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Die Wahrheit · 1932-09-30 · Heft 40-41 (30.9.1932) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 40-41 (30.9.1932)
Date
1932-09-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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1WAmmrr I ilu bei« y Hebräisch- Unterricht. Von Prof. Dr. Manfred Papo, Obmann des Verbandes der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen. Jahrzehnte hindurch hat die jüdische Oeffentlichkeit vom Religionsunterrichte nicht viel gehört: und wenn einmal über dieses Thema gesprochen wurde, dann wurde alles eher als Gutes gesagt — es ward sozusagen Mode, den Religionsunterricht zu verunglimpfen. Kein Wunder. — eine Institution, die keiner einzigen jüdischen Richtung entspricht — woher sollten auch die Sympathien konlen? Von den liberalen Juden als belanglose Nebensache ignoriert und nur soweit geduldet, als das Kind ohne Mühe, also ohne etwas zu lernen, eine gute Note bekam, von den Zionisten als ihren Intentionen widersprechend scharf bekämpft, von der Orthodoxie als zu freidenkend geächtet — so sah und sieht es mit dem Religionsunterrichte aus — und weil die jüdische Oeffentlichkeit der Sache btenun interesselos, ablehnend oder gar feindlich gegenüberstand, haben die Bemühungen der Inspektoren und Lehrer auch zu keinem nennenswerten Erfolg geführt. Von dieser Seite sind gerade jetzt besondere Bestrebungen zu verzeichnen, die erforderliche Modifikation des Religionsunterrichtes durchzuführen und ihn so einzustellen, daß er von Seiten der jüdischen Oetfentlichkeit aller Parteirichtungen — soweit als möglich — gutgeheißen und gefördert werde. Die Voraussetzung hiefür ist natürlich eine genaue Information aller jüdisch Interessierten über unsere Pläne und Ziele, was denn auch den Zweck dieser Zeilen darstellt. In jüngster Zeit ist uns ganz unverhofft ein bedeutender hilfreicher Faktor erstanden. Der Unterricht in biblischer und nachbiblischer Geschichte war eigentlich nie umstritten und hat auch keinem halbwegs tüchtigen Lehrer Schwierigkeiten bereitet. Anders das Hebräische — das war immer das Sorgenkind und ist es noch heute. Während nun in den letzten Jahren von einzelnen Lehrern verschiedene Methoden für den Hebräisch-Unterricht erprobt wurden, begann sich etwa im April dieses Jahres eine neugegründete Institution intensiv für die Sache zu interessieren. In Berlin wurde der „B'rith iwrith olamith" (Hebräischer Weltbund) gegründet, der durchaus parteilos ist und alle Freunde der hebräischen Sprache ohne Unterschied der Partei richtung vereinigt. Als Unterabteilung dieses Bundes fungiert die „Histadruth Iwrith" in Wien, die für Oesterreich dieselben Ziele verfolgt. Der Leiter dieser Organisation, Herr Rechtsanwalt Dr. D. Rothblum, hat in richtiger Erkenntnis der Sachlage sein Hauptaugenmerk der Jugend zugewendet und die Wiener Rabbiner und Lehrer aller Schulkategorien zur Mitarbeit eingeladen. Aus dieser Einladung ist bereits eine überaus erfreuliche Institution hervorgegangen: Eine laut Beschluß alle zwei Monate tagende Konferenz der Rabbiner und Lehrer. Diese Versammlungen tragen zwar durchaus privaten Charakter, aber gerade darum, weil eben nur ideelle Motive zur Teilnahme gegeben sind, weil jeder auch nur scheinbare Zwang vermieden ist und nur die wirklich Berufs- und Arbeitsfreudigeu erscheinen, geben diese Konferenzen Anlaß zu schönen und erfolgversprechenden Erwartungen. In der ersten Konferenz hat Herr Oberrabbiner- Stellvertreter Dr. Feuchtwang in einem ausführlichen und begeistert aufgenommenen Referat die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen „Histadruth'" und Lehrerschaft besprochen und so den Grundstein zu dieser schönen