Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 27 (7.7.1933)
- Date
- 1933-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 7 Die „ Gleichschaltung" geht weiter. Eine soeben veröffentlichte neue Liste von Notaren, die in Berlin auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen wurden, enthält die Namen von 62 bisherigen jüdischen oder dem Judentum entstammenden No/taren. Unter den Entlassenen befindet sich auch Justizrat Dr. Julius B r o d n i t z, der Erste Vorsitzende des Central - Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. * Auch in Oberschlesien. Im Gebiet von Deutsch-Oberschlesien, in dem auf Grund der Genfer Konvention die Bestimmungen über Minderheitenschutz in Geltung sein sollen, wurden am 15. Juni etwa 35 jüdischen Aerzten sämtliche öffentlichen Krankenkassen zum 1. Juli gekündigt und wenige Tage später etwa 20 Zahnärzten in Gleiwitz, Beuthen und Hindenburg zum Teil die Ortskrankenkassen und zum Teil die Wohlfahrtskassen entzogen. Um die Interessen der oberschlesisch-jüdischen Bevölkerung bei der Reichsregierung in geeigneter Form wahrnehmen zu können, hat sich, wie Dr. Emil Margulies, der juristische Bearbeiter der Bernheim-Petition, der dieser Tage in Wien weilte und auf einem Presseempfang recht Interessantes über diese Aktion zu berichten wußte, ebenfalls bei dieser Gelegenheit bekanntgab, ein Aktionsausschuß gebildet, dem die Herren Justizrat Arthur Kochmann, Gleiwitz, sowie Rabbiner Professor Dr. Golinski und Apotheker Kunz, Beuthen, angehören. Im Auftrage dieses Aktionskomitees haben sich die Herren R.-A. Dr. Weißmann, Beuthen, und Dr. med. Zernik, Gleiwitz, nach Berlin begeben, um mit dem Dezernenten für oberschlesische Fragen im Innenministerium über die Wiederzulassung der jüdischen Aerzte und Zahnärzte zu verhandeln. Die Bruderhand. Generalversammlung der Pester israelitischen Kultusgemeinde. Im Sitzungssaal des Gemeindehauses der Pester Israelitischen Kultusgemeinde fand unter dem Vorsitz des Präsidenten Hofrat Samuel Stern die Jahreshauptversammlung der Kultusgemeinde statt. Hofrat Stern gedachte 5n seineto Eröffnungsrede der Verstorbenem der Gemeinde und brachte unter einhelliger Zustimmung das Mitgefühl der ungarischen Judenheit für die schwer geprüften Juden im Deutschen Reiche zum Ausdruck. Hof rat Stern erklärte u. a.: „Die Kulturmenschheit sieht mit ungeteiltem Schmerz, wie Hunderttausende fleißiger, arbeits. samer und nützlicher Bürger Verfolgungen. Demütigungen, moralische und wirtschaftliche Entrechtungen erleiden müssen, wie sie in der eigenen Heimat, für die sie Gut und Blut in treuer Pflichterfüllung geopfert haben, heimatlos werden müssen, nur weil sie Juden sind. Doch unerschütterlich lebt in uns der Glaube, daß diese Leidenschaftsausbrüche nur vor. übergehende sein können, daß Recht und nüchterne Betrachtungsweise ehestens wieder die Oberhand gewinnen müssen. Wir reichen unseren leidenden Glaubensgenossen im Deutschen Reiche die Bruderhand und fühlen uns in Herz. Seele und Tat eins mit jenen, die dem Leidenden und Verfolgten Hilfe zu leisten bestrebt sind." Der Präsident der Kultusgemeinde besprach sodann die nächstliegenden Aufgaben der Gemeinde, wobei er besonderen Nachdruck auf die Förderung der körperlichen Ertüchtigung der Jugend legte. Bezüglich der Schlußrechnungen der Kultusgemeinde erklärte er, daß gegenüber einem Ausgabenetat von 4^35.000 Pengö die tatsächlichen Augaben nur 4,319.000 Pehgö betrugen. Es sei also gelungen, das Rechnungsjahr ohne Fehlbetrag abzuschließen und die Aufrechterhaltung der kulturellen und sozialen Institutionen zu sichern. Im Berichtsjahre wurden für kulturelle, soziale und karitative Zwecke 1,340.000 Pengö verwendet Nachdem Reichstagsabgeordneter Paul Sandor die hingebungsvolle Tätigkeit des Gemeindepräsidenten Hofrat Samuel Stern und der übrigen Vorstandsmitglieder gewürdigt hatte, wurden Wahlen in den Rechnungsprüfungsausschuß vorgenommen und die Herren Dr. Joseph Spitzer und Dr. Joseph Wirkmann als neue Mitglieder der Gemeinderepräsentanz bestellt * Delegiertentagung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. Auf dem vor kurzem in Zürich abgehaltenen ordentlichen Delegiertentag des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes nahmen die Beratungen über die Beteiligung der Schweizer Judenschaft an der Hilfsaktion für deutsche