Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 12 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064401-3064413--18769-3083834- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Ul£ WAflKHEil Rabbiner Dr. Israel Täglich t Zu seinem siebzigsten Geburtstag' Von Bernhard W a c h s t e i n. litP- 11 s \\ \m ■v Mi if'pi'' m: W<. b , 1 : Ii "i 11 fVf hm III' t 1*1 :i J: UC i1' Pn i * M'I >' i >V i I f^h 4ii\ nü II fflffii Kl Wenn es eines Beweises für das vornehme und zurückhaltende Wesen Dr. Taglichts noch bedürfte, das Verschweigen seines Jubiläunis auch seinen Freunden gegenüber würde diesen erbringen. Durch einen Zufall wurde dieser Tag in der OeffenÜichkeit bekannt, denn auch seine Betätigung und sein äußeres Aussehen ließen nicht erraten, daß er sich dem 70. Lebensjahr nähere. Nun, da wir es wissen, kommt uns der Gedanke, daß diese Jahre auch von einem gehaltvollen Inhalt ausgefüllt sind. Es ist schwer, im Rahmen eines Zeitungsartikels die Persönlichkeit Taglichts in ihrer Eigenart! aufzuzeigen. Aber das kann gesagt werden, daß er die Aufgabe, die er 1893 in seiner Antrittsrede in Wien dem Rabbiner in der Jetztzeit zuweist, voll und ganz erfüllt hat. Was noch am meisten bei einem Manne seines Standes zugänglich ist ist das rednerische Element. Taglicht ist kein Rhetor, kein Mann der bloßen Worte. Seine Reden zeichnen sich ebenso durch ihren Inhalt und ihre Sachtreue, wie durch ihre vollendete Form aus. Von den Reden Taglichts liegen nur wenige im Druck vor und die Veröffentlichung dieser erfolgte auf Veranlassung anderer oder auf Zureden der Freunde. Aber das Wenige genügt, um auch für Fernstehende einen Zugang zur Seele des Urhebers zu finden. Denn wenn bei einer Rede — und dies ist bei der gedruckten der Fall — all die Momente der Aktualität wegfallen, die feierliche Stimmung, das im Zeitpunkt gegebene Stoffliche usw. und sie dennoch in uns einen Eindruck zu hinterlassen vermag, dann hat ihr Schöpfer etwas vom künstlerischen Esprit, der ihn für das Menschliche, Allzumenschliche und das Schicksalhafte in dem Getriebe dieser Welt sehend macht Dies kann von der Taglichtschen Beredtsamkeit gesagt werden. Durch jede seiner Reden leuchtet hindurch Ehrfurcht vor dem Erhabenen, tiefes Naturempfinden, geschichtliches Verständnis für das Gewesene und Verbundenheit mit den Menschen. Insbesondere ist es die Gelegenheitsrede, die den Stempel ihres so gearteten Urhebers trägt indem es ihm gegeben ist, fremdes Leid und fremde Freude als eigenes zu empfinden und in kurzen, aber scharfen Strichen die Situation zu beleuchten. Taglicht ist, wie bereits angedeutet kein Mann mit vordrängendem Tempo. Man kann diese Eigenschaften verschieden werten. Man wind vielleicht an den alten Ausspruch erinnert: m'toch schelo lischmoh ba lischmoh. Aber um so mehr muß anerkannt werden, daß Taglicht zur Feder griff, wo es galt Angriffe gegen die jüdische Gemeinschaft abzuwehren. Ich erinnere hierbei an seine wertvolle Studie „Juden und Judentum in der Darstellung Werner Sombarts". Auch hierin sind die Meinungen verschieden. Manche halten die Abwehr für unnütze Arbeit. Aber dies ist i r r i g. Denn abgesehen davon, daß die Ansichten einer Zeit dem Wandel unterliegen, ist es für uns selbst wichtig, Klarheit über unser Wesen in Gegenwart und Vergangenheit zu gewinnen. Auch wo es galt, andere zu ehren, trat Taglicht aus seiner Reserve heraus. So lieferte er Beiträge für die Festschriften zu Ehren von Siegmund Maybaum, Adolf Schwarz und Alfred Landau. Diesen Tendenzen liegen aber auch alte Traditionen zugrunde. Taglicht hat sein jüdisches Wissen nicht nur aus einer modernen Rabbinerschule geschöpft. Bevor er noch nach Berlin kam, hatte er, ein Sohn frommer Eltern aus der Slowakei, bereits den alten Geist der Jeschiboth seiner Heimat in sich aufgenommen. Der Ausgestaltung und Ausnützung dieses Wissens galt auch später seine freie Zeit. Insbesondere sind es talmudischarchäologische Themen, die sein Interesse erweckten. Die eine oder die andere kleine Studie ist durch den Druck bekannt geworden. Vieles ruht im