Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 32 (11.8.1933)
- Date
- 1933-08-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 40 Groschen ische tBanrn Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration; Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 Nummer 32 49. Jahrgang Wien, 11. August 1933 Pariser Brief. Von Artur Schweriner. In Nachstehendem veröffentlichen wir den ersten Brief aus Großstädten Europas und Amerikas über die Weltlage der Judenheit. Artur Schweriner, seit Jahrzehnten einer der besten und sachlichsten Kenner der antisemitischen Bewegung in Deutschland, ist auf einer Weltreise begriffen, um sein im Herbst erscheinendes Buch: „Juden der Welt — die Augen auf! Hitler erstrebt eine antisemitische Internationale!" durch eigene Informationen an Ort und Stelle au9 der zum Teil sensationslüsternen, leichten und seichten, internationalen Marktware herauszuheben und verantwortungsvolle, richtunggebende Arbeit zu leisten. Schriftleitung der „Wahrheit". „Sie waren in Wien?" „Ich war in meinem geliebten Wien!" „Heißer Boden, nicht wahr?" „Wenn die Sonnenstrahlen mittags in Juliglut senkrecht zur Erde fallen, ja —!" „Ich meine — die — Bomben!" Ich habe viele ruhige, besonnene Pariser gesprochen, die sich das singende, klingende, herzenbezwingende Wien als eine Gemeinschaft von Bombensuchern vorstellten. „Gott schütze mich vor meinen Freunden!" Die sensationelle Aufmachung der Bombenattentate in Wiener Zeitungen Anfang Juni war ein Bombenerfolg für die Todfeinde Oesterreichs. Und wenn ich Pariser Juden dann erzählte, wie herzensfroh schon die Reise nach Oesterreich macht, wenn geraume Zeit vor U eberschreiten der Grenze die selbstbewußt zur Schau getragenen Hakenkreuze und Hoheitszeichen der NSDAP verschwinden, oft mit einer Fingerfertigkeit, die ihresgleichen sucht, hörten sie mit gespanntester Aufmerksamkeit zu, so aufmerksam, daß sie vergaßen, Eis in ihr „blondes Bier" zu tun. Und das will was bedeuten! Man kann ohne Uebertreibung sagen: Wenn es eine Möglichkeit gäbe, von Sympathien zu leben, das kleine Oesterreich wäre zu beneiden. Diese Sympathiebezeugungen sind wahrhaftig mehr als billige Redensarten, mehr als „Courtoisie", mehr als eine freundliche Geste. Der Franzose, auch der französische Jude, ist politisch viel zu klug, daß er nicht begriffen hätte, worum es in Oesterreich geht. Aber es sind ja Komitees gegründet und viele im Entstehen ... Sie werden schon ihre Pflicht tun ... Um als Oesterreicher oder als Freund Oesterreichs an die Seele eines französischen Juden heranzukommen, ihn zu der spontanen, Kopf und Herz entstammenden Erklärung zu veranlassen: „Ich fahre nach Oesterreich!", dazu bedarf es planmäßiger Agitation, wie sie heute, fast scheint es so, nur einer leisten könnte: Herr Hitler. Wo ich einflußreiche, politisch erfahrene französische Juden sprechen konnte, habe ich ihnen gesagt: Die Juden aller Länder können von Hitler lernen, daß man nicht nur in Komitees einen Abwehr- oder gar Offensivwillen konzentrieren kann; daß nicht Protestversammlungen von vielen Tausenden, auch wenn jede aufs neue überfüllt ist, den organisierten Aufmarsch eines Gegners aufhalten können. Die Organisierung des Widerstandes und der Offensive allein bedeute alles. Im Falle Oesterreich: „Organisiert ein Heer politisch denkender, jüdisch fühlender Juden, das in die Fremdenquartiere des so herrlich gelegenen, von Deutschland boykottierten österreichischen Landes .einbricht'! Das ist eine Tat, die alles überschattet, was Argumentation in Wort und Schrift unseren Todfeinden