Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4 (22.1.1932)
- Date
- 1932-01-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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01E WAHRfffcli Sett» 7 Gemeinde - Htkronik Erste jüdische Selbstfailie für seelisch Notleidende (Wien II„ Pazmanitengasse 6). Am Dienstag, den 19. & M., hat sich unter obgenanntem Titel eine Vereinigung konstituiert, die, aus welchen Motiven auch immer seelisch bedrängten Juden in allen Lebenslagen selbstlos mit Rat und Tat beistehen will, um sie für den Daseinskampf zu wappnen und sie widerstandsfähig zu machen. Insbesondere soll jenen die Hand geboten werden, die in der Flucht vor ihrem bisherigen Glaubensbekenntnis sich Erleichterung versprechen. Die neue Vereinigung, die an alle Schichten der jüdischen Bevölkerung um Mitarbeit und Unterstützung appelliert, die aber auch alle Schichten der jüdischen Bevölkerung in den Kreis ihrer Wirksamkeit ziehen wird, wird bestrebt sein, in inniger Zusammenarbeit mit den bereits bestehenden Wohlfahrtsinstitutionen ihre Ziele zu erreichen. Das hohe Interesse, dem die neue Grübdung begegnet, bekundet sich in der starken Beteiligung bei der konstituierenden Generalversammlung der Vereinigung, der Vertreter von Körperschaften und Vereinen aller Richtungen beiwohnten. Der Leitung, an deren Spitze eine hervorragende jüdische Persönlichkeit stehen wird, gehören auf Grund der vorgenommenen Wahlen folgende Herren an: Armin Auf rieht, der frühere Präsident des Reichsverbandes der Bank- und Sparkassenbeamten Oesterreichs und Rabbiner Dr. Zwi Taubes, Obmannstellvertreter; Oskar Sehr am ek, Schriftführer; Benno Popper, Schriftführerstellvertreter; Dr. med. Josef Schneier, Kassier; ferner als Beiräte: Oberrabbiner-Stellvertreter Dr. D. Feuchtwang, Dr. Sanel Beer, Amtsvorstand Emil Engel, Dr. Ernst Feldsberg, Dr. Isidor K1 a b e r und Regierungsrat Dr. Max Lenk. Zum Zwecke der Aufstellung der notwendigen Sektionen wird noch eine Reihe von Kooptierungen vorgenommen werden. Die Vereinigung hat ihre Tätigkeit bereits aufgenommen; die Beratungsstelle amtiert Montag bis Donnerstag von 6 bis 8 Uhr abends, Wien IL, Pazmanitengasse 6, Telephon R 47-8-63, woselbst auch Beitrittserklärungen entgegengenommen werden. Aschaffenburg. Am vergangenen Sabbath ist hier Distriktsrabbiner Dr. Raphael Breuer einem Herzschlag erlegen. Er erreichte ein Alter von nur 52 Jahren. Die Trauer in der Gemeinde Aschaffenburg und in den benachbarten Gemeinden um den Hingang des geistigen Führers ist außerordentlich groß. Der Trauerfeier am Montag in der Synagoge und der Beisetzung auf dem israelitischen Gemeindefriedhof wohnten außer allen Mitgliedern der Gemeinde Aschaffenburg auch zahlreiche Führer des orthodoxen Judentums von auswärts bei. Dr. Raphael Breuer, ein Gelehrter und Prediger von Ruf. war ein Sohn des 1926 verstorbenen Rabbiners der israelitischen Religionsgesellschaft Frankfurt a. M. Salomon Breuer und mütterlicherseits ein Enkel von Samson Raphael Hirsch, sowie ein Bruder des literarischen Vorkämpfers der separatistischen Orthodoxie R.