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Die Wahrheit · 1931-12-04 · Heft 49 (4.12.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 49 (4.12.1931)
Date
1931-12-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16—Postsparkassenkonto Wien: A100918 XLV1I. Jahrgang Wien, 4. Dezember 1931 Nummer 49 Die Kapitulation vor dem Hakenkreuz. Wenn noch jemand darangezweifelt hatte, daß Oesterreich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, so haben die Ereignisse der letzten Woche den Beweis hiefür untrüglich erbracht. Einige Tage hindurch gab es ein überaus hartes Ringen mit den Vertretern der ausländischen Gläubiger der Kreditanstalt, die hieher gekommen waren, um auf die Regierung einen ziemlich unsanften Druck auszuüben, damit diese ihnen die Kreditanstalt mit ihrem Industriekonzern, der etwa zwei Drittel der gesamtösterreichischen Industrie umfaßt, gewissermaßen ausliefere. Ohne Uebertreibung kann gesagt werden, daß es um nichts weniger ging als um die Zukunft des ganzen österreichischen Wirtschaftslebens, um die wirtschaftliche Freiheit des ganzen Volkes, dem die Ueberfremdung, ja geradezu die Versklavung drohte. Es war ein hartes Ringen zwischen Bundeskanzler und Finanzminister einerseits und den Diktatoren der Auslandsgläubiger anderseits; Konferenzen und Besprechungen wurden abgehalten, die bis nach Mitternacht dauerten, und wiederholt war die Situation aufs äußerste gespannt, gewissermaßen auf des Messers Schneide. Schließlich gelang es nach zähem Verhandeln ein Kompromiß zu finden, das vielleicht geeignet sein mag, Oesterreich zumindest vor dem Allerschlimmsten zu bewahren. Während also die Aufmerksamkeit aller Oesterreicher diesen Verhandlungen gewidmet war, während man mit höchster Spannung die täglichen, ja stündlichen Bulletins über deren Verlauf erwartete — konnte sich zu gleicher Zeit ein Ministerrat mit der „höchst wichtigen und dringenden" Angelegenheit des . . . „Studentenrechtes" befassen und angesichts dieser Situation fand man Zeit und Muße genug, um den dahingehenden Gesetzentwurf des Unterrichtsministeriums die Zustimmung zu erteilen, der nunmehr dem Nationalrate unterbreitet werden soll. Hat man es da nicht mit einer Erscheinung zu tun, die hinsichtlich der „unbegrenzten Möglichkeiten" einen Rekord schlägt?! In der letzten Woche wurde die ganze Welt wegen der sogenannten „Boxheimer Dokumente" über den Kriegsplan der Hitlerianer in Aufruhr versetzt (von dem übrigens der „Wirtschaftsplan" der ungarischen Putschisten nur ein ganz sinngetreuer Abklatsch ist). Das, was in dem hessischen Plan vorgesehen wird, ist derart blutrünstig, daß selbst Hitler sich veranlaßt fand, seine Echtheit zu bestreiten, obwohl diese einwandfrei festgestellt worden ist. In Oesterreich haben zu gleicher Zeit die Nationalsozialisten eine Hetze gegen die Christlichsozialen und besonders gegen Dr. Seipel arrangiert und einen „Parteibefehl" herausgegeben, über den sich das Hauptorgan dieser Partei in überaus bitteren Worten beklagt. In Deutschland hat das katholische Zentrum längst das Tischtuch zwischen sich und den Hakenkreuzlern zerschnitten; die katholischen Bischöfe haben dem Hitlertum den Krieg erklärt. ja selbst der Vatikan hat überaus scharf gegen diese Bewegung Stellung genommen — zu gleicher Zeit aber gebärdet sich die christlichsoziale Partei in Oesterreich national, macht einen Kotau vor den hakenkreuzlerischen Studenten und ihr Organ windet sich nach allen Seiten, um für das „Volksbürgerrecht" eine Lanze zu brechen ... Ist da nicht wiederum der Gipfel der unbegrenzten Möglichkeiten erreicht?! Die Grundzüge des neuen „Studentenrechtes" sind nunmehr bekannt. Trotz aller Versuche, den wahren Sinn desselben zu verbergen, ist es jedem Einsichtigen klar, daß es den Initiatoren und Schöpfern dieses „Rechtes" hauptsächlich darum geht, die Hochschulen den Hakenkreuzlern ganz auszuliefern. Die „Reichspost", die sonst für moderne Ideen nur sehr wenig übrig hat und sich immer mit Händen und Füßen gegen jede Konzession an den ominösen „Zeitgeist" wehrt, findet plötzlich — bei Besprechung des Protest-Telegrammes der „Union" an den Ministerrat — heraus, daß „Anschauungen wechseln"; „jede Gegenwart will der Verfassung ihren Geist einflößen"; „die liberale Anschauung hat einer mehr nationalen Platz gemacht" . . . Man traut seinen Augen kaum, derartige revolutionäre Thesen im Organe Dr. Seipels zu lesen — und das alles nur, um den Hakenkreuzlern, die man sonst mit Stiel und Stumpf ausrotten