Arbeitsgemeinschaft gelegt. In der zweiten Konferenz sollte bereits die wichtigste Frage unter dem Thema: „Wie erreichen) wir unter den gegebenen Voraussetzungen Höchstleistungen im Hebräisch-Unterricht an unseren Mittelschulen" behandelt werden. Mit dem Referate wurde der Schreiber dieser Zeilen betraut und da sich die anwesenden Inspektoren und Lehrer im großen und ganzen mit den Ausführungen einverstanden erklärten, sei es gestattet, die wichtigsten Punkte, die für das Interesse der Allgemeinheit besonders in Betracht kommen, darzulegen. Bei näherer Betrachtung zeigen sich die ..gegebenen Voraussetzungen" fast durchwegs als Schwierigkeiten und Hindernisse. Sehr traurig, beinahe beschämend isi die Tatsache, daß nach allgemeiner Erfahrung der Widerstand gegen ernstes, zielbewußtes Arbeiten im Hebräisch-Unterricht nicht etwa bei der Jugend, sondern in erster Linie bei den Eltern zu finden ist. die immer wieder in der verschiedensten Form denselben Einwand vorbringen: Wozu? Wozu sollen die Kinder, die doch nicht „nach Palästina auswandern wollen" Hebräisch lernen? Besonders schmerzvoll muß man es empfinden, wenn man hie und da den Vorwurf hört: Die armen Kinder sollen noch eine „fremde" Sprache lernen! Wissen es jene Juden denn gar nicht, daß sie mit der Bezeichnung „Fremdsprache" für Hebräisch ihre völlige Entfremdung dem Judentum gegenüber deklariert haben? Und diese Eltern, die gegen diese „Fremdsprache" entschieden Stellung nehmen, sind natürlich ängstlich besorgt, daß ihr Kind tatsächlich fremde Sprachen — auch nicht moderne — mit gutem Erfolg studiere. Der Jude, der die jüdische Literatur kennt, wird überall mehr Achtung finden, als derjenige, der keine Ahnung hat. daß es eine jüdische Literatur gibt, und zwar eine solche, auf die wir alle stolz sein können. Wie mag auch die Achtung von außenher kommen, wenn wir selbst all das mißachten, was einzig und allein uns die Achtung der Außenwelt eintragen und verschaffen könnte? Und darum soll und muß die jüdische Jugend Hebräisch lernen, damit sie mit der jüdischen Literatur genau so vertraut sei wie mit der deutschen, damit sie auf der Grundlage ihrer Kenntnis des Judentumes imstande sei. sich selbst als Juden achten zu Jemen und auf diesem Wege auch der Umwelt Achtung einzuflößen. Gewiß, etwas schwieriger hat es die jüdische Jugend durch diese Doppelarbeit — aber wenn wir Juden als Juden nie andere Schwilerigkeiten und Widerwärtigkeiten zu bekämpfen hätten, als diese — wir könnten zufrieden sein: und sicherlich ist das Ziel Innerer Ausgeglichenheit und gefestigten Selbstbewußtseins des etwas mühevollen Weges wert. Aber mit diesem Weg ist es gar nicht so schlimm. Das Märchen von der ganz besonderen Schwierigkeit der hebräischen Sprache ist leider noch sehr stark verbreitet — bei denjenigen, die vom Hebräischen keine Ahnung haben. Ein Schulbeispiel Im engsten Sinne des Wortes mag die Sache beleuchten: „Gretl". so fragt man eine tüchtige, nette Sextanerin. „was kommt Ihnen schwerer vor, Latein oder Hebräisch?" „Natürlich ist Latein viel schwerer," lautet prompt die Antwort. „Nun aber, liebe Gretl. fragen Sie bitte mal Ihren Herrn Vater" — ein Rechtsanwalt, der in Wien Mittel- und Hochschule absolviert hat — „welche von beiden Sprachen er t'ür schwerer hält." Der Vater iand „natürlich" Hebräisch viel schwerer--Kommentar überflüssig. Allerdings muß — was ja selbstverständlich ist — beim Unterricht zielbewußt und methodisch vorgegangen werden. Es muß besonderer Wert darauf gelegt werden, das Ziel nicht zu hoch zu stecken und so Unerreichbarem nachzujagen. Wiewohl es sicherlich sehr schön und begrüßenswert wäre, die Mittelschuljugend so weit zu bringen, daß ihr auch das moderne Hebräisch als Umgangssprache