Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 51 (16.12.1932)
- Date
- 1932-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 50 Groschen iidisdie ie IbcinrkeiT Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien IL. Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A100-918 XLVIII. Jahrgang Wien, 16. Dezember 1932 Nummer 51 Götzendämmerung. i Die Zeit um Weihnachten war immer die Zeit politischer Ruhe. Während früher die politischen Parteien so vernünftig waren, in dieser Zeit sozusagen stillschweigend einen Burgfrieden zu (schließen und, um der durch ihre Kämpfe arg beschwerten Bevölkerung einige Ruhe zu gönnen, von selbst die Fehde einstellten, mußte in diesem Jahre zu den Mitteln des Diktats gegriffen werden, um diesen Burgfrieden herbeizuführen. Dem deutschen Beispiele in dieser Hinsicht! folgte auch unser Bundeskanzler mit seinem vielnmstrittenen Versammlungsverbot. Man mag sich zu diesem Ausweg stellen, wie man will, der Ge-; danke ist sicherlich naheliegend, durch Beschrän- ' l;i!ng der politischen Qefechtsmöglichkeiten endlich , jene Hebung der wirtschaftlichen Betätigungsmöglichkeiten zu entriaren, die insbesondere die österi reichische Kaufmannschaft ohne Unterschied so heiß ersehnt. Hoffen wir, daß durch die Gewährleistung des politischen Friedens, der sich aber , auch auf energische Hintanhaltung der neuestens wieder zahlreich auftretenden antijüdischen Boykottparolen beziehen muß, auch die wirtschaftlichen Erwartungen weitester Kreise in Erfüllung gehen werden. Die Ruhe, die nun eingekehrt ist, ist jedoch, das wissen alle, nur ein labiler Zustand. Man kann; sie als Rulle vor dem Sturm, man kann sie aber auch als Grabesruhe bezeichnen. Das gilt insbesondere von;.C:ier Partei, die sich in den letzten Jahren als eine der unruhigsten auf politischem Gehiete erwiesen hat. Das Kalenderjahr 1932, das nun li.ild zu Ende geht, hinterläßt als wenn auch wahrscheinlich nicht bleibenden Eindruck die Erinnerung;in den geradezu rapiden Aufstieg der Hitler-Partei in Deutschland. In den vielen Wahlgängen, die das deutsche Volk in diesem Jahre mitmachen mußte, sing jedesmal Hitler als Sieger aus dem Kampfe hervor. So war es bis zum 6. November, da der deutsche Nationalismus zum ersten Male seit langer Zeit eine schwere Einbuße erlitt, der kürzlich die nicht minder gewichtige Niederlage in Thüringen, dem ehemals freiheitlichen und nun so reaktionären Lande, folgte. Es scheint, daß das deutsche Volk endlich und — Gott sei Dank — nicht zu spät zur Besinnung kommt, daß es erkennt, welch ungeheure Gefahren der Nationalismus mit sich bringt und daß es diesen verderblichen Nationalismus von sich weist. Die Entwicklung im Schöße der noch vor kurzem so allmächtigen Hitler-Partei scheint unsere Annahme zu bestätigen. Es haben sich innerhalb dieser Partei Leute gefunden, die, schon lange unzufrieden mit den Terrormethoden Hitlers, dessen Allgewalt energisch an den Leib rücken und sich seine Diktaturgelüste nicht mehr gefallen lassen vollen. Wir können von unserem jüdischen Standpunkte nicht sagen, daß Gregor Strasser sympathischer wäre als sein Meister Hitler, mit dem er nun in offener Fehde liegt. Wohl erinnern wir uns an die Rundfunkrede Strassers. die hier in Wien zu so turbulenten Straüenszeneri führte und die, wie in ihrem ganzen Inhalte durchaus gemäßigt, auch bezüglich der Judenfrage einen von Hitler und Konsorten abweichenden Standpunkt einnahm: Strasser erklärte damals ausdrücklich, er wolle keine Judenverfolgungen. (Der