Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 28 (14.7.1933)
- Date
- 1933-07-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1)IE WAHRHEIT Seite 7 Wien I., Seitenstettengasse 2, Tel. U 28-1-28 XI., Zentralfrledho!, MbH «HB I. Iii, Tel. U18-0-85 Aus dem „Dritten Reich". Der erste Bürger... Der bisherige Bürgermeister von Hamburg, Dr. Carl Petersen, hat nach seinem zwangsweisen Rücktritt den Antrag gestellt, in Hamburg an den Gerichten als Rechtsanwalt zugelassen zu werden. Dieser Antrag wurde a b 1 e hnend beschie.den, da die Mutter von Dr. Petersen Jüdin war. Dr. Carl Petersen war schon vor dem Kriege Bürgermeister in Hamburg gewesen und sogar schon sein Großvater lenkte länge Jahre die Geschicke Hamburgs zur allseitigen Zufriedenheit, so daß ihm an einer der verkehrsreichsten Stellen der Stadt lange vor dem Kriege in Deutschlands Kaiserzeiten ein großes Denkmal errichtet wurde. Der Boykott geht weiter. Auf der vor kurzem in Dresden abgehaltenen Tagung des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes wurde der Verbandsvorstand ermächtigt, beim Sächsischen Wirtschaftsministerium die ihm geeignet erscheinenden Schritte zur Abwehr der antijüdischen Boykottbewegung zu unternehmen. Besondere Hilfe soll den Marktbesuchern zuteil werden. — Wie dem „Israelitischen Familienblatt" mitgeteilt wird, hat in letzter Zeit im Rheinland der Boykott gegen jüdische Geschäfte wieder stärker eingesetzt. In Dortmund, Bochum, Herne und anderen Städten im Ruhrbezirk wird durch die Zeitungen den Angehörigen der NSDAP der Parteiausschluß angedroht, wenn sie jüdische Geschäfte betreten; es werden Handzettel verteilt, um die antijüdische Propaganda zu verstärken. Infolge der Ankündigung von Maßnahmen, die man gegen Zeitungen ergreifen will, die noch Inserate jüdischer Finnen aufnehmen, sehen sich die Zeitungen zu öffentlichen Erklärungen veranlaßt, in denen sie sich freiwillig verpflichten, Anzeigen jüdischer Unternehmer nicht mehr zu veröffentlichen. Damit ist die Boykottbewegung in ein neues Stadium getreten. Es ist ferner allen Berichterstattern nicht nationalsozialistischer Zeitungen Westfalens streng untersagt, die Veranstaltungen der NSDAP zu besuchen, so lange ihre Zeitungen noch jüdische Inserate aufnehmen. Widerspenstige Berichterstatter sollen unter Umständen mit Gewalt aus dem Saale entfernt werden. . Antisemitischer Terror in Dortmund. „Daily Herald" berichtet von antisemitischen Ausschreitungen in Dortmund. Samstag früh marschierten Sturmabteilungen in militärischer Formation in den Straßen der Stadt auf und besetzten planmäßig die Eingänge aller jüdischen Kaufläden. Während die Braunhemden alle christlichen Kunden vom Betreten der Geschäfte abhielten, zwangen sie zugleich Passanten von jüdischem Aussehen, die Hauptstraßen zu verlassen und in die Seitengassen einzubiegen. Zeichen der Zeit. Der vor 42 Jahren voiu 533 christlichen Männern der Wissenschaft, der Kunst, der Literatur, des Handels und der Industrie gegründete „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hat vor einigen Tagen seine Auflösung beschlossen. Anläßlich seiner Gründung hatte der Verein einen Aufruf erlassen, in dem betont wurde, daß den Initiatoren des Vereins der Kampf gegen den Antisemitismus als Ehrensache gelte. Dieser Kampf sollte nicht einmal in erster Linie für Juden und Judentum, sondern zur Verteidigung der Ehre deutscher Staatsbürger, die sich durch den damals herrschenden Stöckerschen Antisemitismus abgestoßen fühlten, geführt werden. Die Auflösung des Vereines sollte erfolgen, wenn einmal der Antisemitismus erloschen sein würde. Jetzt hat sich der Verein aufgelöst, weil seine Weiterarbeit unmöglich geworden ist. Armer Lux.. . Motto: Klug war er wie ein Mensch, treu aber wie ein Hund! Die Sonne gjtag zur Neige und die letzten Klubmitglieder begaben sich auf den Heimweg. Als es völlig dunkel wurde, machte der gewissenhafte Platzmeister, ehe auch er sich zur Ruhe begab, noch die gewohnte Runde um die ausgedehnte Sportanlage. Ihm zur Seite folgte Lux, der nächtliche Hüter des „Hakoah"-Platzes. Tagsüber, wenn auf 'allen Plätzen Hochbetrieb herrschte, wenn beim Training das junge Volk lachend und scherzend hinter dem Ball her war, die Leichtathleten den Diskus oder Speer warfen, lag, wohl kaum beachtet, Lux hinter einem Zaune beim Klubhaus, um ausgeruht des Nachts seiner Bestimmung als Schutzhund gerecht zu werden. So diente er bereits seit einer Reihe vom Jahren treu, ehrlich und fleißig zur vollsten Zufriedenheit seines Herrn. Nun waren beide von ihrem Rundgang zurückgekehrt und während sich der Platzmeister zur wohlverdienten Ruhe begab, bewachte nun Lux allein das weitged'ehnte Revier mit all seinen Bauten. Plötzlich hörte der Hund hinter dfem Tapezierenneister ZEMf OW1TZ SPEZIALIST in Tapetenarbeiten Werkstätte für moderne Möbel. — Übernahme aller