-A. Isaak ■Breuer in Frankfurt a. M. Raphael Breuer übte 25 Jahre lang das Amt eines Distriktsrabbiners in Aschaffenburg aus. Bei der Besetzung des nach dem Heimgang seines Vaters verwaisten Rabbinatsamtes der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. war er ein aussichtsreicher Kandidat, drang aber nicht durch. Berlin. Rabbiner Dr. Samson Weisse vollendete am 20. Jänner sein 75. Lebensjahr. Er ist einer der Führer der deutschen Judenheit und auch als rabbinische Persönlichkeit weit über Berlin hinaus bekannt. Er wurde 1857 in Waag-Neustadtl (Slowakei) als Sohn des jüdischen Gelehrten und eines der Führer der Aufklärungsbewegung, Rabbiner Josef Weisse, geboren, war zuerst Landesrabbiner in Dessau und wirkt seit 1893 als Gemeinderabbiner in Berlin. Er ist Mitbegründer der Religiösen Mittelpartei, als deren Vertreter er 1926 in die Repäsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin und in den Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden gewählt wurde. Der jetzigen Repräsentantenversammlung gehört er nicht mehr an. Bethausverein Beth Hachneseth, HL, Untere Viaduktgasse 13. Bei dem am letzten Freitag stattgehabten Abendgottesdienst hat Herr Prof. Dr. Kupfer vor Beginn seiner Predigt auf Veranlassung des Vorstandes warm empfundene Worte des Gedenkens für den vor einem Jahre verstorbenen Professor Dr. Heinrich Pol- 1 a k gesprochen. Er gedachte der jahrzehntelangen eifervollen Tätigkeit des Verstorbenen für den Tempelverein und insbesondere seines ersprießlichen Wirkens für die religiöse Erziehung der Schuljugend, die ihm infolge seines liebenswürdigen Wesens und seines warm fühlenden Herzens sehr zugetan war. Herr Dr. Kupfer wies ferner auf die außerordentliche Gelehrsamkeit seines Vorgängers hin. Die zahlreiche Zuhörerschaft, die sich von den Sitzen erhoben hatte, folgte tief ergriffen den Ausführungen des Redners. Auch bei dem samstäglgen Jugendgottesdienst hat Prof. Dr. Kupfer die zahlreich erschienenen Kinder an den verstorbenen Schulrat Doktor Pollak erinnert und sie aufgefordert, diesen liebreichen Lehrer in freundlicher Erinnerung zu behalten. Bei dem samstägigen Vormittagsgottesdienst wurde zum Gedenken an Dr. Pollak von Herrn Oberkantor Lewy ein El mole rachamim rezitiert. Maimonides-Institut. Die Vorträge des Instituts an der Universität, Hörsaal 37 der philosophischen Fakulät, haben nach den Weihnachtsferien am 13. Jänner wieder begonnen. Herr Dr. Kaminka setzt zunächst jeden Mittwoch, um %7—%8 die Erklärung der dichterischen Monologe Hiob 29-31 fort, um dann zu den vor den Ferien behandelten Auszügen aus dem Talmud zurückzukehren. Anfang Dezember war es ein einziges Mal vorgekommen, was in den sechs Jahren, seitdem die jüdisch-wissenschaftlichen Vorlesungen mit Genehmigung des Rektorates regelmäßig in einem Hörsaal der Universität abgehalten werden, sich niemals ereignet hat, daß eine Gruppe von Hakenkreuzler n in die Vorlesung kam, in einer hinteren Reihe Platz nahm und darauf lauerte, irgend einen Anlaß zu einer Störung zu finden. Es wurde gerade eine Stelle aus dem Talmud über religiöse Ethik erörtert und dabei das unrichtige Bild erwähnt, das die Evangelien von den Pharisäern geben, die angeblich im Tempel nur fleißig gebetet hätten, um im Leben desto mehr Inkorrektheiten begehen zu können — als einer der Jünglinge laut in den Saal hineinrief: „Ehrenfest!" — Der Vortragende erwiderte darauf ruhig, er hätte nie gehört, daß dieser Herr jemals in einem jüdischen Tempel gebetet hätte, im übrigen geißle der Talmud selbst am schärfsten die Unwahrhaftigkeit und Unredlichkeit. Die Nazis hörten noch eino Viertelstunde zu und da sie gar keine Gelegenheit zu irgend einer Anrcmpclung fanden, verließen sie demonstrativ das Auditorium. Außer den Mittwochvorträgen an der Universität werden im Institut, II., Praterstraße H, weiter regelmäßig jeden Samstag zwei Vorträge gehalten (344—K>5, Dr. N. Gold stein, 145—546 Dr. A Kaminka), ebenso jeden Montag 6—8 (Psalmen; More Nebuchim). Dienstag 6—8 (En Jakob; Ikkarim) und Donnerstag 6—8 (Mittelalterliche hebräische Literatur; Jüd. Eherecht). Die Vorträge sind allgemein zugänglich (auch für Damen). Teilnehmer-Beiträge und Spenden zur Erhaltung des Instituts werden am besten durch die Postsparkasse (Nr. 129.090) überwiesen. Der Verein zur Bekleidung und Unterstützung armer, alter Männer israelitischer Konfession hat im Jahre 1931 mehr als S 4000.