Schreibtisch nach' dem alten Grundsatz: nonum prematur in annum. Trotz seiner Zurückhaltung in der Veröffentlichung seiner Erzeugnisse — er folgt hierin dem Beispiel der Gelehrten der älteren Generationen — verdankt ihm die historische Kommission der israelitischen Kultusgemeinde, deren Leitung er angehört zwei belangvolle Arbeiten, Die Hebräische Publizistik II. Teil und die Nachlässe der Wiener Juden im 17. und 18. Jahrhundert, welch letztere Arbeit nicht nur für die Geschichte der Wiener Juden von Wert ist, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Finanz- und Wirtschaftsgeschichte dieses Zeitabschnitts darstellt. Aber die Leistung, die intellektuelle gleichwohl wie die ästhetische und) auch die praktische, fließt wohl aus der Persönlichkeit erschöpft sie aber nicht Und da ist es eine Freude, anläßlich dieses Tages unseren Blick auf das Menschentum Taglichts zu richten. Seine feinkultivierte Lebensart, seine Wahrheitsliebe, seine Bescheidenheit und seine unermüdliche karitative Tätigkeit, von der man sagen kann, daß sie lischmoh, nur um der Sache willen, erfolgt, sind Qualitäten, die besonders in unserer verworrenen Zeit ein Gefühl der Erhebung in uns bewirken. Möge es Dr. Taglicht beschieden sein, in seelischer Ruhe und Frische sein segensreiches Wirken noch lange fortzusetzen. * * # Dr. Israel Taglicht wurde am 9. März 1862 in Brezova geboren. Nach Absolvierung der Schule in seiner Heimat besuchte er die Jeschiba in Verbö unter Leitung des Rabbiners Koppel Reich, des späteren Führers der ungarischen Orthoidoxie und die Jeschiba in Szered unter Rabbiner Moses Fuchs, einem der scharfsinnigsten Talmudisten seiner Zeit. Von diesem erhielt er beim Abgange 1879 den „Chaber". Hierauf ging er zur Vervollkommnung seiner Studien nach Berlin. Nach Ab- Isdrias, Rheuma, Gidii Utägige Ischias - Schnellkuren (Italicnische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Fichten-, Koblensäurebäder, Diathermie Heifilnft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilr* methoden taglich von 8-6 Uhr H«5fil«umstfaltf „Ttaermla" L, Franz Josefskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer solvierung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und der Universität erlangte er auf Grund seiner Dissertation „Die Kuthäer als Beobachter des Gesetzes" 1888 den Doktorgrad. 1889 zum Rabbiner autorisiert, trat er im Juli desselben Jahres das Rabbinat in Ungarisch-Ostra an. 1893 wurde er zum Rabbiner des Tempelvereines für die Bezirke VI und VII in Wien gewählt. 1914 wurde er von der Gemeinde zum Rabbiner für die Bezirke XII bis XV berufen. Gleiclizeitig wurde ihm eine Inspektorstelle für den Religionsunterricht an Mittelschulen übertragen. Seit einigen Jahren liest er an der Israelitisch-theologischen Lehranstalt und am Beth Hamidrasch. Ein Verzeichnis seiner selbständig gedruckten Schriften, sowie der Sonderdrucke ist in die „Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Zukunft", herausgegeben von Hugo Gold, S. 568, veröffentlicht. Und nochmals die Schächtfrage. Schweiz, Norwegen usw. das betäubungslose Schächten von Staats wegen verboten ist ist kein Beweis für die wissenschaftliche Berechtigung dieser Verbote. Wir müssen uns aber auch gegen die Behauptung des Herrn Oberfinanzrates Doktor Melkus, als Vorsitzenden des Verbandies der österreichischen Tierschutzvereine, wenden. Es dürfte kaum gelingen, den Nachweis zu erbringen, daß neun Zehntel der Wiener Juden kein Interesse an der Aufrechterhaltung des rituellen Schächtens haben, und daß die Wiener Kultusgemeinde ,mit ihrem starren Festhalten an einer überlebten Gewohnheit' .lediglich die Ansichten einer kleinen Minderheit der eingewanderten Ostjuden vertrete, deren Anwesenheit der westeuropäischen Judenheit selbst nicht erwünscht sei'. Eine solche Unterstellung muß auf das entschiedenste zurückgewiesen werden. Ein Blick auf Ost- und West-, europa und auch auf Amerika und andere Kontinente beweist daß Millionen Juden, welche treu dem Religionsgesetze leben, ein Interesse an dem Aufrechterhalten des rituellen Schächtens