Juden sowie über die Abwehirl der antisemitischen Bewegung, die sich in letzter Zeit in der Schweiz in verstärktem Maße geltend gemacht hat. einen breiten Raum ein. Es wurde darauf hingewiesen, daß die Schweiz im Hinblick auf ihre eigenen Nöte und ihre geringe Ausdehnung nur als Durchgangsstation für jüdische Auswanderer aus Deutschland gelten und nur einem bescheidenen Teil der Ausgewanderten helfen könne. Für die Unterbringung der Flüchtlinge in neuen Ländern und Beistand bei der Existenzgründung müßten umfassendere Kreise als die im Gemeindebund vertre- ISpezialhaus für Wolle und Strickgarne ■ Moritz Nagel I Wien, 2. Bez., Tatoorslraße Nr. 17 I Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden. ■ _Telephon A 45-8-69_| tenen Sorge tragen. Hinsichtlich der Bekämpiung der Not in Deutschland selbst müsse sich der Verband begnügen, an der international vorgesehenen Gesamthilfe teilzunehmen. Auf der Tagung wurde auch die Schaffung von Hachscharah-Gelegenheiten für eine Anzahl junger Juden aus Deutschland in der Schweiz ins Auge gefaßt- Es wurde zum Ausdruck gebracht, daß ein Projekt, junge Leute in der Schweiz in der Urbarmachung von Oedland und Sumpfgebieten auszubilden und ihnen Gelegenheit zu geben, sich in die schwere Arbeit des Bauern einzuleben, zweifellos die Sympathien weitester Kreise des Judentums und der zuständigen Behörden finden würde. Bezüglich der antisemitischen Welle in der Schweiz wurde festgestellt daß der Antisemitismus keine größere Bedeutung erlangen werde, solange die mit der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordung betrauten Behörden wachsam bleiben. Die Haltung, der maßgeblichen schweizerischen Tagesblätter zeige, daß man keineswegs gewillt sei. sich in wilde Spekulationen einzulassen. Der Uebernahme antisemitischer Gedankengänge aus dem Auslande stehe insbesondere die romanische Schweiz ablehnend gegenüber. Als positive Abwehrmaßnähme gegen antisemitische Propaganda wurde einstimmig beschlossen, in der Presse öffentlich darauf hinzuweisen, daß die Protokolle der Weisen von Zion eine Fälschung sind, und die Verbreiter dieses Pamphlets als Verleumder zu erklären. Gegebenenfalls soll in dieser Frage auch der straf- und zivilrechüiche Weg beschritten werden. Rückkehr der Deserteure. Wie wir schon mitteilten, hat die Berliner Gemeinde zahlreiche Wiedereintritte zu verzeichnen. Von den dabei eingegangenen Schreiben bringen wir nachstehend auszugsweise ein Schreiben zum Abdruck, das von der neuerwachten Anteilnahme an dem Schicksal der Gemeinde Zeugnis ablegt: „Vor mehr als 30 Jahren entfernte ich mich aus der Jüdischen Gemeinde. Erörterungen über die Gründe scheinen mir heute nicht am Platze. Ich bin 64 Jahre alt, zu Glogau in Schlesien geboren, mein Vater war Deutscher, mein Sohn machte den Krieg von Anfang bis zu Ende bei der Garde-Feldartillerie mit, er kehrte heil zurück, erhielt für Tapferkeit und Aufopferung das Eiserne Kreüz erster Klasse. In der Tiefe meiner Seele blieb ich Jude, meine idealistischen Bestrebungen galten der Hilfe meiner leidenden Mitmenschen, den Bedrückten, und so oft sich auch Gelegenheit bot, den Juden. Dieses innerliche Zugehörigkeitsgefühl hat mich nie verlassen und ich bin der Ansicht, daß es heute meine Pflicht ist, mich zu Ihnen zu gesellen, um in großer Gemeinschaft mit allen anderen Menschenfreunden noch nützlicher zu wirken, als das als Einzelner möglich ist. Es soll gezeigt werden, wie fest das Judentum gerade durch die Verfolgungen zusammengeschweißt wird und den Opfern unter uns, den Verzagten, den Schwachen, soll neuer Mut eingeflößt werden, so soll ihnen gezeigt werden, daß das jüdische Herz stets ein Hort der Hilfesuchenden ist. Ich finde meinen Weg zu Ihnen zurück, nicht als Begehrender, sondern als Helfender, und was in meinen Kräften steht, will ich in Gemeinschaft mit Ihnen tun, um die Not zu lindern. Ich stelle mich Ihnen zur Verfügung, will mein Lebenswerk als Seelenarzt mit Ihnen fortsetzen. Ich kehre zurück und bitte um Wiederaufnahme. W. K." Der Zionistenkongreß nach Prag einberufen. Wie seitens der zionistischen Exekutive offiziell verlauthart wird, ist als Ort des für den 16. August einberufenen 18. Zionistenkongresses endgültig Prag bestimmt worden. Das Datum der Einberufung des Kongresses wurde schon vor einiger Zeit bekanntgegeben, bezüglich des Ortes