Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 32 (11.8.1933)
- Date
- 1933-08-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Geht etwas vor? Die österreichischen Juden und deren Freunde im Auslande sind beunruhigt. Unmittelbaren Anlaß dieser Beunruhigung bildeten die bekannten Erörterungen in verschiedenen christlichsozialen Blättern über angeblich unvermeidliche Maßnahmen gegen die Juden in Oesterreich, insbesondere die vom „Bauernbündler" in klarer Form erhobene Forderung nach Einführung eines Numerus clausus. Die Regierung ist diesen, natürlich auch ins Ausland gedrungenen Gerüchten in gewissen Auslandsstaaten durch eine in unserer letzter Nummer veröffentlichte Enunziation der Amtlichen Nachrichtenstelle entgegengetreten, die sich auf die verfassungsmäßig garantierte Gleichberechtigung der Juden in Oesterreich berief. Aber auch die Juden selbst sind nicht unschuldig daran, daß jetzt unter ihnen so etwas wie eine kleine Panik herrscht. Von einigen sattsam bekannten Publizisten irregeleitet, schwelgten sie bereits im siebenten Himmel und berauschten sich an der von ihnen selbst komponierten Melodie, daß es keine antisemitische Gefahr mehr in und für Oesterreich gebe. Wenn es für Publizisten eine Genugtuung gibt, so ist es die, mit Voraussagen recht behalten zu haben. In diesen Blättern wurde immer wieder unterstrichen, daß die Zeit noch nicht gekommen sei, in der man die Hände in den Schoß legen und Freudenfeuer anzünden dürfe. Wir baten und mahnten, abwehrbereit zu bleiben und die Waffe der vorbeugenden Aufklärung zu schärfen. Wir hatten recht. Aber es hörte uns nur ein Teil. Dem anderen war es bequemer, den Zeitungen zu glauben, die — Gott sei Dank nicht mehr in ihren Balkenlettern — künden, alles sei in schönster Ordnung, es existiere kein Hitlerismus und kein Antisemitismus mehr. Nicht immer sind diejenigen, die ein Unheil trifft, vom Selbstverschulden freizusprechen . . . Inzwischen stellt das „Neuigkeits-Weltblatt", das die publizistische Diskussion eröffnet und mit einem Artikel von Minister a. D. Dr. Schmitz weitergeführt hat, fest, daß es die Regierung derzeit schon aus außenpolitischen Gründen für nicht opportun hält, der Judenfrage näherzutreten. Im „Neuigkeits-Weltblatt" waren u. a. auch zwei Zuschriften reproduziert, die es im Zusammenhang mit der Numerus clausus-Forderung erhalten hatte. Der eine Einsender, ein christlicher Wiener Bürger, schreibt: Vor allem ist es notwendig, einen Irrtum festzuhalten. Es ist richtig, daß die Juden in ireien Berufen (Arzt, Rechtsanwalt, Journalist) einen hohen Prozentsatz der Berufsangehörigen stellen, weil diese Berufe „frei" waren. Es ist aber ebenso Tatsache, daß die weitaus überwiegende Zahl der Berufsmöglichkeiten in Oesterreich (öffentliche Anstellungen alier Art, die ganze alpenländische Industrie, ein großer Teil der österreichischen Industrie überhaupt, die meisten Arbeiterbetriebe usw.) den Juden überhaupt nicht zugänglich i s t, w ie etwa, da der „Bauernbündler" diese Forderung gestellt hat, der Beruf des Bauern! Wenn man die Juden aus jenen Berufen verdrängen will, die ihnen offen stehen, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Man öffne den Juden alle Berufe und verteile sie m-ögliehst gleichmäßig, oder man gestehen offen, daß man den Juden wie in Deutschland die E x i s t e n z'rh ö g 1 i c hkeit entziehen will. Ein ähnlicher Gedankengang und eine ähnliche Formulierung findet sich beim zweiten christlichen Einsender: Wenn man sich schon mit der Einführung eines Numerus clausus vertraut machen soll (gegen den es ohnedies verschiedene Bedenken gibt), so muß dieser Numerus clausus gerechterweise auf adle Berufseruppen ausgedeWnt werden. Wenn man also die Juden zwingen will, im Anwalts-, Aerzte-, Zeitungsberuf sowie beim Studium nur mit dem ihnen zukommenden Prozentsatz vertreten zu sein, muß man sie auch im gleichen Prozentsatz zu Berufen zulassen, in welchen sie heute gar nicht oder nur in verschwindendem Verhältnis erscheinen. So müßte es nach Einführung des von Ihnen befürworteten Numerus clausus auch fünf Prozent Juden in der Richterschaft, Bundes Ii eer, Polizei, Staatsbehörden, Magistrat usw. geben. Machthunger, Wie wir in unserem Blatte