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Die Wahrheit · 1933-04-21 · Heft 16 (21.4.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 16 (21.4.1933)
Date
1933-04-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonlo Wien: A 100-918 49. Jahrgang Wien, 21. April 1933 Nummer 16 OPTIKER M. SCHACHTER, II., GlOtten&lSSe 25 Genaueste Ausführung von Rezepten Große Auswahl an modernen Fassungen*Samstag geschlossen Bei_ Berufung auj_dieseB_BlattJiJProzeiit Rabatt!_____ Die Welt rückt ab... Fast zwei Monate dauert nun schon das antijüdische Wüten in Deutschland. Die Befürchtungen, die wir im Gegensatz zu hoffnungsvollen Optimisten, die mit einem baldigen Zusammenbruch des neuen Regimes rechneten, bei dessen Antritt aussprachen, sie haben sich nicht nur bewahrheitet, sondern sind durch die rauhe Wirklichkeit in einer Weise übertroffen worden, die zum Himmel schreit. Durch die Maßnahmen, die in den letzten Wochen den deutschen Juden galten, ist nach sehr vorsichtigen Zählungen ein Drittel von ihnen von vollkommener Erwerbslosigkeit bedroht, der Rest fristet ein mehr als kümmerliches Dasein. Die Lebenden beneiden beinahe schon die Todesopfer, die die „nationale Erhebung" auf dem Gewissen hat, so sehr, daß viele den Freitod als Ausweg aus einem Knechtesleben wählen. Die Augen von tausenden deutschen Juden, die wie keine anderen in Heimaterde wurzelten, sind verängstigt ins Ausland gerichtet, ob sie dort nicht Zuflucht finden könnten, und in diesen Tagen ergießt sich tatsächlich ein Auswandererstrom in aller Herren Länder, wie er seit den russischen Pogromen nicht zu verzeichnen war. Die Menschen, denen Rassenwahn ein geliebtes Vaterland raubt, finden hilfsbereite Aufnahme allerorts, denn die Kulturwelt hat sich ihr Urteil gebildet über die „Gleichschaltung", die von der Eliminierung der jüdischen Aerzte und Rechtsanwälte, Professoren und Künstler, Staatsbeamte und Wirtschaftler nun beim Arierparagraph in Preßverbänden und Fußballklubs angelangt ist. Man kommt nicht nach, wollte man all die Verordnungen registrieren, die der Rassenwahn diktiert, für den es nur ein Uebel gibt: der Jude. Durch die Ausmerzung dieses „schädlichen Elements" allein haben bisher die neuen deutschen Regierungskünstler ihre hohe staatsmännische Begabung unter Beweis gestellt, sonst haben sie bisher wahrlich noch nichts geleistet, es sei denn, daß man es als besondere Ruhmestat ansieht, daß es ihnen in überraschend kurzer Zeit gelungen ist, Deutschland um die Sympathien der ganzen Welt zu bringen. Der große Kanzler hat sein Placet dazu gegeben, daß man durch baldige Ausmerzung der Ueberzahl jüdischer Intellektueller aus dem Kultur- und Geistesleben Deutschlands dem natürlichen Anspruch Deutschlands auf arteigene geistige Führung gerecht werden müsse, denn die größten Leistungen des geistigen Lebens seien niemals, meint er, von rassenfremden, sondern von den streng arischen und deutschen Geisteskräften vollbracht worden. Und von Hitler herab braust ein Ruf wie Donnerhall: der Jud muß raus! Durch den Deutschlandsender verkündet der Staatssekretär im Reichsinnenministerium Dr. P f u n d t n e r, daß Deutschland künftig nur von Deutschen regiert werden solle, daß niemand die Hand am Staatsapparat haben dürfe, der nicht deutschen Blutes sei. Für Beamte, die nicht arischer Abstammung seien, sei daher künftig kein Raum mehr. Blutopfer freilich, konzediert er großmütig, müßten auch, soweit es sich um nichtarische Beamte handle, geachtet und anerkannt werden. Und wie die alten Recken summen, so zwitschern die jungen Studiosi, nein, sie erheben noch dröhnender ihre gewaltigen Stimmen. Ihnen genügt nicht die gesetzliche Einführung des völkischen Studentenrechtes in Deutschland und die Ankündigung eines Gesetzes über den Numerus clausus an den deutschen Hochschulen, sie zünden den Scheiterhaufen an, auf dem, wenn schon nicht der Jud, so doch sein geistiges Werk verbrannt wird. Ein Schrei der Empörung geht durch die ganze Welt ob des Unrechtes, das man treuen Staatsbürgern zufügt, nur weil sie Juden sind. Ein Schrei der Empörung, nicht allein ausgestoßen von mitfühlenden jüdischen Schicksalsgenossen, sondern oft lauter noch erhoben von hohen christlichen Würdenträgern. Die Verlautbarung des katholisciieu Erzbischofs von Paris für die deutschen Juden zu beten, bleibt, dessen sind wir sicher, eine Denkwürdigkeit in diesen Tagen furchtbarster deutscher Schande. Der Weltschrei