aber war noch keine Entscheidung gefallen; in erster Linie wurde Karlsbad in Betracht gezogen, von mancher Seite auch London vorgeschlagen. Es wird mit einer außerordentlich starken Beteiligung an dem Kongreß gerechnet. Einsteins Ablehnung einer Berufung nach Jerusalem. Auf einem Bankett, das das Komitee jüdischer Aerzte Amerikas zu Ehren Dr. W e i z m a n n s in New York veranstaltete, äußerte sich dieser in ziemlich scharfer Form über Professor Einsteins Ablehnung einer Berufung an die Hebräische Universität Jerusalem. Professor Einstein, erklärte Weizmann, wurden Lehrkanzeln an den k GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM, KORNMEHL IMHHHB^^BHMMHMMHHHBIB WIEN DC, BERQOASM NR» 1» FILIALE i XVHI., WÄHRMOARSTRASSB VT Telephon Nr. A 17-3^9und A 1S-9-34 Ltofewaat für HallaiutaKan AbteilungenfflrKoscherflelsch Mtor Aufsieht das ahrar. Rabbinataa aar lar. Kultuaaemainda Wtaa. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Universitäten Madrid, Paris, Leyden und Oxford angeboten. Wir wollen nicht in einen Wettbewerb mit diesen Universitäten treten, aber wir glauben, daß Jerusalem eine Art von Anspruch auf Professor Einstein hat, wenn es ihm auch nicht dieselben Möglichkeiten wie jene Universitäten bieten kann. Im übrigen ist alles, was er braucht, ein Bleistift und ein Stück Papier, und das ihm zu beschaffen, könnte auch die Hebräische Universität Jerusalem auf sich nehmen. Er hat unsere Einladung aus Gründen abgelehnt, die sich nicht rechtfertigen lassen. Immerhin glaube ich, sagte Dr. Weizmann, daß Professor Einstein in absehbarer Zeit seine Wanderschaft über die Welt aufgeben und nach Palästina kommen wird, das für ihn der richtige Platz ist. Im April hatte Einstein einen Ruf an die Universität Jerusalem mit der Begründung abgelehnt, daß seiner Meinung nach fruchtbringende Arbeit dort so lange nicht möglich sei, als nicht eine durchgreifende Verbesserung in den administrativen Angelegenheiten der Universität erfolge. Gemeinde - thronik Personalnachricht. Wie vor kurzem aus Warschau gemeldet wurde, hat der Präsident der Republik Polen dem österreichischen Staatsangehörigen Kommerzialrat Albert F r a n k 1 in Wien das Goldene Verdienstkreuz der Republik Polen verliehen. Die Polnische Republik hat damit ein Zeichen dankbaren Gedenkens für die Tätigkeit des Kommerzialrates Frankl gegeben, der, wie allgemein bekannt, bei Ausbruch des Krieges seine freien Häuser, die er als Bauunternehmer besaß, der Regierung zum Zwecke der Errichtung von Flüchtlingsheimen unentgeltlich überließ. Am Kohlmarkt — Ecke Wallnerstraße — war die Zentrale dieser großangelegten Aktion, wo Minister Dr. v. Bilinski persönlich die Leitung inne hatte. Komm.-Rat Frankl. obwohl beim Dragoner-Regiment Nr. 15 eingerückt, verwendete seine ganze dienstfreie Zeit für die Evakuierten aus Galizien und sind die von ihm im Auftrage der Regierung veranstalteten Gottesdienste und Sederabende noch bei vielen in bleibender Erinnerung. Komm.-Rat Frankl. der viele Jahre Präses des Tempeivereines im VIII. Bezirk war. erhielt im Jahr 1913 von Kaiser Franz Joseph den Titel eines Kaiserlichen Rates. Während des Krieges wurde er im Jahre 1917 vom Kaiser Karl mit dem Oifizierskireuz des Franz-Joseph-Ordens ausgezeichnet, 1921 vom Bundespräsidenten Hainisch als Laienrichter zum Kommerzialrat ernannt. 60. Geburtstag. Dieser Tage feierte Herr Komm.-Rat Alois Theumann seinen 60. Geburtstag und war aus diesem Anlasse Gegenstand herzlichster Sympathiebeweise seiner Fachkollegen und auch weitester jüdischer Kreise. 70. Geburtstag. Der allseits geschätzte und beliebte Dramaturg des Deutschen Volkstheaters, Herr Heinrich Glücksmann, feiert dieser Tage in vollster geistiger und körperlicher Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag. Die offizielle Feier findet auf Wunsch des Jubilars erst im Herbst statt, zu welchem Zeitpunkt auch wir sein Wirken gebührend würdigen werden. — Der Obmann des Israelitischen Bethausvereines in Wien, III., Erdbergstraße 15, Herr Kommerzialrat Adolf U n g e r, feiert dieser Tage seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlasse findet am Samstag, den 8. d. M., um 10 Uhr vormittags, anschließend an den Gottesdienst, eine soilenne Feier statt. Dr. M. Spanier 80 Jahre. Am 2. Juli vollendete Dr. Moritz Spanier in Magdeburg sein 80. Lebensjahr. Ein