schon registrierten, hat sich „Die Neue Welt" des Herrn Kultusvorsteher Stricker die infame Behauptung geleistet: „Es gibt nichts Unappetitlicheres als die Union-Juden." Diese beleidigende Feststellung kam für uns um so überraschender, als es sonst gerade von Herrn Stricker notorisch ist, daß sein Appetit keine Grenzen hat und gar nichts verschmäht. Sein Hunger nach Macht und Geltung ist aber verkehrt proportioniert seiner Beliebtheit bei den Wählern, die ihm die angestrebte Position verschaffen sollten, und so widerhallen die Spalten seiner Zeitung oft genug von einem grotesken Wutgeheul. So etwa: Im Prater wurden Juden von Hakenkreuzlern angerempelt? Recht geschieht den Juden — warum haben sie nicht Herrn Stricker in den österreichischen Nationalrat gewählt? Der Nationalsozialismus, in Deutschland zur Macht gelangt, bedroht auch die jüdischen Positionen in den Nachbarländern? Recht geschieht den Juden — warum haben sie Herrn Stricker nicht wenigstens in den Wiener Landtag entsendet?! In der ganzen Welt — nicht zuletzt in Palästina — erheben die Judenfeinde, durch Hitlers Sieg ermutigt, ihre Stimme und ihre Fäuste drohend gegen das Judentum? Recht geschieht den Juden — warum haben sie Herrn Stricker nicht einmal ein Mandat in der Leopoldstädter Bezirksvertretung verschafft?! So tönt das Lied vom braven Mann, von ihm selbst verfaßt, unentwegt durch die klassische Stadt der Lieder, der ergötzten Bevölkerung Kunde gebend von einem Appetit, der, auf den feinsten Leckerbissen gerichtet, doch auch den kleinsten Knochen nieht verschmähte, wenn er ihn nur bekäme . . . Auch bei der Wahl seiner Bundesgenossen hat Herr Stricker bisher keine von exklusivem Geschmack diktierten Hemmungen gezeigt. Durch Listenkuppelung mit der Assimilanten-Liste Schwarz-Hillers hat er nach dem Umsturz ein Mandat im Oesterreichischen Nationalrat erobert. Damals haben ihm die Union-Juden noch nicht den Appetit verdorben, sondern durften zur Sättigung seines Machthungers ihr Scherflein beitragen. Erst seitdem sie ihrerseits keinen Geschmack mehr an derlei Tafelfreuden fanden, bei denen der eine Teil schmaust und der andere die Zeche bezahlen muß, empörten sich die Gaumen- und Magennerven des Herrn Stricker gegen sie. Im übrigen aber haben diese Nerven ihre groteske Leistungsfähigkeit beibehalten: In die Wiener Kultusrepräsentanz hat Stricker seinerzeit seinen Einzug als „d e m okratischer Zionist" gehalten. Als man seinen Wunsch nach Einführung des allgemeinen Wahlrechts selbst auf zionistischer Seite zu erfüllen zögerte, legte er sein Mandat nieder. . . Er erhielt es wieder im Bunde mit den von ihm sonst aufs heftigste bekämpften Allgemeinen Zionisten und übt es aus als Verfechter des revisionistischen Faschismus, für den demokratische und liberale Denkart bei Juden Symptome „typisch ghettohafter und assimilatorischer Tendenz" bedeuten. („Neue Welt", Nr. 307 vom 28. Juli 1933). Verächtlich fügt er dort hinzu: „Es entspricht dieser Denkart, sich jeder neuen Bewegung, in der man geduldet wird, restlos hinzugeben und an ihr festzuhalten, wenn auch schon alle anderen sich von ihr entfernt haben." Diesen Fehler kann man Herrn Stricker nicht nachsagen. Sein Appetit kann allerdings den Lockungen neuer Bewegungen auch nicht gerade widerstehen, aber er wartet nicht, bis sich alle anderen von ihr entfernt haben, sondern entfernt sich rechtzeitig mit den anderen, sobald die betreffende Bewegung nicht mehr die Kraft besitzt, Mitschwimmer nach oben zu tragen. Unmittelbar nach dem Umsturz war die damals von Herrn Stricker neu gegründete „Wiener Morgenzeitung" röter als die Durchführer des Umsturzes. In der vorletzten Nummer konstatiert die jetzt von Herrn Stricker herausgegebene „Neue Welt", daß „die marxistische, die klassenkämpferische Internationale ringsum, in der ganzen Welt zusammenbricht", und tadelt es aufs heftigste, daß der Marxismus, wie die Kongreßwahlen bewiesen, im zionistischen Lager, ganz besonders in Palästina, trotzdem gerade jetzt einen Triumph erlebt. Herrn Stricker ist dieses Anwachsen marxistischer Strömungen im zionistischen Lager nicht recht und so geht er hin und denunziert die ihm unsympathische Entwicklung im eigenen Lager — den Antisemiten. Mit der