Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 15 (8.4.1932)
- Date
- 1932-04-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Di* aUrUt Erscheint jeden Freitag iiiffiHf'Hiiifimfi mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVII1. Jahrgang Wien, 8. April 1932 Nummer 15 Schädlinge des Judentums. Jede Maßnahme der Zwangsbewirtschaftung in einem Staate hat den untrüglichen Beweis erbracht, daß durch die Zwangswirtschaft wohl Hilfe gebracht, aber keineswegs volle Abhilfe geschaffen werden kann. Vergebens versuchte der österreichische Staat durch die Preistreibereiverordnung die Preisbildung, die das Ergebnis von Anbot und Nachfrage ist, in bestimmte Bahnen zu lenken. Es gelang durch die drakonischen Strafdröhungen, einen Teil der Bevölkerung davon abzuhalten, Ketten- und Schleichhandel zu betreiben, man mußte aber die Ohnmacht dieser Verordnung gegenüber jenen Elementen erkennen, die trotz der Verbote und trotz der angedrohten Strafen gerade die Zwangsbewirtschaftung für ihre Zwecke auszunützen verstanden. Die Strafgerichte häuften Akten auf Akten, verurteilten täglich, und trotzdem wurde schon im Bannkreise des Gerichtsgebäudes, während in den düsteren Sälen ertappte Schleichhändler verurteilt wurden, aufs neue Schleichhandel getrieben. Wieder ist Oesterreich gezwungen, zum Schutze der Zahlungs- und Handelsbilanz und nicht zuletzt zum Schutze der Wirtschaft im Staate valutarische Zwangsmaßnahmen aufrechtzuerhalten. Wieder wird die Uebertretung der Deviseriordnuiüg mit strengen Strafen bedroht und wieder wird aufs neue bewiesen, daß alle Zwangsmaßnahmen nicht verhindern können, daß die Devisenordnung übertreten und dadurch dem Staate und seiner Wirtschaft mancher Schaden zugefügt wird. In den letzten Tagen haben sich die Fälle gemehrt, daß in Oesterreich Nutznießer der Devisenbewirtschaftung verhaftet wurden, die sich über die Strafdrohungen hinwegsetzten, um die Vorteile auszunützen, die die Not der Wirtschaft ihnen bot. Schon die Schaffung der Strafmaßnahmen erfolgte in der Absicht, die fast zwangsläufig eintretenden Ueberschreitungen der Devisenordnung möglichst einzudämmen. Der Gesetzgeber wußte, daß solche Uebertretungen vorkommen werden. Es wundert uns also nicht, wenn fast täglich die Tageszeitungen berichten, daß dieser oder jener Valutenschmuggler von der Polizei aufgegriffen und zur Anzeige gebracht wurde. Es ist sicher traurig, daß die Not der Bevölkerung von gewissenlosen Elementen ausgenützt wird. Viel trauriger für uns Juden aber ist es, daß die Mehrzahl der aufgegriffenen Uebeltäter Juden sind. Gerade in dieser Zeit, die so sehr vom Sturm des Antisemitismus durchbraust ist, ist es ein doppeltes Verbrechen, als Jude sich gegen die Gesetze zu vergehen. Die Schicksalsgeschichte des Judentums ist wohl der beste Lehrmeister dafür, daß die Ursache jedes Unglückes, jeder Krise, jedes wirtschaftlichen und politischen Niederganges den Juden in die Schuhe geschoben wurde. Es fehlt nicht an Hetzern in Oesterreich, die unter Duldung der Preßpolizei bisher offen versuchten, den Juden die Schuld an dem wirtschaftiichen Niedergange beizumessen. An allen Straßenecken, in den demagogischen Ausführungen so mancher Zeitungen müssen wir lesen, daß Juden die Schuld an dem Debakel der Kreditanstalt tragen, daß Juden schuld daran seien, daß der österreichische Staat selbst einen verzweifelten Kampf um die Erhaltung des Gleichgewichtes des Budgets führt. Die Krise, in der wir leben, ist den Antisemiten der beste Schrittmacher, die Krise ist der fruchtbare Boden, auf dem Judenhaß und Judenverfolgung üppig in die Halme schießen. Einen verzweifelten Kampf führen die österreichischen Juden, gegen den latenten Antisemitismus. Durch die Presse, durch öffentliche Versammlungen und durch Flugschriften wird versucht, aufklärend zu wirken. Der Kampf gegen Wir verkaufen und VERLEIHEN Elektr. Lichtbäder , Thermophore . 