Reparaturen. I., Neutorgasse 18 Telephon U 23-8~28 Werkstätie: I., Seitenstettengasse 2 Telephon U 22-7-31 Klubhaus Stimmen und schon avisierte er durch lautes Gebell die Anwesenheit von Eindringlingen. Da krachte ein Schuß durch die Nacht und schwer getroffen brach das arme Tier zusammen. Mit letzter Kraft schleppte sich Lux zur Hütte des Platzmeisters, um sterbend noch einmal seinen Herrn zu warnen . . . Am frühen Morgen fand man das arme Tier noch lebend in seinem Blute liegen; ein Gnadenschuß erlöste es von seinem Leiden. Nun sitze ich in der Hütte des Platzmeisters und lasse mir erzählen, wie Lux, dieser vierbeinige Held, ein Opfer bi^unS* Mordbüben geworden ist und durch seine Wachsamkeit die Klub- .anlage vor der sicheren Vernichtung gerettet hat. „Ich glaube kaum, daß ich jemals so einen guten Wächter bekommen werde", klagte mir wehmütig der Mann. „Meinen Waffenpaß habe ich vor Jahren zurückgestellt, so sicher fühlten) wir uns durch die Anwesenheit des Hundes, und nun mußte ich mir einen neuen lösen. Ich hatte meinen Lux hinter dem Klubhaus bestattet, doch mußte zwecks gerichtlicher Obduktion das Tier wieder ausgegraben werden, um die Kugel, die sich noch in seinem Körper befunden, zur Feststellung des Täters (man hat die Mordbuben bereits verhaftet) zu extrahieren." Mit einem eigenartigen Gefühl verabschiede ich mich von diesem biederen Menschen. Hyßicnlsdtcs Köniöslichl k GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM, KORNMEHl unaaaHMMiMaaMBMBMHHBMW WIEN IX., BBROOASSR NR. 1» PiUAtii xviii., wamrinoirstrasse n Telephon Nr. A 17-349 and A 18*34 Liafaraat »r ttellamtaltM AbteilungeiHürKoscherfleisch ■oft«* Aufsteht 4es «hrw. RafeblmtM d«i> Isr. KultusQsnaiad* WIM« Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Wieder ist der Sportbetrieb im vollen Gange, doch die wenigsten denken wohl daran, daß sie die Möglichkeit, ihren Sport auszuüben, einem Hund zu verdanken haben, durch dessen Treue das Klubheim vor der sicheren Vernichtung gerettet wurde. Armer Lux! Auch er wurde ein Opfer verrohten Menschentums! Ein Opfer von Bestien, denen ein Menschenleben nichts bedeutet, geschweige denn das Leben eines Hundes. Man muß nicht erst selbst Hundebesitzer seiM, um zu wissen, daß des Menschen bester und treuester Freund immer nur wieder ein Hund sein kann! Hat man nicht fast täglich Gelegenheit zu hören, daß so ein vierbeiniger Kamerad, wie in diesem Falle, einen Anschlag auf Leben und Eigentum vereitelt hat? „Niemals, so lange unser Lux lebte, habe ich eine Waffe gebraucht", waren die Worte des Platzmeisters. Nun wird nie mehr das freudige oder warnende Gebell dieses so braven Hundes ertönen, den Hundskerle aus purer Mordgier roh, herzlos und brutal niederstreckten. Muß man sich nicht angesichts dieser Tat schämen, selbst ein Mensch zu sein? Doch vielleicht wird einmal der Tag kommen, an welchem auch der Tod dieses Geschöpfes seine Vergeltung finden wird! Armer Lux, klug warst du wie ein Mensch, doch treu, wie es eben nur ein Hund sein kann!... S u 1 f u r. Regierungsrat Dr. Bernhard Wadisteint der verdienstvolle Leiter unserer Gemeindebibliothek, feierte dieser Tage, durch zahlreiche Gratulationen, denen auch wir uns aufs herzlichste anschließen, begrüßt, das 30jährige Dienstjubiläum. Der Vorstand der Gemeinde hat den Jubilar durch Herausgabe einer seine sämtlichen Werke und Schriften umfassenden bibliographischen Festschrift geehrt. Der weiten Oeffenthchkeit ist er durch seine wissenschaftlichen Arbeiten bekannt. Von diesen — die Festschrift zählt 146 Einzelarbeiten auf — seien nur diejenigen hervorgehoben, welche für uns deswegen von besonderem Interesse sind, weil sie ein Stück Heimatkunde vermitteln oder Fragen behandeln, die die öffentliche Diskussion beschäftigen. Zu den Erstgenannten gehören zwei Monumentalwerke: Die Bearbeitung der „Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien" (in zwei Bänden von 1700 Seiten bei Braumüller 1912—1917 erschienen) und die „Eisenstädter Forschungen" (in zwei Bänden von 1550 Seiten bei Holzhausen 1922—1926 erschienen). Mit dem Inschriftenwerk, welches unter der Aegide der Historischen Kommission der Kulrusgemeinde entstanden ist, hat Wachstein den alten Judenfriedhof im 9. Bezirk in der Seegasse das interessanteste historische Denkmal der Wiener jüdischen Gemeinde, wissenschaftlich bearbeitet, und wichtiges Quellenmaterial zur Geschichte der Juden in Wien aus der Zeit ihrer ersten Siedlung (von 1540— 1783) zu Tage gefördert. Aber Wachstein ist nicht immer der rückwärts Schauende, er hat auch einen geschärften Blick für die Gegenwart mit ihren Irrungen und Wirrungen. Diesem sachverständigen Zeugen verdanken wir die im Verlag des Verbandes der israelitischen Humamtätsvereine (B'nai B'rith in Wien) kürzlich erschienene Schrift „Das neue Gesicht des Antisemitismus', mit der wir uns noch näher befassen werden.