— an würdige greise Glaubensbrüder, teils in Einzelgaben, teils in bestimmten Monatsgaben bar verteilt. Ferner erhielten 130 Männer Kleidungsstücke und Wäsche, welche entweder von edien Gönnern dem Vorstande zugekommen sind oder mit dem Betrage von S!400.— angekauft wurden. Zu Beginn der kalten Jahreszeit hat der Vorstand an 60 Männer je 2 Säcke Kohle zur Verteilung gebracht Wer die glückstrahlenden Gesichter der Beteilten sieht, wenn ihnen ein Anzug oder ein Winterrock oder zur Erwärmung ihrer armseligen Behausung Kohle gegeben wurde und bedenkt, daß viele dieser würdigen Greise nur durch die Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse in diese desolate Lage gekommen sind, der wird es begreifen, was das Wort „Herzensbefriedigung" beinhaltet. Aus den vielen Zuschriften, welche von mit einer Aushilfe Bedachten an den Vorstand gelangt sind, sei die eines vor kurzem verarmten würdigen Mannes hier den Lesern der „Wahrheit" mitgeteilt: Mit innigstem Danke bestätige ich den Empfang von 100 Kilo Kohle mit dem Wunsche, daß der liebe Gott den hochverehrten Vorstand noch lange Jahre gesund und kräftig erhalten möge zum Wohle unserer armen Greise. Eduard H. Ein jüdischer Gelehrter, welchem vom Vereine ein sehr guter Winterrock gegeben werden konnte, war dadurch hochbeglückt und schrieb, „daß die diskrete Art der Schenkung dieser für seine Gesundheit wie für seine Stellung sehr wichtigen Spende ihm neuen Lebensmut gegeben habe". Der Vorstand bittet edle Menschenfreunde um Spenden in Geld oder um Kleidungsstücke, welche nach Verständigung an den Verein, II., Ferdinandstraße 19, von den Spendern abgeholt werden. R. K. Trauungen. Sonntag, den 17. d. M. fand im festlich beleuchteten Pazmanftentempel die Trauung des Fräuleins Licy Schönherz, Tochter des in weitesten Kreisen wohlbekannten Ehepaares Isidor Schönherz, mit Herrn Ing. Otto Donnebaum, Sohn des Ehepaares David Donnebaum, Städtischer und Distrikts-Tierarzt in Mährisch-Weißkirchen, statt. Die schöne Feier hatte zahlreichen Freunden und Bekannten des Hauses Gelegenheit zur Bekundung ihrer Sympathien für die allseits beliebten Brauteltern geboten, und so war das Gotteshaus bis auf das letzte Plätzchen gefüllt, wobei insbesondere die große Beteiligung verschiedener Vereine, in denen Herr Isidor Schönherz seit Jahren ersprießlich wirkt, zu konstatieren war. (Die Mitglieder des Kultusvorstandes hatten ihr Fernbleiben wegen einer dringenden Sitzung in der Gemeinde entschuldigt.) Vornehmlich der Vorstand des Tempelvereines „Aeschel Awrohom", dem der Brautvater als Obmannstellvertreter angehört, war vollzählig unter Führung des Obmannes Oskar Schramek anwesend und erwartete den unter feierlichen Klängen erschienenen Hochzeitszug bei der Chuppah. Rabbiner Dr. Zwi Taubes richtete an das Brautpaar eine innige Ansprache, in der er zunächst das einfache jüdische Wesen der Eltern des Bräutigams schilderte, denen es infolge schwerer Erkrankung des Vaters nicht möglich gewesen ist, zu der Hochzeit des geliebten Sohnes zu erscheinen. Besonders lobend charakterisierte „Porzellan ist Kultur" Ein Sprichwort, das wahr ist! Doch kaufen Sie nur Bei GOTTFRIED, weife klar ist. Sie finden dort alles Für Wirtschaft und Haas Und kommen trotz Dalles Mit wenig Geld ans GOTTFRIED & C9, Taborstr. 