gegenüber je erreichen kann! Die beste Methode der Abwehr ist, mit den Methoden des Gegners zu kämpfen. Hitler-Deutschland will Oesterreich aushungern? Wir Franzosen wollen ihnen einen Strich durch die Rechnung mach e n!" Ich habe, so gut ich es an meinem bescheidenen Teile tun konnte, wirtschaftlich starken Franzosen klar zu machen versucht, wie schnell die Organisierung der „französischen Fremdeninvasion" in Oesterreich notwendig ist, wenn sie noch nützlich sein soll. Gutgemeinte Leitartikel in Zeitungen, ausgezeichnete Reden hervorragender Politiker, Treueschwüre in begeisterten Superlativen — sie sind dankenswert und lieblich in der Presse anzuschauen, aber im Endeffekt zwecklos gegenüber dem handelnden, zum Todesstoß ausholenden Gegner. Das Diskutieren über das Hitler-Regime in Deutschland und seine außenpolitischen Machtgelüste ist mehr oder weniger unproduktive Arbeit. Verbringe Deine Ferien in Oesterreich, und Du hast mehr getan, als wenn Du hundert österreichfreundliche Leitartikel mit Schmunzein und Behagen liest. Natürlich habe ich an der Quelle mich auch nach dem „ortsüblichen" Antisemitismus in Frankreich umgesehen und an die Jahre 1922/23 in Deutschland gedacht, als ich „Anfänge" beobachtete, über die wir damals genau so lachten und spöttelten wie die Franzosen heuer. An jene Zeit, wo sich die Juden in Deutschland nur widerwillig, gestoßen, ohne Initiative, ohne das heilige „Ich will!" zur „Abwehr" bekannten; wo die politische Arbeit nicht an ihre Seele, an ihr jüdisches Sein gelangte; wo man sich bedauernd und klagend, daß man sich mit Tagediebereien beschäftigen müsse, zur Abwehr entschloß, weil man sich auf die Dauer immer mehr zunehmende Beschimpfungen nicht gefallen lassen konnte; wo man den Antisemitismus, wie so vieles andere, nur für eine unangenehme Zeiterscheinung hielt. Viele kluge und einsichtige Juden, die den Wirtschaftskampf hundertprozentig wachsam für sich führten, wußten damals, wie viele Franzosen heute, noch nicht, daß der Kampf gegen den Judenhaß nicht nur mit kühlem Verstand, sondern mit jüdischer Seele geführt werden muß; als ein Kampf für das Judenrum, der ohne inneres jüdisches Erleben verpuffen muß, weil dem „Kämpfer" die Rolle eines Eunuchen zugedacht ist, der sich mit Sexualwissenschaft beschäftigen soll. Wehe dem Lande, das nicht rechtzeitig den Anfängen des Nationalsozialismus wehrt! Die deutsche Republik ist darüber zu Grunde gegangen, daß man den Nationalsozialismus im Anfang für Antisemitismus ä la Stöcker und Ahlwardt hielt, mit dem die Juden sich allein auseinandersetzen müßten. Man schhig die Juden und meinte das Deutschland Stresemanns, Hugenbergs und Brünings genau so wie das der „Novemberverbrecher". Aber nicht nur Deutschland lehrt, Austria docet! Es ist das historische Verdienst der Männer um D o 111 u ß, den Hakenkreuzlern in Oesterreich die Maske heruntergerissen, sie in bengalischer Beleuchtung nackt und armselig als das gezeigt zu haben, was sie sind: Nicht Mehrer, sondern Zerstörer eines kleinen Landes, das, umgeben von den Sympathien aller Rechtschaffenen, heroisch um seine Freiheit ringt. Die moralische Offensivein Frankreich muß trommelfeuerartig einsetzen, dann wird sie sehr bald Erfolg haben. Nur nicht so „g'schamig", ihr treuherzigen Oesterreicher! Der Samen der Sympathie ist auf französischer Erde gesät! Es ist nun an euch, daß die Ernte gut werde! Paris, Anfang August 1933. ACHTUNG! Oesterrelchisclie Jaden hesachen heuer ai österreichische Sommerfrischen! Aaswärtige Joden, kommet heoer alle in Oesterreichs herrliche Sommer irischen r