an Stelle Strassers eingesetzte neue Organisationsleiter Dr. Ley aus Köln hat wiederholt gefährliche Drohungen gegen die Juden in Deutschland ausgestoßen. Einmal verstieg er sich sogar zu der Drohung, daß, wenn Frankreich nicht nachgeben sollte, alle Juden aus Deutschland ausgewiesen werden würden.) Die ..entgegenkommende" Haltung Strassers wird uns nicht irreführen, wir wissen, wessen wir uns auch von einer durch Strasser geführten nationalistischen Partei zu versehen hätten. Das Wesentliche an seiner Palastrevolution ist allein die Tatsache, daß es im Gebälke dieser nationalistischen Partei, deren Führer noch vor kurzem die Diktatur im großen deutschen Reiche anstrebte, gefährlich kracht und daß diese Zeriallserscheinungen Folgen der endlich beginnenden Abwendung des deutschen Volkes vom verderblichen Wege des Nationalismus sind. Das deutsche Volk wird trotz der politischen Rückständigkeit, die in den letzten Jahren große Teile desselben bekundeten, noch immer das Vo'-k der Dichter und Denker genannt. Die repräsentativen Dichter dieses Volkessind den Irrweg Jes Nationalismus nicht mitgegangen, haben im Gegenteil immer wieder in entschiedensten Worten diesen Nationalismus als Gift für das Volk bezeichnet. Die Stätten dagegen, an denen das Denken gelehrt wird, die deutschen und österreichischen Universitäten, sind in den letzten Jahren zu wahren Hochburgen nationalistischer Reaktion geworden. Professoren und Studenten wetteiferten miteinander in der Betonung dieses Hypernationalismus, die Schüler vor allem durch ihre oft blutigen Judenhetzen, die Lehrer durch die mehr oder minder stillschweigende Duldung derselben. Auch hier scheint sich ein Wandel zu vollziehen. Wir erleben in_ diesen Tagen das Schauspiel des kläglichen Zusammenbruches der einst so mächtigen „Deutschen Studentenschaft", deren Gewaltherrschaft insbesondere wir Juden nachteiligst zu spüren bekamen. Die Stärke dieser „Deutschen Studentenschaft" lag, abgesehen von dem freundlichen Wohlwollen, das sie bei den akademischen Behörden genoß, vor allem darin, daß in ihr neben der überwiegenden Masse von Hakenkreuzlern und Deutschnationalen auch katholisch eingestellte Studenten saßen, die sozusagen den Aufputz dieser Privatvereinigung mit offiziellem Charakter bildeten. Dieser Aufputz verschwindet nun. Die katholischen Studenten haben in Erkenntnis der Nutzlosigkeit des weiteren Verbleibens in dieser Körperschaft, die nur völkischem Nationalismus Bahn brechen soll, sich von der Gemeinschaft mit den Nationalisten losgelöst und wenn auch noch immer sich Führer der akademischen Jugend, darunter bezeichnenderweise der Rektor unserer Universität finden, die eine Stützungsaktion für die zusammengekrachte Gesellschaft zu unternehmen versuchen, der Bruch ist nicht mehr zu verkleistern. Die katholischen Studenten wissen sehr genau, warum sie sich mit ihrer Beschwerde gegen die weitere Anerkennung der „Deutschen Studentenschaft" an das Unterrichtsministerium wenden, dort, wo die Juden so oft tauben Ohren predigten, finden sie, die Gesinnungsbrüder, besseres Gehör. Auch hier sehen wir also eine Abkehr vom Wege des Nationalismus. Wie ist das nun mit uns Juden? Beweisen auch wir die gleiche Einsicht, die endlich weite Kreise des deutschen Volkes bekunden? Die Wahlen vom 4. Dezember haben uns gezeigt, daß wir Juden, die wir uns auf unseren Verstand so viel einbilden, nicht das Recht haben, in politischer Hinsicht diesbezüglich allzu stolz zu sein. Die Umwelt gibt dem schädlichen