61 er die bescheidene Art der jüdischen Wirksamkeit des Herrn Isidor Schönherz, der, unterstützt von seiner Gattin, der jüdischen Gemeinschaft stets mit Eifer gedient und in mehreren Vereinigungen sein Bestes leistet. Dr. Taubes verlieh schließlich dem Glückwunsch des Vorstandes des Pazmanitentempels und der vielen Freunde des Hauses Schönherz, die an diesem Freudentage der geschätzten Familie herzlichen Anteil nahmen, Ausdruck. Die kantorale Funktion versah in wirkungsvollster Weise Oberkantor J. MülIer. — Sonntag, den 17. Jänner d. J., fand im Ottakringer Tempel die Trauung des Fräuleins Grete Deutsch, Tochter des Herrn Samuel Deutsch und seiner Gattin Lotte, geb. Fischer, mit Herrn Fritz Scheu statt. In dem festlich beleuchteten Gotteshause hatte sich eine große Zahl von Freunden und Bekannten der in weiten Kreisen beliebten und geschätzten Familie Deutsch eingefunden, um Zeugen des feierlichen Aktes zu sein. Die hervorragende Betätigung des Brautvaters als Vizepräsident des Vereines zurAusspeisung armer israelitischer Schulkinder und im Vorstände der „Chewra Kadischa" im 16. Bezirk und die hilfreiche Wirksamkeit seiner Gattin im Vorstande des Frauen-Wohltätgkeits-Vereines boten vielen jüdischen Körperschaften und Vereinen willkommenen Anlaß zur Teilnahme. Es waren unter anderen erschienen Kultusvorsteher Medizinalrat Dr. Jakob Deutsch, die Mitglieder des Bethausvorstandes mit dem Obmann Bundesfürsorgerat Sigmund Weiler, der Präsident des Vereines zur Ausspeisung armer Schulkinder Julius Krupn i k und zahlreiche Vertreter der humanitären Vereine. Herr Rabbiner Dr. J. M. Bach hielt an das Brautpaar eine gedankenreiche Ansprache, in welcher er das religiöse Empfinden und! den regen Wohltätigkeitssinn der Brauteltern besonders hervorhob und das Brautpaar ermahnte, solch edlen Beispielen nachzueifern. Die kantorale Funktion versah Herr Oberkantor K o g a n in gewohnt vorzüglicher Weise, begleitet vom Tempelchor unter der bewährten Leitung des Chordirigenten Perh Die Brauteltern und das Brautpaar wurden allseits auf das herzlichste beglückwünscht. Todesfälle. Am 14. Jänner wurde unter großer Beteiligung aller Kreise der Bevölkerung Herr Simon F e u e r zu Grabe getragen. Mit ihm ist ein wertvolles Mitglied der jüdischen Gemeinschaft aus dem Leben geschieden. An seiner Bahre schilderte Herr Rabbiner Prof. Dr. B a c h den Lebenslauf dieses aufrechten Juden. Obwohl der Verewigte in seinem Berufe immer höhere Stufen erklomm, trotzdem er der weit über die Grenzen Wiens hinaus anerkannte Meister seines Faches wurde, blieb er in seinem Tun und in seinem Wirken doch der einfache Jude, der er immer gewesen ist. Mit seinem Gotte im Herzen stieg er die Stufenleiter des Erfolges empor, mit seinem Gotte im Herzen schloß er seine Augen. Außer seiner Gattin, seinen Kindern, Schwieger- und Enkelkindern trauerte an der Bahre die große Zahl der Freunde, vor allem die Mitglieder der Chewra Kadischa, dter er als aufrechter, guter und traditioneller Jude stets angehörte. Der Geist des Judentums, der ihn erfüllte, ist auch der Leitstern im Herzen seiner Kinder, die durch Werke jüdischer Nächstenliebe und durch ihr treues Bekenntnis zu jüdischer Tradition zu Lebzeiten ihres Vaters ihn ehrten und nunmehr nach seinem Tode durch ihr Festhalten an den Grundsätzen ihres Vaters dessen Andenken hochhailten werden. — Im Alter von 60 Jahren verstarb in Wien Universitätsprofessor Dr. Leo F leise hmann, der über Deutschland und Oesterreich hinaus berühmte Bahnbrecher der Zahnheilkunde. Seit zehn Jahren war er Präsident der Zahnärztlichen Gesellschaft Wiens. Er veröffentlichte eine größere Zahl von Wissenschaft' liehen Werken zur Zahnheilkumle.