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Die Wahrheit · 1933-02-17 · Heft 7 (17.2.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 7 (17.2.1933)
Date
1933-02-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40;'Groschen Jüdische Die tUanrneiT Ersdieint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 17. Februar 1933 Nummer 7 OPTIKER M. SCHACHTER, 11, GlOdfeoaasse 25 Genaueste Ausführung von Rezepten Große Auswahl an modernen Fassungen* Samstag geschlossen EteiUJiTnfun^ji^tese^Bla^ Entartetes Judentum". 99 Das Wort stammt aus dem unrühmlichen Hirtenbrief des Linzer Bischofs, aber es ist eigentlich dem an Beschimpfungen und Verleumdungen des Judentums so überreichen Wortschatz der Nationalsozialisten entnommen. In diesen Tagen bemüht sich die nationalsozialistische Hetzpresse wieder, an einem Einzelfalle, der wirklich einzig dasteht, die ganze „ungeheuerliche Entartung des Judentums" zu beweisen. Die Affäre Rose Meiler kam unseren Hakenkreuzlern nur zu gelegen, um ihr durch die verschiedensten Untaten gar arg ramponiertes Ehrenschild rein zu waschen und wieder einmal ihre schon abgedroschene Weisheit zu verzapfen, daß an allem nur der Jude schuld sei. Was ist denn eigentlich geschehen? Eine Wiener Schriftstellerin, plötzlich bekannt geworden durch Theaterstücke, die dem nicht übermäßig guten Geschmack unserer Tage entsprechen, hat ein Attentat auf sich fingiert. Die Gründe dieser Handlung sind so unverständlich, daß man wirklich nur annehmen kann, es hier mit einer geistig Kranken zu tun zu haben. Rose Meiler, deren dramatische Arbeiten ziemlichen Erfolg hatten, hatte es nicht nötig, erst auf marktschreierische Weise die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wenn sie aber bei ihrer unsinnigen Tat die Absicht trieb, einem einzelnen zu imponieren, so ist das ebensowenig verständlich, denn sie hätte wohl eine vornehmere Art finden können als die, die sie wählte und die sie nun in den Augen aller verächtlich macht. Das Ganze wäre ein Wiener Skandalfall geblieben, mit dem sich die Justiz oder wahrscheinlich eher noch die Medizin zu befassen hätte, wenn nicht die phantasiereiche Schriftstellerin angegeben hätte, daß das Attentat auf sie aus politischen Gründen erfolgt wäre. Der Umstand, daß die Messerstiche angeblich als „Gruß vom Braunen Haus" dargebracht wurden, hat unsere Nazis ganz aus diesem braunen Häuschen gebracht. Sie schäumen vor Wut und Empörung und ihre Sudelpresse, insbesondere die „Dötz", versucht in ellenlangen Hetzartikeln an dem Falle Melier den Beweis dafür zu erbringen, daß so eben die gesamte jüdische Geistigkeit aussehe. Dieser „jüdische Geist" wird da fein zergliedert, Leistungen wie die von Einstein und Freud werden kritisch hergenommen, um am Schlüsse in »Nichts zu versinken, nur weil — Rose Melier gelogen hat. j Es wäre natürlich unvernünftig, den Ver- ■such zu unternehmen, hier Apologetik zu betreiben, d. h. beweisen zu wollen, daß die von der „Dötz" so abfällig behandelten Höchstleistungen jüdischen Geistes, die von der ganzen Kulturwelt — mit Ausnahme der „Dötz" — anerkannt werden, so erhaben sind, daß die Exaltiertheit einer einzelnen Person, deren Schaffen nur in ganz weitem Abstände von diesen Leistungen genannt werden kann, ihnen nichts anzuhaben vermag. Glaubt die „Dötz" wirklich, bei vernünftigen Menschen Eindruck machen zu können, wenn sie hier Parallelen zieht, die niemals vorhanden waren? Wenn sie so gerne tiefer schürft, warum hat sie dann z. B. anläßlich der Wiedergabe von Hitlers im Radio übertragenen Rede bei der Eröffnung der Berliner Automobilausstellung, in der der deutsche Reichskanzler das ihm auch persönlich so gut dienende Wunderwerk des Automobils begeistert feierte, nicht der Tatsache Erwähnung getan, daß dieses Wunderwerk von einem — „entarteten Juden", dem Oesterreicher Siegfried Markus erfunden wurde? Die „Dötz" mag Zeter und Mordio schreien, so viel sie will, es wird ihr nur gelingen, ihre fanatischen Anhänger, nicht aber die Kulturwelt davon zu uberzeugen, daß der jüdische Geist destruktiv und nicht aufbauend sei. Betrachten wir aber einmal die Affäre Rose Melier mit nüchternen Augen. Es ist dies sicherlich sehr schwer, denn ihre unsinnige Tat findet in jüdischen Kreisen eine viel