schicksal der deutschen Flüchtlinge, die der braunen Hölle des „Dritten Reiches" kaum entronnen und im sehnsüchtigen Glauben, sich in der „jüdischen Heimstätte" sicher und geborgen fühlen zu dürfen, die schauerliche Entdeckung machen, daß die vielerörterte Alternative: Assimilation oder Zionismus im Grunde genommen nichts anderes bedeutet als die Wahl zwischen dem Antisemitismus der Hakenkreuzler und Oesterreichisches Qualität* faDriKaf Ueberau erhältlich dem Judenhaß der Halbmond Verehrer . . . Wobei nicht übersehen werden kann, daß die Hitler-Mannen ihre braune Farbe bloß auf dem Hemd zur Schau tragen, während die Araber mit gebräunter Haut prunken dürfen. Hemden kann man ablegen und wechseln, aus seiner Haut kann aber niemand heraus und aus dieser Binsenwahrheit ergeben sich tragische politische Schlußfolgerungen. Um dies festzustellen, bedurften unbefangene, nüchterne Beobachter nicht erst der Unruhen und Exzesse. Wiederholt wurde bei allen möglichen Gelegenheiten vor Ueberschätzung dessen, was der Zionismus seinen Gläubigen zu bieten vermag, gewarnt. Die wohlmeinenden Warner ernteten aber nur die wüstesten Beschimpfungen seitens der Zionistenführer. Der englische Konservative Ormsbi Gory, der in der Völkerbundversammlung so wacker die Sache der Juden gegenüber den deutschen Nationalsozialisten verfochten und diesen tüchtig die Leviten gelesen hat, gleichzeitig aber die Lösung der Judenirage durch regellose Ueberführung der Juden nach Palästina als unmöglich bezeichnete, sieht sich zum Danke für sein warmherziges Interesse für die jüdische Sache der gemeinen Verdächtigung ausgesetzt, daß e r die jetzige arabische Erhebung veranlaßt habe, um vor aller Welt mit seiner Ablehnung der zionistischen Rettungsformel Recht zu behalten, statt daß seine weise Voraussicht der Folgen einer Ueberlastung der Aufnalnnsfähigkeit Palästinas für die Juden anerkannt würde, wie denn auch die gesamte Einwanderungskontingentierung durch die Mandatarmacht angesichts der jetzigen Ereignisse im Heiligen Lande in ganz anderem Lichte erscheint, als in der zionistischen Kritik dieser, wie sich zeigt, leider nur allzuberechtigten Vorsichtsmaßregel. Das geringe Verständnis, das die Zionistenführer gegenüber der arabischen Reaktion gegen jüdische Masseneinwanderung und der Zwangslage der Mandatarmacht, der arabischen Empfindlichkeit Rechnung zu tragen, an den Tag legen, ist um so erstaunlicher, als die Jüdischnationalen für minder berechtigte Widerstände gegen erworbene jüdische Rechte in anderen Ländern ein oft groteskes Taktgefühl zeigen. Wenn in Oesterreich ein christlichsozialer Führer für die Zurückdrängung der Juden aus dem öffentlichen Leben und den gehobenen Berufsgebieten eintritt, findet er alsbald einen zionistischen Mitstreiter für die-