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Die Wahrheit · 1933-05-19 · Heft 20 (19.5.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 20 (19.5.1933)
Date
1933-05-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen disdie ie UMrhtlt mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Erscheint jeden Freitag nmni Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 19. Mai 1933 Nummer 20 OPTIKER M. SCHACHTER, II., ülodfCDgasse 25 Genaueste Ausführung von Rezepten »Große Auswahl an modernen Fassungen* Samstag geschlossen _Bei Berufung auf dieses Blatt 5 Prozent Rabattl Verfemt Es geht Schlag auf Schlag. So wie Hitler- Deutschland seit dem 1. April1, dem Tag des Judenboykotts, eine judenfeindliche Maßnahme der anderen folgen ließ, so antwortet die Kulturwelt auf diese Barbareien mit einer Ohrfeige nach der anderen. So wie man nicht nachkam, um all die Greueltaten zu registrieren, die von Seiten des neuen deutschen Regimes an treuen Staatsbürgern begangen wurden, so kommt man heute nicht nach, will man all die Brüskierungen festhalten; die das Dritte Reich wegen seiner Kulturlosigkeit überall erfährt. Die letzte Woche war überreich an solchen Demütigungen für Hitler und Genossen, Demütigungen, die ihnen durch Lenker von Staaten zugefügt wurden, die ehedem voll und ganz mit Deutschland sympathisierten, ja sogar — wie im Falle Oesterreich — mit dem deutschen Brudervolke geistig und geschichtlich eng verbunden sind. Es begann mit der glänzenden Abfuhr, die sich der Abgesandte; Hitlers, Rosenberg, in England holte. Wo immer er vorsprach, ob an höchster Regierungsstelle, die ihm kühl behandelte, oder in journalistischen Kreisen und bei politischen Persönlichkeiten, die wie Lady Oxford ihn energischer hinauskomplimentierten, überall bekam er zu hörein, daß England kein Verständnis für den deutschen Antisemitismus besitze, daß England es nicht begreifen könne, daß man Staatsbürger ihrer Religion wegen zum Verhungern zwinge, daß England mit einem Deutschland, das eine solch grausame Mentalität bekunde, nichts zu tun haben wolle. Mit wenig Ruhm bedeckt kehrte Rosenberg zu seinem Herrn und Gebieter zurück, der wahrlich über die Erfahrungen, die sein treuer Diener im gewaltigen Inselreiche, das mit Lloyd George fair play für die deutschen Juden verlangt, machen mußte, nicht entzückt gewesen sein dürfte. Aber auch wo Hitlers Boten nicht persönlich anklopften, bekam er zu hören, wie die gesittete Welt über sein judenfeindliches Regime denkt. Aus der letzten Woche liegen Aeußerungen von Staatsmännern und Politikern vor, die. würdig sich anreihend den Enunziationen, die in dieser Hinsicht schon bisher erfolgten, das durch die deutschen Ereignisse so arg gedemütigte Judentum mit der Hoffnung erfüllen können, daß der Abscheu der Kulturwelt vor dem deutschen Unwesen die Lenker des Dritten Reiches zur Besinnung bringen wird, auf welchem abschüssigen Wege sie sich befinden. Nicht alle diese Politiker, deren Worte uns zu solcher Hoffnung berechtigen, haben, so wie es Mussolini in seinem denkwürdigen Gespräche mit dem Oberrabbiner von Rom Dr. Sacerdoti getan hat, direkt auf die judenfeindlichen Maßnahmen in Deutschland hingewiesen. Aber auch "dort, wo solche Anspielungen fehlten, war es klar, was wirklich gemeint ist. Wenn z. B. der ungarische Ministerpräsident G ö m b ö s kürzlich eine Ansprache hielt, in der er u. a. sagte, daß in Ungarn kein Unterschied zwischen Rasse und Konfession gemacht werden dürfe, so drängt sich sofort die Vorstellung auf, daß Ungarn, dessen Nachkriegsantisemitismus der Vergangenheit angehört, sich wohltuend unterscheiden will von einem Hitler-Deutschland, dessen Um und Auf der Antisemitismus ist. In Italien und Ungarn ist der Beweis geliefert worden, daß auch ein autoritäres Regime sich frei halten kann von der Pest des Judenhasses, daß auch ein autoritäres Regime die Rechte treuer Staatsbürger, die immer ihre politische Loyalität bekundet haben, als unantastbar und unverrückbar betrachtet. Daß ein solcher Standpunkt in demokratischen Ländern vornehmlich gilt, braucht nicht