schärfere, weil berechtigtere Verurteilung als in denen der Hakenkreuzler. Sie hat mit ihrer Verrücktheit den Gegnern der Nazis einen verdammt schlechten Dienst erwiesen und hätte deren Sache, würde man nicht sofort das Hysterische der handelnden Person erkennen, gar argen Schaden zufügen können. Aber erschien ihre Darstellung des politischen Attentats wirklich so unplausibel? Hat es noch niemals Hakenkreuzbuben gegeben, die auf Gesinnungsgegner blindwütig losstachen, die hinterrücks jene überfielen, die ihren Führern nicht genehm waren? Die politische Mordchronik der letzten Jahre ist übervoll solcher ruchloser Greueltaten, an ihrer Spitze steht die heimtückische Ermordung eines großen jüdischen Geistes Deutschlands, des ruhmreichen Walter Rathenau, an ihrem sicherlich leider nur vorläufigen Ende die Niedermetzelung des Breslauer jüdischen Studenten Walter Steinfeld. Angesichts dieser Untat hat die sonst so redselige „Dötz" geschwiegen, sie hat ihren Lesern nicht verraten, daß in Breslau ein 23jähriger Sohn braver, jüdischer Eltern von drei Nationalsozialisten auf dem Heimweg ins Elternhaus überfallen und durch Messerstiche derart schwer verletzt wurde, daß er sich nur mit Mühe vor die Tür seiner elterlichen Wohnung schleppen konnte. Dort brach er zusammen und starb nach qualvollen Stunden. Das ist keine Erfindung einer hysterischen Schriftstellerin, das ist traurigste, bitterste Wahrheit. Deshalb: es bedurfte nicht erst der Phantastik eines exaltierten Wesens, um der Welt zu beweisen, daß Hakenkreuz und Mord eng beieinander wohnen. Und ebenso leicht ist zu beweisen, wo die wahren Schuldigen sitzen. Es sind das die Leute, die in Wort und Schrift gegen das Ju- SILBBt Um JUWELEN von OiTERMKHBt I., Wippllngorstraße Nr. 29 Wegen Verlegung der Verkaufsräume nach I., Graben 7 zu Räumungspreisen Günstige Gelegenheitskäufe für Hochzeitsgeschenke / / dentum so lange hetzen, bis fanatisierte Menschen zum Messer greifen, das wirklich lossticht. In der „Notverordnung" des neuen deutschen Reichskabinetts ist auch der Schutz der öffentlich anerkannten Religionsgesellschaften gegen Angriffe in Wort und Schrift vorgesehen. Dennoch hat man bisher keine Verminderung der hetzerischen Agitation bemerkt und nichts von einer Bestrafung derselben gehört. In Oesterreich ist es — ohne Notverordnung — nicht anders. Es ist somit pure Scheinheiligkeit, wenn die „Dötz" heute empört tut und „Haltet den Dieb!" ruft, der nur in ihren Reihen zu finden ist. Die „Dötz", die übrigens zunächst wie alle Welt selbst an das Märchen Rose Meilers glaubte, indem sie anläßlich der ersten Meldungen über das angebliche Attentat von einem Phantasten faselte, dessen Tat nur der Empörung über die Verruchtheit des jüdischen Geistes entsprungen sein könne, wird uns also schon gestatten müssen, daß wir Juden selbst feststellen, wen wir in unseren Reihen als „entartet" zu betrachten haben. Rose Melier ist da kein Maßstab, sie trifft höchstens unser Mitleid. Aber jene, die wirklich „entartet" sind, die trifft unsere Verachtung und Empörung, wo immer sie stehen mögen. Wir wissen, daß die moderne Literatur ihre Konjunkturerscheinungen hat, und so viel Anklang auch diese Erscheinungen in unserer verirrten und verwirrten Zeit finden mögen, wir wehren uns schon selbst, wenn wirklich durch „Entartete" echtes Gefühl verletzt wird. So bekam der vielleicht erfolgreichste Autor der heurigen Theatersaison, Herr Richard Duschinsky, unsere Empörung zu spüren, als er sich unterfing, durch eine bei den Haaren herbeigezogene Gegenüberstellung eines jüdischen Kriegsschiebers und eines urgermanischen Frontoffiziers eine Darstellung von Gegensätzen zu bieten, die der traurigen Kriegswirklichkeit Hohn spricht. Das jüdische Publikum im Konzerthaussaal hat ohne Unterschied der Parteianschauung Protest gegen diese unerhörte Verletzung der jüdischen Ehre erhoben und das Judentum wehrt sich ebenfalls ohne Unterschied, wenn •Bischof oder „Dötz" seine Ehre antasten. In diesem Kampfe nimmt es keine Rücksicht auf „Entartete" in seinen eigenen Reihen, aber es verlangt Gerechtigkeit in dieser Hinsicht, es dürfen ihm nicht Taten und Handlungen angekreidet werden, die es selbst aufs tiefste verabscheut. 0. H.

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