geläufig sei. muß dieses Ziel als zu weitgehend zurückgestellt werden und müssen wir uns damit begnügen. Hebräisch als klassische Sprache, als Sprache der Bibel und der religiösen Literatur zu lehren, ähnlich wie etwa Latein an der Mittelschule getrieben wird. Dieses Ziel ist unschwer zu erreichen und muß auch für die gegenwärtigen Verhältnisse genügen. Freilich soll, wo immer es tunlich ist. hiefür besonders interessierten Schülern die Möglichkeit gegeben werden, sich neben dem obligaten Religionsunterrichte in fakultativen Kursen auch mit modernem Hebräisch als Umgangssprache zu befassen. (Schluß folgt.) Jeder Xeser hat dasWortl X ustfkwiftcn aus dem (FubfiGum Radio-Budapest. Erster hebräischer Gesangsvortrag am 20. IX. 1932. In schwungvollen, wie von heller Siegesfreude durchpulsten Artikeln hat die Budapester jüdische Wochenschriit „E g y e n 1 ö s e" g" durch mehrere Wochen der jüdischen Oeffentlichkeit verkündet: Am 20. September 1. .1. wird der erste hebräische Gesangsvortrag in Budapest durch das Radio verbreitet werden. Dabei wurde unter besonderer Betonung darauf aufmerksam gemacht, daß dieser Tag als ein historischer Gedenktag festzuhalten sei: denn es sei das erstemal, daß hebräische Tempelgesänge in Budapest durch das Radio auf unübersehbare Weiten zur Verbreitung gelangen. Zum Schlüsse wurde von Seiten der Redaktion auch noch der Wunsch ausgesprochen, es mögen die Hörer ihre Meinung über die Darbietungen äußern, damit man ein Urteil darüber gewinne, was in Zukunft an solchen hebräischen Abenden und wie es gebracht werden soll. Ich habe diese Nachricht mit Freude begrüßt, weil ich mit ihrer Verwirklichung die Gelegenheit gegeben sah. vor der großen Oeffentlichkeit aufzuzeigen, welch hohe Stufe von Kultur und Aesthetik der Synagogengesang seit seiner Reformierung durch den Großmeister S u 1 z e r erreicht hat. Um dem redaktionellen Ersuchen auf Bekanntgabe der Meinung über das Gehörte flgglenlsdies Köniöslichl ■iMi'iiiiiniiiiiiiiiiiiii'i^i'iiiiiiiiiiiii Seit vielen Jahren dasa..erkannt beste tyb-nn&i Mao achte auf die g«i. gaich. Mark* „Hygtan. KSnleallclit" und Name Sduria Fabrik und Büro: mtmm XIV., BrauaMrsctMMaMM S Teiephan R 3fr 1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeftlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt in voller Objektivität nachkommen zu können, habe ich alle Vorträge dieses Abends mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgt und will nun bei strengster Unparteilichkeit mein Urteil über das Gehörte abgeben. Durch einen „M a t a u w u" eines unbekannten Komponisten wurde der Abend eingeleitet Ueber seine Bedeutung in musikalischer Beziehung ein Urteil abzugeben, erübrigt sich schon aus dem Grunde, weil dieser Vortrag mit jüdischer Musik absolut nichts zu tun hat. demnach in den gegebenen Rahmen nicht paßte. Als zweite Nummer kam ein „Unessane taukei" zum Vortrage, eine gediegene echt traditionell-jüdische Komposition des verewigten Oberkantors Moritz Friedmann, die von dem ausführenden Solisten leider derart verschnörkelt und verzerrt zu Gehör gebracht wurde, daß die ursprüngliche Komposition überhaupt nicht zu erkennen war. Der hierauf folgende „U w e n u c h o iaumar" eines unbekannten Komponisten hatte ebenso wie der zitierte „Ma tauwu" absolut nichts mit jüdischer Musik gemein und entzieht sich damit jeder Beurteilung an diesem Platze. Nun brachte das Programm einen ..Jehi rozaun" vom „Rosch chaudesch-Benschen" ohne Autoraugabe. Eine echt jüdische Komposition, die aber schwer darunter zu leiden hatte, daß der Solist die hebräische Sprache offenbar nicht vollkommen beherrschte und deshalb auch unrichtig akzentuierte, was speziell bei den sachverständigen Hörern einen unangenehmen