Nationalismus den wohlverdienten Fußtritt, die Wiener Judenschaft aber erhebt durch Indolenz und Gleichgültigkeit eine Partei auf den Schild, die — mutatis mutandis — den gleichen Nationalismus predigt. Wir sind gespannt, wie die neuen Herrschaften in dieser Zeit der Abkehr vom Nationalismus ihre nationalistischen Aspirationen verwirklichen werden. In den diversen „Siegesfeiern", mit denen die Wiener Judenschaft in den letzten Tagen beglückt worden ist, wurden die oft gegebenen Versprechungen neuerlich wiederholt. Man wird genau darauf achten müssen, was davon gehalten werden wird und vor allem wie es gehalten werden wird. Wir bewahren in dieser Hinsicht unseren Skeptizismus und hegen deshalb unverdrossen die Hoffnung, daß die Vernunft, die zur Götzendämmerung im deutschen Volke geführt, auch im Judentum Platz greifen wird. Oseld. te 8 sehe gar rger seht 5tugen luld icht öd- 2ht, in n. tll te n e s n l i i Polnischer Brief. Lemberg hat sich wieder einmal ausgezeichnet. Es gab eine blutige Woche, die an die schwersten Zeiten, die die Juden in der Nachkriegsperiode erlebten, gemahnt. Ein Spektakel, das furchtbar interessant wäre, wenn . . . ia. wenn es nicht so furchtbar wäre . . . Es Stab ein Spektakel mit Prolog und zwei Akten, mit Höhepunkt und Lösung des Konflikts, mit allem Drum und Dran, wie es nicht einmal Gustav Freytags vom Leben längst überholte „Technik des Dramas" besser vorschreibt . . . Beginnen wir also beim Prolog. Der ist wirklich nicht der Rede wert. In einigen Dutzenden von Geschäften Scheiben eingeschlagen, hie und da in Geschäften an der inneren Einrichung Schaden angerichtet, jüdischen Passanten ein paar Hiebe verabreicht und dergleichen Kleinigkeiten mehr. Das Ganze wäre gar nicht wert gewesen, der Nachwelt überliefert zu werden, wenn nicht . . es klingt unglaublich — wenn nicht der Lemberger üemeinderat oder eigentlich der Bürgermeister . . . Der ist an allem schuld. Und das kam so: Der Bürgermeister beantragte eine, übrigens vom Gemeinderate angenommene, Resolution, daß die letzten antisemitischen Exzesse der nationaldemokratischen Akademiker schäristens getadelt werden und daß sich die Mehrheit der Bevölkerung mit Entrüstung von diesen, den guten Ruf Lembergs und der polnischen Akademiker schädigenden Vorgängen abwendet. Es ist selbstverständlich, daü diese Einmischung des üemeinderates in die „inneren" Angelegenheiten der Akademikerschait diese besonders aufregen mußte, und ebenso selbstverständlich, daß die antisemitische Presse die Haltung des „verjudeten" Gemeinderates und besonders des Bürgermeisters „gebührend würdigte" . . Die Jugend, für nationale Belange besonders empfänglich, sehnte den Augenblick herbei, um an Judenköpfeu die ..schmähliche Haltung des Bürgermeisters" zu rächen. Dieser Augenblick kam bald. Und da sind wir beim 1. Akt. Schauplatz: Eine durch zwei berüchtigte Nachtcuies bekannte Lemberger Straße, die wegen ihrer wüsten nächtlichen Szenen den Behörden oft Anlaß zum Einschreiten gibt. Nebenbei befinden sich dort auch — es klingt wie Hohn — einige Bethäuser, deren Besucher in den Abendstunden oit vom Mob belästigt werden. Am Gehsteig dieser Straße nun ..trafen sich" am kiitischen Tage, um 1 Uhr nachts, zwei Gesellschaften. Die eine bestand aus einigen bezechten polnischen Akademikern, die andere aus nicht minder lustigen jüdischen jungen Leuten, deren Beruf hier diskret verschwiegen werden soll. Die Juden, die das Trottoir „beherrschten", wurden von den Hochschülern aufgefordert,