möchte, den nationalistischen Rang abzulaufen, nur um das „Staatsbürgerrecht" durch das „V o I k s b ü r g e r r e c h t" zu ersetzen und damit die Entrechtung der Juden in die Wege leiten zu können . . . Freilich, es tut einem im Herzen weh, wahrnehmen zu müssen, daß das christlichsoziale Hauptorgan nicht ganz ohne Begründung darauf hinweisen könne, daß es selbst die „Zionistisch-Nationalen" und die „Poale- Zionisten" sind, die die Juden als eine eigene Nation deklarieren. Werden unsere Nationalisten vielleicht jetzt einsehen, welche Gefahren sie mit ihren „Thesen" heraufbeschworen haben! Allerdings, die „Reichspost", die auch diesmal, wie schon oft, ihre Vorliebe für die Zionisten betont, übersieht ein sehr wichtiges Moment: von den etwa 230.000 Juden, die in Oesterreich leben, sind kaum 10.000 zionistisch organisiert; die jüdischen Nationalisten bilden somit kaum 4 Prozent der gesanitösterreichischen Judenheit! Würde die „Reichspost" auch in anderen Fällen dem Standpunkt einer so geringen Minderheit so viel Gewicht beilegen? Allerdings muß das christlichsoziale Blatt selbst zugeben, daß die Rechts- und Verfassungsgelehrten sich erst den Kopf darüber zerbrechen, wie das „Volksbürgerrecht" dem neuen „Studentenrechte" zugrunde gelegt werden könnte, ohne — wie dies das Protest-Telegramm die „Union" betont — mit dem „Geist und Wortlaut der Verfassung" in Konflikt zu geraten. So- SCHAFWOLLODEN-SKIHOSE B» A E>n Sahlager für Damen und Herren In allen '■II Größen, s 18-80, Lnmberjack, wasserdichter Zeltstoff mit Zippverschluß zusammenS37-30; S2-SO Ski-Walk-Socken, S St— Ski-Walk-Fsustling, S 1f80 Doppal - Moppal, Mode - Sponheim» für Herren and Damen in Oelb, Rot und Khaki Sil l i Sportvatter OA ipplingerstraB« Mr. ätm%0 nur bei w Ski-Anzug «In Schlager, Prima Schafwollloden Imprägniert, für Damen und Herren mit ist die Sache denn doch nicht so einfach — und nun frage man sich, ob es angängig und zulässig ist, eine derart kontroverse Frage übers Knie zu brechen und eine Lösung dieses Problems im Parlament gewissermaßen durchpeitschen zu wollen, nur um den Hakenkreuzlern dazu zu verhelfen, so rasch als möglich die Macht in den österreichischen Hochschulen ergreifen zu können? . . . Eines Tages werden die Christlichsozialen schon zur Erkenntnis gelangen, daß sie die Geister, die sie riefen, nicht so leicht werden wieder loswerden können. Sie werden die bittere Erfahrung machen, daß ihnen die neueste nationale Tünche nichts nützte, daß die Hitlerianer sich mit der Machtergreifung an den Hochschulen nicht begnügen würden, sondern auch nach der Macht im Staate greifen werden, was ein guter Katholik wahrlich nicht wünschen kann. Dann aber wird es zu spät sein und das unglückselige altösterreichische „zu spät" wird sich auch hier bewähren. Darum sollten sich die Herren die Sache denn doch noch ein wenig überlegen und sich davor hüten, die Lösung eines so komplizierten Problems zu forcieren. Ob sie noch rechtzeitig werden bremsen können, muß ihnen überlassen bleiben. Die Juden Oesterreichs, und zwar die erdrückende Mehrheit derselben, wird jedenfalls den Kampf gegen die drohende Entrechtung mit der größten Entschiedenheit führen und in diesem Kampfe nicht erlahmen. Welche Folgen das allzu weitgehende Entgegenkommen für die „Belange" der Hakenkreuzler zeitigt, das zeigten die Ereignisse der letzten Tage ziemlich deulich. An demselben Tage, an dem die „Reichspost" die Grundzüge des neuen „Studentenrechtes" veröffentlichte, ließen es sich die hakenkreuzlerischen „Ordner" an der Universität nicht nehmen, in fünffacher Uebermacht, 100 gegen 19, die jüdischen Hochschüler zu überfallen und b 1 u t i g z u s c h 1 a g e n. So feierten sie ihren Sieg! . . . Das ganze erinnert an die bekannte Anekdote: Gelegentlich der Verhandlungen über die Friedensverträge trat der damalige polnische Ministerpräsident Paderewski Wilson gegenüber entschieden für die Einverleibung Danzigs an den neuen polnischen Staat ein, und als Wilson sich diesem Verlangen heftig widersetzte, spielte Paderewski seine letzte Karte aus und meinte: Wenn Polen die Stadt Danzig nicht bekäme, würde die Wut des ganzen polnischen Volkes entbrennen und sich in einem Blutbad unter den Juden Luft machen! Auf die Gegenfrage Wilsons, was geschehen würde, falls Danzig zu Polen käme, erwiderte Pa- Mitglieder und freunde der „Union" übertragen Lebensnnd Elementar- Vereidiernngen der Sfädtlsdien vercHhernngsanstatt

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