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Die Wahrheit · 1932-06-24 · Heft 26 (24.6.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 26 (24.6.1932)
Date
1932-06-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLV1U. Jahrgang Wien, 24. Juni 1932 Nummer 26 Gratis «gebe ich h 9Q Haferl-Hosen nicbts, aber zu Spottpreisen Bauern-Janker .... Windjacken Imprägniert Rucksäcke (Molmax} von S 9.80 „ 16.90 „ 5.50 M >ORTVATTFD oER BILLIGSTER WIPPLINGERSTR-xO Neue Wege der jüdischen Selbstverteidigung. Von Marcus Silberschatz. Der aktuelle Wert der in diesem Artikel enthaltenen Anregungen soll durch den Hinweis darauf nicht verkleinert werden, daß die Schaffung einer jüdischen Ruhmeshalle bereits von dem im Vorjahre verstorbenen Vizepräsidenten der „Union", Hofrat Ins. Josef Löwy. geplant war. Der Abbröcklungsprozeß und die Zerf allserscheinungen, die sich im jüdischen Lager in verschiedenen Staaten bemerkbar machen, sowie die andauernde Judenhetze erfordern auch eine ständige Suche nach neuen Abwehrmethoden. Von zwei konkreten Mitteln soll hier gesprochen werden. Erstens: Das Judentum besitzt ein gewaltiges geistiges Arsenal, in dem kräftige Abwehrwaffen geschmiedet werden könnten, mit welchen die jüdischen Massen sich sehr leicht ausrüsten ließen. Es sei gestattet, als Vorbereitung zu folgenden Darlegungen zuerst die Sache flüchtig von einem Gesichtspunkt zu berühren, der, unabhängig von seiner Bedeutung im Dienste der Selbstverteidigung, auch sonst im jüdischen Interesse dringend Aufmerksamkeit erfordert. Es ist eine traurige Tatsache, daß in den allermeisten jüdischen Kreisen über die äußerst hervorragende Rolle des Judentums in der Gesamtkultur nur wenig bekannt ist. Sehr schlecht bestellt ist es diesbezüglich in gewissen weiblichen Kreisen des Westens, die nicht einmal jüdische Zeitschriften zu Gesicht bekommen und auch die in anderen Blättern nur selten auftauchenden Nachrichten über jüdische Leistungen nicht lesen. Zahlreiche männliche Kreise sind in dieser Hinsicht nicht besser informiert. Auch sehr viele Abonnenten von jüdischen Organen, die entsprechende Mitteilungen bringen, lesen diese im Drange der Geschäfte nicht. Auch unter der jüdischnationalen Jugend beobachtet man in dieser Hinsicht nicht selten eine frappierende Unkenntnis. Im allgemeinen kann man noch sagen: der deutsche Jude hat keine Ahnung, daß dieser oder jener berühmte Franzose jüdischer Herkunft ist; der franizösische Jude weiß noch weniger vom deutschen; beide zusammen kaum etwas vom italienischen. Wundern darf dies alles unter den gegebenen Verhältnissen nicht, denn sogar in jenen Kreisen, die vermöge ihrer Tätigkeit entsprechende Themen zu behandeln haben, herrscht diesbezüglich oft Unklarheit und Unkenntnis, da nicht selten über die jüdische Abstammung von Weltberühmtheiten sogar im Lande und im Ort ihres Wohnsitzes allgemeine Unkenntnis oder Ungewißheit besteht. (Es sei nur an das Rätselraten um Chaplin erinnert; ähnlich war es mit einem weltberühmten Biologen, dessen jüdische Herstammung, auch seinem nächsten Kreise unbekannt, erst durch mühsame Nachforschungen eines jüdischen Journalisten festgestellt werden konnte. Es ist in diesem Zusammenhang von jüdischer Abstammung die Rede, ohne daß hiebet die prinzipiell ablehnende Stellung gegenüber Ausgetretenen und Konvertiten betont zu werden braucht.) Wenn aber jedem Juden die grandiosen Leistungen seines Stammes in entsprechender Art zum Bewußtsein gebracht und eingeprägt würden, wenn er erkennen würde, daß viele Errungenschaften der Technik, die ihm d e n A111 a g auf Schritt und Tritt behaglich gestalten, von Juden ersonnen oder entdeckt wurden, wie z. B. das Telephon (Erfinder: Philipp Reis), Radioröhre (Lieben), Radiowellen (Hertz), Automobil (Siegfried Marcus) und zahlreiche andere unentbehrlich gewordene umwälzende Neuerungen; daß ganze Zweige der Medizin eigentlich jüdische Wissenschaften darstellen, deren Existenz er selbst oder andere Wohlbefinden oder Errettung aus Gefahren verdanken; daß zahlreiche andere kulturelle Errungenschaften, die der Menschheit zur Zierde gereichen, jüdischen Ursprungs sind; daß ferner eine Bekämpfung des schöpferischen jüdischen Geistes ein© Schädigung der gesamten Kultur bedeutet, so würde auch der Indifferenteste, der sonst keinen Zusammenhang mit dem Judentum empfindet, seinen