Eindruck hervorrufen mußte. Ein darauf folgender „K i d u s c h". an sich eine sehr gelungene Komposition des Kantors Samuel Stark aus Neu-Pest. klang durch unrichtige Interpretation des Vortragenden wie eine mißlungene Karikatur eines schönen Tonstückes. Zum Schlüsse hörten wir den großen Es-dur „Adon au 1 om" des christlichen Komponisten Wenzel Würfel, eines Freundes S u I z e r s. der diese Arbeit unter voller Namensgabe in seinem „Schir- Zion" veröffentlicht hat. Gewiß eine sehr schöne, künstlerisch hochstehende, aber rein kirchliche und keineswegs jüdische Komposition, die auch noch dadurch schwer belastet erschien, daß der Solist dabei in ganz unpassenden Gesangsverbrämungen zu extemporieren sich erlaubte. Derlei Extravaganzen mögen bei profane» Arien wohl toleriert werden, bei einem so ausgesprochen seriösen Tonstück aber wie dem vorliegenden erscheinen sie ganz deplaciert und verbieten sich damit von selbst. Ich habe diesem Abende mit großer Freude und noch größeren Erwartungen entgegengesehen und es berührt mich heute schmerzlich und tief, kein anderes Referat darüber erstatten zu können. Bei Besprechung einer so wichtigen und. wie ich zuversichtlich hoffe, auch zukunftsreichen Angelegenheit, fühle ich mich aber zu vollster Wahrheit und Aufrichtigkeit verpflichtet, darf keinem zuliebe oder zuleide reden und, immer das hohe Ziel der Hebung von jüdischer Musik fest im Auge haltend, stelle ich, um zukünftige Aufführungen auf ein höheres Niveau zu stellen, folgende Anträge: 1. Möge in Zukunft ein Komitee von Fachleuten mit der Zusammenstellung des Programines betraut werden: 2. soll an diesen Abenden nur jüdische Musik indischer Autoren zu Gehör gebracht werden: 3. soll darauf gesehen werden, daß das Hebräische richtig ausgesprochen und also auch richtig akzentuiert werde, und 4. soll der Name Gottes bei diesen Anlässen niemals voll ausgesprochen, sondern immer nur in der herkömmlichen Art durch die bekannten anderen Worte ersetzt werden. Es wurde nämlich von streng religiös eingestellten Juden lebhaft bedauert und schwer empfunden, daß diesmal von dieser Regel abgegangen und der Gottesname voll ausgesprochen wurde. Denn dies darf nach den geltenden Geboten nur an geheiligter Stätte (wie z. B. im Tempel) oder bei Ausführung religiöser Funktionen geschehen. Heinrich Fischer. Oberkantor im Stadttempel der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. „Charakterlosigkeit". Der .lournalist Lenz, ein geborener Jude, der ursprünglich Levy geheißen hat. wurde vom ..Hellseher'" Hanussen, ebenfalls geborener Jude (sein wirklicher Name ist Steinschneider) als Redakteur für -die Berliner „Hanussen- Zeitung" engagiert, in welcher „Hitlers größte Tag e" und das Kommen des ..Dritten Reiches" aus den Sternen vorangekündigt werden. Lenz sah sich außerstande, einen — wie er sagt „idiotischen" — Artikel Hanussens abzudrucken, verließ die Redaktion und klagte vor dem Arbeitsgericht auf Gehaltszahlung bis End'e der Kündigungsfrist. Vor dem Richter erklärte er, er habe zwar die Tendenz der „Hanussen-Zeitung" als Herold Hitlers schon früher gekannt, den Artikel Hanussens mußte er aber wegen „mangelnder wissenschaftlicher Objektivität" zurückweisen. Auf die Erklärung Hanussens, er habe nur das geschrieben, was er „in den Sternen gelesen" habe, erwiderte Lenz, Hanussen habe die Sterne „korrigiert". Der Richter wies die Klage von Lenz ab. In der Begründung heißt, es. Lenz habe Hanussens Nazi-Vorliebe schon früher gekannt; wenn er Hanussen jetzt Charakterlosigkeit vorwerfe, so sei es von ihm als geborenem Juden noch charakterloser, wenn er jetzt erkläre, er habe gegen die Sache selbst nichts einzuwenden gehabt.

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