der Empörung muß aber auch jenen in die Ohren gellen, die in diesen kritischen Tagen die Geschicke jenes Landes lenken, das am nächsten von der hakenkreuzlerischen Gefahr bedroht ist. Zur Abwendung dieses Spukes und damit zur Erhaltung Der„Gll]CKSBAI]ER in der leopoldsladl Das bekannte Bankhaus Albert Bauer (Glücksbauer), Zentrale: Wien IV., Favoritenstraße 4, hat im 2. Bezirk, Leopoldsgasse 25 (Ecke Große Pfarrgasse), eine fmale der KlaSSCHlOffOft eröffnet Jedermann kann oder bestellt GlOffisDaner Klassenlose Telephon Zentrale: ü 47-5-20. Filiale: A48-6-81 des Ansehens, das Oesterreich in der Welt genießt, muß unsere Regierung rückhaltlos bereit sein. Sie muß, wie es ihr neuerdings in Rom kundgetaner und allgemein gebilligter Wille ist, wirklich selbständig bleiben, auch in bezug auf die Wertung der jüdischen Bürger dieses Landes, deren Opferwilligkeit oft bewiesen wurde und auch in diesen Notzeiten feststeht. So wie unser Vaterland nach den Wirren des Krieges, als in seiner Nachbarschaft der kulturschänderische Bolschewismus Orgien feierte, diesem seine Grenzen verschloß, so muß auch in der gegenwärtigen Epoche die feste Hand unserer Regierung dem Nationalbolschewismus, der auf unserem Boden haust, rechtzeitig Halt gebieten! Das Weltgewissen, Wohl eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste außenpolitische Ereignis der Vorwoche war die große Debatte, die im e n g 1 i s c h e n U nterhaus über das Schicksal der deutschen Juden abgeführt wurde. Prominente Redner aller Parteien — von den Konservativen bis zu den Sozialisten — standen auf, um in fulminanten Reden dem Abscheu Ausdruck zu geben, der die gesamte englische Oeffentlichkeit wegen der brutalen deutschen Judenverfolgungen erfüllt. Manches überaus scharfe Wort fiel, bezeichnenderweise sogar aus dem Munde von Politikern, die bisher Deutschland alle Sympathien entgegengebracht hatten. Das Deutsche Reich hat sich eben, das ist heute nicht mehr zu leugnen, durch die Gewaltmaßnahmen gegen die deutschen Juden, die bereit waren und sind, Gut und Blut für ihr Vaterland zu opfern, um die Freundschaft der ganzen Kulturwelt gebracht, die diese Greueltaten nicht verstehen kann, und selbst Staaten und Politiker, die gewillt waren, die deutschen Gleichberechtigungs- und Revisionsbestrebungen zu unterstützen, sind heute deutlich von dem neuen Regime und dessen innen- und außenpolitischen Aspirationen abgerückt. Sogar im faschistischen Italien hat sich G ö r i n g, der in Rom hauptsächlich mit dem jüdischen Luftfahrtminister B a 1 b o vorlieb nehmen mußte, eine merkliche Abfuhr geholt, auch Mussolini hat kein Verständnis für den Rassenwahn der deutschen Hakenkreuzler. So steht nun das Dritte Reich isoliert in der Welt da und alle Anstrengungen, Demarchen und ähnliches werden ihm nicht helfen, die verloren gegangenen Sympathien des „allzu human denkenden" Auslandes wieder zu erringen. Es gehört zu den seltensten Ereignissen, daß im englischen Unterhaus, in jenem Parlament, das auf gewisse Formen das allergrößte Gewicht legt, derartig über die Ereignisse in einem anderen Lande gesprochen wird. Die deutsche Regierung hat daher auch sofort Protest dagegen erhoben und eine Zurückweisung der Kritik an Deutschland durch die englische Regierung verlangt. Die Antwort der englischen Regierung ist — Schweigen. Diese Antwort ist das Aergste, was die Naziregierung treffen konnte. Sie zeigt die Gefühle, mit denen man derzeit in London Deutschland gegenübersteht. Ein Monat Hitler-Regime hat Deutschland um die englische Freundschaft gebracht und Deutschland steht heute vereinsamter denn je in der Welt da. i Wie dieses England — wohlgemerkt ohne Hinzutun der Juden — wirklich denkt, das kam in der englischen Unterhausdebatte zum sinnfälligen Ausdruck, die hier — schon mit Rücksicht auf den Umstand, daß selbst die sogenannte liberale österreichische Presse nur kurze Berichte darüber gebracht hatte — nach Original-Meidungen ausführlich wiedergegeben sei. Sie verdient eine solche eingehende Würdigung, denn sie ist ein wahrer Lichtblick in diesen allzu trüben Zeiten. Dem Unterhaus wurden schon in seiner vorletzten Sitzung zwei Anträge, die sich mit der Lage der Juden in Deutschland befaßten, vorgelegt Der eine der beiden Anträge wurde von dem konservativen Abgeordneten J. P. Morris mit Unterstützung von 50 anderen durchwegs nicht jüdischen Abgeord-

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