salbungsvollen Anbiederungssucht, die er sonst den Assimilanten vorwirft, schreibt er über den sozialistischen Wahlsieg bei den Delegiertenwahlen für den Zionistenkongreß: „Wie wird sich die nichtjüdische ENORME AUSWAHL BILUOSTE PREISE E pPF #8 5.0^ TEPPICHE VORHÄNGE noMXSTorrE, decken NUR 1., BAUERNMARKT 12 14 Welt zu einem so zusammengesetzten Zionistenkongreß einstellen? Was die antisemitische Welt tun wird, ist leicht vorauszusagen. Sie wird triumphierend ausrufen, daß sich endlich der Zionismus als Träger des nach Weltherrschaft strebenden Marxismus entlarvt hat, daß jetzt klar zutage tritt, was die Antisemiten immer behauptet haben . . ." Wohl gibt Herr Stricker selbst zu, „daß der Antisemit, der den Juden schlagen will, immer einen Prügel findet. Dieser Kongreß wird eben nur ein neuer Prügel sein." Wenn diese Prophezeiung zutrifft, dann werden sich die Geprügelten bei Herrn Stricker bedanken können. Denn ohne ihn wäre die breiteste Oeffentlichkeit kaum über die interne Zusammensetzung des Kongresses so genau und alarmierend informiert worden. Wie wenig Bescheid die Nichtjuden über den Zionistenkongreß, seine Aufgaben im allgemeinen und seine taktischen Beschlüsse im einzelnen wissen, zeigt der Glaube, den die falschen „Protokolle der Weisen von Zion" in arischen Kreisen finden. Aber auch im jüdischen, ja sogar jüdischnationalen Milieu ist das Interesse für das Parlament des Zionismus erstaunlich gering. In diesen Blättern wurde bei der Betrachtung des Ergebnisses der österreichischen Kongreßwahlen festgestellt, daß im kongreßlosen Jahr > 1200 Schekel, im Kongreßjahr dagegen 15.000 Schekel gekauft wurden. Der Kauf des Schekels verleiht das Wahlrecht für den Kongreß. Die Zahl 1200 entspricht ungefähr der Menge der wirklich an der Sache innerlich Interessierten. Die gewaltige Steigerung der Kaufzahl in den Kongreßjahren findet seine einzige Erklärung in dem Stimmenkauf der einzelnen zionistischen Fraktionen, die sich durch möglichst zahlreiche Schekelquittungen eine entsprechende Vertretung auf dem Kongreß zu sichern suchen. Bei diesem Geschäft hat sich offenbar die Kaufkraft der marxistischen Linksparteien größer erwiesen als die der revisionistischen Rechtsparteien. Daher die Wut des Herrn Stricker, dessen Machthunger nicht einmal mehr im eigenen Lager respektiert wird. So oft die ihrer Heimat treuen Juden gegen die Abwegigkeit der jüdischnationalen Schlagwörter, die gefährliche Mauern zwischen den jüdischen und nichtjüdischen Bürgern eines Staates aufrichten, protestieren, entrüsten sich die Zionisten über die sogenannte Denunziation der Assimilanten, die die Jüdischnationalen angeblich als schlechtere Staatsbürger anschwärzen wollen. Wir dürfen deshalb neugierig darauf sein, wie die zionistischen Linksparteien auf Herrn Strickers Versuch, sie als „Angehörige einer fremden, internationalen Organisation, die allerorten in schweren gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kämpfen engagiert ist", zu denunzieren, reagieren werden. Herr Stricker wußte natürlich, was er tat. Anschließend an den hier zitierten Artikel bot er den Lesern der „Neuen Welt" Betrachtungen über den jüngst in diesem Blatte glossierten antisemitischen Vorstoß des niederösterreichischen Bauernbund-Organs. Herrn Stricker kann es nicht unbekannt sein, daß Minister a. D. Dr. Schmitz jüngst in einem Wiener christlichsozialen Blatte diese Agrarier-Attacke gegen die Juden mit der Begründung zu rechtfertigen suchte, daß die Juden sozialdemokratisch wählen. Und nun stößt Stricker ins selbe Horn wie der christlichsoziale Antisemitenführer! Diese Unterstützung eines judenfeindlichen Angriffs durch einen jüdischen Führer, die so bewirkte scheinbare Objektivierung eines Vorwurfs, der sonst als subjektive Entladung antisemitischer Gehässigkeit abgetan werden könnte, deklariert erst die ganze Art der Strickerschen Kampfesweise. Dem Minif ster a. D. Schmitz und Konsorten ist naturgemäß die Beeinflussung der Resultate von Wahlen in öffentliche Korporationen zu Ungunsten der Christlichsozialen unangenehm; wie die Juden dort wählen, wo sie untereinander bleiben, ist den Christlichsozialen höchst gleichgültig. Trotzdem werden sie von der Strickerschen Feststellung,