besonders festgestellt zu werden. Und so hegen auch Enunziationen aus Staaten Europas vor, denen Demokratie Gleichberechtigung aller Bürger ohne Unterschied der Konfession bedeutet. Der tschechische Unterrichtsminister Dr. Derer hat kürzlich im Prager Rundfunk eine sensationelle Rede gehalten, in der er es als ausgeschlossen erklärte, daß die tschechoslowakische Schule einem Geist dient, der die höchste Unduldsamkeit gegen Andersdenkende zur Regel erhebt, der dem herrschenden Parteigeist nicht genehme literarische und wissenschaftliche Werke dem Scheiterhaufen überantwortet, der Geistesarbeiter nur deshalb verpönt, weil sie anderer Herkunft sind, der die Freundschaft und Verbindung eigenen Blutes mit dem Blute anderer Menschenrassen für volksfeindlich und Verrat am eigenen Volke erklärt, der Rassenhaß schon in die junge Kinderseele hineintragen und die Jugend nicht zur Wahrheit erziehen will, sondern zur rücksichtslosen Förderung egoistischer Rasseninteressen, wenn notwendig auch durch FälschungundEntstellunghistorischer Tatsachen. Der Schweizer Bundesrat hat jüngst über Vorstellung des Schweizer Israelitischen Gemeindebundes wegen judenfeindlicher Aeußerungen in einer Reihe in letzter Zeit in der Schweiz abgehaltener Versammlungen eine Erklärung veröffentlicht, in der er es als selbstverständlich bezeichnet, daß die Schweizer Staatsbürger der Verfassung gemäß in gleicher Weise ohne Unterschied von Konfession oder Rasse behandelt werden. Der Präsident des irischen Freistaates, De Va I e r a, bat den Oberrabbiner von Irland, Isaac H e r t z o g, der dem Präsidenten Bericht über die Lage der Juden in Deutschland erstattete, der um ihre Brüder in Deutschland besorgten irischen Judenheit sein Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen; er hoffe, daß der Grund dieser Besorgnisse bald beseitigt sein werde. Und Oesterreich? Hier liegen bisher Aeußerungen von solcher Klarheit, wie sie Mussolini, G ö m b ö s, Dr. Derer und die Männer des Schweizer Bundesrates, also Führer und Politiker unserer Nachbarländer, abgegeben haben, noch nicht vor. Aber die österreichische Judenschaft vermißt derartige Enunziationen nicht unbedingt, wenn der Kurs der jetzigen österreichischen Regierung in bezug auf die Abwehr der braunen Hetzer so fest bleibt, wie er es heute, da nack ROMAN von LEOPOLD HICHLER Mit gleicher Liebe und Anschaulichkeit wie in seinem früheren Roman „Moses Mautner und sein Sohn" schildert Hichler hier die Freuden und die Tragik einer Wiener jüdischen Familie. So ist auch dieses Werk berufen, wie der „Moses Mautner" ein echtes Volksbuch zu werden. Kartoniert S 4.80 Leinen S7.- /?. Löwit Verlag, Wien IN JEDER BUCHHANDLUNG ihnen sogar mit dem Standrecht gedroht wird, zu sein scheint. Am vorigen Samstag hat die Regierung ein Exempel dafür statuiert, wie man mit diesen „unwillkommenen Gästen" umzugehen hat. Der Herr Reichskommissär für Justiz Frank, der kurz vor seiner Ankunft in Wien auf einer in Berlin abgehaltenen Juristenversammlung erklärte, niemals von der Forderung abzulassen, daß alle Juden restlos aus jeder Form des Rechtslebens heraus müssen, hat vom ersten Momente seiner Anwesenheit in Wien erfahren müssen, daß die österreichische Regierung keinen sehnlicheren Wunsch kennt, als daß Herr Frank aus Oesterreich herauskomme. Die Frechheiten, die sich dieser Herr insbesondere in Graz erlaubte, sind von der Regierung mit seiner Ausweisung beantwortet worden. Unsere Regierung hat eben nicht Respekt vor einem Regime, das auf der obenerwähnten Berliner Juristenversammlung als amtliche Erklärung des Preußischen Justizministers bekanntgeben ließ, daß diejenigen aus dem Kampfe um Deutschlands Freiheit, die vom alten System zu Mördern erklärt wurden, jetzt feierlich zu Helden der Nation erklärt werden sollen. Diese amtliche Erklärung wurde von den Berliner Juristen mit stürmischem Beifall aufgenommen. Ungefähr zur gleichen Zeit fanden in Italien Festversammlungen anläßlich des Jubiläums des Corpus iuris civilis unter Teilnahme der juristi-

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