haben. Einen Unterschied zwischen Ost- und Westjudentum gibt es weder in dieser Frage, noch sonst in religionsgesetzlichn Dingen. Es ist Aufgabe und Pflicht der jüdischen Kultusgemeinde, ihre Institutionen so einzurichten, daß ohne Rücksicht auf Majorität und Minorität diese Institutionen dem Religionsgesetze entsprechen. Um die Oeffentlichkeit dbch ein wenig über die Beschaffenheit der von mir oft erwähnten Gutachten großer Autoritäten aufzuklären, weise ich auf ein jüngst erschienenes Gutachten vom 5. Juji 1931 hin, das vom Leiter des Schlachthofes in Berlin, Obertierarzt Dr. Junack, stammt in welchem er alle Angriffe der Tierschutzvereine gegen die rituelle Schlachtung als unberechtigt und auch die bisher gemachten Betäubungsversuche als unzureichend bezeichnet hingegen den Schächtschnitt als hinreichendes Mittel zur Herbeiführung der Bewußtlosigkeit erklärt Obzwar ich es für überflüssig halte, will ich doch einige Namen von den früher erwähnten Autoritäten anführen: Virchow, Dubois-Raymond, Waldeyer, Engelmann, Czerny, Fürbinger, Verworn, Graber, Lehmann, Pettenkofer, Lister, Vick, Dammann. Preyer, Crämer, Rubner, Dusser de Barrennc. Krogh, Scherrington und viele andere. Im übrigen haben auch staatliche Stellen, wie zum Beispiel das »Zentrale Gesundheitsamt in Frankreich' und der Preußische Landtag erst in jüngster Zeit die rituelle Schlachtung als von dem Begriffe der Tierquälerei ausgeschlossen bezeichnet. All dies wird aber die Gegner nicht überzeugen '-önnon. Zu den in den letzten Nummern der Zeitschrift des Wiener Tierschutzvereines „D e r Tierfreund" erschienenen Aufsätzen betreffend das rituelle Schächten äußert sich Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang wie folgt: „Es erscheint mir vollständig ausgeschlossen, die Leitung und die Mitglieder des Tierschutzvereines von der Ungerechtigkeit und Unrichtigkeit ihrer Angriffe gegen das jüdisch-rituelle Schächten und das betäubungslose Schächten mit wissenschaftlichen Mitteln zu überzeugen. Das ist ein vergebliches Unternehmen, da sich die erwähnten Körperschaften nicht überzeugen lassen wollen. Es ist deshalb auch müßig, auf historische und religionsgeschichtliche Erörterungen einzugehen. Die Zurückweisung von hunderten, durchaus einwandfreien wissenschaftlichen Gutachten allererster Autoritäten über das Schächten, unter Hinweis auf die Gutachten der praktischen Tierärzte, kann unsere Ueberzeugung von der einwandfreien Richtigkeit der ersterwähnten Gutachten nicht erschüttern. Die wissenschaftlichen Gutachten der Gelehrten beruhen nicht minder auf empirischen Ueberzeugungen und praktischen Ergebnissen von Laboratorienarbeiten. Es ist und bleibt erwiesen, daß die rituelle Schächtung als Tierquälerei nicht bezeichnet werden darf, sowie daß die bisher angewandten Betäubungsmethoden unzureichend sind. Wir haben zu wiederholten Malen erklärt, daß wir gegen eine wissenschaftlich geprüfte Betäubungsmethode, die unserem Religionsgesetze nicht widerspricht, nichts einzuwenden hätten. Größte Autoritäten erklären aber gerade den Schächtschnitt als die bisher beste Art der Herbeiführung des Zustandes der Bewußtlosigkeit. Weitestgehende Diskussionen über diese Fragen und Gegenstände werden zu keinem Ende führen. Wir bezweifeln nicht, daß der Präsident des Wiener Tierschutzvereines, Herr Prof. Dr. Graf Wilhelm Leiningen-Westburg, sowie sicherlich ein großer Teil der Mitglieder des Tierschutzvereines von den besten Absichten erfüllt sind. Wir fordern aber, daß sie das auch bei uns voraussetzen und uns dasselbe Maß von Objektivität zubilligen, wie wir ihnen. Aber, wie gesagt, auf religionsgeschichtliche Diskussionen kann untf werde ich mich nicht einlassen, schon deshalb nicht, weil ich der stärkere Teil bin und in der Lage wäre, Punkt für Punkt zur Evidenz zu widerlegen. Die Berufung auf die Urteile einiger Rabbiner, wie zum Beispiel des verstorbenen Rabbiners Dr. Stein, spielt keine Rolle gegenüber den zahllosen Gutachten und Urteilen anderer jüdischer und nichtjüdischer Autoritäten. Auch die Tatsache, daß in Bayern, in der;W<i lü