Stamm lieben und achten lernen. Sogar die verächtliche Spottgeburt des jüdischen Antisemiten könnte keine häufige Erscheinung mehr und nur unter gewissenlosen Elementen anzutreffen sein. Ich schlage daher vor, daß alle Kultusgemeinden der Welt, die Alliance, der Joint und andere jüdische Institutionen gemeinsam ein Propagandawerk schaffen, das durch Tatsachenmaterial wirken soll: ein illustriertes „Volkslexikon" in einem Band (nach Art des Werkes von Kohut), das in prägnantester und allerkürzester Form Daten über die Geistesgrößen jüdischer Abkunft enthalten soll; in einem Anhang eine Aufzählung jener Disziplinen, in denen die Juden besonders Hervorragendes geleistet. Es müßte in allen Sprachen jener Länder, in denen die Juden in größerer Zahl wohnen, erscheinen. An jede jüdische Familie müßte ein Werk vollkommen kostenlos abgegeben werden. Ein solches Werk wäre mit keiner Zeitung zu vergleichen, die nach oder sogar vor der Lektüre verschwindet, sondern würde zu einem beliebten Familienschatz. Man schrecke keineswegs, trotz wirtschaftlicher Krise, vor der Verwirklichung zurück, denn es gilt, eine noch größere Krise im Judentum zu überwinden und die Gemeinschaft vor Gefahren zu schützen. Sogar in jedes Haus eines fahnenflüchtig Gewordenen und in jedes Heim eines Judenstämmlings soll ein Werk .Jiineinflattern", um das Aufkommen judenfresserischer Bestrebungen, die bei vielen Mischlingen sich einstellen, nach Möglichkeit einzudämmen. Ueberdtes wären bei entsprechenden Massenauflagen die Kosten eines Bandes verhältnismäßig gering. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß das amerikanische Judentum in einem Jahre 56 Millionen Dollar für philanthropische Zwecke aufbrachte, so dürfen die Kosten eines Propagandawerkes, das nur einen Bruchteil der genannten Summe erforderte, keine Hemmung bilden. Die Lieferung ins Haus könnten jüdische Jugendverbände besorgen. Das gesamte Judentum soll an einem Werke mithelfen, das ein Werk für das Judentum werden soll. Alle Parteien und Richtungen müßten mitarbeiten; jede mag die von ihr bis jetzt angewendeten Abwehrmittel fortsetzen, aber an der neuen Sache teilnehmen. Auch die Daten müßten durch eine großangelegte Aktion beschafft werden. Eine Benützung der Archive der Kultusgemeinden sowie Zugänglichmachung gewisser Archive von Aemtern wäre erforderlich, um Austritte und Namensänderungen festzustellen und so zu einer vollständigen Erfassung jüdischer Leistungen zu gelangen. Das Volkslexikon müßte einwandfrei in seinen Angaben sein, um Ableugnungen über die Abstammung einzelner Personen zu vermeiden, anderseits aber durch eine Fülle von Tatsachen den Verleumdungen über angebliche jüdische Inferiorität ein für allemal ein Ende bereiten. Das Judentum, das auch in kultureller Beziehung zu vermitteln pflegt, wird oft von übelwollenden und auch nichtinformierten Kreisen nur als Vermittler in der Kultur hingestellt, aber in Wirklichkeit sind die Juden die Begründer zahlreicher Wissenschaften. Man sehe sich beispielsweise außer den obgenannten Pionieren der Kultur folgende „Vermittler" an: Einstein, über dessen Geltung doch nicht neuerlich gesprochen werden muß, den Erfinder des starren Luftschiffsystems (David Schwarz); man werfe einen Blick auf das Gebiet der Psyche, deren Tiefen, wie aus der althebräischen Literatur zu entnehmen ist, schon dem jüdischen Altertum vertraut waren und wird in den letzten Jahrzehnten die Begründer folgender Wissenschaften finden: der vergleichenden Märchenforschung (Benfey), der Völkerpsychologie (Lazarus), einer neuen, jedenfalls bahnbrechenden Kriminalpsychologie (Lombroso), der Psychoanalyse (Freud), der Individualpsychologie (Adler); man beachte die große Schar der Empfänger des Nobelpreises (Mediziner, Chemiker, Physiker), der doch niemals sozusagen eine Provision an „Vermittler" darstellte, sondern ausschließlich an schöpferische Geister verliehen wurde, und wird finden, daß das Judentum in der vordersten Reihe der prämiierten Nationen steht. Aber auch eine flüchtige Betrachtung mancher wirklicher „Vermittler" ist am Platze: Georg Brandes entdeckte Talente und war Vermittler zwischen der skandinavischen und anderen europäischen Literaturen; aber sein blendender, dichterisch beschwingter Stil stempelt ihn selbst zu

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