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Jene Juden, die als Valutenschmuggler aufgegriffen werden, werden dafür, daß sie ein Staatsgesetz übertreten haben, ihrer Strafe zugeführt werden, für das aber, was sie dem Judentum geschadet haben, gibt es keine praktische Strafe. Nur das Gewissen sollte diesen Schädlinge« des Judentums die Schwere ihres Verbrechens am Judentum vor Augen führen. Es ist selbstverständlich, daß die Valutenschmuggler Not, Verzweiflung und alle möglichen Einwendungen zur Entschuldigung ihrer Tat anführen werden. Unentschuldbar aber bleibt das, was sie ihren Glaubensgenossen durch ihre Handlung getan haben. Es gibt für jeden Menschen in seinem Leben Augenblicke, wo er im Interesse des Gesamtwohles seine eigenen Interessen zurückstellen muß. Wiederholt wurde vor mehreren Jahren jenen Juden, die Heimatschutzverbände finanziell förderten, der Vorwurf gemacht, daß sie, die Moral vergessend, Diener der Gewinnsucht sind. Wiederholt wurde von diesen Juden verlangt, daß sie ihre eigenen Vorteile hinter das Wohl der Gesamtheit zurückstellen. Der Gewinn, der ihnen vielleicht nach ihrer Meinung entgeht, wird vervielfacht ihren Kindern zugute kommen, denen es erspart bleiben) wird, dafür zu büßen, was ihre Epigonen getan haben. Wieder ist eine Zeit angebrochen, wo den Juden offen gesagt werden muß, daß es Augenblicke im menschlichen Leben gibt, wo der eigene Vorteil hinter das Wohl der Allgemeinheit zurückgestellt werden muß. So schlecht kann es einem Juden nicht gehen, daß er durch seine Handlungen zum Verräter an seinen Glaubensbrüdern wird. Es gibt vielleicht ein stilles Martyrium, das höher zu schätzen ist als die Taten jener Märtyrer, die wir bewundern können. Es wird in dieser Wirtschaftskrise viel Opfermut und viel Begeisterung von manchem Juden gefordert. Man darf nicht übersehen, daß gerade der jüdische Mittelstand, der zum größten Teile aus Kaufletiten und Angestellten besteht, die mit dem Kaufmannsberufe eng verbunden sind, durch die Devisenordnung hart getroffen und manche jüdische Existenz schuldlos vernichtet wurde. Aber auch von diesen Juden muß verlangt werden, daß sie trotz Verzweiflung, trotz wirtschaftlichen Unterganges die Fahne der jüdischen Ehre hochhalten. Wenn eine solche Forderung an unglückliche, verzweifelte, dem Untergange so nahe Existenzen gestellt wird, so gilt sie noch viel mehr für jene Juden, die heute noch in der Lage sind, zur Erhaltung und zur Errettung der jüdischen Gemeinschaft in diesem Staate werktätig beizutragen. Kein Jude, ohne Rücksicht auf seine religiöse Einstellung, kann sich und darf sich dem Gesetze der Moral, dem Gesetz der Menschlichkeit, der Pflicht gegenüber sich selbst und seiner Familie durch Leisetreten entziehen. Alle Juden dieser Stadt, insbesondere jene, die sich bisher nicht hervorgewagt haben, müssen zusammenstehen, um diese furchtbare Zeit zu überdauern. Es hat gar oft in der jüdischen Geschichte Zeiten gegeben, wo alle Juden, ohne Rücksicht auf ihre religiöse und politische Parteischattierung, ohne Rücksicht auf ihre materielle Situation sich die Hände reichen mußten, um gemeinsam die Front zu bilden, die der Antisemitismus niemals im Sturme niederringen kann. An alle Juden ergeht daher heute der Ruf der Not: Reicht Euch die Hände, schämt Euch nicht Eures Judentums, verlaßt es nicht aus nichtigen Gründen, schützt Eure Zukunft, verteidigt Eure Existenz, helfet den Unglücklichen und schaffet Licht in der Finsternis der Reaktion. Dr. Ernst Feldsberg. Nttaiieder und freunde der „Union" übertfaaen Lebens- und Bemeirtar- Versifflernngen der Sfädiisdien VcreidieraiigsansfaH